Links zur Kalenderberechnung und antiken Zeitrechnung
Jüdische Monatsanfänge nach Rita Gautschy:
https://gautschy.ch/~rita/archast/mond/jewcal.html bzw. http://www.gautschy.ch/~rita/archast/mond/Jerusalemerste.txt
Beschreibung/Erläuterungen
Lange Zeit suchte man vergeblich nach Tabellen oder einem Rechner, die/der die jüdischen Monatsanfänge für die geographische Lage von Judäa auf Basis der aktuellen wissenschaftlichen Kriterien und Methoden präsentiert bzw. liefert. Diese Lücke ist jedoch mittlerweile von der Schweizer Astronomin und Althistorikerin Rita Gautschy dankenswerterweise geschlossen worden. Gautschy bietet im Internet öffentlich zugängliche Tabellen zum jüdischen Kalender (3000 v.-2000 n. Chr.), welche auf Basis der aktuellsten wissenschaftlichen Berechnungsmethoden basieren, die wiederum „with more than 600 modern observations (between 1859 and 2004) and with about 440 reported sightings or non-sightings from ancient Babylonia (between 568 BC and 73 BC)“ abgeglichen wurden. Gautschys Tabelle gibt jeweils den julianischen Kalendertag jener Abende an, an denen das Neulicht rechnerisch erstmals zu Jerusalem gesehen werden konnte. Nennt Gautschy also im Jahr 63 v. Chr. (sie nutzt freilich die Jahreszählung der Astronomen: -62) z. B. den 21. März, Samstag, als Neulichttag, so begann der erste Monatstag am Abend des 21. März und endete am Abend des 22. März. Konventionell gibt man den 22. März, Sonntag, als ersten Monatstag bzw. in diesem Fall als 1. Nisan an (oder man schreibt: 1. Nisan = 21/22. März, Samstag/Sonntag). Gautschys julianische Datierung der jüdischen Monatsanfänge ist absolut hilfreich! An Gautschys Synchronisation von „Neulicht-Monaten“ und jüdischen Kalendermonaten hingegen – also an ihre Antworten zur Frage: Welche Neulichtsichtung bedingte welchen jüdischen Kalendermonat? – darf man sich für die Zeit des Zweiten Tempels (und natürlich auch für die Zeit davor) nicht gebunden fühlen.
Gautschy bittet auf ihrer Seite zum jüdischen Kalender als Referenz Gautschy, Rita/Thomann, Johannes: Dating Historical Arabic Observations, in: Astronomy in Focus, Bd. 1, 2018, 163-166 anzugeben.
Rechner und Visualisierung zu den jüdischen Monatsanfängen: https://torahcalendar.com/MOON.asp?JDN=1721497&TDAY=1
Beschreibung/Erläuterungen
Ich danke Charles Murphey, der mich auf die Internetseite Torahcalendar.com aufmerksam gemacht hat. Diese Seite listet die Monatsanfänge nicht wie Gautschy hintereinander auf, sondern man muss jeden Monatsanfang einzeln abfragen. Dafür aber bietet die Seite ein Diagramm/eine Grafik, welche die Sichtbarkeitsgrenzen zum Zeitpunkt des Sonnenuntergangs visualisiert und zwar nicht nur für den Abend der ersten möglichen Neulichtsichtung, sondern auch für den Abend davor (Day Before). Durch diese Visualisierung bekommt man generell eine gute Idee vom Neulicht am Westhimmel bei guten Sicht-Bedingungen. Auch bietet die Seite das Mondalter, die Uhrzeiten für die Konjunktion und den jeweiligen Sonnen- und Monduntergang usw. Die „Local Jerusalem Time“ ist dort gleich UT+2h (während die wahre mittlere Jerusalemer Ortszeit UT+2h:21min. beträgt); das gilt auch für die „Best Crescent Sighting Time“. Wie verlässlich die astronomischen Grundlagen von Torahcalendar.com sind, kann ich nicht sagen. Manches Mal liegen Gautschys Monatsanfänge einen Tag früher als auf Torahcalendar.com. In diesen Fällen jedoch erscheint auf Torahcalendar.com der Ort des Mondes am „Day Before“ oft mit einem Fadenkreuz markiert (nicht mit dem sonst dort üblichen Kreis). Zwar erscheint am „Day Before“ unterschiedslos ein „Moon not visible“, aber die Legende sagt, dass, wenn dieses Fadenkreuz erscheint, „the new moon will be barely visible and sighting it will require a perfectly clear sky“. D. h. Gautschy und Torahcalendar.com sind auch hier nicht so weit auseinander, wie es scheint. Zum Ausprobieren und Vergleichen ist „Determining the Hebrew Month“ auf Torahcalendar.com jedenfalls absolut empfehlenswert (wenngleich ich ausdrücklich keine Werbung für den religiös-ideellen Hintergrund der Seite machen möchte).
Jüdischer Kalender rekonstruiert von Charles F. Murphey für die Jahre 50 v.-75 n. Chr.: https://www.academia.edu/126825084/The_Refined_Reconstructed_Jewish_Calendar_of_the_Late_Second_Temple_Period_Astronomical_Advancements_Enable_Accuracy_to_the_Day
Beschreibung/Erläuterungen
2023 veröffentlichte Murphey seine Kalender-Rekonstruktion im Internet unter dem Titel „The Reconstructed Jewish Calendar of the Late Second Temple Period: The Alternative to the Babylonian Calendar for Determining Julian Date Equivalents“. Im Januar 2025 folgte „The Refined Reconstructed Jewish Calendar of the Late Second Temple Period. Astronomical Advancements Enable Accuracy to the Day“. Der größte Unterschied zwischen Murpheys und meiner Kalender-Rekonstruktion in meinem Band I/1 ist, dass Murphey keinerlei Beeinflussung des Kalenders durch den Sabbatjahrzyklus in Erwägung zieht, sondern gegenteilig einen (freilich vom babylonischen abweichenden) festen 19jährigen Schaltzyklus voraussetzt, der sich durchweg an den Äquinoktien orientierte. Murphey nimmt einen 19jährigen Schaltzyklus an, in welchem die Jahre 3, 5, 8, 11, 13, 16 u. 19 Schaltjahre waren und der sich jeweils in den Jahren 36 v. Chr., 17. v. Chr., 3 n. Chr., 22 n. Chr. usw. erneuerte, während den Babyloniern die Jahre 3, 6, 8, 11, 14, 17 u. 19 als Schaltjahre galten. Ich halte diese Voraussetzung für falsch; dennoch kann Murpheys Rekonstruktion gut vergleichend herangezogen werden.
Wir beide nutzen Gautschys Daten, sodass wir exakt die gleichen julianischen Kalenderdaten als jüdische Monatserste angeben. Der Hauptunterschied zwischen seiner Kalender-Rekonstruktion und meiner ist der, dass Murphey (aufgrund seiner Annahme, dass schon zur Zeit des Zweiten Tempels ein metonischer Schaltzyklus bei den Juden angewandt worden ist) jeder Lunation einen einzigen jüdischen Kalendermonat fest zuordnet, während meine Rekonstruktion des öfteren Alternativen nebeneinander stehen lassen muss – als Beispiel: Im Jahr 4 n. Chr. z. B. habe ich für den 1. Nisan stehen: „11. oder 12. März oder 10. April“, während Murphey stehen hat: „11. oder 12. März“.
Nähere Erläuterungen dazu
1.) Murphey gewinnt seine Interkalationsregeln aus dem Talmud und aus Iosephus
Seine Hauptquellen für die Interkalationsregeln sind Babylon. Talmud, Rosch haschana 21a und vor allem Sanhedrin 13b. Er schreibt auf S. 8 in deinem „Reconstructed Calendar“ dazu: „According to the Talmudic accounts above, there is the stated requirement that the vernal equinox must fall before Nisan 16, which is then more specifically defined to be no later than Nisan 14. Since the equinox fell on either March 22 or 23 in the first centuries BC and AD, we now have the rule that the Jewish Calendar must have March 23 be equivalent to no later than Nisan 14. Stated another way, if the lunation chosen for the month of Nisan were to make Nisan 14 fall prior to March 23, then an intercalary Adar II month must be declared so as to delay the month of Nisan to the next lunation“. Ich verstehe es genauso wie Murphey: In Babylonischer Talmud, Sanhedrin 13b nimmt Rabbi Aha ben Jakob Bezug auf seine Vorredner und sagt sinngemäß: Das Jahr sei dann zu interkalieren, wenn der 14. Nisan sonst noch vor die Frühlingstagundnachtgleiche fallen würde. Wenn man den 23. März als Tag des Äquinoktiums in der Spätphase des Tempels voraussetzt, so ist gemäß Aha ben Jakob also der 10. März die vordere Grenze für den 1. Nisan (Alles bis zum 9. März kann nicht der 1. Nisan sein). Berücksichtigt man, dass der Mondmonat 29-30 Tage zählt, so ist die hintere Grenze für den 1. Nisan nach dieser Regel der 8. April (Alles ab dem 9. April kann nicht mehr der 1. Nisan sein). Denn nur mit dieser vorderen Grenze (10. März) und dieser hinteren Grenze (8. April) ist sichergestellt, dass der 14. Nisan nicht vor den 23. März fällt! Exakt diese Grenzen bestätigt auch Iosephus, wenn er in ant. 3, 10, 5 (248) sagt, das Passa werde gefeiert, wenn die Sonne im Widder steht (vgl. in meinem Buch S. 56f. Anm. 215). Also: Grenzen für den 1. Nisan aus Talmud und Iosephus: 10. März-8. April!
Auf S. 8 schreibt er weiter: „Broken down to it simplest implementation the month of Nisan would then appear to always be fixed to the lunation with its horned moon onset closest in time to the equinox“. Er liefert danach ein Zitat von Fausset: „They began it with the new moon nearest to the equinox“. Diese vermeintliche Vereinfachung der Regel führt zu etwas anderen Grenzen für den 1. Nisan und für das Passa als es die eigentliche Regel selbst tut. Gemäß dieser Vereinfachung ist – den 23. März als Tagundnachtgleiche wieder vorausgesetzt – die vordere Grenze für den 1. Nisan nämlich der 9. März, die hintere Grenze ist der 6. April. Nur mit diesen Grenzen stellt man sicher, dass jene Neulicht-Sichtung, die am nächsten am 23. März liegt, immer den 1. Nisan ausmacht. Also: Grenzen für den 1. Nisan gemäß Faussets Regel-Vereinfachung: 9. März-6. April!
Murphey selbst hält sich nicht sklavisch an die Grenzen, wie sie Iosephus und Talmud vorgeben (allerdings aus einem wohlüberlegten Grund). Denn in seinem Kalender finden sich Fälle, in denen der 14. Nisan nach der von ihm zitierten Regel durchaus auf den 23./24. März (von Abend zu Abend) hätte fallen dürfen, in denen er ihn aber erst einen Mondmonat später angesetzt hat: z. B. im Jahr 43 v. Chr. oder 53 n. Chr. In seinem Kalender kann der 14. Nisan frühestens am Abend des 24. März anfangen bzw. kann bei ihm der 14. Nisan frühestens der 24./25. März sein. Auf den 23./24. März kann er bei Murphey scheinbar noch nicht fallen. Man kann zu seinem Kalender die Nisan-Regel aufstellen: Jeder jüdische Monat, der in dem Zeitraum vom Abend des 11. März bis zum Abend des 8. April anfängt, ist der Monat Nisan. Falls aber in diesen Zeitraum kein Monatsanfang fällt, beginnt der Nisan am Abend des 9. April. Siehe dazu die Jahre 43 v. Chr. und 4 n. Chr. (vgl. auch die Jahre 42, 53, 61 und 72 n. Chr.). (Der Nisan fängt bei ihm nur in dem Fall am Abend des 9. April an, wenn der Vormonat gemäß Gautschy gesichert am Abend des 10. März begann und nicht evtl. auch am Abend des 11. März). Den 12. März hast er auch auf S. 17 in seinem „Reconstructed Calendar“ selbst als vordere Nisan-Grenze bezeichnet. Also: Murpheys Grenzen für den 1. Nisan: 12. März-10. April!
Murphey ist gewissermaßen gezwungen, die vom Talmud und Iosephus vorgegebenen Nisan-Grenzen ein wenig nach hinten zu verschieben. Denn würde er es nicht tun, könnte er den Grundsatz nicht einhalten, dass das Sukkotfest (oder zumindest der letzte Tag davon) nach die Herbsttagundnachtgleiche fallen soll. Hätte er z. B. im Jahr 43 v. Chr. den Nisan eine Lunation früher gelegt, so wäre der 21. Tischri auf den 24. September gefallen, was zu früh für Mürphey ist. S. 40f. im „Reconstructed Calendar“ heßt es: „For those few years in which those two months strain at the edges of the Talmudic requirements, we may call upon the Babylonian Talmud, Sanhedrin 11b:5, to overlook the requirement that the autumnal equinox cannot fall after the week of Sukkot […]“. Zur Sukkot-Herbstäquinoktium-Thematik schließt er auf: „The passage above also clearly states that the decision to intercalate the year with an Adar-II to delay the onset of Nisan is influenced not just on placing Passover in the spring season, but that it is also dependent upon placing the Festival of Sukkot in the season of autumn later that same year“ (S. 10 in seinem“Reconstructed Calendar“).
Wie man S. 15f. im „Reconstructed Calendar“ sicher entnehmen kann, befolgt Murphey die Regel, dass der 21. Tischri nach der Herbsttagundnachtgleiche liegen muss, also nach dem 24./25. September. In seinem Kalender fällt auch tatsächlich der 21. Tischri niemals vor den 25. September. Diese Grenze ist aus einem Vergleich der Jahre 4, 15, 42 u. 61 n. Chr. deutlich abzulesen. Auf den 25. September selbst kann der 21. Tischri in seinem Kalender allerdings nur dann fallen, wenn der vorangehende 1. Nisan in solchem Fall nicht vor den 12. März fällt (siehe 43 v. Chr. und 61 n. Chr.).
Dass Murphey die Nisan-Regeln des Talmuds also flexibel handhaben muss, mag „demonstrates the limited flexibility which exists under the objective calendrical ‚rules‘ passed to us by the ancient Jewish Calendar experts speaking through the Talmud“ (S. 19 in „Reconstructed Calendar“).
Wenn Murphey nun all die Kalenderjahre von 50 v. Chr. bis 75 n. Chr. nach diesen aus Talmud und Astronomie abgeleiteten Vorgaben einzeln rekonstruiert, erhält er automatisch seinen metonischen Schaltzyklus, was natürlich der Natur der Sache entspricht, aber dennoch eine schöne Ordnung herstellt und eine wertvolle Probe seiner Rechnungen darstellt.
Die Babylonier orientierten sich zwar auch an der Astronomie, aber ihre Regel besagte – vereinfacht gesagt –, dass stets der 1. Nisan, nicht der 14. Nisan, nach das Frühlingsäquinoktium zu fallen habe, so dass es sich ergibt, dass einige deiner Jahre früher anfangen als im Babylonischen Kalender.
Ich will meine Meinung zu alledem sagen:
Der Talmud bzw. die Rabbis darinnen sagen Unterschiedliches zur Festlegung des Frühlingsmonats bzw. zu den Interkalationsregeln. Murphey hat sich die Aussage von Aha ben Jakob herausgegriffen, dass der 14. Nisan nicht vors Äquinoktium fallen dürfe. Die anderweitige Meinung im Talmud, dass es der 16. Nisan sei, der nicht vors Äquinoktium fallen dürfe, passen nicht zu seinem Anspruch, mindestens einen Tag des Laubhüttenfestes hinter das Herbstäquinoktium zu bekommen. Seine Auswahl ist also keine willkürliche. Trotzdem: Seine Hauptquelle, Rabbi Aha ben Jakob, der die Erklärung in Babylon. Talmud, Sanhedrin 13b liefert, wirkte ungefähr um 300 n. Chr. Auch der in Rosch haschana 21a zitierte Rav Huna bar Avin wirkte gegen Ende des 3. Jahrhunderts n. Chr. Mir persönlich würde es schwer fallen, diese Quellen zu meiner Argumentationsgrundlage für die Zustände im Zeitalter des Zweiten Tempels zu machen. Denn es ist alles andere als gewiss, ob sie überhaupt Zustände dieser frühen Zeit beschreiben.
Die Talmud-Stellen, auf die sich Murphey beruft, halte ich persönlich also für wenig überzeugend, aber er kann sich ja immerhin auch auf Iosephus berufen. Und dieser rechtfertigt es (zusammengenommen mit Philo) tatsächlich, solch eine Orientierung an der Frühlingstagundnachtgleiche bereits im Zeitalter des Zweiten Tempels vorauszusetzen.
Die von Murphey modifizierten Interkalationsregeln an sich (1. Nisan zwischen 12. März und 10. April) halte ich durchaus für brauchbar. Diese Grenzen für den 1. Nisan passen für die Spätphase des Zweiten Tempels viel besser als die Grenzen des Aha ben Jakob und des Iosephus. Denn nach deren Grenzen wäre es z. B. nicht möglich gewesen, dass der Nisan im Jahr 43 v. Chr. erst mit dem 10. April begann. Er tat es aber wahrscheinlich (siehe in meinem Band I/1, S. 76-80). Murpheys Nisan-Grenzen lassen dies zu. Ich habe die seiner Kalender-Rekonstruktion zugrundeliegenden Nisan-Grenzen schätzen gelernt.
2.) Vergleich unserer beiden Kalender
Vorweg: Keiner unserer Monatsanfänge unterscheidet sich im Tag. Wir haben beide Gautschy zugrunde gelegt. Wenn ich im folgenden also von Abweichungen spreche, dann meine ich immer Abweichungen um einen ganzen Monat.
Ich habe in den Jahren 50 v. Chr. bis 72 n. Chr. alle Nisan-Daten Murpheys mit meinen Nisan-Hauptoptionen verglichen (Mit Hauptoptionen meine ich die Optionen, die ich mittels größerer Schrift für am wahrscheinlichsten gekennzeichnet habe). Ich finde in 14 Jahren dieser insgesamt 122 Jahre Abweichungen. In 12 Fällen davon liegt mein 1. Nisan einen Monat später als Murpheys 1. Nisan. Nur in einem Fall liegt mein 1. Nisan ein Monat früher. Diese eine Abweichung befindet sich in einem 1. Jahr der Jahrwoche und ist dadurch bedingt, dass ich bestrebt bin den Nisan im Nachsabbatjahr stets so früh wie möglich fallen zu lassen (11. März im Jahr 15 n. Chr.). Von den 12 Fällen der Abweichung um ein Jahr später liegen 9 Fälle im 6. Jahr der Jahrwoche und 4 Fälle im Sabbatjahr. Von jenen insgesamt 13 Abweichungen, die im 6. und 7. Jahr der Jahrwoche auftreten, sind 2 Fälle zu relativieren: In den Jahren 23 und 24 v. Chr. habe ich Murpheys Nisan-Optionen als mögliche Nebenoptionen in der Tabelle stehen, also als Optionen, die bei gleichzeitigem Festhalten an der Orientierung am Sabbatjahrzyklus dennoch möglich sind.
Übrig bleiben die restlichen 11 Abweichungen im 6. und 7. Jahr der Jahrwoche zuzüglich der einen eingangs genannten Abweichung im 1. Jahr der Jahrwoche. Zwar habe ich in diesen 12 Fällen in meiner Tabelle Murpheys Nisan-Optionen in Klammern durchaus erwähnt, aber diese Klammern bedeuten eben, dass diese Optionen eigentlich nur dann möglich wären, wenn man entweder eine Auswirkung des Sabbatjahrzyklus‘ auf den Lauf des Kalenders ganz ablehnt oder aber, wenigstens teilweise möglich, wenn man Zuckermanns Sabbatjahrzyklus voraussetzt (siehe mein Band I/1, S. 218).
Das bedeutet im Resultat: In 12 Fällen ergibt sich eine echte und absolute einmonatige Abweichung zwischen unseren Nisan-Daten. Das sind Abweichungen in 10% der Fälle – was ich nicht wenig finde. Alle diese echten Abweichungen sind ausschließlich durch meine Orientierung und Murpheys Nicht-Orientierung am Sabbatjahrzyklus bedingt! Sie sind nicht durch unterschiedliche Abib-Datierungen oder Abib-Vorstellungen bedingt! Das ist für mich ein echter Erkenntnisgewinn aus dem Vergleich der beiden Kalender-Rekonstruktionen.
Dass ich in 11 der 12 Fälle den Nisan einen Monat später ansetze als Murphey, hat übrigens damit zu tun, dass ich im Vorsabbatjahr ziemlich regelmäßig einen Schaltmonat voraussetze, damit das Omer im Nachsabbatjahr – bei Nicht-Einschaltung im Sabbatjahr und im Nachsabbatjahr – so früh wie möglich nach die Frühlingstagundnachtgleiche fällt. Denn ich setze ja für diese drei Jahre bei den Juden eine Rechnung mit der Frühlingstagundnachtgleiche voraus; siehe dazu mein Band I/1, S. 65ff. Dadurch fällt bei mir der Nisan manchmal im Vorsabbatjahr, ab und zu auch noch im Sabbatjahr, einen Monat später als bei Murphey.
Ein Gedankenexperiment: J. B. Segal: Intercalation and the Hebrew Calendar, in: Vetus Testamentum, Bd. 7, Nr. 3, 1957, S. 250–307 würde ja letztlich einen Kompromiss zwischen unseren beiden Kalendern anstreben. Er sagt: „Since the avoidance of intercalation in a Sabbatical year was intended to save the people from prolonged hardship from the shortage of food, we may reasonably assume that the practice was maintained as long as the Sabbatical year itself was fully observed“ (Segal: Intercalation, 302). Segal setzt wie Murphey einen festen, regulären Schaltzyklus voraus, ist aber gleichzeitig der Meinung, Sabbatjahre und Hungerjahre hätten eine Abänderung des regulären Schaltzyklus‘ bzw. eine Verschiebung einiger Schaltmonate erfordert. Segal: Intercalation, 303 sagt: „The rules of intercalation, then, were waived in the Sabbatical year and in time of famine. This does not mean that there was no method of regular intercalation by means of computation, as scholars have deduced. The usual sequence of embolismic years might be amended if the needs of the people demanded this. But with the adjustments that necessarily followed any amendment, the calendar nevertheless remained within the broad framework of the system of regular intercalation“. Dass Segal das Gleiche für das Nachsabbatjahr annimmt, ist wenigstens wahrscheinlich, wenn er sagt: „Little of the old produce remained in that year [in the post-Sabbatical year] after the restrictions of the Sabbatical year, and intercalation would delay further the use of the new produce, permissible only after the ‚Omer ceremony“ (ebd., S. 301, Anm. 1).
Wenn nun Segal – als Gedankenexperiment bei dem ich einfach einmal meine absolute Datierung der Sabbatjahre voraussetze – Murpheys Kalender als Grundlage genommen hätte und nur alle Interkalationen aus den Sabbatjahren und Nachsabbatjahren herausgehalten hätte, dann hätte er in den Jahren 50 v. Chr. bis 72 n. Chr. insgesamt 12 Schaltmonate verschieben müssen:
6 x Verschiebung vom Sabbatjahr ins vorausgehende 6. Jahr der Jahrwoche: 44/43 v. Chr.; 30/29 v. Chr.; 16/15 v. Chr.; 6/7 n. Chr.; 20/21 n. Chr.; 55/56 n. Chr.
4 x Verschiebung vom 1. Jahr der Jahrwoche ins vorausgehende 6. Jahr: 21>23 v. Chr.; 7>9 v. Chr.; 29>27 n. Chr.; 43>41 n. Chr.
2 x anderweitige Verschiebung aus dem 1. Jahr der Jahrwoche heraus (am ehesten ins 2. Jahr): 15/16 n. Chr.; 64/65 n. Chr.
Segal würde mit solch einem Vorgehen letztlich bei meiner Kalenderrekonstruktion landen. Dieses Gedankenexperiment ist gewissermaßen die Gegenprobe zu der oben bereits gemachten Feststellung, dass die Differenzen zwischen Murpheys und meiner Kalender-Rekonstruktion ganz vornehmlich auf unterschiedlicher Beurteilung der Auswirkungen des Sabbatjahrzyklus‘ auf die Interkalation beruht. Auch wenn ich persönlich in Murpheys Zyklus jene wenigen Verschiebungen vornehmen wollen würde, um der „Sabbatjahrzyklus-Schaltregel“ gerecht zu werden, so kann ich doch sagen, dass ich Murpheys Nisan-Grenzen und seinen Schaltzyklus an sich für gelungen und absolut brauchbar halte!
3.) Eindeutige Kalender-Rekonstruktion versus Kalender-Rekonstruktion, die Alternativen für die jüdischen Monatsanfänge zulässt
Ich nenne in nicht wenigen Jahren in meiner Kalendertabelle alternative Monatsanfänge, so dass dieselbe in vielen Fällen nicht eindeutig sind. Ich habe mir noch nicht einmal feste Nisan-Grenzen gesetzt. Ich leugne nicht, dass Murpheys Rekonstruktion die erhabenere Erscheinung ist und obendrein wegen ihrer Ordnung und Eindeutigkeit für den Benutzer viel einladender und komfortabler ist als meine, in der es von Alternativen nur so wimmelt. Ich will mich in dieser Hinsicht erklären.
Den Gebrauch eines rekonstruierten altjüdischen Kalenders, der keine Monat-Alternativen zulässt, halte ich für Historiker für fatal. Letztlich ist jede Kalender-Rekonstruktionen ein modernes Konstrukt, von dem wir nicht mit Sicherheit wissen, ob es wirklich jedes historische jüdische Kalenderjahr vor zwei Jahrtausenden verlässlich abbilden kann. Die Unwägbarkeiten sind zu groß. Ein Historiker, der versucht, ein Ereignis aus den Quellen zu datieren, sollte alternative jüdische Monatsanfänge in seine Prüfung miteinbeziehen können. Es ist besser, am Ende steht ein offenes Ergebnis als ein eindeutiges Ergebnis, das historisch womöglich falsch ist. Deswegen bin ich ein Befürworter von Nennungen solcher Alternativen in der Kalender-Rekonstruktion. Lieber mehrere Optionen, von denen eine historisch zutreffend ist, als nur eine Option, die immer die Gefahr in sich birgt, historisch nicht zutreffend zu sein. Ich will bei diesem Kritikpunkt aber mal etwas ins Detail gehen, damit er keine hohle Phrase bleibt.
Murphey vertritt die Meinung, dass sein alleine an den astronomischen Jahrpunkten des tropischen Sonnenjahrs orientierter Schaltzyklus den landwirtschaftlichen Bedürfnissen der Juden im Heiligen Land stets optimal entgegenkam. Das hätten die Juden aufgrund von über Jahrhunderte hinweg gemachten Beobachtungen und Aufzeichnungen wahrgenommen. Diese These erfordert es, dass man die landwirtschaftlichen Bedürfnisse für jedes beliebige Jahr als identisch betrachten muss und somit den Fortschritt des Naturjahrs gewissermaßen als eine feste, unveränderliche Größe annehmen musst Bei Segal tritt dieses Phänomen ebenso stark hervor: Die Orientierung am Sonnenjahr ermöglicht stets ein kalendarisch optimales Verhältnis zum Naturjahr.
Setzen wir also mal voraus, die landwirtschaftlichen Bedürfnisse seien in jedem beliebigen Jahr ungefähr die gleichen gewesen. Dann kann man doch nicht ernsthaft behaupten, dass im Jahr 4 n. Chr. der 1. Nisan am 11. oder 12. März in Bezug auf den Stand der Gerste für die Juden bestmöglich gewesen sein soll, im Jahr 43 v. Chr. aber ein 1. Nisan am 11. März zu früh gewesen sein soll und stattdessen der 10. April den bestmöglichen Nisan-Anfang ausgemacht haben soll. Wenn die Gerste am 26. März des einen Jahres für das Omer geeignet war, warum dann nicht auch am 26. März des anderen Jahres? Wäre es nicht ehrlicher zu sagen: Die Juden mussten es bei strenger Anwendung des Schaltzyklus‘ hin und wieder über sich ergehen lassen, dass der Kalender ihren landwirtschaftlichen Bedürfnissen zuwiderlief, anstatt zu behaupten: Der Schaltzyklus erfüllte stets die Naturjahr-Erfordernisse.
Die Lage verschärft sich erheblich, wenn man das Naturjahr nicht als Konstante einstuft, sondern als das, was es war: eine alljährliche Variable.
Anderes Beispiel: Im Jahr 61 n. Chr. fiel der 1. Nisan in Murpheys Kalender auf den 12. März. Im Jahr 72 n. Chr. fiel er auf den 9. April. Was, wenn das Frühjahr 61 n. Chr. besonders trocken oder kalt gewesen ist, das Frühjahr 72 n. Chr. hingegen aber ein regenreiches und warmes war? Die Möglichkeit besteht ja. Dann wäre doch die Gerste im Jahr 72 n. Chr. etwas früher reif geworden als im Jahr 61 n. Chr. Der auf dem Schaltzyklus basierende Kalender hätte diese Tatsachen aber auf den Kopf gestellt.
Es kann selbstverständlich auch sein, dass die Wetterbedingungen in diesen beiden Jahren andersherum waren, dass das Klima im Jahr 61 fürs Wachstum förderlich war und das im Jahr 72 ungünstig und dass Murpheys Daten somit wunderschön passen. Das wäre dann aber genauso Zufall gewesen, wie das gegenteilige Szenario – und vor allem: Kein Schaltzyklus dieser Welt – auch wenn er sich auf massenhaft jahrtausendealte Beobachtungen und Aufzeichnungen stützen könnte – kann die alljährlichen klimatischen Bedingungen vorhersagen oder einbeziehen.
In jenen Jahren, in denen der 1. Nisan an die Ränder von Murpheys Nisan-Grenzen rückt, reichen Nuancen einer Abweichung vom klimatischen-Mittel, um zu einer ungeeigneten Lage des 16. Nisan zu führen. In meinem Kalender ist das Problem natürlich kein anderes, weshalb ich oft zwei Optionen für die jüdischen Monate gelten lassen muss.
Ich habe zugegebenermaßen einige der „Extrem-Jahre“ in Murpheys Kalender herausgegriffen habe; aber ich möchte damit verdeutlichen: Ein im Voraus berechneter Kalender kann nach meinem Dafürhalten gar nicht in jedem Fall den Bedürfnissen der Juden entsprochen haben – und zwar deshalb nicht, weil das Naturjahr gegenüber dem Sonnenjahr leicht variabel ist. Warum sollten sich die Juden mit einem metonischen Schaltzyklus selbst eingeschränkt haben? Warum sollten sie die Möglichkeiten, ihr Kalenderjahr mit dem Naturjahr bestmöglich zu synchronisieren, nicht ausgeschöpft haben, indem sie ihre Interkalations-Entscheidungen kurzfristig trafen?
Es wurde aber noch ein zweiter wesentlicher Punkt deutlich. Jeder feste Schaltzyklus basiert auf festen Nisan-Grenzen (Murpheys zusätzlich auf festen Tischri-Grenzen). Murphey hat als Nisan-Grenzen den 12. März und den 10. April. Es widerspricht ganz einfach jeder menschlichen Erfahrung anzunehmen, dass der 12. März gemessen am Wachstumsfortschritt der Gerste immer und pauschal ein geeigneter Zeitpunkt für den 1. Nisan gewesen ist, der 11. März aber nie ein geeigneter Zeitpunkt gewesen ist. Genauso kann man nicht glauben, dass der 9./10. April immer ein geeigneter Zeitpunkt gewesen sein soll, der 11. April aber nie. Murpheys fester Schaltzyklus verlangt aber genau das.
4.) Mein Fazit:
Anfangs hielt ich Murpheys Kalender für das Produkt eines Gelehrten, der unbedingt auf einen schematischen lunisolaren Schaltzyklus hinauswollte, um die Angelegenheit des jüdischen Kalenders zur Zeit Jesu endlich für sich unter Kontrolle zu bekommen. Mittlerweile aber betrachte ich Murpheys Anstrengungen und sein am Ende stehendes Ergebnis als durchdacht und denke, dass den meisten jüdischen Belangen in seiner Kalender-Rekonstruktion Rechnung getragen wird.
Die Beschäftigung mit Murphey macht mir noch einmal mehr deutlich, dass meine am Sabbatjahrzyklus orientierte Kalender-Rekonstruktion, wie sie in meinem Band I/1 vorgestellt wird, lediglich ein Vorschlag ist, der sich letztlich nicht historisch verifizieren lässt, und dass es alternative Herangehensweisen gibt. In meiner Kalender-Tabelle ist bisher der babylonische Kalender (nach Parker/Dubberstein mit Verbesserungen gemäß Gautschy) durchgängig zwecks Vergleich meinem jüdischen Kalender gegenübergestellt. Das macht auch Sinn, aber es hätte vielleicht noch mehr Sinn gemacht, Murpheys Kalender, der – unter der Zyklus-Prämisse – bestens auf die Belange der Juden zugeschnitten ist, zum Vergleich durchgängig anzuführen.
Wer für die Spätphase des Zweiten Tempels einen eindeutigen Kalender (also ohne Monats-Alternativen) und einen Kalender ohne Berücksichtigung des Sabbatjahrzyklus‘ sucht, der findet bei Murphey sicherlich einen der besten!
Ich schiebe aber auch zweierlei hinterher:
Ich persönlich kann mich von der Vorstellung, dass der Sabbatjahrzyklus eine Auswirkung auf die Interkalationen gehabt haben muss, nicht verabschieden. Ich habe diese Ansicht in meinem Band I/1 auf S. 65-73 begründet. Ich halte solch eine Auswirkung des Sabbatjahrzyklus‘ auf den Kalender für wahrscheinlich, weiß aber zugleich, dass es historisch auch anders gewesen sein kann. Es ist, wie gesagt, lediglich mein Vorschlag zur Kalender-Rekonstruktion und möglicherweise nur ein unzutreffendes Konstrukt.
Auf die Nennung von alternativen jüdischen Monaten für ein und dieselbe Lunation kann ich persönlich aus oben dargelegten Gründen noch weniger verzichten.
Babylonischer Kalender nach Rita Gautschy:
http://www.gautschy.ch/~rita/archast/mond/mond.html bzw. http://www.gautschy.ch/~rita/archast/mond/Babylonerste.txt
Beschreibung/Erläuterungen
Vorweg: Gautschy bittet ebd., auch folgende Publikation als Quelle anzugeben: Gautschy, Rita: Monddaten aus dem Archiv von Illahun. Chronologie des Mittleren Reiches, in: Zeitschrift für Ägyptische Sprache und Altertumskunde 178, Vol. 1, 2011, 1-19.
Gautschy liefert das Datum der ersten Sichtbarkeit im julianischen Kalender mit der Uhrzeit in GMT, zu welcher die erste Mondsichel am besten beobachtet werden konnte. Am Abend des von Gautschy angegebenen Datums also wurde bei den Babyloniern der neue Monat eingeläutet. Der nächste julianische Tag würde also konventionell mit dem ersten babylonischen Monatstag gleichgesetzt werden. Die von Parker und Dubberstein angegebenen Monatsanfänge stimmen damit ganz überwiegend, aber nicht immer überein.
Bei einem Vergleich erhalte ich innerhalb der Jahre 63 v. bis 72 n. Chr. insgesamt 141 Abweichungen bei den Monatsanfängen von Gautschy zu Parker/Dubberstein. In 125 Fällen liegt der Monatserste bei Gautschy einen Tag früher als bei Parker/Dubberstein. Allerdings ist Gautschys Monatserster in den allermeisten dieser Fälle nur als mögliche Alternative zu Parkers Monatserstem zu begreifen. Falls nämlich die Sichtbedingungen am Abend optimal waren, konnte man das Neulicht bereits an dem von Gautschy angegebenen Datum erblicken. Waren die Bedingungen aber nicht optimal (was oft genug der Fall gewesen sein wird), so traf der babylonische Monatserste auf den von Parker angegebenen Tag des Julianischen Kalenders. Des weiteren liegt der Monatserste bei Gautschy in 16 Fällen (von den 141 Abweichungs-Fällen) einen Tag später als bei Parker (nämlich in folgenden 16 Fällen: Febr. 61 v., Okt. 59 v., Juli 32 v., Okt. 31 v., Aug. 23 v., Juli 14 v., Nov. 8 v., Juli 2 n., Juni 3 n., Aug. 3 n., April 11 n., Aug/Sept. 37 n., Jan. 43 n., Aug. 58 n., März 62 n., Dez. 71 n. Chr.). In diesen 16 Fällen sollte man wohl Gautschy folgen; denn Fatoohi/Stephenson/Al-Dargazelli: First Visibility, 64-67 haben gezeigt, dass die Sichtbarkeitskriterien von K. Schoch und P. V. Neugebauer (wie sie Parker/Dubberstein ihrem Kalender zugrunde gelegt haben) zwar durchaus brauchbar sind, da sich von den 209 untersuchten babylonischen Neulichtsichtungen aus den Quellen 96,2% diesen Kriterien fügen (d. h. die Sichtbarkeit des Neulichts an jenen Abenden der historischen babylonischen Sichtungen wird auch von Schoch und Neugebauer vorausgesetzt), dass andererseits diese Kriterien auch ihre Grenze haben: Sie setzen die erste Sichtbarkeit des Neulichts für Zeitpunkte rechnerisch voraus, an denen das Neulicht mit menschlichem Auge offenbar noch nicht gesehen werden konnte, wie ein Abgleich mit Listen neuzeitlicher Beobachtungen des Abendhimmels belegt. Das heißt im Klartext, die babylonischen Monate mögen damals manches Mal einen Tag später begonnen haben, als Schoch und Neugebauer (und demnach auch Parker) annehmen. Ich spreche hier die Vermutung aus, dass diese wenigen Fälle, in denen Parkers bzw. Schochs Rechenergebnisse gegenüber der empirischen Wirklichkeit einen Tag zu früh sind, Fälle sind, in denen Gautschy zu einem Tag später als Parker gelangen würde. Falls dem so ist, stimmen Gautschys Berechnungen besser mit der empirischen Wirklichkeit überein. Ich gehe deshalb davon aus, dass Gautschys babylonischer Kalender demjenigen von Parker/Dubberstein vorzuziehen ist, solange man sich als Nutzer bewusst ist, dass Gautschy in ihren Tabellen immer dann einen q-Wert angibt, wenn der babylonische Monataserste auch einen Tag später als angegeben liegen könnte, falls die Sichtbedingungen für das Neulicht nicht optimal waren.
Darüber hinaus bietet Gautschy die Zeiten der ersten Sichtbarkeit (auf Wunsch übrigens auch der letzten Sichtbarkeit) für ägyptische Orte wie Alexandria, Heliopolis und Elephantine. Denn für das im Westen liegende Ägypten gilt umso mehr als für die Levante: „In some cases, as we shall see, the new moon would have been visible in Elephantine [sowie im sonstigen Ägypten] one day earlier than in Babylon, further to the East“ (Stern: Babylonian Calendar, 161). Angesichts der Elephantine-Papyri und des in ihnen verwendeten Kalenders (siehe Band I/2, Kap. III. 3. 2.) sind Gautschys Neulichts-Daten für die Nilinsel äußerst wertvoll.
Babylonischer Kalender nach Parker & Dubberstein: https://webspace.science.uu.nl/~gent0113/babylon/downloads/babylonian_chronology_pd_1971.pdf
Beschreibung/Erläuterungen
1956 veröffentlichten Richard A. Parker und Waldo H. Dubberstein ihren wertvollen aus den Quellen rekonstruierten babylonischen Kalender für die Jahre 626 v.-75 n. Chr., in welchem alle Monatsanfänge gemäß der Neulichtberechnung Karl Schochs gefunden wurden (Sie sind damit ziemlich verlässlich, aber nicht mehr ganz aktuell). Historiker und Exegeten übernahmen die jüdischen Mondmonatsanfänge oft aus diesem von Parker und Dubberstein rekonstruierten babylonischen Kalender, so dass diese Kalender-Rekonstruktion besonders fürs Nachvollziehen der Daten in der Literatur immer noch von Nutzen ist.
Babylonischer Kalender mit Korrekturen von Christopher Bennett für die Jahre 331-30 v. Chr.: https://www.instonebrewer.com/TyndaleSites/Egypt/ptolemies/chron/babylonian/chron_bab_cal_fr.htm
Beschreibung/Erläuterungen
… folgt …
Daten der wahren Neumonde (u. Vollmonde) im „Six Millennium Catalog of Phases of the Moon“ von Fred Espenak: https://web.archive.org/web/20080321060339/http://eclipse.gsfc.nasa.gov/phase/phasecat.html
Rechner für die vier Jahrpunkte (Äquinoktien u. Solstitien): https://ssp.imcce.fr/forms/seasons
Sonnenfinsternisse: „Five Millennium Catalog of Solar Eclipses“ von Fred Espenak/Jean Meeus
(NASA): https://eclipse.gsfc.nasa.gov/SEcat5/catalog.html
Sonnenfinsternisse: Tool zur Sonnenfinsternis-Berechnung für verschiedene geographische Orte (auch Jerusalem) von Fred Espenak u. Chris O’Byrne: https://eclipse.gsfc.nasa.gov/JSEX/JSEX-AS.html
Sonnenfinsternisse: „Kanon der Sonnenfinsternisse von 2501 v. Chr. bis 1000 n. Chr.“ von Rita Gautschy: https://www.gautschy.ch/~rita/archast/solec/finsternis.html
Mondfinsternisse: Mondfinsternis-Kanon von Fred Espenak: https://eclipse.gsfc.nasa.gov/LEcat5/LEcatalog.html
Wochentagsrechner: http://www.nabkal.de/kalrechyud.html
Römischer Kalender der späten Republik u. frühen Kaiserzeit für die Jahre 263 v.-60 n. Chr. nach Christopher Bennett: https://www.instonebrewer.com/TyndaleSites/Egypt/ptolemies/chron/roman/roman_civil.htm
Ägyptischer Kalender unter Ptolemäern und Augustus für die Jahre 331 v.-13 n. Chr. von Christopher Bennett: https://www.instonebrewer.com/TyndaleSites/Egypt/ptolemies/chron/egyptian/egyptian.htm
Regierungsjahre/Herrscherchronologie der Ptolemäer von Christopher Bennett: https://www.instonebrewer.com/TyndaleSites/Egypt/ptolemies/genealogy.htm
Links zu ausgewählten historischen Schriftquellen (zum Nachschlagen)
