Diese historisch-chronologische Untersuchung erarbeitet zum einen die Forschungsgeschichte sowie den Forschungsstand zur Datierung des Todes des Herodes, zum anderen ordnet sie den Tod und die letzte Lebenszeit des jüdischen Königs in die sonst bekannte römische und jüdische Chronologie ein. So wird etwa das Zeitfenster ermittelt, in welchem der Augustus-Enkel Gaius Caesar frühestens und spätestens am kaiserlichen Rat über die Nachfolge des Herodes teilgenommen haben kann. Das Zeitfenster für die Statthalterschaft des Varus in Syrien, während welcher der König verstarb, wird eingegrenzt. Es wird die Frage nach der historischen Glaubwürdigkeit der Mondfinsternis kurz vor Herodes‘ Tod gestellt und danach, ob diese Finsternis überhaupt an die Verbrennung der „Tempelschänder“ durch Herodes geknüpft ist. Die infrage kommenden Mondfinsternisse werden vorgestellt, die julianischen Kalenderdaten der umliegenden Passafeste unter solider Beachtung des damals praktizierten jüdischen Kalenders bestimmt, ebenso die Abstände zwischen jeweiliger Finsternis und jeweiligem Passa. Es werden sodann das „Kriterium der Ereignisdichte“ und vier weitere Kriterien an jedes der Mondfinsternis-Passa-Paare angelegt. In diesem Zuge werden die Todestag-Vorschläge des Megillat Taanits (7. Kislev, 2. Schebat) diskutiert und vieles mehr. Bei alledem werden alle relevanten historischen Quellen zu Rate gezogen und die Fachliteratur stark berücksichtigt.
Deckblatt und Impressum
Abkürzungen
Einleitung in den zweiten Band
I.1 Die Datierungstendenzen bei den Schriftstellern der Antike und des Mittelalters
I.2 Die Ergebnisse der Forschung vom Beginn der Neuzeit bis heute
I.2.1 Kurze Geschichte der Datierung des Herodes-Todes seit Scaliger
I.2.2 Eine tabellarische Übersicht: Wer hat den Tod des Herodes wie datiert?
II. Chronologische Einordnung des Todes des Herodes in den Lauf der Geschichte
II.1 Die relative Chronologie der Ereignisse um die Zeit des Todes gemäß Iosephus
II.2 Zeitliche Eingrenzung des Todeszeitpunktes mittels der römischen Geschichte und Chronologie
II.2.4 Die aus Kapitel II. 2. zu ziehenden Konsequenzen für eine Datierung des Todes des Herodes
II.3.1 Die Mondfinsternis kurz vor und das Passa kurz nach dem Tode des Herodes
II.3.2 Das Kriterium der Ereignisdichte zwischen Mondfinsternis und Passa
II.3.4 Das unsichere „Megillat-Taanit-Kriterium“
II.3.5 Das „Hohepriester-Matthias-Kriterium“
II.3.6 Das Feiertags-Kriterium
II.3.7 Die aus Kapitel II. 3. zu ziehenden Konsequenzen für eine Datierung des Todes des Herodes
II.4 Zusammenfassung der Ergebnisse des zweiten Teils
III. Eingrenzung des Regierungsendes des Herodes auf Grundlage der Herrscherchronologie
III.1 Die Quellengrundlage: Eine Bestandsaufnahme der herrscherchronologischen Angaben in den Quellen
III.1.1 Verschiedene zeitgenössische Quellen, die leider nicht weiterhelfen
III.1.2 Die Jahreszahlen auf den Münzen des Herodes und seiner Söhne
III.1.3 Die assumptio Mosis zur Herrschaftsdauer des Herodes von 34 Jahren
III.1.4 Die komplexen Angaben des Iosephus (zu einzelnen Regierungsjahren sowie zur Herrschaftsdauer des Herodes, seiner Vorgänger und seiner Söhne, außerdem zur Gesamtdauer der Hohepriester unter den Herodiern und zum Alter des Herodes)
III.1.5 Die jüdische Chronik Seder olam rabba zur Gesamtdauer der Herrschaft der Herodier
III.1.6 Iulius Africanus zur Herrschaftsdauer des Herodes von 34 Jahren
Exkurs: Die christlichen Chronographen und ihr geringer Quellenwert, wenn es um das Todesjahr des Herodes geht
III.1.7 Moses Chorenensis zur Gleichzeitigkeit der Regierungen von Herodes und König Abgar dem Schwarzen von Osrhoene
III.2 Die ereignisgeschichtlichen Grundlagen: Datierungen von Ereignissen, auf die sich die herrscherchronologischen Angaben beziehen
III.2.1 Die Einnahme des Tempelbergs durch Pompeius Magnus (ab welcher Hyrkanos II. laut Iosephus 24 Jahre lang herrschte und die sich laut demselben genau 27 Jahre vor der Eroberung der Stadt durch C. Sosius und Herodes ereignete)
III.2.2 Die Beauftragung des Herodes mit der Verwaltung Galiläas durch seinen Vater (als Herodes laut Iosephus 15 Jahre alt war)
III.2.3 Herodes wird Tetrarch über Judäa (von wo an das dritte Jahr auf seinen Münzen gezählt sein könnte)
III.2.4 Das Ende der Regierung des Hyrkanos II. (der laut Iosephus 24 Jahre lang herrschte) und der Anfang der Regierung des Antigonos (der laut Iosephus 3 Jahre und 3 Monate lang herrschte)
III.2.5 Die Ernennung des Herodes zum König in Rom (ab der Herodes laut Iosephus 37 Jahre lang herrschte)
III.2.6 Herodes errichtet im Frühling erstmals sein Heerlager bei Jerusalem (laut Iosephus im dritten Jahr des Herodes seit seiner Ernennung zum König)
III.2.7 Die Eroberung Jerusalems durch Sosius und Herodes (laut Iosephus 27 Jahre nach jener Eroberung durch Pompeius)
III. 2.8 Der Tod des Mattathias Antigonos vor dem Partherfeldzug des M. Antonius (ab welchem Herodes laut Iosephus 34 Jahre lang herrschte)
III.2.9 Zeitleiste der Ereignisse vom Einfall der Parther in Syrien bis zum Partherfeldzug des M. Antonius (40-36 v. Chr.)
III.2.10 Das große Erdbeben in Judäa um die Zeit des Krieges bei Aktion (laut Iosephus im 7. Regierungsjahr des Herodes)
III.2.11 Die Ermordung des Hyrkanos und der politische Neuanfang des Herodes im Angesicht des Caesar Octavianus
III.2.12 Die Hungersnot in der Levante (laut Iosephus im 13. Regierungsjahr des Herodes) als P. Petronius Ägypten verwaltete und Aelius Gallus eine Arabien-Expedition durchführte
III. 2.13 Der Besuch des Augustus in Syrien (laut Iosephus nach 17 Regierungsjahren des Herodes)
III.2.14 Der Beginn des Tempelneubaus in Jerusalem durch Herodes (laut Iosephus im 15. bzw. 18. Regierungsjahr des Herodes)
III.2.15 Die Einweihung der Stadt Caesarea am Meer (laut Iosephus im 28. Regierungsjahr des Herodes)
III.2.16 Das Herrschaftsende des Ethnarchen Archelaos (der laut Iosephus 9-10 Jahre lang herrschte)
III.2.17 Das Herrschaftsende des Herodes Antipas (der laut Iosephus 24 Jahre lang herrschte)
III.2.18 Das Herrschaftsende des Herodes Philippos (der laut Iosephus 37 Jahre lang herrschte und im 20. oder 22. Jahr des Tiberius starb)
III.3 Die Herrscherchronologie der unmittelbaren Vorgänger und Nachfolger des Herodes sowie die Gesamtdauer der Herodier-Herrschaft
III.3.1 Die Regierung des Hyrkanos II. (Ergebnis aus Band I/2)
III.3.2 Die Regierung des Mattathias Antigonos (Ergebnis aus Band I/2)
III.3.3 Ausgewählte Vorschläge der bisherigen Forschung zum Regierungsbeginn der Söhne des Herodes
III.3.4 Die Regierung des Ethnarchen Archelaos
III.3.5 Die Regierung des Tetrarchen Herodes Antipas
III.3.6 Die Regierung des Tetrarchen Herodes Philippos
III.3.7 Epoche, Dauer und Ende der Herodier-Herrschaft
III.4 Die Herrschaftschronologie des Herodes
III.4.1 Ausgewählte Vorschläge der bisherigen Forschung in ihren Grundzügen
III.4.2 Annähernde Datierung bestimmter Regierungsjahre des Herodes und ihre Konsequenzen für die Datierung seines ersten Regierungsjahres
III.4.3 Dauer und Epochen der Herrschaft des Herodes
III.4.4 König Herodes und König Abgar V. von Osrhoene
III.5 Das Alter des Herodes
IV. Ergebnis zum Todesjahr des Herodes
IV.1 Das chronologische Dilemma
IV.2 Vorschlag zur Auflösung des Dilemmas: Die auf der pharisäischen Fastenkultur fußende Jahrestag-Hypothese der doppelten Finsternis und die Datierung des Herodes-Todes in den Adar des Jahres 2 v. Chr.
Dieser zweite Band, der über das Todesjahr des Herodes handelt, ist momentan in Arbeit. Der Band wird vier Teile enthalten. Sie sehen hier vorab ein Arbeitspapier zu den ersten beiden Teilen. |
Auf dem Weg zur Datierung des Todes des Herodes ist es methodisch ratsam, streng zwischen der Einordnung der Ereignisse in der letzten Lebensphase des Königs in die rekonstruierbare absolute Chronologie auf der einen Seite und der herrscherchronologischen Herangehensweise (Rechnereien mit Regierungsjahren, -epochen und -dauern des Herodes, seiner Vorgänger und seiner Söhne) auf der anderen Seite zu unterscheiden. Zwar müssen beide Bereiche aufmerksam untersucht werden, allerdings so unabhängig voneinander wie möglich. Denn eine zu frühe und arge Vermengung birgt während der Erarbeitung die Gefahr des Zirkelschlusses in sich. So kommt es, dass das erstere Feld, nämlich die chronologische Einordnung des Todes in den Lauf der datierbaren Ereignisgeschichte, inhaltlich bereits nahezu fertig bearbeitet ist, während ich am herrscherchronologischen Teil noch arbeite.
Hier eine Zusammenfassung der bisherigen Ergebnisse:
Nach einem Überblick über die Forschungsgeschichte und den Forschungsstand zur Datierung des Herodes-Todes (Teil I auf S. 15-59) steigt Teil II (S. 60-184) in die Materie ein:
Als erstes wird mittels der in aller Regel besser datierbaren römischen Parallelgeschichte der zeitliche Rahmen abgesteckt, in dem sich der Tod des Herodes ereignet haben muss. Denn die Texte des Flavius Iosephus, die vom Ende der Herodes-Regierung erzählen, erwähnen Protagonisten wie Gaius, den Enkel des Augustus, und Varus, den Statthalter in Syrien, sodass sich die innerjüdischen Ereignisse chronologisch wenigstens eingrenzen lassen. Die Ergebnisse hierzu lauten:
Der kaiserliche Rat, in welchem nach Herodes‘ Tod über die Herrschafts-Nachfolge im Land der Juden entschieden wurde und an welchem der Kaiserenkel Gaius teilnahm, muss zwischen Juni 5 v. Chr. und Frühling 1 n. Chr. zusammengetreten sein.
Die Statthalterschaft des P. Quinctilius Varus in Syrien, während welcher Herodes verstarb, dauerte längstens von Sommer 7 v. Chr. bis Sommer 1 n. Chr.
Berührungen zwischen der Orientmission des Gaius und den Ereignissen im Land der Juden kurz nach dem Tod des Herodes lassen sich (– im Falle des Lobs des Augustus an den an Jerusalem vorbeiziehenden Gaius und im Falle der möglicherweise vollständigen militärischen Entblößung der Provinz Syrien durch Varus –) lediglich vorsichtig vermuten, keineswegs aber auch nur annähernd belegen. Die Annahme eines späten Todesjahres wie 1 v. Chr. lässt sich durch diese fraglichen Berührungen also nicht verifizieren.
Gemäß der „Gaius-“ und „Varus-Chronologie“ muss der Tod des Herodes in dem Zeitraum zwischen dem Jahr 5 v. Chr. und dem Passafest des Jahres 1 v. Chr. gesucht werden. Eines der Jahre 5-2 v. Chr. ist dabei als Todesjahr tendenziell wahrscheinlicher als das Jahr 1 v. Chr., weil man im letzteren Fall die „Gaius-“ und „Varus-Chronologie“ nach hinten hin arg ausreizen müsste.
Im nächsten Schritt wird der berühmte „Mondfinsternis-Tod-Passa-Zusammenhang“ unter die Lupe genommen, um alle potentiellen Todesjahre zu eruieren und sie anschließend auf ihre historische Wahrscheinlichkeit hin befragen zu können, indem fünf Kriterien an jedes der „Mondfinsternis-Passa-Paare“ angelegt werden:
- Das „Ereignisdichte-Kriterium“: Passen die von Iosephus berichteten Ereignisse zwischen Mondfinsternis und Passa?
- Zwei „Klima-Kriterien“: Ist die jeweilige Jahreszeit, in welche die einzelnen Finstenis-Passa-Paare fallen, glaubhaft für den Aufenthalt des kranken Königs in Jericho und die Überquerung des Jordans durch denselben?
- Das unsichere „Megillat-Taanit-Kriterium“: Passt eines der Mondfinsternis-Passa-Paare zu einem Tod am 7. Kislev oder 2. Schebat?
- Das „Hohepriester-Matthias-Kriterium“: In die kurze Amtszeit des Hohepriester Matthias fiel genau ein Versöhnungstag (10. Tischri). Matthias wurde am Tag der Mondfinsternis abgesetzt. Passt diese Chronologie zum jeweiligen Mondfinsternis-Kandidaten?
- Das Feiertags-Kriterium: Am Wochensabbat sowie an einem jüdischen Fest wird Herodes die Verbrennung/Hinrichtung der Gesetzeslehrer in der Nacht der Mondfinsternis nicht vorgenommen haben. Fiel eine der Finsternisse auf einen Sabbat oder ein Fest?
Die Ergebnisse lauten:
Die m. E. als historisch zu bewertende Mondfinsternis, die Iosephus erwähnt und an die Verbrennung der aufrührerischen Rabbis kurz vor dem Tod des Herodes knüpft, kann sich ereignet haben
Herodes verstarb nicht allzu lange vor einem Passafest. Es lassen sich die Daten der Passafeste, die nach jenen Finsternissen gefeiert wurden, rekonstruieren und so die zeitlichen Abstände zwischen den Finsternissen und den infrage kommenden Passafesten ermitteln. Diese Abstände reichen von weit über einem Jahr bis hin zu 29 Tagen
Gemäß der in sich schlüssigen Schilderung des Iosephus vergingen zwischen der Mondfinsternis vor und dem Passa nach dem Tod des Herodes mindestens 28 Tage (wie das Anlegen des „Ereignisdichte-Kriteriums“ offenbart), m. E. wahrscheinlich zwischen zwei und höchstens fünf Monate. Von der Mondfinsternis bis zum Tod sind es mindestens zwölf Tage, angesichts des Briefwechsels zwischen Herodes und Augustus aber höchstens ungefähr vier Monate. Vom Tod bis zum Passa sind es mindestens 16 Tage, aufgrund des natürlichen Flusses der Ereignisse aber höchstens etwa ein Monat. Während sich die anderen Optionen als unwahrscheinlich entpuppen, wird diesen Ansprüchen das Mondfinsternis-Passa-Paar im Frühjahr 1 v. Chr. (90 Tage Abstand zw. 9./10. Januar u. 8. April) am ehesten gerecht
Der kranke König Herodes wird sich im September nicht im äußerst heißen Jericho aufgehalten haben. Die bei Iosephus erwähnte Finsternis, bei welcher Herodes in Jericho weilte, ist daher sehr wahrscheinlich nicht diejenige im September 5 v. Chr. gewesen.
Herodes überquerte kurz nach der Mondfinsternis und nicht lange vor seinem Tod den Jordan, um nach Kallirhoë zu gelangen. Um den Monat Nisan herum war der Jordan im unteren Jordantal in der Regel nicht passierbar. Für die bei Iosephus erwähnte Mondfinsternis und das erwähnte Passa bieten sich also die Termine im März/April 5 v. Chr. sowie im März/April 4 v. Chr. nicht gerade an.
Trotz zweier in der jüdischen Überlieferung gemachter „Vorschläge“ (7. Kislev und 2. Schebat) ist der genaue Todestag des Herodes nicht sicher zu ermitteln.
Der Hohepriester Matthias, Sohn des Theophilos, war deutlich unter einem Jahr lang im Amt und hatte somit nur einen Versöhnungstag in seiner Amtszeit zu verzeichnen, den Iosephus auch ausdrücklich erwähnt. Im Jahr 5 v. Chr. fiel der Versöhnungstag auf den 13. Oktober. Laut Iosephus ist Matthias unmittelbar vor gesuchter Mondfinsternis seines Amtes enthoben worden. Um die Mondfinsternis im September 5 v. Chr. kann es sich bei Iosephus also nicht handeln, weil sonst kein Versöhnungstag in Matthias‘ Amtszeit gefallen wäre.
Die Exekution der Rabbis trug sich in der Nacht der Mondfinsternis zu. Herodes wird die beiden Rabbis wahrscheinlich nicht an einem Feiertag/Halbfeiertag und schon gar nicht am Sabbat verbrannt haben. Die Finsternisse im September 5 v. Chr. und im Januar 1 v. Chr. jedoch fielen auf einen Sabbat, die Finsternisse im März 5 v. Chr. und im März 4 v. Chr. mitten ins Purimfest. Dass die bei Iosephus erwähnte Mondfinsternis diejenige im März 5 v. Chr. oder diejenige im März 4 v. Chr. war, ist überaus unwahrscheinlich. Dass sie diejenige im September 5 v. Chr. oder im Januar 1 v. Chr. war, darf nahezu ausgeschlossen werden.
Zusammenfassend (Tabelle von S. 181 der obigen PDF):

Rohtext der Leseprobe
Einleitung
Herodes der Große war ein bemerkenswerter hellenistischer Herrscher über das Volk der Juden in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts v. Chr., einer Zeit, in welcher sich das Land der Bibel gleich seinen Nachbarländern im Nahen Osten sowie vielen Landstrichen in Europa in einem einschneidenden politischen Wandel befand. Roms Macht war erstarkt und mittlerweile unbezwingbar. Land für Land wurde zur Provinz dieses aufstrebenden Reiches geschlagen oder geriet an der Peripherie dieses riesigen Reiches wenigstens unter den starken politischen Einfluss Roms, so auch das Heilige Land. Herodes verstand es wie kein anderer, vom Vormarsch der Römer zu profitieren und am Ruhm ihres ersten Kaisers zu partizipieren. Der renommierte Altertumswissenschaftler Ronald Syme formulierte: „Other vassal kingdoms might surpass in size or strategic importance the realm of Herod: that monarch had no peer in splendour and display and in the favours of Roman rulers“1. Der politische Aufstieg des Herodes und sein Leben als König in diesem Zeitalter des Wandels sind mit all ihren Höhen und Tiefen erstaunlich gut überliefert und äußerst spannend. Walter Otto, der sich dem Leben und der Herrschaft dieses Mannes als Erster umfassend in historisch-wissenschaftlicher Weise widmete, urteilte 1913 über Herodes: „So wenig erfreulich in vieler Hinsicht H.[erodes] als Mensch auch ist, so gehört er doch nicht nur als Herrscher, sondern sogar als Mensch zu den bemerkenswertesten Erscheinungen der hellenistischen Zeit, die wahrlich an bedeutenden Männern nicht arm ist. Und von allen jüdischen Königen kann ihm nur David an Bedeutung gleichgestellt werden“2. Es scheint, dass sich Ottos Einschätzung hier weitgehend mit der Selbsteinschätzung des Herodes deckt. Denn als der König seinen Untertanen in der Mitte seiner Regierungszeit seinen Entschluss mitteilte, den Tempel Jerusalems prachtvoll umzubauen, um ihn in neuem Glanz erstrahlen zu lassen, soll er in einer Rede gesagt haben: „[…] so bin ich überzeugt, dass ich nach dem Willen Gottes das Volk der Juden zu einem Glücke geführt habe, wie es dasselbe früher nie gekannt hat“3. Der israelische und ausführlichste Biograph des Herodes, Abraham Schalit, gelangte nach Bewertung der zur Verfügung stehenden Quellen zu der Meinung, dass der Halbjude Herodes nicht nur versuchte, sich eine davidische Abstammung zuzulegen, sondern sich womöglich sogar als der ersehnte Messias begriff und gedachte, seine Herrschaft vor den frommen Juden auf solche Weise legitimieren zu können.4 Doch das ist nur eine von vielen spannenden Fragen zur Regierung und zum Leben dieses Königs. Bis heute jedenfalls übt Herodes einen Reiz auf die Geschichtswissenschaft aus.5
Wie der Titel anzeigt, gehe ich in der vorliegenden Arbeit jedoch nur einer einzigen, sogar sehr begrenzten Frage zu Herodes nach. Es geht nicht darum, Herodes als Mensch, Herrscher oder Politiker einzuordnen und zu beurteilen (nach welchen antiken, neuzeitlichen/modernen oder moralischen Maßstäben auch immer). Es wird auch nicht darum gehen, seine Familienverhältnisse, sein Verhältnis zu seinen jüdischen Untertanen und zur jüdischen Religion, zu hellenistischer Kultur und Umwelt oder zu den Römern und ihren Einflüssen herauszuarbeiten und zu bestimmen. Ich schreibe keine Herodes-Biographie und letzten Endes geht es noch nicht einmal um die Erarbeitung einer Chronologie seiner Zeit oder einer umfassenden und lückenlosen Chronologie seiner Regierung. All diese Aspekte werden nur in soweit ausgearbeitet, wie sie der chronologischen Frage nach dem Todeszeitpunkt des Herodes dienlich sind (Die Chronologie seiner Regierung ist das freilich in besonderem Maße).
Dass ausgerechnet der Zeitpunkt seines Todes ein so lebhaftes Interesse in der historischen Forschung erfahren hat und noch erfährt, liegt in erster Linie weder in jener faszinierenden Zeit noch in der interessanten Persönlichkeit dieses Herrschers begründet. Denn obgleich Herodes als Staatsmann und Mensch mit ganz markantem Charakter und filmreifer Lebensgeschichte aus der Masse der hellenistischen Landesfürsten jenes Zeitalters herausstechen mag, sind in der Regel alle genauen Untersuchungen zum Todesjahr dieses Königs lediglich Mittel zum Zweck – genauer: Die Suche nach dem Todesjahr Herodes‘ des Großen wird gewissenhaft und in gebührlichem Umfang vornehmlich dort betrieben, wo man am Geburtsjahr eines Juden aus ganz einfachen Verhältnissen interessiert ist: Jesus von Nazareth, der laut dem Evangelisten Matthäus als Messias in der späteren Regierungszeit eben dieses Königs geboren worden ist. Jesu Leben unter galiläischen Handwerkern, Fischern und einfachen jüdischen Männern, Frauen und Kindern am Rande des römischen Weltreiches schlug hohe Wellen und schlägt sie bis heute, obgleich sich dieser Mensch weder durch Macht oder Herrschaft noch durch hohe Bildung, Wissenschaften oder Künste auszuzeichnen vermochte. Längst zählen wir die ins Land ziehenden Jahre ab der Geburt eines Kindes schlichter Herkunft. Denn im 6. Jahrhundert entschied sich der Mönch Dionysius Exiguus die Jahre nicht länger, wie damals üblich, von der Thronbesteigung des Kaisers Diocletianus an zu zählen, sondern er legte seiner Jahrrechnung die Menschwerdung des Herrn zugrunde, zählte die Jahre als anni ab incarnatione domini. Diese sympathische Ära des Dionysius, die aera vulgaris Dionysiana, hat inzwischen längst einen beinah weltweiten Siegeszug angetreten. Ohne Frage hatten dem Dionysius die Möglichkeiten gefehlt, das historisch exakte Geburtsjahr Christi zweifelsfrei zu bestimmen. Wie sollte er auch? Schließlich ist das genaue Jahr der Geburt bis heute unbekannt und umstritten. Wenigstens ist man sich in der Forschung mittlerweile so ziemlich darin einig, dass Jesus wahrscheinlich wenige Jahre vor jenem Zeitpunkt geboren worden sein muss, den Dionysius einst zum Anfangspunkt seiner Ära bestimmte.
Wer nach dem Geburtsjahr Jesu fragt, findet in den Quellen vornehmlich drei Anhaltspunkte für eine Bestimmung desselben: erstens die von Augustus angeordnete Einschreibung zur Zeit des in Syrien wirkenden Legaten Quirinius, zweitens den Stern, der die Magier aus dem Morgenland nach Jerusalem und weiter zum Messiaskind nach Bethlehem leitete, und drittens eben die Königsherrschaft des Herodes, in deren letzter Zeit Christus das Licht der Welt und die Welt das Licht Christi erblickte. Die wissenschaftlichen Diskussionen zu allen drei Punkten sind breit, tief und kontrovers geführt worden. Wenn man nach der vom Evangelisten Lukas genannten Einschreibung und nach Quirinius fragt, so sind die Fragen und Überlegungen beinah ohne Anfang und Ende. Es scheint fast aussichtslos, im Punkte Quirinius und Einschreibung zu einem auch nur halbwegs sicheren Ergebnis zu gelangen, welches es erlauben würde, die Geburt Jesu auf einen engeren Zeitraum einzugrenzen. Deshalb fällt der Datierung des Herodes-Todes im Hinblick auf die Chronologie der Geburt und Kindheit Jesu eine besondere Bedeutung zu. J. van Bruggen nannte daher die Datierung des Todes des Herodes nicht unpassend „the key for this chronology“6.
Auch ich begreife meine Arbeit zum Todesjahr des Herodes im weitesten Sinne als einen Beitrag zur Chronologie des Lebens Jesu Christi, wenngleich ich es liebend gerne verständigeren Köpfen und weiseren Herzen überlasse, mein am Ende stehendes Ergebnis zum Todesjahr dieses Königs für die Chronologie des Lebens Jesu sinnvoll zu verwerten. Vor allem überlasse ich denselben die Beantwortung der Frage, ob die Kenntnis vom wahren Geburtsjahr Christi überhaupt von Wert ist und falls ja, welcher Natur dieser Wert ist. In der vorliegenden Arbeit steht die Suche nach dem Todeszeitpunkt des Herodes allein im Vordergrund.
Abriss der Geschichte jener Zeit, in der Herodes lebte und herrschte: Manchem Leser werden die Verhältnisse vor mehr als 2000 Jahren fremd sein, sodass es sich zum besseren Verständnis empfiehlt, zu Anfang einen geschichtlichen Überblick zu bieten und bereits einige chronologische Aspekte anzureißen:
Herodes war ein Kind des hellenistisch-römischen Zeitalters. Joachim Jeremias spricht vom „Hof des Herodes, der ganz vom hellenistischen Geiste beherrscht war“7. Und auch Nikos Kokkinos hat in seinem wertvollen Werk „The Herodian Dynasty“ versucht, die hellenistisch-phönizische Herkunft und Lebenswelt des Herodes herauszuarbeiten. Hellenistisch wurde der Vordere Orient, nachdem ihn der aus dem griechischen Westen heranmarschierende, berühmte große Makedone Alexandros erobert hatte. Keine zwei Jahrzehnte nach dem Tod des Alexandros (gestorben 323 v. Chr.) gingen aus seinem Weltreich im Osten zwei starke Reiche hervor. Das makedonische Geschlecht der Ptolemäer herrschte über Ägypten, das makedonische Geschlecht der Seleukiden über Syrien und Babylonien. Judäa lag genau dort, wo sich die Grenzen der beiden rivalisierenden Mächte trafen und sich ihre Interessen überschnitten. Es wurde von einem Hohepriester als Staatsoberhaupt und dem Hohen Rat (der Gerusia bzw. dem Synedrion/Sanhedrin) geführt, in welchem jüdischer Adel und hohe Priester saßen.8 Die Region war traditionell Zankapfel der Großmächte. Die Juden standen erst unter dem Einfluss der Ptolemäer, nach einer Verschiebung der Mächte ab etwa 200 v. Chr. unter dem der Seleukiden. Im syrischen Reich zählte man die Jahre seit dem Herbst 312 v. Chr. fortlaufend, sodass beispielsweise das Jahr 200/199 v. Chr. das Jahr 113 aera Seleuc. war. Diese Seleukidenära (die sogar verschiedenen Orts noch im Mittelalter Verwendung fand) eigneten sich die damaligen Juden zunehmend an.9 Ansonsten waren sie sich jedoch uneins, ob oder inwieweit sie der kraftvollen hellenistischen Kultur bei sich Raum geben sollten. Diese weltoffene, progressive Kultur prägte bereits die gesamte östliche Mittelmeerregion. Die Übernahme derselben versprach einer Gesellschaft ihre Etablierung im Kulturraum und stellte weltlichen Erfolg in Aussicht. Jedoch ließen sich ihre heidnischen Aspekte und polytheistischen Wurzeln nicht von ihr abspalten – für fromme Juden eigentlich unannehmbar. Es gab dennoch jüdische Kreise in Jerusalem, die auf stärkere Hellenisierung drangen. Die innerjüdischen Spannungen wuchsen. Als dann der Seleukidenkönig Antiochos IV. versuchte, ihre väterliche Religion und den mosaischen Gottesdienst am Jerusalemer Tempel auszurotten, wurden die Juden von Wirren und Leiden aller Art ergriffen. Die Zeit der uralten Hohepriester-Dynastie ging zu Ende. War damit alles aus?
Eine Priesterfamilie, die man Hasmonäer, bald Makkabäer nannte,10 stand wie von Gott gerufen auf und organisierte den kriegerischen Widerstand gegen die heidnische Übermacht. Judas Makkabaios und seine Brüder gingen als mutige Helden in die jüdische Geschichte ein. Nach Jahren harter Kämpfe kamen den Hasmonäern die dauerhaften Machtkämpfe unter den Nachkommen der verschiedenen seleukidischen Familienzweige zugute. Sie wurden bereits in der ersten Generation offizielle Hohepriester (seit 153 oder eher 152 v. Chr.) und Fürsten eines autonomen jüdischen Staates (ab 143/142 v. Chr.), dessen Territorium sie von Anfang an verstanden, durch Kriege bedeutend zu erweitern. Bisher waren die Stützen der hasmonäischen Führungsrolle das makkabäische Sendungsbewusstsein (– in den Augen jüdischer Kritiker: die Selbstanmaßung –) und ab Jonathan vor allem die Ernennung durch die seleukidischen Fremdherrscher gewesen. Am 18. Elul im Jahr 140 v. Chr. aber wurde für ihre Regierung eine gesetzliche Grundlage geschaffen: Die „große Versammlung“ des Volkes fasste als höchste verfassungsgebende Instanz der Juden den Beschluss, dass Simon, der letzte überlebende der Makkabäer-Brüder, und seine Nachkommen das Volk als Hohepriester und Fürsten fortan legitim führen sollten. Weil diese Priesterfamilie aber weder aus dem alten Hohepriestergeschlecht stammte noch natürlich aus dem königlichen Hause Davids, setzte man dem Beschluss vorsorglich die Klausel hinzu: „bis ein wahrer Prophet auftrete“.
In der Folgezeit vermochte das hasmonäische Reich seine Größe und seinen Status zu halten und sogar zu erweitern. In dieser Zeit bildeten sich die konkurrierenden religiösen Parteien und Konfessionen der Pharisäer, der Sadduzäer und der Essener heraus.11 Die reichere gesellschaftliche Elite scheint dem sadduzäischen Judentum zugeneigt gewesen zu sein (oder es gar hervorgebracht zu haben), während das pharisäische Judentum volksnäher und volkstümlicher war. Beide Gruppen dürften die jüdische Gesellschaft vor allem in der Hauptstadt Jerusalem, vielleicht auch in Jericho, Sepphoris und anderen großen Städten stark geprägt haben. Die dem offiziellen Tempelkult kritisch gegenüberstehenden Essener hatten im Volk wiederum ihre Klientel und Zielgruppen. Aber davon, dass die frommen Juden, die in den ländlichen Gebieten Galiläas, Judäas, Peräas usw. lebten, sich in der Masse unbedingt einer jener Parteien zurechneten, ist wohl nicht auszugehen.
In zweiter Generation wandte sich Johanan Hyrkanos, der Sohn Simons, von den Pharisäern ab und setzte auf die Sadduzäer. Er stellte auch als erster ein Söldnerheer aus fremdländischen Nicht-Juden auf, womit er unabhängig vom Volkswillen Kriege führen konnte und das Volk endlich vollständig zu beherrschen vermochte. In dem hasmonäischen Priesterkönig Alexandros Jannaios schlug den Juden, insbesondere den Pharisäern, dann die Quittung für ihren einstigen Beschluss vom 18. Elul mit voller Wucht entgegen. Wenn das, was die jüdischen Quellen über diesen Gewalttäter berichten, teilweise der Wahrheit entspricht, so glich er dem Fürsten Vlad Dracula aus Transilvanien. Mit gefangengenommenen, regimefeindlichen Juden soll er in der Heiligen Stadt z. B. Folgendes angestellt haben: „Als er nämlich mit seinen Buhldirnen an einem in die Augen fallenden Orte schmauste, ließ er gegen achthundert dieser Gefangenen kreuzigen und, während sie noch lebten, ihre Frauen und Kinder vor ihren Augen niedermetzeln. Damit vollzog er für das erlittene Unrecht eine so grausame Strafe, wie ein Mensch sie je ersonnen haben mochte“12. Innerhalb von drei Generationen war die einst heldenhafte, mutig für die Freiheit kämpfende Priesterfamilie zur Geißel ihres Volkes geworden.
Es war eine Frau – die erste und einzige Jüdin, die im Heiligen Land je souverän regierte – die das Ruder noch einmal herumriss. Nach dem Tod des Alexandros Jannaios verschaffte seine Witwe, die Königin Alexandra Salome, den Schriftgelehrten der Pharisäer, die großen Einfluss auf das gemeine Volk hatten, Sitze im (sich bisher aus weltlichem und priesterlichem Adel zusammengesetzten) Synedrion, dem Hohen Rat. Dieser dürfte unter Salome überhaupt wieder an politischer Bedeutung gewonnen haben. Die Königin betrieb eine gemäßigte Innen- und Außenpolitik. Ihr ältester Sohn Hyrkanos II. war Hohepriester – denn dieses Amt konnte eine Frau unmöglich besetzen – und von recht milder Natur. Dessen Bruder Aristobulos hatte hingegen mehr von der Natur seines Vaters. Sich wohl auf sadduzäische Kreise stützend beanspruchte Aristobulos nach dem Tod der Mutter die Macht für sich. Der sich nun anschließende Bruderzwist und Bürgerkrieg führte in der Beurteilung des jüdischen Geschichtsschreibers Iosephus zum Untergang der einst so hart gegen die Seleukiden erkämpften politischen Souveränität des jüdischen Staates.
Denn als der Stern der Seleukiden allmählich sank, war der Stern der ehrgeizigen und kriegslüsternen Römer längst soweit aufgestiegen, dass er sein Licht nun auch auf den Orient warf. Die Verfassung der Römer war seit Jahrhunderten eine republikanische. Alle Staatsbeamten blieben prinzipiell nur ein Jahr lang im Amt. Der Senat war das ständige politische Gremium der römischen Aristokratie und ernannte aus seinen Reihen jedes Jahr zwei Konsuln, die als oberste Beamte kollegial die Staatsgeschäfte leiteten und obendrein Eponyme des jeweiligen Jahres waren; d. h. das Jahr wurde mit den Namen der Konsuln bezeichnet.13 Das war die römische Jahrrechnung. Das Römische Reich war das Reich der Bürger der Stadt Rom und der italischen Kernländer. Die Provinzialen, die Bewohner der auf erobertem Territorium eingerichteten Provinzen, besaßen kein römisches Bürgerrecht und waren dem Staat steuerpflichtig (Die Verleihung des Bürgerrechts an einzelne, später viele Provinziale aus der Oberschicht bestätigte diese Regel). Der Steuerdruck in den Provinzen war hoch; die römischen Expansionskriege wollten finanziert werden. Der Staat ließ seine Provinzen durch Statthalter verwalten (Prokonsuln und Proprätoren mit einjähriger Amtszeit). In Zeiten des Kriegs oder politischer Wirren kam es freilich immer wieder zu Ausnahmezuständen in den Verwaltungsangelegenheiten. So wurde z. B. Gnaeus Pompeius, genannt Magnus, im Jahre 67 v. Chr. wegen dringender Aufgaben gegen Piraten und gefährliche orientalische Herrscher für mehrere Jahre als außerordentlicher Feldherr in den Osten entsandt. Knapp 100 Jahre waren die Juden von den Priesterfürsten der hasmonäischen Dynastie regiert worden, als dieser erfolgreiche römische Feldherr Pompeius in den Jahren 66-63 v. Chr. König Tigranes den Großen von Armenien bezwang, dem pontischen König Mithridates VI. ganz Kleinasien entriss, dem letzten aller Seleukidenkönige ganz Syrien abnahm, die arabischen Nabatäer (die südöstlichen Nachbarn der Juden) besiegte und – eingeladen durch den dortigen Bruderkrieg – auch das jüdische Reich eroberte. Nach der blutigen Einnahme Jerusalems im Jahre 63 v. Chr. soll Pompeius, vermutlich auf der Suche nach Kriegsbeute und Schätzen, sogar das Allerheiligste des Tempels betreten haben – ein bis dahin unvorstellbares und noch lange im Gedächtnis der Juden bleibendes Sakrileg. Der Feldherr machte die Juden den Römern tributpflichtig. Und er setzte den Hasmonäer Hyrkanos II., der bis dahin mit seinem jüngeren Bruder Aristobulos um die Macht im Lande gekämpft hatte, als Hohepriester und Volksherrscher ein. Die hier ihren Anfang nehmende Abhängigkeit von Rom sollte, solange der Tempel existierte (und Jahrhunderte darüber hinaus), unumstößlich bleiben.
Der einflussreichste Politiker an Hyrkanos‘ Hof war ein Idumäer namens Antipatros. Das Erscheinen der römischen Macht in Jerusalem in Person des Pompeius „war die Initialzündung für den Aufstieg der idumäischen Dynastie“14. Idumäa, an den Süden Judäas grenzend, war um 130 v. Chr. vom Großvater unseres Hyrkanos dem jüdischen Reich einverleibt worden und die Bewohner waren zwangsweise beschnitten und zu Proselyten (Konvertiten zum Judentum) gemacht worden. Bereits der Vater des Antipatros hatte Idumäa im Auftrag der Hasmonäer verwaltet. Antipatros war mit einer nichtjüdischen Nabatäerin namens Kypros verheiratet. Aus dieser Ehe ging Herodes als zweitältester Sohn hervor. Von Anfang an leistete Hyrkanos‘ politischer Ratgeber Antipatros den Römern wertvolle Dienste und kann zunehmend als ihr Agent bezeichnet werden. Er diente den diversen Legaten des Pompeius genauso wie danach dem Gaius Iulius Caesar.
Denn im Jahre 49 v. Chr. brach zwischen Pompeius und Caesar der römische Bürgerkrieg los; und schon am 9. August 48 v. Chr. unterlag Pompeius in der Schlacht bei Pharsalos. In einem anschließenden Krieg in Ägypten gegen den Ptolemäerkönig trug Caesar mit Hilfe des Antipatros den Sieg davon und installierte die berühmte Kleopatra VII., die Schwestergattin des besiegten Königs Ptolemaios, auf dem ägyptischen Thron. Der Römer verlieh dem diensteifrigen Antipatros das römische Bürgerrecht und erhöhte ihn zum offiziellen Verwalter Judäas. Antipatros band seine Söhne in den Verwaltungsgeschäfte ein. Herodes wurde mit der Verwaltung Galiläas beauftragt. Als Herodes galiläische Widerständler (die sich vermutlich nicht unter die Herrschaft der Römer sowie deren Handlanger Antipatros und Herodes fügen wollten) hinrichten ließ, klagte ihn das Jerusalemer Synedrion wegen dieser eigenmächtigen Exekution von Juden an. Herodes hatte nichts als überhebliche Verachtung für das höchste jüdische Gericht übrig. Die traditionelle Macht stand der faktischen Macht dieses ungebundenen und herausfordernden Emporkömmlings mit seiner Deckung durch Rom ohnmächtig gegenüber. Dem Römerfreund geschah letztlich nichts. Stattdessen ernannte ihn der mit der Verwaltung Syriens beauftragte Verwandte des großen Caesars namens Sextus Iulius Caesar im Jahre 47 v. Chr. sogar zum Militärführer des gesamten südlichen Syriens mit Palästina und Samaria. In dieser Stellung zog Herodes mit einer Armee drohend vor die Tore Jerusalems. Und für viele Juden wurde Herodes schon jetzt zum Feindbild. Dass die ehrgeizige Antipatros-Familie einigen zu einflussreich wurde, wurde ihr zum Verhängnis. Im Jahre 43 v. Chr. wurde Herodes‘ Vater durch innerjüdische Konkurrenz ermordet. Herodes konnte dieser Schlag freilich nicht mehr stoppen. Er sollte bald durch 34 Jahre hindurch das Schicksal der Juden werden. Die dahin führende Entwicklung ist voll von unvorhersehbaren und weitreichenden Großereignissen und geschichtlichen Wendungen.
Der zum Diktator ernannte C. Iulius Caesar konnte als Alleinherrscher einige Jahre ganz nach seinem Willen schalten und walten. Seine ohne jede Frage dauerhafteste Einrichtung war der Julianische Kalender, der ab 45 v. Chr. (= annus Iulianus 1) lief.15 Der bei der republikanischen Partei verhasste Diktator wurde allerdings von republikanisch gesinnten Senatoren im März 44 v. Chr. ermordet. Gemäß Caesars Testaments wurde unverhofft der 18 Jahre junge Octavianus, der spätere Kaiser Augustus, zum Adoptivsohn und Erbe Caesars. Er hieß fortan C. Iulius Caesar Octavianus und sammelte Truppen. Am 19. August 43 v. Chr. trat der junge Caesar sein erstes Konsulat an. Seinem Machtstreben im Weg war einerseits der Senat, der alles, nur keinen zweiten Diktator oder Monarchen wollte, und andererseits Marcus Antonius, der einflussreiche Gefolgsmann des verstorbenen Iulius Caesar. Dem Senat schien der junge, vermeintlich noch formbare und kontrollierbare Octavianus weniger gefährlich zu sein als der alte mächtige Antonius. Octavianus selbst aber musste einsehen, dass er und der Senat es nicht vermochten, den Antonius kriegerisch niederzuringen. Octavianus und Antonius kamen zu diesem Zeitpunkt nicht aneinander vorbei. So einigten sich die beiden zusammen mit einem unbedeutenderen dritten Cäsarianer auf eine Drei-Männer-Herrschaft, das sogenannte zweite Triumvirat16, welches der damit ins Abseits geratene Senat im November 43 v. Chr. notgedrungen anerkannte. Die Triumvirn setzten die Namen ihrer persönlichen Feinde auf lange Proskriptionslisten. Etliche Senatoren wurden somit dem Tod geweiht. In der Schlacht von Philippi im Jahr 42 v. Chr. wurden die Mächtigsten unter den republikanischen Feinden, die Caesar-Mörder Cassius und Brutus, vernichtet. Hiernach teilten Octavianus und M. Antonius Macht und Aufgaben unter sich auf. Der Jüngere erhielt Italien und die westlichen Provinzen. Ihm fiel die Aufgabe zu, die Landverteilung an die Veteranen, die den beiden in ihren Kriegen gedient hatten, zu bewerkstelligen (Land war damals die gängige Veteranen-Rente). Der Ältere hingegen erhielt den Osten des Römischen Reichs sowie die Aufgabe, aus seinen Ostprovinzen das Geld zu beschaffen, womit das Land in Italien für die Veteranen gekauft werden konnte. Wie schon seine Vorgänger presste Antonius die Provinzen im Osten kräftig aus. Er ging eine zweckmäßige Liebschaft mit der schönen Ptolemäerin Kleopatra ein und schätzte außerdem Herodes als fähigen, romfreundlichen Politiker so sehr, dass er ihn zum Tetrarchen (Teilherrscher) von Judäa machte.
Als der Triumvir sich im Reich der ägyptischen Königin aufhielt, fiel im Frühjahr 40 v. Chr. ziemlich überraschend das mächtige Volk der Parther vom Osten her in Syrien ein und eroberte in wenigen Monaten alle Länder bis nach Kleinasien hinein. Zur gleichen Zeit stand das Bündnis mit Octavianus wegen verschiedener Vorfälle auf der Kippe. Antonius wandte sich zuerst den Problemen in Italien zu. Die Parther eroberten währenddessen auch Judäa und Jerusalem, verschleppten den absichtlich verstümmelten Hohepriester und Ethnarchen Hyrkanos als Gefangenen nach Babylonien und setzten stattdessen seinen mit ihm verfeindeten Neffen, den Hasmonäer Antigonos, zum König ein, der bis dahin am ituräischen Fürstenhof im Exil gelebt hatte. Herodes floh vor den Parthern und vor Antigonos, quartierte seine Familie in der südjudäischen Festung Masada ein und landete bald mit einem Schiff in Italien. Dort hatten sich Antonius und Octavianus bereits wieder zusammengerauft und im Herbst 40 v. Chr. den Vertrag von Brundusium geschlossen. Auf Wunsch des Antonius ernannte der römische Senat den Herodes kurzerhand zum judäischen Gegenkönig. Er besaß von nun an den offiziellen Status eines rex amicus et socius, eines Klientelkönigs der Römer. Nur sein Königreich fehlte ihm vorerst noch; das hatte Antigonos noch fest in der Hand.
Im Jahre 39 v. Chr. ließ Antonius seinen General Publius Ventidius im Osten mit großer Heeresmacht die Gegenoffensive starten. Ventidius vertrieb die Parther tatsächlich aus allen Gebieten links des Euphrats. Herodes tauchte in Phönizien auf, sammelte Truppen in den nord-jüdischen Gebieten und zog gegen die jüdischen Feinde zu Felde, die ihn vertrieben hatten. Ventidius schlug die noch einmal zurückgekehrten Parther in der Schlacht bei Gindaros im Juni 38 v. Chr. endgültig. Hierauf traute sich Antonius persönlich nach Syrien und belagerte bis in den Herbst 38 v. Chr. das noch immer Widerstand leistende Samosata, wobei ihm Herodes Kriegsdienst leistete. Im Frühjahr 37 v. Chr. heiratete Herodes, der immer noch nicht im Besitz Jerusalems war, in Samarien seine langjährig Verlobte, die hasmonäische Prinzessin Mariamme, Enkelin des Hyrkanos, wohl auch deshalb, um seine Herrschaft besser legitimieren zu können oder wenigstens für die Juden akzeptabler zu machen. Irgendwann begann Herodes endlich die Belagerung des Antigonos in Jerusalem. Antonius‘ Legat C. Sosius stieß mit seinen Legionen dazu. Als die Heilige Stadt nach Monaten genommen war, wurde der gefangene Antigonos zu Antonius nach Antiocheia gebracht, während sich König Herodes in Jerusalem auf den Thron setzte. Bevor Antonius im Jahr 36 v. Chr. erneut gegen die Parther zu Felde zog, ließ er den letzten Hasmonäer-König hinrichten, weil ihm viele Juden nachtrauerten und den Herodes nicht als König akzeptieren wollten, solange Antigonos noch lebte.
Die Hasmonäer waren von Anfang an gleichzeitig weltliche Fürsten, zum Teil sogar Könige, und Hohepriester der Juden gewesen. Der Halbjude17 Herodes konnte das letztere Amt als Nicht-Priester natürlich nicht wahrnehmen. Er besetzte es deshalb mit Priestern seiner Wahl. Um 35 v. Chr. herum setzte er ein letztes Mal einen Hasmonäer als Hohepriester ein: Aristobulos (III.), den jüngeren Bruder seiner Ehefrau Mariamme. Doch nicht wenige Juden wünschten sich diesen jungen Adeligen als Regenten anstelle des Herodes, sodass der eifersüchtige König seinen jungen Schwager nach nur knapp einem Jahr – als Badeunfall getarnt – ertränken ließ. Hyrkanos durfte währenddessen nach Jerusalem zurückkehren; schließlich war er als Verstümmelter gemäß der Tora für das höchste jüdische Priesteramt ohnehin nicht mehr tauglich.
Die römischen Triumvirn waren zunehmend untereinander verfeindet. Während Herodes im Auftrag des Antonius gegen arabische Stämme im Ostjordanland zog und Palästina in jenem Frühjahr, welches in das siebte Regierungsjahr des Königs fiel, von dem Unglück eines schweren Erdbebens getroffen wurde, kam es am 2. September 31 v. Chr. an der Westküste Griechenlands zur großen Seeschlacht bei Actium. Antonius und Kleopatra mussten nach einer herben Niederlage nach Ägypten fliehen. Dieser Sieg des Octavianus war einschneidend in der Geschichte der kleinasiatischen und syrischen Provinzen; denn er beendete den bis dahin so unheilvoll tobenden Bürgerkrieg der Römer, der ja zu Genüge auf dem Rücken der Provinzen ausgetragen worden war. Augustus wurde im Osten opportun als Heilsbringer gefeiert. In vielen östlichen Provinzen wurde ab dem Herbst 31 v. Chr. eine neue Jahresrechnung begonnen: die aktische Ära.18
Indessen hatte Herodes unmittelbar nach Actium ein ernsthaftes Problem. Sein Schutzherr Antonius war der Verlierer, dessen verbitterter Rivale aber der strahlende Sieger und neue Weltherrscher. Herodes‘ Herrschaft und Leben stand auf der Kippe. Der König setzte alles auf eine Karte. Er ließ den alten Hyrkanos hinrichten (damit dieser dem Caesar nicht etwa als Alternative zu Herodes in den Sinn kommen würde) und begab sich früh im Jahr 30 v. Chr. zum neuen Weltherrscher, der sich gerade auf Rhodos aufhielt. Er legte diesem sein königliches Diadem zu Füßen, gestand, dass er stets dem Feind Antonius treu gedient hatte, und bot gleichzeitig an, jetzt dem Sieger mit derselben Treue und Tatkraft dienen zu wollen, falls dieser es wünsche. „Es geschah ein Wunder, und eben der Mann, der der ganzen Welt das ‚Heil‘ brachte, wurde auch für Herodes zum ‚Heilsbringer‘: Octavianus, der neue Weltherrscher, nahm den ehemaligen Bundesgenossen seines niedergerungenen Rivalen nicht nur in Gnaden auf und verzieh ihm nicht nur seine früheren Verfehlungen, sondern erhöhte ihn sogar, erweiterte die Grenzen seines Reiches und ehrte ihn in aller Öffentlichkeit, vor den Juden und allen Völkern des Ostens“19. Von nun an stand Herodes‘ Herrschaft langfristig auf sicheren Füßen. Und der dankbare Herodes sollte sich in der hellenistischen Welt als der wohl eifrigste Verehrer des römischen Weltherrschers hervortun.
Octavianus setzte den nach Ägypten Geflohenen (Antonius und Kleopatra) bald mit seiner Streitmacht nach. Am 1. August 30 v. Chr. eroberte er die ägyptische Hauptstadt Alexandria. Antonius war in den Kämpfen dieser Tage umgekommen. Die gefangene Kleopatra beging kurz darauf Suizid und beendete damit die Geschichte des ptolemäischen Herrschergeschlechts. Die Ägypter zählten die Herrscherjahre des Siegers ab diesem Hochsommer 30 v. Chr.20 Octavianus festigte unterdessen seine Machtposition zunehmend. Der politische Aufstieg, das Durchhaltevermögen und organisatorische Geschick, der Machtwille und letztlich auch das Glück dieses Römers suchen in der Weltgeschichte ihresgleichen. Im Januar 27 v. Chr. verlieh der römische Senat dem Caesar den Ehrentitel Augustus („der Erhabene“, auf griechisch Sebastos), nachdem der Herrscher die befriedeten Provinzen, in denen keine Legionen standen, dem Senat feierlich zurückgegeben hatte (um den Anschein eines souveränen Senats und der republikanischen Verfassung zu wahren). Die Grenzprovinzen mit den stationierten Legionen verblieben aber in der Hand des Augustus; er verwaltete sie durch Legaten, die als seine Statthalter fungierten, so etwa auch in Syrien. Bald nach der Sebastos-Titel-Verleihung an Augustus baute Herodes die Stadt Samaria im Norden seines Reiches prächtig aus und gab ihr den Namen Sebaste zu Ehren des Caesar Augustus. Später ließ er an der Mittelmeerküste seine prächtigste Hafenstadt erbauen und weihte sie in seinem 28. Regierungsjahr ein. Er gab ihr den Namen Kaisareia (Caesarea Maritima). Außerdem ließ Herodes in einigen seiner Städte mit heidnischer Bevölkerung Augustus-Tempel errichten. Die Juden warfen Herodes vor, sie selbst auszupressen und das Geld sodann in die heidnischen Reichsgebiete zu stecken. Herodes machte daneben kleinasiatischen, griechischen und anderen Städten großzügige Geschenke, welche sein reichsweites Prestige steigerten. Das größte der königlichen Projekte war jedoch eines in Jerusalem. Herodes ließ den Tempel in der jüdischen Hauptstadt ab ungefähr 20 v. Chr. mit viel Aufwand und Geld umbauen. Das Ausmaß des herodianischen Tempels scheint die den Juden bis dahin bekannten Dimensionen gesprengt zu haben. Der Talmud sagt: „Die Rabbanan lehrten: […] Wer den Tempel in seinem Bestande nicht gesehen hat, hat im Leben kein prächtiges Gebäude gesehen. – Welchen? […] Den von Herodes erbauten“21. Wenngleich sich die Juden nach anfänglichem Misstrauen gegen die Absichten des Herodes schnell mit dem Projekt des Tempelneubaus als heiliger Sache identifizierten,22 blieb die Person des Königs den frommen Juden bis zu seinem Lebensende verhasst,23 nicht zuletzt wegen ziemlicher finanzieller Auspressung zur Realisierung seiner ehrgeizigen Projekte.24 Denn es war zwar richtig, dass die Juden unter Herodes Jahrzehnte militärischen Friedens erleben durften und sich das Land dank der Kontinuität wirtschaftlich gut entwickelte, aber ein hoher Steuerdruck und die Härte des egomanischen Herrschers lastete dennoch auf dem Volk. Gerade in seinen letzten Lebens- und Regierungsjahren flackerten bei pharisäischen Juden akute Hoffnungen auf das Kommen des Messias auf, der sie vom Joch des Herodes (und der Römer?) befreien würde. In diese Zeit fällt die Geburt Johannes des Täufers und die Geburt seines Verwandten Jesus von Nazareth.
Herodes hatte viele Frauen und jede Menge Nachkommen. Mehrere seiner Söhne ließ er in den hohen Gesellschaftskreisen Roms erziehen und ausbilden. Nachdem er seine hasmonäische Ehefrau Mariamme bereits kurz nach seiner Bestätigung zum König durch Augustus hatte umbringen lassen, mussten ca. zwei Jahrzehnte später auch ihre beiden gemeinsamen Söhne, die Prinzen Alexandros und Aristobulos, dran glauben. Sie wurden wegen einer vermeintlichen Verschwörung gegen ihren Vater hingerichtet. Das hasmonäische Blut innerhalb seiner Familie war damit ausgemerzt. Mißtrauen und Ränke überschatteten jedoch die Beziehungen zu fast allen seiner Familienmitgliedern und Angehörigen, imgrunde nach bester Manier hellenistischen und orientalischen Königtums. In seinen letzten Lebensjahren konnte keiner mehr seines Lebens sicher sein. Herodes siechte am Ende ziemlich vereinsamt und verbittert dahin. Er erkor einige seiner Söhne zweiter Wahl (eben die, die seine Egomanie überlebt hatten) zu Nachfolgern in der Herrschaft über einzelne Landesteile. Sofort nach dem Ableben des fast 70jährigen Königs brachen im ganzen Land bewaffnete Aufstände des um Luft ringenden Volkes los. Wenn bei den Führungspersönlichkeiten dieser Aufstände auch keine messianischen Ansprüche sicher nachweisbar sind, so darf man zumindest davon ausgehen, dass mit ihnen Hoffnungen auf die Restauration des davidischen Königtums verbunden waren. Doch wer zum Schwert greift, kommt durchs Schwert um. Die Übermacht Roms schlug die jüdischen Empörungen nieder und Augustus bestätigte die von Herodes bestimmten Nachfolger, verlieh allerdings keinem dieser Herodes-Söhne mehr den Königstitel. Die Herrschaft wurde unter den drei Söhnen Archelaos, Herodes Antipas und Herodes Philioppos aufgeteilt. Archelaos herrschte jetzt als Ethnarch (Volksherrscher) über Judäa mit Jerusalem, über das nördlich angrenzende Samaria und das südlich angrenzende Idumäa. Antipas und Philippos regierten als Tetrarchen (Teilherrscher) die anderen Reichsgebiete des verstorbenen Königs. Antipas hatte Galiläa (westlich des Sees Genezareth) und Peräa (im Ostjordanland) erhalten, Philippos die Gebiete Batanäa, Trachonitis und Gaulanitis (östlich des Sees Genezareth). Mit der Übernahme der Herrschaft des Herodes durch seine Söhne war die herodische Dynastie geboren.
Augustus sollte es anders als Herodes nicht vergönnt sein, eine Dynastie leiblicher Nachkommen zu begründen; aber er begründete das Prinzipat, das römische Kaisertum, welches die Geschicke des Römischen Reichs noch durch so viele Jahrhunderte hindurch bestimmen sollte. Augustus und die auf ihn folgenden Kaiser bestimmten auch die Möglichkeiten und Grenzen aller politisch agierenden Nachkommen des Herodes. Herodes‘ Geschlecht herrschte über weite Teile der jüdischen Gebiete bis zum ersten Jüdischen Krieg, den die aufständischen Juden – darunter mittlerweile Angehörige aller Gesellschaftsschichten – gegen die Römer führten und der im Jahre 70 n. Chr. schließlich in die Katastrophe der völligen Zerstörung des Tempels und der Heiligen Stadt mündete. Damit war auch jegliche Herrschaft der Herodier beendet.
Im Kernland Judäa wurde die herodische Herrschaft allerdings schon davor durch lange Phasen römischer Direktherrschaft unterbrochen, nämlich in der Zeit von ca. 7-41 n. Chr. und erneut ab 44 n. Chr. Denn Juden und Samaritaner hatten ihren harten und unliebsamen Landesherren Archelaos beim Caesar verklagt. Augustus enthob Archelaos nach gerichtlicher Prüfung seines Amtes und verbannte ihn nach Gallien. Judäa (mit Samaria und Idumäa) wurde im 31. Jahr der aktischen Ära (ca. 7 n. Chr.) zur römischen Provinz gemacht. Caesars damaliger Legat in Syrien namens P. Sulpicius Quirinius führte in dem neuen Reichsteil eine Vermögensschätzung unter der Bevölkerung zwecks römischer Besteuerung durch. In diesem Zuge musste der erneut auflodernde Widerstand jüdischer Freiheitskämpfer gebrochen werden. Aber ernsthafte Probleme konnten die Juden den römischen Fremdherrschern jetzt und in den nächsten Jahrzehnten nicht bereiten. Das wurde verhindert zum einen durch die militärische Stärke der faktisch unbesiegbaren Römer, zum anderen auch durch das willentliche Fügen der jüdischen Eliten unter die römische Oberherrschaft (zu deren Nutznießer sie teilweise geworden waren).
Nachdem alle seine Wunschkandidaten verstorben waren, adoptierte Augustus seinen Stiefsohn Tiberius und bestimmte ihn so zu seinem Nachfolger. Der alte Kaiser starb am 19. August 14 n. Chr. Die Syrer und Juden hatten 44 Regierungsjahre seit dem Sieg bei Actium (Herbst 31 v. Chr.) gezählt, die Alexandriner und Ägypter 43 Regierungsjahre ab der Eroberung Alexandrias im Hochsommer 30 v. Chr. Die zeitgenössischen Orientalen zählten das Jahr 14/15 n. Chr. als erstes Regierungsjahr des Tiberius.25 Augustus und sein Nachfolger Tiberius ließen Judäa durch römische Präfekten (später Prokuratoren) ritterlichen Ranges verwalten, die dem viel ranghöheren Statthalter in Syrien unterstellt waren. Pontius Pilatus, unter welchem Jesus gekreuzigt wurde, ist der berühmteste dieser Präfekten von Judäa. Kaiser Claudius setzte im Jahr 41 n. Chr. Herodes Agrippa, einen Enkel Herodes‘ des Großen, noch einmal zum König über die Gebiete der judäischen Provinz ein, nachdem dieser bereits mehrere Jahre zuvor von Kaiser Caligula zum König über die Herrschaft des verstorbenen Philippos und wenig später auch über die Gebiete des wiederum abgesetzten und verbannten Antipas gemacht worden war. Agrippa I. herrschte somit erneut als König über das (fast) gesamte Reich seines königlichen Großvaters. Als Agrippa I. um 44 n. Chr. starb, wurde Judäa wieder durch römische Prokuratoren verwaltet. Wenigstens aber verblieb die Oberaufsicht über den Jerusalemer Tempel und das Recht, den Hohepriester zu ernennen, in den Händen der Herodier. Nach dem Tod Agrippas wurde zuerst sein Bruder Herodes von Chalkis damit betraut, kurz danach Agrippas Sohn, der ebenfalls Herodes Agrippa hieß. Denn an diesen Agrippa II. war die Königswürde seines verstorbenen Onkels Herodes von Chalkis übergegangen. Die gesamte Zeit von Herodes dem Großen bis zur Zerstörung des Tempels, die sich zu Lebzeiten Agrippas II. zutrug, wurde in der jüdischen Geschichtstradition als Herrschaftszeit der Herodes-Dynastie aufgefasst (wenngleich über weite Strecken hinweg gar nicht die Herodier, sondern die Römer in Judäa die profane Herrschaft ausübten). Das waren mehr als einhundert Jahre.
Zum Aufbau der vorliegenden Untersuchung: Meine Suche nach dem Todesjahr des Herodes gliedert sich in vier Teile. Der erste Teil bietet die Forschungsgeschichte (vom 1. Jahrhundert n. Chr. bis heute) und den Forschungsstand zur Frage. In den übrigen Teilen erfolgt die eigene quellenbasierte Suche bzw. die Sichtung und Auswertung der Quellen. Es erschien mir nützlich, die verwertbaren Aussagen der Quellen (nicht die Quellen selbst!) in zwei Kategorien einzuteilen und diese nacheinander und unabhängig voneinander im zweiten und im dritten Teil auszuwerten. Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Chronologie des historischen Geschehens in den letzten paar Jahren vor der Zeitenwende und versucht, die Nachrichten der Quellen zu Herodes‘ Lebensende in diesen Lauf der Geschichte chronologisch einzuordnen. Das ist gewissermaßen eine ereignisgeschichtliche Herangehensweise. Der dritte Teil nähert sich dem Problem auf ganz anderem Wege und kann am ehesten ein herrscherchronologischer Ansatz genannt werden. Dieser dritte Teil versucht auf Grundlage der Angaben in den Quellen zu bestimmten Regierungsjahren, Regierungsepochen und Regierungsdauern des Herodes sowie seiner unmittelbaren Vorgänger und Nachfolger die Chronologie der Herrschaft des Herodes zu erarbeiten, um sein Regierungsende oder wenigstens sein letztes gezähltes Regierungsjahr zu bestimmen. Denn auch das erlaubt selbstverständlich ernsthafte Rückschlüsse auf den Todeszeitpunkt des Königs.26 Die Ergebnisse aus den Teilen II und III werden erst im vierten Teil zusammen betrachtet, woraus sich dann endlich ein Vorschlag zur Lösung des Problems und zur Datierung des Herodes-Todes ergibt.
Diese Erläuterungen zum Aufbau mögen dem Leser zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch recht abstrakt vorkommen, aber ich hoffe, sie erhellen sich im Verlauf der Arbeit. Der feinere Aufbau der einzelnen Teile wird jeweils an Ort und Stelle erläutert.
Einige Voraussetzungen und Grundsätzliches: Grundlage meiner historisch-chronologischen Untersuchung zum Todesjahr des Herodes sind zum einen die literarischen Quellen, wie z. B. die überlieferten Geschichtswerke eines Flavius Iosephus oder beispielsweise eines Cassius Dio, und zum anderen archäologische Quellen, wie etwa aufgefundene Münzen, Papyri, Inschriften usw. Die archäologischen Quellen gelten dem Historiker in aller Regel als die weniger trügenden, und zwar deshalb, weil sie nicht wie die literarischen durch die Hände von Kopisten und Übersetzern gegangen sind, ehe sie uns erreicht haben, also viel weniger der Gefahr der Bearbeitung, Verfälschung, Weglassung und Hinzufügung ausgesetzt gewesen sind. Außerdem stammen die archäologischen Zeugnisse zumeist tatsächlich aus der Zeit, über die sie etwas auszusagen pflegen. Geschichtsschreiber wie Iosephus oder Dio hingegen behandelten die Geschichte vieler Jahrhunderte, die sie nicht selbst miterlebt haben. Andererseits wiederum sind Angaben in Wort und Zahl – worauf der Chronologe doch sehr angewiesen ist – bspw. auf Münzen der Natur der Sache gemäß äußerst knapp gehalten und ihre chronologische Deutung daher selten genug sicher. Gewiss nicht für alle historisch-chronologischen Fragestellungen, aber doch für die unsrige fließen die verwertbaren Informationen aus den archäologischen Quellen spärlicher als aus den literarischen, so dass in der vorliegenden Untersuchung die Auswertung der literarischen Zeugnisse einen breiteren Raum einnehmen wird.
Aber egal welche Quellen man auch heranzieht, keine einzige bietet eine ausdrückliche Datierung des Ablebens des Herodes. Wenigstens sind wir über die relative Chronologie der Herodes-Herrschaft, also über das Vorher und Nachher von Ereignissen und historischen Akteuren, aus den Werken des jüdisch-römischen Historikers Iosephus dankbarerweise recht gut und im Großen und Ganzen nach allgemeiner Einschätzung auch recht zuverlässig unterrichtet. Obendrein verwendet Iosephus hie und da Zeitangaben, welche entweder die Jahreszeit, den Kalender, die jüdischen Feste, einheimische oder fremdländische Herrscherchronologien und andere Jahreszählungen betreffen oder einfach den Abstand vom einen zum anderen Ereignis in Tagen, in Monaten oder in Jahren angeben. Diese Umstände ermöglichen manche Male einen festen Anhaltspunkt, andere Male wenigstens eine Ahnung davon zu gewinnen, wie viel Zeit zwischen diesem und jenem Ereignis abgelaufen sein muss. Das Bestreben der historischen Forschung aber ist es immer, zur absoluten Chronologie zu gelangen, d. h. den in den Quellen überlieferten Ereignissen einen möglichst exakten Platz in der uns geläufigen Zeitrechnung zuzuweisen, also, um mit einem Beispiel zu sprechen, nicht mehr sinngemäß mit Iosephus umständlich sagen zu müssen: Herodes‘ Vater namens Antipatros starb zu jener Zeit, als nicht lange nach dem Tode Iulius Caesars der kriegerische Streit zwischen M. Antonius und Octavianus ausgebrochen war, genauer kurz nachdem der syrische Statthalter C. Cassius Palästina verlassen hatte und vor einem wichtigen jüdischen Fest, sondern sagen zu können: Antipatros ist Ende Mai 43 v. Chr. verstorben.27 Solch eine absolute Datierung ist auch für den Tod seines Sohnes Herodes anzustreben.
Wie das gerade genannte Beispiel des Antipatros schon erahnen lässt, gewinnt die historische Forschung die absolute Chronologie der von Iosephus erzählten jüdischen Geschichte ab dem Erscheinen des Pompeius Magnus in Syrien und Judäa (64/63 v. Chr.) aus Überschneidungen mit der römischen Geschichte, zwar nicht ausschließlich, aber doch in der Regel. Denn die römische Geschichte ist aufgrund ihrer breiten antiken Bezeugung, außerdem aufgrund der in den Quellen oftmals angewandten und uns auch heute gut verständlichen römischen Zeitrechnung (vor allem des julianischen Kalenders und der eponymen Jahrrechnung) im Allgemeinen sehr viel einfacher in unser Zeitrechnungssystem zu übersetzen, als die jüdische und die orientalischen Zeitrechnungen es sind. Gleichzeitigkeiten von jüdischer Nationalgeschichte und römischer Weltgeschichte sind demjenigen, der an der jüdischen Chronologie um die Zeitenwende interessiert ist, also stets willkommen und eine große Hilfe. Das wird sich durch meinen gesamten zweiten Band hindurch immer wieder bemerkbar machen.
Soweit die Jahrrechnungen der Juden und ihrer Nachbarvölker uns heute bekannt sind und soweit Iosephus oder andere Quellen entsprechende Jahresangaben liefern, kommt man in der Erstellung der absoluten Chronologie der Herodes-Herrschaft natürlich auch ohne die Römer aus. Allerdings sind in dieser Hinsicht verwertbare Zeitangaben in den einschlägigen Quellen rarer, als man denken möchte. Und so sie geboten werden, sind sie (ganz abgesehen davon, wie man ihre Zuverlässigkeit im Einzelfall einschätzt) äußerst selten zweifelsfrei in unsere Zeitrechnung zu übertragen. Das gilt in besonderem Maße für die Datierung nach Herrscherjahren, womit wir es vorrangig im dritten Teil der hier vorliegenden Untersuchung zu tun haben werden.
Sehr viel weniger Schwierigkeiten bereiten hingegen Zeitangaben der Quellen, die auf einem der orientalischen Kalenderwesen oder auf der kalendarischen Festordnung der Juden fußen. Denn die Lage der jüdischen Feste und Monate sowie die der syrischen, ägyptischen und babylonischen Kalendermonate innerhalb des julianischen Jahres ist entweder genau oder wenigstens ungefähr bekannt. Allerdings hilft die Angabe, dass dieses oder jenes Ereignis auf dieses Fest oder in jenen Monat gefallen ist, in der Regel nur dann weiter, wenn das ungefähre Jahr bereits feststeht. Das gilt selbstverständlich in ähnlicher Weise für Angaben zur Jahreszeit.
Einen besonderen Glücksfall für den Chronologen stellt Iosephus‘ Erwähnung einer zwar nicht seltenen, allerdings auch nicht alltäglichen Himmelserscheinung, nämlich die einer Mondfinsternis‘, dar, die der jüdische Schriftsteller im Zusammenhang mit der Biographie des Herodes macht. Solch einem astronomischen Ereignis kann dank der modernen Astronomie ein exaktes Datum bzw. können ihm mehrere exakte Daten zugewiesen werden, aus denen ausgewählt werden muss. Mit besagter Mondfinsternis werden wir uns im zweiten Teil unserer Untersuchung beschäftigen.
Bis hierhin dürfte bereits deutlich geworden sein, dass das Studium der verschiedenen Kalenderwesen und Jahrrechnungssysteme der Juden, Römer, Syrer und manch anderer Völker für unser Vorhaben eine unerlässliche Voraussetzung bildet. In solchen Zusammenhängen werde ich mich im Laufe der Arbeit immer wieder auf meinen ersten Band beziehen, der genau dies behandelt. Vor allem der rekonstruierte jüdische Kalender für die Jahre 63 v.-70 n. Chr. wird hierbei von nicht geringem Nutzen sein.
I.
Überblick über die Datierungstendenzen
und die Ergebnisse der bisherigen Forschung
zum Todesjahr des Herodes
Genauso wie das Sprichwort „Vier Augen sehen mehr als zwei“ wahr ist, so ist es auch einleuchtend, dass viele Köpfe mehr ergründen als nur einer. Deshalb ist das Studium der bisherigen Veröffentlichungen zum Thema gewinnbringend. Ich habe von einer Fülle an Denkanstößen, tiefen Einsichten in Einzelheiten und Quellen-Hinweisen aus jenen Vorarbeiten profitiert. Die folgenden Einblicke in die Forschungsgeschichte und -literatur sollen daher der Transparenz dienen. Sie mögen dem interessierten Leser, der sich selbst weiter ins Thema vertiefen möchte, als Fundgrube dienen, die seine unabhängige Meinungsfindung begünstigen wird. Die Lektüre dieses ersten Teils ist allerdings in Teilen dröge, außerdem keine Voraussetzung fürs Verständnis der anderen Teile und kann bei Bedarf ausgelassen werden.
I. 1. Die Datierungstendenzen bei den Schriftstellern der Antike
und des Mittelalters
Im Gegensatz zu den Autoren der Neuzeit, die im Anschluss vorgestellt werden, lag den Schriftstellern des Altertums und des Mittelalters die Zielsetzung, den Todeszeitpunkt des Herodes zu bestimmen und festzulegen, zwar ziemlich ferne, dennoch lässt sich von einigen der Alten sagen, dass sie dem Tod des Herodes im Rahmen ihrer sonstigen historisch-chronologischen Forschungen, Überlegungen oder Vorstellungen durchaus einen gewissen Zeitpunkt oder wenigstens gewisse Zeitgrenzen zugewiesen haben (ob bewusst und willentlich oder als unbeachtetes Nebenprodukt ihrer Chronologie und ihrer Erzählungen, steht dabei freilich auf einem anderen Blatt). Diese Tendenzen der Datierung des Herodes-Todes in den Quellen und in der Literatur vor Anbruch der Neuzeit sollen kurz vorgestellt werden.
Der wichtigste antike Zeuge für die Zeit des Herodes ist, wie in der Einleitung bereits gesagt, der Geschichtsschreiber Flavius Iosephus. Dieser jüdische Priester, ein im ersten Jüdischen Krieg gegen die Römer in Galiläa agierender Aufstandsführer, hat nach seiner Gefangennahme durch den nachmaligen Kaiser Vespasianus durch ganz außergewöhnlich interessante Umstände Eingang in die hohe flavische Gesellschaft gefunden, samt römischem Bürgerrecht, Steuerfreiheit usw. Die Lektüre seiner spannenden Ausführungen über den Jüdischen Krieg sowie wenigstens von Teilen seiner von Selbstbeweihräucherung durchzogenen Autobiographie, seiner vita, ist überaus empfehlenswert. Als römischer Bürger schrieb dieser Jude in den letzten Jahrzehnten des ersten Jahrhunderts n. Chr. zwei für den Historiker unschätzbar wertvolle Werke über die jüdische Geschichte, in welchen er der Regierung des Herodes ausführlich gedenkt: das zwischen 79 und 81 n. Chr. veröffentlichte bellum Iudaicum („Jüdischer Krieg“) und die zehn Jahre später abgeschlossenen antiquitates Iudaicae („Jüdische Altertümer“).28
Schon vor Iosephus existierten Werke, welche sehr wohl Aufschluss über die Herrschaftschronologie des Herodes gegeben haben müssen, und zwar ziemlich sicher in einem Maße, welches verlässliche Rückschlüsse auf das Todesjahr des Königs erlaubt haben werden. Es waren dies erstens die verloren gegangenen „Memoiren des Herodes“, eine Autobiographie des Herrschers, wohl nach dem Vorbild römischer Größen und hellenistischer, gebildeter Fürsten verfasst.29 Flavius Iosephus wusste von diesem Werk. Dass er es aber selbst einsehen konnte, ist eher unwahrscheinlich.30 Ein Werk, welches Iosephus hingegen reichlich gebraucht hat, ist die ebenso nicht mehr erhaltene, 144 Bücher umfassende Weltgeschichte des Nicolaus Damascenus. Dieser nichtjüdische, hellenistisch Gebildete genoss seiner Zeit hohes Ansehen und war seit ca. 14 v. Chr. Politiker am herodianischen Hof sowie vertrauter Berater und Diplomat des Herodes. Noch nach dessen Tod arbeitete er für dessen Sohn Archelaos.31 Falls Nicolaus sein Werk erst nach dem Tod des Herodes abgeschlossen haben sollte, so ist es gut vorstellbar, dass darin der Tod des alten Königs in irgendeiner Form datiert gewesen ist. Iosephus jedenfalls hat solch eine Datierung nicht von Nicolaus in seine eigenen Werke übernommen oder übernehmen können.
Wenigstens hat Iosephus den Tod des Königs indirekt chronologisch eingeordnet. Er hat ihn um das Jahr 3 v. Chr. herum angesetzt. Zwar bedenkt er das Todesjahr nicht mit der Jahreszahl irgendeiner Ära oder einer sonstigen unmissverständlichen Jahresrechnung, aber er gibt Auskunft über die zeitlichen Anfänge der Herodes-Herrschaft sowie die Dauer derselben Herrschaft: „Hierauf starb er [Herodes …] vierunddreißig Jahre nach der Ermordung des Antigonos und siebenunddreißig Jahre nach seiner Ernennung zum Könige durch die Römer“32. Die Ernennung durch die Römer setzt Iosephus an früherer Stelle mittels Konsulatsdatierung ausdrücklich ins Jahr 40 v. Chr.33 Den Tod des Antigonos, Herodes‘ Rivale, setzt er, falls er sich nicht sehr missverständlich ausgedrückt hat, noch in das Jahr 37 v. Chr. oder zumindest sehr bald hiernach an.34 Im Sommer oder Herbst 37 v. Chr. fand laut Iosephus zumindest die diesem Tode nicht allzu lang vorausgehende Eroberung Jerusalems statt. Die Einnahme Jerusalems datiert er mittels Konsulatsangabe so ausdrücklich ins Jahr 37 v. Chr., dass man nicht annehmen möchte, dasselbe Datum habe für seine Chronologie der Regierung des Herodes keine Bedeutung. Zählt man vom Jahr 40 v. Chr. 37 Jahre weiter, so sind diese 37 Jahre im Jahr 3 v. Chr. vollendet; und zählt man vom Frühsommer oder Herbst 37 v. Chr. 34 Jahre weiter, so sind diese 34 Jahre im Frühsommer oder Herbst ebenso des Jahres 3 v. Chr. vollendet. Wenn man also sagt, nach Iosephus ist der Tod des Königs um das Jahr 3 v. Chr. anzusetzen, wird man nicht arg fehlgehen, obwohl das genaue Sterbejahr freilich Auslegungssache bleibt: Je nachdem, ab welchem Kalenderdatum man den Iosephus das erste Jahr des Herodes rechnerisch beginnen lässt (ab dem uns leider unbekannten Tag des tatsächlichen Regierungsantritts, ab dem Tag des vorangegangenen oder des nachfolgenden Jahresanfangs entweder der Juden, der Syrer oder gar der Römer), und je nachdem, wie man das 37. bzw. 34. Herrschaftsjahr auffasst (als letztes volles oder als lediglich begonnenes), lässt sich außer dem Jahr 3 v. Chr. auch eines der Jahre 4 oder 2 v. Chr. als mit Iosephus konform gehend annehmen.
Ergänzt werden die Angaben zur Herrschaftschronologie des Herodes, indem Iosephus sagt, dass das im Frühjahr begonnene Vorrücken des Herodes gegen Jerusalem im dritten Jahr nach der Königsernennung in Rom stattgefunden hat. Und er berichtet von Geschehnissen im 7., 13. und 18. Herrschaftsjahr des Herodes.35
Das ungefähre Ergebnis „Tod um 3 v. Chr.“ lässt sich zusätzlich durch das stützen, was Iosephus über die Herrschaft des Archelaos sagt, Sohn und Nachfolger des Herodes in Judäa. Archelaos habe neun volle Jahre geherrscht bzw. habe er schon im zehnten Jahre36 seiner Regierung gestanden, als ihn die Vornehmsten seiner Untertanen in Rom verklagt hätten, er daraufhin abgesetzt worden sei und stattdessen der Römer Quirinius nach Judäa geschickt worden sei, welcher im 37. Jahr der aera Acitaca (Herbst 6 bis Herbst 7 n. Chr.)37 eine Steuerschätzung unter den Juden durchgeführt habe. Archelaos müsste demnach also zwischen 4 und 2 v. Chr. angefangen haben zu herrschen. In der Mitte liegt wieder das Jahr 3 v. Chr. Ein davon nur gering abweichendes Ergebnis erhält man, wenn man mit den Zahlen rechnet, die Iosephus im Zusammenhang mit der Regierung des Philippos nennt, Sohn und Nachfolger des Herodes in Peräa. Philippos habe 37 Jahre lang regiert, und zwar bis ins 20. oder, wie andere Textzeugen sagen, bis ins 22. Jahr des Tiberius.38 Da das erste Jahr des Tiberius in Syrien und der Levante ab Herbst 14 n. Chr. lief, wäre das erste Jahr des Philippos entweder um 4/3 v. Chr. oder um 2/1 v. Chr. anzusetzen.
Eine Rolle bei der Beurteilung des Todesjahres spielt in Verbindung mit der mutmaßlichen Ansetzung des letzten Regierungsjahres bei Iosephus freilich auch seine Mitteilung, dass Herodes nicht allzu lang vor einem Passafest dahinschied. Allerdings wird die Frage, wie lange genau vor jenem jüdischen Fest (welches in etwa in den April fällt) sich der Tod ereignete, von den Gelehrten zum Teil sehr unterschiedlich beantwortet. Auch diese Unklarheit führt unter den Iosephus-Interpreten zu unterschiedlichen Ergebnissen in der Datierung des Herodes-Todes.
Aber wie gesagt: Rechnet man ganz unvoreingenommen und auf die nächstliegendste Weise mit den Zahlen des Iosephus, so gelangt man zu einem Tod um das Jahr 3 v. Chr. (Jahr 28 oder 29 aera Actiaca). Dieses muss ich unweigerlich als den wahrscheinlichsten Ansatz des Iosephus anerkennen!39
Das Geschichtswerk des Iosephus ist die einzig erhaltene antike jüdische Quelle, die den Tod des Herodes datiert (wenn auch nur indirekt und leider nicht ganz eindeutig). Es mag natürlich sein, dass dies noch andere jüdische Schriften, wie z. B. die des Iustus von Tiberias, Zeitgenosse des Iosephus, unternommen haben; aber sie sind verschollen.40 Wenigstens erwähnen die assumptio Mosis und das Megillat Taanit den Herodes. Beides sind jüdische Schriften, die vor den Werken des Iosephus verfasst worden sind, wobei allerdings jene Stellen im Megillat Taanit, die von Herodes sprechen, viel jüngere beigefügte Kommentare sind. Die erstere der beiden Quellen, die assumptio Mosis, gibt Herodes eine Herrschaftsdauer von 34 Jahren, die zweitere setzt seinen Tod auf den siebenten Tag des jüdischen Monats Kislev.41 Aber das Todesjahr des Königs ist aus diesen beiden Quellen für sich alleine genommen nicht zu ermitteln. Was auch immer für aufschlussreiche Informationen einige der frühen Rabbis über die Regierungszeit des Herodes und über den Zeitpunkt seines Todes hätten geben können, in die Mischna und den Talmud ist davon leider nichts hinübergegangen. Die relativ alte jüdische Chronik Seder olam (rabba) macht lediglich eine Aussage zur Dauer der Herodier-Herrschaft insgesamt,42 die jedoch nicht gut auf die Zeit des Regierungsendes des Herodes schließen lässt.
Obwohl auch Strabo43, Cornelius Tacitus44 und Cassius Dio45 Herodes in ihren Werken erwähnen, gibt es keine heidnische Quelle, ob griechisch, römisch oder syrisch, die den Tod dieses Königs datiert. Immerhin weiß der römische Historiker Tacitus wie schon Iosephus zu berichten, dass es Quinctilius Varus war, der als kaiserlicher Legat in Syrien die Aufstände niederschlug, welche kurz nach dem Tod des Herodes in Judäa ausgebrochen waren. Demnach dürfte Tacitus, so man die längstmögliche Amtsdauer des Varus zugrunde legt,46 den Tod des Königs ungefähr in das letzte halbe Jahrzehnt des ersten vorchristlichen Jahrhunderts gesetzt haben. Dass die paganen Schriftsteller in dieser Frage nicht sehr ergiebig sind, ist verständlich, denn der König der Juden war für die jüdische Geschichte nun einmal von wesentlich größerer Bedeutung als für die der Heidenvölker. Ähnlich bedeutsam wie für die jüdische Geschichte war Herodes allerdings für die christliche.
Das eigentlich früheste literarische Werk, welches noch vor Iosephus Begebenheiten aus den letzten oder wenigstens den späteren Lebensjahren des Herodes schildert, auch den Tod des Königs erwähnt und überhaupt den Herodes bis heute berühmt gemacht hat, ist das Evangelium nach Matthäus (siehe Mt. 2, 1-23). Erkenntnisse zur Chronologie der Herodes-Herrschaft lassen sich aus dieser Quelle allerdings nur über die Chronologie des Lebens Jesu Christi gewinnen, und zwar wiederum nur in der Zusammenschau mit dem Evangelium nach Lukas: Wenn Jesus laut Lk. 3, 1ff. im 15. Jahr des Tiberius (28/29 n. Chr.) ungefähr 30 Jahre alt war, so muss er ungefähr 3/2 v. Chr. geboren worden sein. Zu diesem ungefähren Zeitpunkt müsste Herodes gemäß den Evangelien definitiv noch gelebt haben, wenigstens noch ein paar Monate nach der Geburt Christi, allerhöchstens aber ein dutzend Jahre (weil Jesus als Zwölfjähriger längst wieder im Heiligen Land lebte und Herodes längst tot war). Diese aus dem Evangelium gewonnene Zeitbestimmung für den Tod des Königs ist freilich alles andere als präzise. Hinzukommt, dass es ratsamer sein dürfte, die Herodes-Chronologie nutzbar für die Jesus-Chronologie zu machen und nicht umgekehrt. Denn über die Chronologie des Lebens Jesu wird unter den Forschern noch heftiger gestritten, als über die Chronologie des Herodes. Folglich lasse ich die kanonischen Evangelien in dieser Hinsicht als Quelle weitgehend unberücksichtigt. Die anderen Schriften des Neuen Testaments sowie die der Apostolischen Väter und alle sonstigen erhaltenen Schriften und Dokumente des frühen Christentums bis zur Wende zum dritten Jahrhundert, seien es Briefe, Kirchenordnungen, liturgische Überlieferungen, Apologien, Dialoge, Märtyrerakten etc. bringen uns in unserer Frage leider nicht weiter. Ähnlich verhält es sich mit den apokryphen Evangelien und verwandter apokrypher Literatur.47
Natürlich wird man bei einigen Judenchristen der ersten, vielleicht auch noch der zweiten Generation ebenso wie bei ihren jüdischen Zeitgenossen eine genauere Kenntnis der historischen Herrschafts-Chronologie des Herodes voraussetzen müssen. Aber erhaltene schriftliche Überlieferungen der Judenchristen sind (außer eben den neutestamentlichen Schriften) rar. Und wir wissen nicht einmal, ob jemand aus diesen Reihen überhaupt etwas Entsprechendes aufzeichnete. Jedenfalls ist leider nichts desgleichen in erkennbarer Gestalt auf uns gekommen. Was die Heidenchristen der ersten beiden Jahrhunderte betrifft, so darf man wohl sagen, dass die Erforschung solcher historischen Daten nicht gerade in ihren Interessenhorizont fiel. Die beiden Heidenchristen Iustinus Martyr (gestorben um 165 n. Chr.) und der Bischof Theophilus Antiochenus (gestorben kurz nach 180 n. Chr.) sind uns dafür Exempel.48 Sie haben sich bei ihren judenchristlichen Brüdern oder den Juden nicht näher über die Chronologie der Herodes-Herrscher, unter denen Jesus gelebt hatte, oder die neutestamentliche politische Zeitgeschichte erkundigt. Auf dieser Grundlage und weil nach dem Bar Kochba-Aufstand (132-135 n. Chr.) das Judenchristentum in der Kirchengeschichte immer leiser, das Heidenchristentum hingegen immer lauter wurde, müsste man meinen, dass auch auf die Kirchenschriftsteller nach Iustinus und Theophilus nichts in Sachen Herodes-Chronologie gekommen ist, was irgendwie einen historischen Quellenwert haben könnte. Es sind aber wenige kleine Fußnoten der frühen Kirchengeschichte, welche einen die Hoffnung nicht ganz aufgeben lassen. Man weiß von schriftstellerisch tätigen Judenchristen des zweiten Jahrhunderts (etwa Hegesippius, ein zum Christentum bekehrter Jude, der wahrscheinlich aus Palästina stammte und fünf Bücher, genannt hypomnemata, verfasste49) und man weiß von Christen des frühen dritten Jahrhunderts, die an der Geschichte des Heiligen Landes und seiner Chronologie durchaus interessiert waren (etwa Judas, dem Namen nach zu urteilen ein gebürtiger Jude, der vermutlich eine Chronik über jüdische Geschichte schrieb zwecks Erklärung der Wochen beim Propheten Daniel,50 oder Iulius Africanus, auf den ich an späterer Stelle noch ausführlich eingehen werde). Das Interesse solcher Christen gibt Grund zur Hoffnung, dass auch zur Herodes-Chronologie noch kleine authentische Informationen ausgegraben, festgehalten und uns von Kirchenschriftstellern überliefert worden sind. Klar ist dennoch, dass uns die Alte Kirche auf unserer Suche nach dem Todesjahr des Herodes nicht viel an die Hand gibt.
Zumindest war den frühen Christen als Hörern und Lesern des Matthäusevangeliums so viel klar: Wenn Herodes vorsichtshalber alle Kinder Bethlehems im Alter von zwei Jahren und darunter hat umbringen lassen, um den von den Magiern aus dem Osten gesuchten Messias aus dem Wege zu räumen, und wenn Josef mit Maria und dem Kind noch vor diesem Anschlag nach Ägypten geflohen war, bald darauf aber wieder ins Heilige Land zurückkehren konnte, weil der alte König gestorben war, dann hatte Herodes die Geburt des Königs der Könige höchstens um wenige Jahre überlebt. Wenn sich aber auch eine große Zahl von Kirchenschriftstellern und Kirchenvätern zur Datierung der Geburt Jesu Christi geäußert hat, so haben sich natürlich nicht alle von ihnen im gleichen Zuge auch zu Herodes ausgelassen, erst recht nicht in chronologischem Sinne. Der ganz überwiegende Teil derselben setzt die Geburt Jesu Christi entweder ins 41. Jahr des Augustus – so die Älteren wie Irenaeus Lugdunensis51, Tertullianus52 und evtl. auch Origenes53, aber später auch Cassiodorus Senator (verfasst 519 n. Chr.) – oder ins 42. Jahr des Augustus – so scheinbar als erster Hippolytus Romanus in seinem Daniel-Kommentar54, später Eusebius Caesariensis, Epiphanius von Salamis, Paulus Orosius usw. Ebenso wurde früh das 28. Jahr des Augustus gemäß der Alexandriner genannt (gezählt ab der Eroberung Alexandrias im August 30 v. Chr.), als erstes bei Tertullianus und Clemens Alexandrinus55, später bei Eusebius und vielen anderen. Der größte Teil jener Kirchenschriftsteller setzt die Geburt Jesu also in das Jahr 3/2 v. Chr.56 (Daneben mag im Orient eventuell auch eine Tradition bestanden haben, die Geburt des Herrn ins Jahr 1 v. Chr. zu setzen57). Wie die Angaben und Erwähnungen der einzelnen Kirchenschriftsteller in diesem Punkte näher und am ehesten richtig auszulegen sind, soll uns hier nicht beschweren. Uns reicht die grobe Richtung der Geburtsdatierung aus, um zu sehen, dass man in der Alten Kirche den Tod des Herodes keinesfalls vor 2 v. Chr. ansetzen mochte und konnte. Anders als das Evangelium nach Matthäus verknüpfen einige der alten Kirchenschriftsteller die Herodes-Chronologie nicht ausschließlich mit der Chronologie des Lebens Jesu Christi, sondern eben auch mit der römischen Chronologie (Kaiserjahr, Konsulat usw.) oder mit der Seleukidenära, sodass ihre Stimme im Rahmen meiner Untersuchung vorsichtige Berücksichtigung finden muss.
Sollte der unter anderem auch auf chronistischem Gebiet forschende Hippolytus von Rom (um 170-236 n. Chr.) eine genauere chronologische Zuweisung des Herodes-Todes vorgenommen haben, so ist sie leider verloren gegangen. Auch jener Christ namens Judas, der 202/203 n. Chr. eine Chronographie abgeschlossen zu haben scheint,58 die allerdings längst verschollen ist, mag vielleicht das Endjahr der Herodes-Regierung genannt haben. Und läge uns das Werk des großen christlichen Chronisten Iulius Africanus aus dem frühen 3. Jh. n. Chr. noch vollständig vor, so fänden wir darin mit großer Wahrscheinlichkeit eine explizite Datierung des Herodes-Todes. Die wenigen erhaltenen Africanus-Fragmente aber lassen einen sicheren Schluss nicht mehr zu. Wir sind jedenfalls durch sie in Kenntnis gesetzt, dass Africanus dem Herodes eine Regierungsdauer von 34 Jahren gegeben hat. Es ist gut möglich, aber leider nicht vollends gesichert, dass Africanus das 34. Jahr des Herodes 5501 annus mundi, also (2/)1 v. Chr. ansetzte.59 Die erste eindeutige, wenn auch wieder nur beiläufig gelieferte Datierung des Todes des Herodes findet man sodann im ersten Viertel des 4. Jhs. bei dem berühmten „Vater der Kirchengeschichte“ Eusebius von Caesarea. In seinem Chronikon setzte er Herodes‘ Tod etwa ins Jahr 3 nach Chr., wenn er das Jahr 756 a. U. c. = 47. Jahr des Augustus und das 37. Jahr des Herodes nebeneinander stellt (und wenn er Christi Geburt, welche er mittels mehrerer verschiedener Datierungen deutlich an das Jahr 3(/2) v. Chr. knüpft, ins 32. Jahr des Herodes setzt). Denn Eusebius rechnete wie Iosephus mit 37 Herrschaftsjahren für Herodes. Allerdings zählte er sie ungefähr vom Jahre 34 v. Chr. an (11. Jahr des Augustus; leider begründet Eusebius diese Epoche der Herodes-Herrschaft nicht ereignisgeschichtlich).60 In der zweiten Hälfte des 4. Jhs. setzte der griechische Kirchenvater Epiphanius von Salamis (Epiphanius Constantiensis) die Geburt Christi in das 33. Herrschaftsjahr des Herodes und das 42. Jahr des Augustus. Weil auch Epiphanius eine 37jährige Regierung des Herodes annahm, so muss er den Tod des Königs ähnlich wie Eusebius ca. 3 n. Chr. angesetzt haben.61 Die um 400 n. Chr. veröffentlichte lateinische Chronik des Sulpicius Severus setzt das 37. und damit letzte Jahr des Herodes 1/2 n. Chr. an.62 Ioannes Malalas (gestorben nach 570 n. Chr.)63 und der große byzantinische Chronist Georgius Syncellus (gestorben 810 n. Chr.)64 stimmen betreffs des Todesjahres des Herodes in etwa mit Eusebius und Epiphanius überein. Die einflussreichsten Chronologie-Schüler des Eusebius im Westen, nämlich die beiden Kirchenlehrer Sophronius Eusebius Hieronymus (ca. 347-420 n. Chr.) in der späten Antike und Beda Venerabilis (um 672-735) im frühen Mittelalter setzten den Tod des Herodes nicht früher an als ihr Lehrer.65
Das Todesjahr des Herodes wird von keinem dieser genannten Kirchenschriftsteller mit Nachdruck festgestellt und genannt, und es scheint auch keinen von ihnen besonders zu interessieren. Gemäß der Mehrheit ihrer chronologischen Ansätze müsste es jedoch etwa das Jahr 3 (oder 3/4) n. Chr. gewesen sein. Da nun die Überlieferung zum Geburtsjahr des Herrn ganz vertrauenswürdig schien und man es auch nicht ganz so genau nahm wie die chronologische Wissenschaft der Neuzeit und unserer Tage, kümmerte sich damals um eine Datierung des Todes des Herodes niemand sonderlich. Gustav Rösch sagt recht passend, dass es mit wenigen Ausnahmen „die einstimmige Ansicht aller Zeugen des Altertums ist, daß Jesus um das Jahr 2 vor unserer Aere, und zwar entweder unmittelbar vor oder nach seinem Anfang, geboren sei. Für den Tod des Herodes bieten die Kirchenväter allerdings keinen Anhaltspunkt, als den, daß sie […] alle der Meinung waren, er sei 752 R. [2 v. Chr.] noch am Leben gewesen“66. Etwa derart unbestimmt war der kirchliche und wissenschaftliche Standpunkt zum Todesjahr des Herodes durch viele Jahrhunderte hindurch.
Zwei interessante Ausnahmen innerhalb der christlichen Literatur, sowohl was die Nachdrücklichkeit der Datierung des Herodes-Todes anbelangt, als auch was die Datierung an sich betrifft, scheinen sich allerdings zu finden: 1. ein Text, dessen Kern vom Kirchenvater Athanasius dem Großen von Alexandria (4. Jh. n. Chr.) stammen könnte, und 2. die Chronik des Syrers Agapius aus dem 10. Jh. n. Chr.
1. Ungefähr im 9./10. Jh. wurde das Florilegium Coislinianum, eine Sammlung von Zitaten aus älteren Kirchenväter-Schriften, zusammengestellt. Darinnen befinden sich auch Aussagen über Herodes, die auf Athanasius zurückgehen könnten. Tomás Fernández, der diese Quelle 2020 mit seinem kurzen Artikel „A Neglected Source on the Date of Herod the Great’s Death“ versuchte in die Diskussion um das Todesjahr des Königs einzubringen, sagt: „According to the
fragment, Herod died on 25 December, when Augustus had been emperor for forty-five
years, during Silvanus’ consulship:
ei=ce de. to,te Au;goustoj evn th/ basilei,a e;toj pe,mpton kai. tessarakosto,n( u`´pateu,ontoj Silouanou/( pro. ovktw. Kalandw/n Viannouari,wn)“67
Fernández urteilt: Die Konsulatsangabe und das Kalenderdatum führen zum 25. Dezember des Jahres 2 v. Chr. (was völlig korrekt ist). Er hält diese Datierung angesichts der modernen Fachdiskussionen über Herodes‘ Todeszeitpunkt für bemerkenswert. Nur das 45. Jahr des Augustus sei problematisch, weil Augustus keine 45 Jahre geherrscht habe. Fernández vermutet, ursprünglich habe es im Text „im 25. Jahr des Augustus“ geheißen. Das führe dann wie das Konsulat ins Jahr 2 v. Chr. (Fernández möchte die Augustus-Jahre also scheinbar ab 27 v. Chr. zählen). In Wirklichkeit allerdings liegt in der Angabe des 45. Jahres des Augustus überhaupt keine Schwierigkeit. Wie alle anderen Kirchenschriftsteller seiner Zeit wird Athanasius bzw. der Verfasser des Textes von einer Regierungsdauer von 56 oder 56½ Jahren ausgegangen sein und diese wie etwa Eusebius ab ca. 44 oder 43 v. Chr. gezählt haben. Das 45. Jahr des Augustus lief folglich ganz ungefähr 2 n. Chr. Damit weicht diese Datierung des Herodes-Todes nicht mehr wesentlich von den chronologischen Ansätzen der anderen Kirchenschriftsteller ab. Und ich halte es für sehr gut denkbar, dass Athanasius bzw. jener Autor den Tod des Herodes auch tatsächlich ganz willentlich in dieses 45. Jahr des Augustus gesetzt hat. Was ist aber mit den beiden im Text nachgeschobenen Datierungsangaben („unter dem Konsulat des Silvanus“ = 2 v. Chr. und ante diem VIII Kalendas Ianuarias = 25. Dezember)? Es scheint Fernández gar nicht aufzufallen, dass es sich hierbei um absolut gängige Elemente der altkirchlichen Datierung der Geburt Jesu handelt. Der 25. Dezember war seit Hippolytus Romanus, spätestens seit dem 4. Jh. (Chronograph des Jahres 354, Ioannes Chrysostomus, Augustinus) neben dem 6. Januar die gängigste Datierung der Geburt Jesu. Das Konsulatsjahr des Silvanus als Geburtsjahr des Heilands nannte der Kirchenvater Epiphanius von Salamis, später auch Ioannes Malalas.68 Sollte der Tyrann etwa am selben Tag gestorben sein, wie der Messias geboren wurde? Mit der Chronologie des Evangeliums nach Matthäus scheint dies zumindest nicht konform zu sein (denn sonst hätte der Engel den Josef nicht mehr im Traum dazu drängen müssen, mit dem Kind vor Herodes zu fliehen). Athanasius oder jener Autor kann diese Gleichzeitigkeit daher kaum im Sinn gehabt haben. Dennoch liegt die Vermutung, dass es sich hier eigentlich um eine Datierung der Geburt Christi handelt, absolut nahe. Deshalb gehe ich bezüglich des Konsulatsjahrs sowie des römischen Kalenderdatums von einer „inhaltlich verrutschten Datierung“ aus, die ursprünglich die Geburt Jesu datierte und erst nachher, spätestens bei Erstellung der Sammlung, fälschlicherweise dem 45. Jahr des Augustus zugesellt wurde. In der ursprünglichen, dahinterstehenden Überlieferung waren das Konsulat des Silvanus und der 25. Dezember meiner Einschätzung nach ganz an die Geburt des Messias, nicht an den Tod des Königs geknüpft, womit sich meiner Meinung nach der Wert der Quelle für unsere Fragestellung stark relativiert.
2. Die zweite Ausnahme innerhalb der alten christlichen Literatur ist hingegen eine echte. Agapius Mabbugensis, Bischof von Hierapolis, schrieb im 10. Jh. n. Chr. die erste christliche Weltchronik in arabischer Sprache, worin er den Tod des Herodes mittels mehrerer Paralleldatierungen zweifelsfrei um das Jahr 1 v. Chr. ansetzt. Im ersten Teil seiner historia universalis scheint er nur eine 37jährige Herrschaftsdauer (anhebend mit dem 8. Jahr des Augustus) zu kennen und lässt diese im Jahr 311 aera Seleuc. und im 44. Jahr des Augustus zu Ende gehen; im zweiten Teil scheint er nur eine 34jährige Herrschaftsdauer (anhebend mit dem 11. Jahr des Augustus) zu kennen und lässt sie in demselben 44. Jahr enden.69 Damit setzt Agapius den Tod des Herodes mindestens ein Jahr früher als Sulpicius Severus und mindestens drei Jahre früher als alle anderen Kirchenschriftsteller seit Eusebius von Caesarea an.
Ansonsten bin ich bei den Chronisten des Mittelalters keinen Überraschungen mehr begegnet, was die Datierung des Herodes-Todes betrifft. Der orthodoxe Patriarch Eutychius Alexandrinus (ca. 876-940), Verfasser einer Weltgeschichte, ebenfalls in arabischer Sprache, bietet letzten Endes keinen anderen Ansatz als Eusebius und Epiphanius von Salamis.70 Jacobus Edessenus bzw. Jakob von Edessa (gestorben 708 n. Chr.), eine Autorität in der syrischen Kirche, der vielleicht sogar die Chronik des Eusebius überarbeitete und ins Syrische übersetzte,71 auf jeden Fall aber eine Fortsetzung des Kanons des Eusebius herausgab (also mit dem Jahr 326 n. Chr. anhebend), setzt in einem Brief an Johannes Stylites die Geburt Christi ins 33. Jahr des Herodes sowie ins Jahr 309 aera Seleuc.72 Der Patriarch Michael Syrus (1126-1199)73, Verfasser einer äußerst umfangreichen und wertvollen syrischen Weltchronik, orientierte sich hinsichtlich jenes Regierungsjahrs des Herodes, in dem Jesus geboren wurde, offenbar an seinem Vorbild Jakob, ansonsten stimmt er hinsichtlich des ersten Regierungsjahrs des Herodes mit Agapius überein, hinsichtlich des letzten mit Eusebius. Ebenso entfernen sich die armenischen Bearbeiter dieser syrischen Weltchronik Michaels aus dem 13. Jahrhundert74 und der Syrer Gregorius Abulpharagius/Barhebraeus (gestorben 1286)75, welcher Michael Syrus‘ Werk ausgiebig heranzog, nicht oder nicht weit von diesem chronologischen Ansatz des Herodes-Todes.
Auch im Westen boten die mittelalterlichen Chronisten keinen anderen Ansatz als den des Eusebius. Ein gutes Beispiel dafür ist der Benediktiner Frutolfus Bambergensis bzw. Frutolf von Michelsberg (gest. 1103).76 Noch am Übergang zur Neuzeit in der Weltchronik des Humanisten Hartmann Schedels aus dem Jahr 1493 erfuhr die Datierung des Herodes-Todes nicht mehr Aufmerksamkeit und wurde auch nicht schärfer gefasst als fast 1200 Jahre zuvor bei Eusebius.77
I. 2. Die Ergebnisse der Forschung vom Beginn der Neuzeit bis heute
Die Wissenschaftlichkeit der Neuzeit weckte neues Interesse an der Chronologie der vergangenen Zeiten. Neue Fragen wurden gestellt und alte Fragen wurden neu gestellt. Und da meine Suche nach dem Todesjahr des Herodes nicht eine Reise durch bisher unbekannte Gegenden ist, sondern schon viele vor mir dieselben Landschaften zum Teil sehr aufmerksam durchwandert haben, empfiehlt es sich, einen knappen Überblick über die Ergebnisse unserer Vorgänger zu geben.78 Das geschehe zum einen zur Anerkennung und Würdigung ihrer Anstrengungen, die ja für mich eine unschätzbar wertvolle Vorarbeit darstellen, und sei zum anderen dem Leser eine Hilfe, die vorliegende Arbeit innerhalb der Diskussion um das Todesjahr des Herodes besser einordnen zu können.
I. 2. 1. Kurze Geschichte der Datierung des Herodes-Todes seit Scaliger
Erst im 16./17. Jh., als die von Dionysius Exiguus geschaffene Jahrrechnung ab der Geburt Christi schon längst weitgehend in Gebrauch war, begann man die kirchlichen Überlieferungen kritisch zu hinterfragen und sich neu damit auseinanderzusetzen, wann Christus tatsächlich geboren sei und was überhaupt die chronologischen Voraussetzungen für solch eine Datierung seien. Allmählich stand das Geburtsjahr Christi auf dem wissenschaftlichen Prüfstand, und zwar jetzt erstmals in einem Maße, welches auch ein ernstes Interesse am Todesjahr des Herodes aufkommen lassen musste. Bezeichnenderweise war es das Zeitalter der Konfessionalisierung, dessen Dynamik sich eben nicht nur auf kulturellem, wirtschaftlichem und politischem Gebiete auswirkte, sondern auch auf die historische Wissenschaft.
In der Überschrift dieses Kapitels taucht ganz bewusst der Name Joseph Justus Scaliger auf. Scaliger wurde von Friedrich Karl Ginzel nicht umsonst „Begründer der wissenschaftlichen Chronologie“79 genannt. Auch die Frage nach dem Todesjahr des Herodes wurde von ihm erstmals wissenschaftlich angegangen. Es bietet sich jedoch an, hier mit den kurz vor Scaliger erschienenen sogenannten „Magdeburger Centurien“ zu beginnen. In diesem ersten wissenschaftlichen Großprojekt der Neuzeit80 ist die Frage nach dem Todesjahr des Herodes zugegebenermaßen noch nicht sehr zielstrebig angegangen worden, obgleich es sich angeboten hätte. Der protestantische Theologe Matthias Flacius Illyricus (1520-1575) sann darauf, erstmals eine umfassende protestantische Kirchengeschichte von den christlichen Anfängen bis Martin Luther zu schreiben. Zur Verwirklichung wurden in ganz Europa Schriftquellen gesammelt, deren Sichtung und Auswertung die Grundlage der Magdeburger Centurien werden sollte. Einer der wichtigsten Autoren dieser Kirchengeschichte war Johannes Wigand (1523-1587). Der 1559 erschienene erste Band behandelt außer den Grundzügen der protestantischen Glaubenslehre vor allem das Leben Jesu Christi sowie dessen Umfeld und streift auch die damit zusammenhängende politische Zeitgeschichte. Die Herodes-Chronologie der Centurien ist allerdings noch etwas unbeholfen und zum Teil sogar widersprüchlich. Aber nimmt man alle relevanten chronologischen Angaben zusammen, so scheinen Flacius und Wigand den Tod des Herodes am ehesten um das Jahr 1 v. Chr. angesetzt zu haben. Allerdings ist dies, wie gesagt, etwas undurchsichtig.81
Die Magdeburger Centurien waren ein mit viel Fleiß, Aufwand und Geld erschaffenes monumentales Werk. In der Folge mühten sich nicht wenige katholische Gelehrte ab, neben anderen auch Petrus Canisius, Gegendarstellungen zu verfassen. Die Menge des zu bearbeitenden Stoffes aber verhinderte lange das Erscheinen einer gleichwertigen katholischen Kirchengeschichte, bis endlich Kardinal Caesar Baronius (1538-1607) seine Annales ecclesiastici veröffentlichte. Für uns ist der erste Band von Interesse, erstmals erschienen 1588 (ich nutze die italienische Ausgabe von 1656). Darin zeigt sich Baronius in der antiken Chronologie durchaus bewandert, ist sich z. B. der verschiedenen in den Quellen verwendeten Epochen der Augustus-Herrschaft bewusst, setzt diverse antike Ären korrekt an und arbeitet gekonnt mit Olympiaden- und Konsulatsangaben (die Datierung nach Konsulaten trägt übrigens maßgeblich zur Eindeutigkeit seiner Chronologie bei). So ist seine Herodes-Chronologie klar und eindeutig: Den Tod des Herodes setzt Baronius ganz bewusst in das Jahr 6 n. Chr. Das ist erstaunlich spät. Aber Baronius hat die chronologischen Angaben der verschiedenen Quellen richtig, d. h. in deren Sinne, erfasst und weigert sich gegen eine künstliche Harmonisierung der Widersprüche. Er hat erkannt, dass die Datierung der Geburt Christi, wie sie die kirchliche Überlieferung des Altertums bietet (3/2 v. Chr. unter Herodes), nicht mit der Herodes-Chronologie des Iosephus (Herodes‘ Tod ca. im März 3 v. Chr.) zusammenpasst. Er zeigt auf, dass es bei Iosephus gravierende Unstimmigkeiten zwischen den Altersangaben zu Herodes und der sonstigen Herodes-Chronologie gibt, und nimmt daher – „Errò spesso Giosefo neʼ tempi“ – den Mut, auch die von Iosephus angenommenen Herrschaftsepochen zu verwerfen, behält nur die Regierungsdauer von 37 Jahren bei, um sie vom Jahre 31/30 v. Chr. an laufen zu lassen (denn gemäß Iosephus wurde dem Herodes nicht lange nach der Schlacht bei Actium das königliche Diadem von Octavianus Augustus zuerkannt und die Königsherrschaft vom Senat zu Rom bestätigt82). Am spannendsten und originellsten an Baronius‘ Herodes-Chronologie ist in der Tat sein Misstrauen gegen die Richtigkeit der Herodes-Chronologie des Iosephus: Wer dem Iosephus hierin folge, begebe sich in ein Labyrinth und verstricke sich notwendigerweise in Fehler – so Baronius. Iosephus habe den Tod des Königs neun Jahre zu früh angesetzt.83
1583, wenige Jahre vor Baronius‘ Veröffentlichung, war bereits das Werk De emendatione temporum des zum Hugenottentum übergetretenen Iosephus Iustus Scaliger (1540-1609) erschienen. Scaliger, ein ausgesprochener Kenner der antiken Schriftquellen und Geschichte, bemühte sich, wie wohl keiner vor ihm, die verschiedenen antiken Zeitrechnungssysteme systematisch zu erschließen. Joseph Scaligers Herodes-Chronologie weist nun eine bestimmte neue Qualität auf: Als erster überhaupt stützt er sich in Bezug auf den Todeszeitpunkt des Königs auf ein astronomisches Ereignis: Iosephus berichtet, dass sich nicht lange vor dem Tod des Königs eine Mondfinsternis ereignete. Diese nun identifizierte Scaliger mit der eindrucksvollen totalen Mondfinsternis im Januar 1 v. Chr. Folglich war er der Meinung, Herodes sei vor dem Passa 1 v. Chr. verstorben. Ab Scaliger spielte die bei Iosephus erwähnte Mondfinsternis in der Argumentation der meisten Gelehrten zum Todesjahr des Königs eine wesentliche Rolle.84
Anders als Baronius akzeptierte Joseph Justus Scaliger die Herodes-Chronologie des Iosephus. Er war allerdings genötigt, die Zählweise der Herrschaftsjahre zu modifizieren: Herodes sei, wie Iosephus angibt, im Jahre 40 v. Chr. in Rom zum König ernannt worden. Seit die Juden im Jahre 170 aera Seleuc. die Jahre nicht mehr nach der Seleukidenära, sondern nach den Jahren des Simon Makkabaios zählten (siehe 1. Makk. 13, 41), hätten sie die Regierungsjahre ihrer Fürsten nicht mit dem Nisan und auch nicht dem Tischri beginnen lassen, sondern mit dem Monat Ijar (April/Mai). Iosephus zähle nun der jüdischen Gewohnheit gemäß vom Ijar 39 v. Chr., welcher der Königsernennung folgte, bis zum Ijar 2 v. Chr., welcher dem Tod des Herodes vorausging, 37 volle Jahre. Herodes sei vor dem Passa 1 v. Chr. verstorben, also noch vor dem auf den 1. Ijar fallenden Jahresbeginn und also vor Vollendung seines 38. Regierungsjahres. Dieses nicht vollendete Regierungsjahr zähle Iosephus nicht mit. Faktisch seien es von 40 v. Chr. bis Frühjahr 1 v. Chr. sogar bald 39 Jahre gewesen.85 Ferner möchte Scaliger diese Chronologie durch die Zeitangaben des Iosephus zur Herrschaft des Archelaos und des Philippos, den beiden Söhnen des Herodes, gestützt sehen: Z. B. habe Archelaos laut Iosephus neun volle Jahre geherrscht, ehe er im 37. Jahr der aktischen Ära (eigentlich 6/7 n. Chr.) von Augustus abgesetzt worden sei. Scaliger setzt dafür (falsch) das Jahr 8 n. Chr. (annus Iulianus 53) an.86 Archelaos‘ erstes Jahr sei folglich das Jahr 2/1 v. Chr. gewesen (annus Iulianus 44 exactus, aut 45 iniens est primus Archelai) (Vordatierung des tatsächlichen Herrschaftsantritts, welcher kurz vor dem Passa 1 v. Chr. geschah, auf den jüdischen Jahresanfang am 1. Ijar).87 Philippos sei gemäß der richtigen Lesart des Iosephus im 22. Jahr des Tiberius verstorben, nach einer 37jährigen Regierung. Das 22. Kaiserjahr sei das annus Iulianus 81 (= 36 n. Chr.). Ziehe man davon die 37 Jahre ab, so gelange man für den Regierungsbeginn des Philippos zum annus Iulianus 44 (= 2 v. Chr.). Itaque hoc tempus competit initio anni Iuliani 45. Die Mondfinsternis bestätige die derart gewonnene Datierung des Herodes-Todes ins Frühjahr 1 v. Chr.
Der protestantische Thomaskantor in Leipzig Seth Kalwitz bzw. Sethus Calvisius (1556-1615), ein astronomisch und chronologisch hochgelehrter Mann, der sich mit seinem Opus chronologicum (1605) unter seinen Zeitgenossen einen großen Namen machte, setzte den Tod des Herodes wie Scaliger ins Frühjahr 1 v. Chr.88 In seinem gerade genannten Werknennt Calvisius die Ansicht des Baronius, nach welcher die Regierungsjahre des Herodes ab der Schlacht bei Actium zu zählen seien, „absurd“; stattdessen akzeptiert Calvisius wie Scaliger die Informationen des Iosephus zum Herrschaftsantritt des Herodes im Jahre 40 v. Chr. (Calvisius datierte die Königsernennung in den Spätfrühling des Jahres) und im Juni 37 v. Chr. voll und ganz: Haec omnia circumstantiis et characteribus temporum apud Iosephum, ita munita sunt, ut de initio Herodis dubitari non posit89. Allerdings scheiden sich die Wege des Calvisius von den Bahnen Scaligers dort, wo es um die Zählweise der von Iosephus genannten 37 und 34 Herrschaftsjahre geht. Erstens wählt Calvisius als Beginn des Königsjahres den jüdischen Monat Nisan. Zweitens sieht er bei den Juden und folglich auch bei Iosephus die einfache Regel angewandt, einem jüdischen König genau so viele Regierungsjahre beizulegen, wie Passafeste (am 15. Nisan) unter demselben Herrscher gefeiert wurden (die Anwendung dieser Regel bereits in alttestamentlicher Zeit versucht er anhand von 1. Könige 15 zu demonstrieren). Dies wendet Calvisius auf die Herrschaft des Herodes an: Das Passa 39 v. Chr. bzw. das Passa 36 v. Chr. war das erste unter Herodes; das Passa 3 v. Chr. war das 37. bzw. 34. und damit letzte unter Herodes. Da der König das Passafest 3 v. Chr. demnach noch miterlebte, laut Iosephus aber vor einem Passafest verstorben ist, so müsse Herodes nach Meinung des Iosephus vor dem Passa im Jahr 2 v. Chr. (annus Iulianus 44) aus dem Leben getreten sein. Diesen Ansatz des Iosephus sieht Calvisius auch durch Iosephus‘ Angaben zu Archelaos und Philippos bestätigt. Calvisius ist also der Meinung, Iosephus‘ Angaben zu Epochen und Regierungsdauern setzen rechnerisch einen Tod des Herodes im Frühjahr 2 v. Chr. voraus. Wenn er aber liest, was derselbe antike Historiker über die letzte Lebenszeit und den Tod des Königs schreibt, so sieht er darin ein anderes Todesjahr gefordert, nämlich 1 v. Chr. (Verum enim vero Iosephus in historia mortis Herodis alium characterem temporis addit, qui ab hac sua assertione uno anno discrepat & Herodi adhuc unum annum regni largitur90). Und zwar stützt sich Calvisius in diesem Punkte ebenso wie Scaliger auf die Mondfinsternis im Januar 1 v. Chr., nach welcher der alte König verstorben sein müsse. Der Tod fällt folglich nicht ins 37. oder 34. Herrschaftsjahr, sondern ins 38. bzw. 35. Herrschaftsjahr. Calvisius gibt also gegenüber den Zahlen des Iosephus dem sicher bestimmbaren astronomischen Ereignis den Vorzug. Einige Jahre später argumentierte Calvisius noch einmal für das Jahr 1 v. Chr. als Todesjahr des Herodes, diesmal in Reaktion auf den gleich noch zu besprechenden chronologischen Ansatz Keplers.91
Die chronologischen Ansätze des Todes des Herodes, wie sie von Baronius, Scaliger und 1605 von Calvisius geboten wurden, stehen in völligem Einklang mit der Überlieferung der Alten Kirche zum Geburtsjahr Christi um 3/2 v. Chr. Das Jahr 1605 ist nun aufgrund einer weiteren Veröffentlichung als ein wesentlicher Wendepunkt in der wissenschaftlichen Diskussion um das Geburtsjahr Christi und zugleich um das Todesjahr des Herodes zu begreifen. Der an der Universität in Graz lehrende Jesuitenpater Johannes Decker (oder Ioannes Dekerius) gab nichts auf die herkömmliche Datierung der Geburt Christi. Deckers Forschungen forderten ein früheres Geburtsjahr (was dem Kardinal Baronius übrigens ein Dorn im Auge war). 1605 erschien in Graz unter Decker die Doktorarbeit des polnischen Jesuiten Laurentius Suslyga (1570-1640). Nach Auswertung der historischen Quellen meinte Suslyga, Herodes I. müsse etwa 3 v. Chr. verstorben sein. Denn er sei gemäß Iosephus anno sexto Iuliano (40 v. Chr.) unter den Konsuln Calvinus und Pollio in Rom zum König ernannt worden und habe 37 Jahre lang geherrscht, ehe er folglich kurz vor Passa 3 v. Chr. (annus Iulianus 43) verstorben sei.92 Neben der Argumentation zu Herrschaftsbeginn, Herrschaftsdauer und bestimmten Herrschaftsjahren des Herodes bezieht Suslyga wie seine Vorgänger auch die Herrschaftschronologie der Herodessöhne Archelaos und Philippos ein. Außerdem schlägt er die Korrektur einer Altersangabe des Iosephus zu Herodes vor93 und schickt vor allem zwei neue Argumente ins Rennen: Philippos, einer der Nachfolger des Herodes, benannte laut den antiquitates die Stadt Bethsaida nach der Augustustocher Iulia; das muss geschehen sein vor der unehrenhaften Verbannung dieser Frau durch Augustus im Jahre 2 v. Chr. Nicht lange darauf schickte Augustus, wie die profanen Schriftsteller der Antike mitteilen, seinen Enkel Gaius als Oberbefehlshaber in den Orient; Gaius war aber laut Iosephus zuvor in Rom an den jüdischen Nachfolgeregelungen nach dem Tod des Herodes beteiligt. Also: Herodem vita functum ante exilium Iuliae Augusti filiae et Caii Caesaris in Oriente praefecturam anno XLIIII. Iuliano [2 v. Chr.]94. Suslygas Datierung des königlichen Ablebens um ein paar Jahre früher als gewöhnlich ist als Startschuß zu einer kleinen chronologischen Revolution anzusehen. Aus Suslygas Arbeit wird besonders deutlich: Die Datierung des Herodes-Todes war längst Mittel zum Zweck geworden; denn wer das Todesjahr des Königs anzugeben vermochte, konnte damit den terminus ad quem der Geburt Jesu Christi, also den spätestmöglichen Zeitpunkt derselben, benennen. Damit war das Todesjahr des Herodes ins Zentrum des chronologischen Interesses gerückt. Die ganze Angelegenheit führte aufgrund ihrer Bedeutung für die Chronologie der christlichen Religion weitere große Männer in eine ernste Diskussion.
Einer der ersten, der den neuen von Suslyga eingeschlagenen Weg unüberhörbar betrat, war der berühmte deutsche Astronom Johannes Kepler/Ioannes Keplerus (1571-1630). Im Oktober 1604 hatte der zumeist in katholischen Diensten stehende Protestant Kepler von Prag aus eine stella nova, d. h. einen „neuen Stern“, beobachtet, der durch mehrere Wochen hindurch auffällig hell am Himmel stand.95 Erst einige Monate hiervor genoss der Astronom in nächtlichen Stunden noch den Anblick der seltenen Konjunktion der Planeten Jupiter und Saturn. Jetzt, beinah zeitgleich mit der stella nova, kam es zur Konjunktion von Jupiter und Mars. Der „neue Stern“ stand unmittelbar bei diesen Planeten. Es war, als habe die Begegnung von Jupiter und Saturn jenen neuen Stern angekündigt, welcher Kepler so sehr an den Stern von Bethlehem aus dem Matthäusevangelium erinnerte, und als werde er nun begleitet von der Begegnung von Jupiter und Mars. Konnte das nicht rund 1600 Jahre früher ebenso abgelaufen sein? Der Fachmann Kepler rechnete nach und fand, dass in den Jahren 7/6 v. Chr. eine dreifache Konjunktion von Jupiter und Saturn im Sternbild der Fische stattgefunden hatte, und es hatte sich auch Mars wieder hinzu gesellt.96 Kepler nahm an, dass mit diesem Himmelsschauspiel auch damals die Sichtung einer stella nova einhergegangen war – was aber keine astronomische Konsequenz, sondern letztlich reiner Zufall gewesen wäre –, und meinte damit den Stern von Bethlehem gefunden zu haben. Allerdings musste unter solchen Umständen der Heiland früher als bisher angenommen geboren worden sein. In dieser Hinsicht begeisterte Kepler das Ergebnis Suslygas zum Todesjahr des Herodes (Kepler führt Suslygas Veröffentlichung mehrfach in seinen Schriften als wesentliche Referenz an). Der Astronom aber vermochte die Datierung des Herodes-Todes mittels der Astronomie weiter einzugrenzen: Kepler verwarf Scaligers Mondfinsternis im Januar 1 v. Chr. und stützte sich stattdessen auf eine partielle Mondfinsternis am 13. März 4 v. Chr. Er gelangte folglich dahin, dass Herodes noch ein Jahr früher als Suslyga angenommen hatte, also bereits im Frühling 4 v. Chr., verstorben sein müsse.97 Kepler, der sich vor allem genötigt sah, Calvisius entgegenzutreten, verstand es obendrein, die chronologischen Angaben des Iosephus zur Herodes-Herrschaft seinem eigenen Ansatz dienstbar zu machen: Erstens war Kepler der Meinung, die Regierungsjahre des Herodes bei Iosephus seien nicht als jüdische Jahre mit einem Anfang im Frühling (1. Nisan) oder im Herbst (1. Tischri) aufzufassen, sondern als römische Kalender- bzw. Magistratsjahre, welche eben mit dem 1. Januar beginnen. Zweitens habe Iosephus nicht nur die vollen 35 Jahre 39-5 v. Chr., sondern auch die beiden Jahre 40 und 4 v. Chr. als Regierungsjahre gezählt, wenngleich Herodes erst im Laufe des Jahres 40 v. Chr. seine Herrschaft angetreten habe und bereits im Frühjahr 4 v. Chr. aus dem Leben geschieden sei. Iosephus habe also die Regierung des Herodes, die tatsächlich nur 35 Jahre und mehrere Monate bzw. knapp 36 Jahre gedauert, sich aber durch 37 verschiedene Konsulatsjahre erstreckt habe, eine 37jährige Herrschaft genannt. Auf gleiche Weise interpretierte Kepler auch die 34jährige Herrschaftsdauer. Diese Art, die Regierungsjahre zu zählen, nennt Kepler inclusive numerare. Solch eine Inklusivzählung der Herrschaftsjahre, die im Altertume hie und da bei verschiedenen Historiographen vorzufinden sei, schließe eben nicht nur die vollen Kalenderjahre ein, sondern auch die nur zeit- bzw. teilweise durchherrschten Kalenderjahre am Anfang und am Ende einer Herrschaft. Es ist hervorzuheben, dass Kepler, genauso wie er als erster die bei Iosephus erwähnte Mondfinsternis mit jener im März 4 v. Chr. identifizierte, so auch als erster solch eine Inklusivzählung der Herrschaftsjahre bei Iosephus annahm.98 In beidem folgten ihm etliche Gelehrte.
Mit den Arbeiten von Suslyga und Kepler war der älteren Chronologie eines Calvisius und eines Scaligers der Kampf angesagt. Wie sehr konfessionelle Gegnerschaften in die ganze Angelegenheit auch hineinspielten, der Bruch ging sowohl mitten durch das katholische wie auch mitten durch das protestantische Lager, sodass es sich bei der neuzeitlichen Diskussion um das Geburtsjahr Christi und in diesem Zusammenhang eben auch um das Todesjahr des Herodes in erster Linie nicht um Glaubensfragen handelte, sondern tatsächlich um eine wissenschaftliche, wenn auch von persönlichen Gegnerschaften stark geprägte Diskussion.
Der Jesuit Dionysius Petavius bzw. Denis Pétau (1583-1652), war ein vorzüglicher Kenner der antiken Chronologie und zugleich doch der schärfste Kritiker Scaligers. Petavius leistete wie dieser ungemein viel Arbeit auf dem Gebiet der Synchronisation der verschiedenen antiken Zeitrechnungen und der Geschichte der verschiedenen Völker, sodass Elias Bickerman die beiden zurecht „the founders of modern chronology“99 nennt. Petavius nun sowie der Anglikaner Jacobus Usserius bzw. James Ussher gingen bald nach Kepler ebenso von der Finsternis im März 4 v. Chr. aus. Während aber Petavius 1627 in seinem Werk De doctrina temporum genau wie Kepler den Tod zwischen die Mondfinsternis und das Passa 4 v. Chr. setzte, außerdem gleich Kepler von einer Inklusivzählung der Regierungsjahre ausging – allerdings jeweils mit dem 1. Nisan, nicht mit dem Januar beginnend –,100 setzte Ussher 1654 in seinen Annales […] novi testamenti den Tod des Herodes wohl als erster gemäß einer jüdischen Quelle, dem bereits genannten Megillat Taanit, auf den 7. Kislev101 (im Jahre 4 v. Chr. Ende November) und meinte folglich, nicht das Passa 4 v. Chr., sondern das des Jahres 3 v. Chr. müsse auf den Tod des Königs gefolgt sein.102 Der auf jene jüdische Tradition gestützte Vorschlag Usshers verhallte nicht, denn den 25.103 November 4 v. Chr. als Todestag des Herodes übernahm der Augustinerpater und Kardinal Henricus Norisius bzw. Enrico Noris, ein in antiker Numismatik und Chronologie bewanderter und in der Fachwelt unter anderem mit seinem Werk Annus et epochae Syromacedonum glänzender Gelehrter. Er ging der Herodes-Chronologie zuerst 1681 in seinem Werk Cenotaphia Pisana nach, später (sein Ergebnis leicht revidierend) in seiner 1696 erstmals veröffentlichten epistola ad Antonium Pagium de nummo Herodis Antipae. Zu Anfang dieses letztgenannten Werkes gesteht Noris: Annum obitus Herodis Magni Iosephus nullo chronologico charactere designat. Dennoch nenne Iosephus eben die Epoche(n) der Herodes-Herrschaft sowie die Summe der Regierungsjahre: Herodes sei im Herbst 40 v. Chr. in Rom zum König ernannt worden und habe ab da bis ins 37. Jahr regiert. Dieses 37. Jahr habe im Herbst 4 v. Chr. begonnen. Andererseits kann man laut Enrico Noris die Regierungen der Herodes-Nachfolger Archelaos, Antipas und Philippos aus vielerlei Gründen nicht später als 4 v. Chr. beginnen lassen, sodass Noris gerne auf Usshers Vorschlag zurückgreift und Herodes‘ Tod auf den 7. Kislev = 25. November 4 v. Chr. legt, vor das Passa des Jahres 3 v. Chr. Denn im Jahr 3 v. Chr. habe der Augustusenkel Gaius an den Verhandlungen über die Nachfolge des Herodes teilgenommen. Außerdem führt Noris die datierten Münzen des P. Quinctilius Varus aus Antiochia am Orontes an, um zu zeigen, dass seine Statthalterschaft, während welcher Herodes verstarb, von mindestens 6-4 v. Chr. gereicht hat.104 Auch das passt zu seiner Datierung des Todes auf den November 4 v. Chr.105
Zur Jahrhundertwende waren diese zwei bis drei unterschiedlichen Datierungsansätze – nämlich Frühling oder Ende November 4 v. Chr. oder Frühjahr 1 v. Chr. – in der Fachwelt längst allgemein bekannt und standen sich konkurrierend gegenüber.106 Mit zunehmender Zeit sollten sich aber die Stimmen derer mehren, die im Ergebnis mit Kepler übereinstimmten, zumindest was das Jahr und die Jahreszeit des Herodes-Todes betrifft. 1733 befasste sich Nicholas Mann im Zuge seiner Suche nach dem Geburtsjahr Christi auch knapp mit dem Todeszeitpunkt des Herodes und kam zu dem Ergebnis: „Herod probably dy’d at Jericho about 9 or 10 Days after that Eclipse [vom 13. März 4 v. Chr.], and about 3 Weeks before the Passover (which fell that Year on the 10th of April,) that is, about the 21st of March P. J. 4710, U.C. 750“107. 1772 lieferte Dominicus Magnan(ius) in seinen Problema de anno nativitatis Christi gründlichere historische Untersuchungen zum Todesjahr des Herodes sowie überhaupt zur Herrschaftschronologie des Herodes und seiner Nachfolger. Er wertete die Ansätze von Kepler, Petavius, Ussher, Noris, Baronius, Vossius, Ricciolius u. a. aus und stellte selbständige Überlegungen an. Magnan folgte in Sachen Herodes-Tod-Datierung so ziemlich dem Ergebnis des Petavius, untersuchte aber sehr viel tiefer gehend.108 1793 wurde eine von Magnans Untersuchungen stark beeinflusste Arbeit von prägender Wirkung zum Gegenstand veröffentlicht. Der Jesuit Henricus Sanclementius bzw. Enrico Sanclemente gelangte in dem für die weitere wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Geburtsjahr Christi so förderlichen Werk De vulgaris aerae emendatione wie Kepler, Petavius und Magnan zu der Meinung, Herodes müsse kurz vor dem Passa 4 v. Chr. gestorben sein. Anders als noch Kepler kam Sanclemente unabhängig von astronomischen Erwägungen zum Stern von Bethlehem zu diesem Schluss, allein aufgrund einer gründlichen Auswertung der antiken Schriften, Münzen und Inschriften. Auf die Mondfinsternis legte Sanclemente keinen Wert,109 deckte aber ansonsten tatsächlich die ganze Bandbreite der Argumentation für einen Tod des Herodes in den ersten Nisan-Tagen des Jahres 4 v. Chr. ab. Sanclemente lieferte damit die bis dahin wohl am ausführlichsten geführte Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Todesjahr des Herodes und hatte denn auch enorme Wirkung auf die weitere Diskussion.110
Während Friedrich Münter (1827)111 und viele andere dem Sanclemente in seinem Ergebnis folgten und einen Tod des Herodes in den Anfangstagen des Nisan des Jahres 4 v. Chr. annahmen, wurde etwa ab 1800 von anderen immer mal wieder die Meinung ausgesprochen, dass Herodes‘ Todesjahr das Jahr 3 v. Chr. sein müsse (wie ja bereits Suslyga gemeint hatte). In erster Linie führte die kurze, nur etwa vierwöchige Zeitspanne zwischen der Mondfinsternis im März 4 v. Chr. und dem Passa desselben Jahres im Angesicht der zahlreichen von Iosephus geschilderten Ereignisse zwischen Finsternis und Passa zu dieser Ansicht. Vertreter dieser Ansicht waren z. B. Heinrich E. G. Paulus (1800 und später)112, Ernst Gottlieb Bengel113, Friderich Gottlieb Süskind (1816)114, Christopher Benson (1819)115, Ludwig Quandt (1872)116, Carl Mommert (1909)117 und laut Scharberg u. a. auch David Ross Fotheringham (1928)118. Während diese den Tod aber im Frühjahr 3 v. Chr. suchten (– der erste, Paulus, sprach sich für ca. zwei Wochen vor Passa aus, Benson für ca. zwei Monate vor Passa, Quandt nach einer anderen Stelle im Megillat Taanit für den Anfang des Monats Schebat und der letzte, Fotheringham, offensichtlich für den Monat Adar –), suchte Karl Adam Heinrich Kellner (1908 und wohl schon 1887) den Tod des Königs am Ende des Jahres 3 v. Chr., nämlich vorzugsweise am 7. Kislev (jenem Tag, den bereits Ussher und Noris aus besagter jüdischer Fastenrolle geschöpft, selbst allerdings auf das Jahr 4 v. Chr. bezogen hatten).119 Edward Greswell setzte den Tod zwar wie Heinrich E. G. Paulus in den März 3 v. Chr., aber ihm erschien der Abstand zur Mondfinsternis im März des Vorjahres ein viel zu großer zu sein, sodass er diese Finsternis verwarf.120
Johann Friedrich Wurm hatte sich 1818 noch jedes definitive Endurteil in dieser Angelegenheit verkniffen und bewusst offen gelassen, ob man ausgehend von der Finsternis im März 4 v. Chr. eher das Jahr 4 oder eher das Jahr 3 v. Chr. für das Todesjahr zu halten habe.121 Innerhalb der zum Teil aufgeheizten Gelehrten-Debatte um das Todesjahr des Herodes verdienen Wurms „Astronomische Beiträge“ aufgrund ihrer Ausgewogenheit und Sachlichkeit übrigens ein besonderes Lob.
Dass aber, wenn man (wie ja auch Paulus, Benson, Quandt und Kellner das getan haben) richtig an der Mondfinsternis im März 4 v. Chr. festhalte, nicht das Jahr 3, sondern das Jahr 4 v. Chr. das Todesjahr des Herodes sein müsse, wollten noch einmal Rudolf Anger (1833)122, Karl Wieseler (1843)123 und Johannes von Gumpach (1848)124 betont haben. Warum man mit den 37 bzw. 34 Regierungsjahren des Herodes, wie Iosephus sie aussagt, gar nicht ins Jahr 3 v. Chr., sondern ins Jahr 4 v. Chr. gelangen müsse, wollen Anger und Wieseler (wie später Schürer) seinen Lesern mit einer in der ganzen Diskussion noch oft vorgebrachten Stelle aus dem Talmud (Rosch haschana 2a-2b) erklären. Wieseler meint, „daß bereits Josephus in seinen chronologischen Angaben dem aus dem Talmud bekannten Grundsatz folgt, die Jahre der jüdischen Fürsten von Nisan zu Nisan zu zählen, und zwar dergestalt, daß sogar jeder einzelne Tag vor und nach demselbsen gleich einem vollen Jahre berechnet wird“125. Das soll heißen, dass Iosephus die Zeit von der Königsernennung des Herodes zu Rom bis zum nachfolgenden 1. Nisan bzw. die Zeit von der Eroberung Jerusalems bis zum nachfolgenden 1. Nisan als volles erstes Regierungsjahr zählt und dass er ebenso die paar wenigen Tage, die Herodes noch im Nisan 4 v. Chr. verlebte als letztes, also als 37. bzw. 34. Regierungsjahr voll zählt. Ganz ähnlich hatten ja bereits Petavius und Sanclemente argumentiert (und die Inklusivzählung an sich hatte ja schon davor Kepler in die Diskussion eingebracht). Gumpach wehrte sich fünf Jahre später in seiner Untersuchung „Über den altjüdischen Kalender“ heftig gegen Wieselers Inklusivzählung sowie überhaupt gegen das meiste von Wieseler Vorgebrachte. Gumpach beschritt einen ganz anderen Weg und gelangte dennoch zum gleichen Ergebnis wie Wieseler: Gegen die lange Zeitspanne zwischen der Mondfinsternis im März 4 v. Chr. und dem Passa im Frühling 3 v. Chr. bzw. gegen das Jahr 3 v. Chr. als Todesjahr argumentiert Gumpach wie schon zuvor Magnan u. a. mit dem bei Iosephus erwähnten Briefverkehr zwischen Jerusalem und Rom.126 Herodes schickte zu irgendeinem Zeitpunkt vor der Mondfinsternis eine Gesandtschaft mit Briefen an Augustus nach Rom. Erst einige Tage vor seinem Tod (auf jeden Fall nicht allzu lange davor) soll er schriftliche Antwort bzw. einen Lagebericht seiner Gesandten aus Rom erhalten haben. Die Hinreise der Gesandten nach Rom, die Abgabe der Briefe des Herodes vor Ort, das Abwarten der kaiserlichen Antwort und die schnelle Weiterleitung der entsprechenden Nachrichten zum König nach Jerusalem dürften sich innerhalb von zwei Monaten längst erfüllt haben – vielleicht auch ein wenig schneller oder etwas langsamer. Jedenfalls überdehnt man diese Zeit nach Gumpach ganz eindeutig, so man von der Mondfinsternis im März 4 v. Chr. und einem Tod vor dem Passa 3 v. Chr. ausgeht (wie etwa Paulus, Benson oder Quandt) oder sogar vor dem Passa 2 v. Chr. (wie Kellner).
Solche Skepsis gegen das Jahr 3 v. Chr. als Todesjahr kann jedoch bis heute keine allgemeine genannt werden. Denn es hat ernstzunehmende Verteidiger wie Alla Kushnir-Stein – damit greife ich hier chronologisch vor –, die dasselbe Todesjahr 1995 in einem Aufsatz nachzuweisen versuchte.127 Vor allem eben, so Kushnir-Stein. könnten die von Iosephus zwischen der Mondfinsternis (im März 4 v. Chr.) und dem Passa berichteten Ereignisse sich nicht alle in einem einzigen Monat im Frühling 4 v. Chr. abgespielt haben.128 Das gesuchte Passa müsse folglich das des Jahres 3 v. Chr. gewesen sein; und der Tod des Königs müsse im Winter vor diesem Passa gesucht werden, denn „The fact that the king died in Jericho points to the winter; the death would thus have occurred in winter 4/3 BC“129, vorzugsweise am 7. Kislev. Kushnir-Stein tritt damit unbewusst in die Fußstapfen eines Usshers und eines Noris‘.
Natürlich wäre manchem, der den Tod des Herodes vor das Passa 3 v. Chr. setzte, eine Mondfinsternis gegen Ende 4 v. Chr. oder Anfang 3 v. Chr. lieber gewesen; aber solch eine ereignete sich schlichtweg nicht. Zwischen März 4 v. Chr. und Januar 1 v. Chr. fand überhaupt keine in Judäa sichtbare Mondfinsternis statt, sodass das Jahr 2 v. Chr. von so gut wie niemandem als Todesjahr angenommen wurde. Eine Ausnahme war da allein Gerardus Ioannes Vossius in seiner Abhandlung De natali anno Christi (1643). Er war der Meinung: At Herodes est mortuus anno Iuliano XLIV [= 2 v. Chr.], ante Pascha.130 Die Mondfinsternis-Nachricht des Iosephus hielt Vossius nicht für vertrauenswürdig.131 Er klammerte sie daher aus. Die Datierung des Todes ins Frühjahr 2 v. Chr. durch Vossius ist ein ziemlicher Einzelfall. Vom Ergebnis her am nächsten kommt in neuester Zeit Duncan Cameron, welcher es unentschieden lassen will, ob der Tod des Königs ins Ende des Jahres 3 v. Chr. oder in den Anfang des Jahres 2 v. Chr. zu setzen ist, und welcher ebenso wenig Wert auf die Mondfinsternis legt.132 Das Jahr 2 v. Chr. fand sonst keine Anhänger.133 Man orientierte sich eben lieber an einer der Mondfinsternisse.
Die Finsternis im März 4 v. Chr. hatte im Grunde bald nach Johannes Kepler die große Mehrheit auf ihrer Seite. Und die Stimmen derer, die sich gleichzeitig auch für einen Tod des Königs im Frühjahr 4 v. Chr. aussprachen, waren die lautesten. Der wohl meistgelesene Astronom und Chronologe des 19. Jahrhunderts, Ludwig Ideler, dessen mit solchem Fleiß erschaffenes Werk uns bis heute in manchem hilfreich ist, vertrat 1826 und 1831 auch diese Ansicht.134 Ebenso taten es um die Mitte des 19. Jahrhunderts Heinrich Graetz im dritten Band seiner großen „Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts“135 und viele andere auch.136 Sodann übernahm an der Schwelle zum 20. Jh. endlich Emil Schürer die Datierung nach dieser Finsternis in seine hervorragende „Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitlalter Jesu Christi“ (1886/1901). In einer einzigen Fußnote legte Schürer seine Ansicht zur Angelegenheit dar, die sich ganz an Petavius, Sanclemente, Ideler, Wieseler und an Jacobus Anne van der Chijs137 orientierte. Schürers Fußnote138 wurde in der Folge die maßgebliche Stütze für die meisten, die den Tod des Herodes auf das Frühjahr 4 v. Chr. datierten. Im Jahre 1913 z. B. schloss sich Walter Otto in seinem Artikel „Herodes“ in der „Realencyklopädie der klassischen Altertumswissenschaften“ von Pauly-Wissowa, dessen Inhalt im selben Jahr auch als Monografie herausgegeben wurde und ziemliche Breitenwirkung hatte, ganz Schürers Ansetzung der Regierungsjahre und der Datierung des Todes auf Ende März oder Anfang April 4 v. Chr. an.139
Solomon Zeitlin140 folgte Schürer in der Datierung des Todes, aber dieser selbstständige Geist wich in wesentlichen Details der sonstigen Herodes-Chronologie von Schürer und allen anderen Vordenkern ab. Es lohnt sich, Zeitlins Herodes-Chronologie etwas ausführlicher zu Wort kommen zu lassen, weil seine Eigenständigkeit durchaus spannend ist. So bemerkt er, dass Iosephus sagt, sowohl die Belagerung Jerusalems als auch die Einnahme der Stadt durch Sosius und Herodes sei in ein und dasselbe Sabbatjahr gefallen. Dies könne allerdings niemals der Fall sein, wenn man die Eroberung der Stadt auf den Fasttag am 10. Tischri setze. Andere unter den Gelehrten diskutierte Datierungen (Sivan 37 oder ein Sabbat im Sommer 37 v. Chr.) lehnt er aus anderen Gründen ab. Die scheinbare Diskrepanz zwischen Iosephus, dessen Konsulatsangabe ins Jahr 37 führt, und Cassius Dio, dessen Konsulatsangabe ins Jahr 38 v. Chr. führt, löst Zeitlin folgendermaßen auf: Iosephus habe die Konsulatsjahre nach makedonischer Manier ab Herbst mit dem Monat Dios anhebend gerechnet, während sie Dio gemäß Varro ab März gerechnet habe. Folglich müsse das Ereignis irgendwann zwischen Herbst 38 und März 37 v. Chr. zu verorten sein. Der von Iosephus genannte dritte Monat, in dem die Stadt eingenommen worden sei, sei eben der dritte Monat des makedonischen (Olympiaden-)Jahrs gewesen, welches mit dem Monat Dios im Herbst begonnen habe. Der dritte syromakedonische Mondmonat war der Monat Audynaios, der habe dem Dezember/Januar entsprochen, und das wiederum dem jüdischen Monat Tebeth.141 Das alles zusammengenommen veranlasst Zeitlin zu der Annahme, dass der Fasttag, an welchem Herodes Jerusalem laut Iosephus eroberte, der Fasttag des 10. Tebeth142 gewesen sein muss, der im Winter 38/37 v. Chr. auf den 14. Januar 37 v. Chr. fiel (Für Zeitlin, der 38/37 v. Chr. als Sabbatjahr voraussetzte, fällt dieses Datum, wie gefordert, ins Sabbatjahr). Wie setzt Zeitlin jetzt die gezählten Regierungsjahre des Königs an? Er nimmt wie Schürer Nisan-Jahre an und ebenso die Inklusivzählung dieser Jahre. Das erste Regierungsjahr des Herodes sei 38/37 v. Chr. gelaufen, das 37. und zugleich letzte 5/4 v. Chr. (von Nisan bis Nisan). Zeitlin sprach sich deutlich sowohl gegen den 7. Kislev als auch gegen den 2. Schebat als Todestag aus, weil diese Daten viel zu weit vom Passa entfernt seien. Stattdessen favorisiert er einen Tod gegen Ende Adar 4 v. Chr.
1935 veröffentlichte Thomas Corbishley seinen Aufsatz „The Chronology of the Reign of Herod the Great“, in welchem er im Ergebnis mit den gerade Genannten übereinstimmt.143 1964 schloss sich Jack Finegan in seinem sehr lehrreichen „Handbook of Biblical Chronology“ der Ansicht Schürers ebenfalls an. 1978 versuchte Jan Van Bruggen, der dieser Datierung des Todes auf die Zeit um den 1. Nisan 4 v. Chr. herum letztlich voll und ganz zustimmte, die Zählung der Regierungsjahre zu modifizieren, um endlich die von Schürer und anderen angenommene Inklusivzählung fallen lassen zu können. Van Bruggen ging nicht mehr von Nisan-Jahren, sondern von Tischri-Jahren aus (wie das vor ihm schon Enrico Norisius, Eduard Schwartz144 und sicherlich noch einige andere getan hatten und später auch Daniel R. Schwartz, Nikos Kokkinos, Andrew Steinmann und Rodger C. Young taten). Das 37. bzw. 34. Regierungsjahr des Herodes ist für Van Bruggen das Tischri-Jahr 5/4 v. Chr. gewesen.145 Ich nenne noch Ludwig Neidhart, der ab 1998 ebenso für einen Tod in den Tagen um den 1. April 4 v. Chr. herum plädierte.146
Längst war das Datum Frühling 4 v. Chr. wissenschaftliches Allgemeingut. Ähnlich wie schon Theodor Mommsen in seiner in der Mitte des 19. Jahrhunderts herausgegebenen und 1902 mit dem Nobelpreis geehrten „Römischen Geschichte“ den Tod des Herodes kurzerhand ins Jahr 4 v. Chr.147 gelegt hatte, verwies Abraham Schalit 1969 in seinem umfangreichen biographischen Werk „König Herodes“ bezüglich der Mondfinsternis und des Todesjahres nur noch auf die entsprechenden Iosephus-Stellen,148 aber auf keine wissenschaftliche Auseinandersetzungen mehr mit denselben, geschweige denn, dass er eine eigene Auseinandersetzung mit dieser Frage erahnen lässt, wo Schalit doch sonst weit über seinen Gegenstand hinaus ins Detail gehende Erörterungen über diskussionswürdige Fragen anstellte. Die Diskussion muss in seinen Augen ganz einfach abgeschlossen gewesen sein. In der Literatur wird diese Datierung immer wieder gern als communis opinio bezeichnet. Tatsächlich findet sich das Jahr 4 v. Chr. als Todesjahr des Herodes heute gemeinhin in Herodes-Biographien, historischen Abhandlungen zum Judäa dieser Zeit, in historischen sowie theologischen Fachlexika und in Evangelien-Kommentaren, in den ausführlicheren Werken zumeist eben mit Verweis auf die Mondfinsternis im März desselben Jahres.149
Zu dem Ergebnis, dass das Passa im Frühling 4 v. Chr. das dem Tod des Herodes nächstfolgende Passafest war, gelangt man freilich auch unter Berufung auf eine andere Mondfinsternis, nämlich die am 15. September 5 v. Chr. Diese Annahme hat – soweit ich es überblicke – keine allzu lange Tradition. Eine Aussprache für diese Mondfinsternis findet man immerhin schon 1898 bei Johann Van Bebber150 sowie 1900 bei W. T. Lynn151; und man wird in der älteren Literatur vielleicht noch einige wenige weitere Stimmen in diese Richtung finden können. In neuerer Zeit hat Timothy Barnes diese Finsternis vom 15. September 5 v. Chr. in einem Aufsatz von 1968 erneut vorgeschlagen.152 P. M. Bernegger folgte ihm.153 In seinem wertvollen Werk „The Herodian Dynasty“ (1998) hielt Nikos Kokkinos Barnes‘ Vorschlag ebenso für die stärkste Alternative zum konventionellen Datum.154 Zumal damit das wesentliche Problem der herkömmlichen Chronologie beseitigt sei, nämlich dasjenige, dass bei Iosephus bald zu viele Ereignisse zwischen der Mondfinsternis und dem auf den Tod folgenden Passafest vorzufinden sind, als dass sie alle in den knapp vier Wochen zwischen der Mondfinsternis im März und dem Passa im April 4 v. Chr. unterzubringen sind. Darüber hinaus ist Kokkinos der einzige in der Gelehrten-Landschaft, der daneben sehr ernsthaft erwägt, ob der Tod des Herodes nicht vielleicht bereits ins Frühjahr 5 v. Chr. gefallen sein könnte, nach jene Mondfinsternis am 23. März 5 v. Chr. und vor das Passa 5 v. Chr. (Allerdings liegt auch dazwischen wieder nur ein Monat). Letztlich ist Kokkinos klug genug, um sich nicht festzulegen.
Im deutschsprachigen Raum hat die Annahme, dass Iosephus in den antiquitates die Mondfinsternis im September 5 v. Chr. erwähne, vor allem in August Strobel einen Anhänger gefunden.155 Während allerdings Barnes davon ausging, dass Herodes noch im Kislev, also gegen Ende des Jahres 5 v. Chr. verstarb, und Kokkinos sich geneigt zeigte, Barnes darin zuzustimmen, dachte Strobel weiterhin an einen Tod des Königs im Frühjahr 4 v. Chr. (Die partielle Finsternis im März 4 v. Chr. sei zwar von Iosephus nicht erwähnt worden,156 aber dem Tod ebenso noch vorausgegangen).
Neben den Datierungen des Herodes-Todes in eines der Jahre von 5 bis 3 v. Chr. ist die älteste wissenschaftliche Datierung unter den neuzeitlichen, nämlich die Scaligers‘ und Calvisius‘, aus der Diskussion nie ganz verschwunden. 1834 wehrte sich beispielsweise Conrad Glöckler gegen Friedrich Münter und hielt am Jahr 1 v. Chr. fest.157 Umfangreicher plädierten 1846 Gustav Seyffarth158 und 1869 Edouard Caspari159 für das Jahr 1 v. Chr. Dasselbe Jahr wurde sodann auch von Gustav Rösch160 sowie vor allem von Petavius‘ Ordensbruder Florian Rieß verteidigt. In der Monografie „Das Geburtsjahr Christi“ (1880) sowie in „Nochmals das Geburtsjahr Christi“ (1883) argumentierte der Jesuit Rieß, wie das als erster bereits Calvisius getan hatte, dann aber auch viele der anderen eben Genannten, vor allem damit, dass der eine Monat zwischen der Mondfinsternis im März 4 v. Chr. und dem Passa desselben Jahres viel zu kurz sei für all die Begebenheiten, die Iosephus dazwischen setze. Viel angemessener seien die drei Monate zwischen der Mondfinsternis im Januar 1 v. Chr. und dem Passa dieses Jahres. Bemerkenswert ist aber vor allem eine weitere Beobachtung Rieß‘, die zwar bereits Scaliger gemacht hatte, die nach ihm jedoch wieder in Vergessenheit geraten war. In den damals gängigen Ausgaben der Altertümer des Iosephus las man, dass der Herodessohn Philippos nach 37jähriger Regierung als Tetrarch im 20. Jahr des Tiberius verstorben war. Das führt zu einem Regierungsbeginn um 4/3 v. Chr. Rieß las nun aber in älteren Iosephus-Ausgaben, dass Philippos im 22. Jahr des Tiberius dahingeschieden sei.161 Das wiederum führt zu einem Regierungsbeginn des Philippos um 2/1 v. Chr., worauf Rieß natürlich Gewicht legte. Um seine Ansicht vom Herrschaftsende des Herodes im Anfange des Jahres 1 v. Chr. zu untermauern, sah sich Rieß wie schon einige seiner Vorgänger (z. B. Seyffarth und Caspari) allerdings genötigt, die Anfänge der Herrschaft des Herodes nachzudatieren. Durch mindestens eine Zahl bei Iosephus wird dieses Unterfangen unterstützt: Iosephus sagt, Sosius habe Jerusalem genau 27 Jahre nach der Eroberung der Stadt durch Pompeius Magnus eingenommen.162 Da die Einnahme der Stadt durch Pompeius gemeinhin in den Sommer oder Herbst des Jahres 63 v. Chr. datiert wird, führen die 27 Jahre ins Jahr 36 v. Chr. Rieß datierte die Eroberung der Heiligen Stadt durch Sosius und Herodes folglich in den Herbst 36 v. Chr. anstatt ins Jahr 37 v. Chr. Auch aufgrund solcher nicht konsensfähigen Aspekte in seiner Chronologie waren die wenigen Reaktionen, die es zu seinen Lebzeiten auf seine Veröffentlichung gab, von der Abwehr seiner Thesen geprägt. So schrieb Peter Schegg 1882 eigens „Eine Streitschrift gegen Florian Rieß“, worin er das konventionelle Datum für den Tod des Herodes (Anfang April 4 v. Chr.) verteidigte. Rieß‘ Stimme schien schon längst verhallt zu sein, als 1966 doch wieder jemand seine Ergebnisse ausgrub und sich für sie stark machte. W. E. Filmer163 stellte sich ganz in Rieß‘ Tradition: Herodes sei nicht im Jahr 40 v. Chr., sondern erst gegen Ende des Jahres 39 v. Chr. zum König ernannt worden, und Jerusalem sei nicht 37 v. Chr., sondern am Versöhnungstage des Jahres 36 v. Chr. erobert worden (wie es die auf den Tag genau 27 Jahre seit der Eroberung des Tempelberges durch Pompeius am Versöhnungstage 63 v. Chr. bei Iosephus zu fordern scheinen). Diese ohne Frage zweifelhaften Datierungen dieser Ereignisse um ein Jahr später erlauben es, das Ende der 37 und der 34 Herrschaftsjahre des Herodes problemlos ins Jahr 1 v. Chr. zu führen. Denn Filmer nimmt ein Akzessionsjahr (also ein nicht mit gezähltes Thronbesteigungsjahr) an und begreift dementsprechend das Jahr 38/37 v. Chr. bzw. das Jahr 35/34 v. Chr. als erstes Regierungsjahr des Herodes. Das 37. bzw. 34. Regierungsjahr ist bei solcher Annahme das Jahr 2/1 v. Chr. Die Regierungsanfänge der Söhne des Herodes um 4 v. Chr. erklärt Filmer damit, dass dieselben nicht ab dem Tod des Vaters, sondern ab einer Art Mitregentschaft164 unter Herodes gerechnet worden seien. Antipas und Archelaos hätten bereits im Jahr 4 v. Chr. als Tetrarchen von Galiläa fungiert.165 Filmers Aufsatz war nach über 80 Jahren die erste Stimme, die wieder für das Todesjahr 1 v. Chr. argumentiert hat. Und weil die Arbeiten seiner Vorläufer oft unberücksichtigt bleiben, hat Filmers Aufsatz bis heute für viele, die das Jahr 1 v. Chr. favorisieren, den Status einer Pionierarbeit oder eines „seminal paper“166.
Auf Rieß und Filmer stützte sich sodann Ormond Edwards. In einem Aufsatz von 1982 sowie in einigen anderen (stark von Esoterik durchdrungenen) Arbeiten verteidigte Edwards einen Tod des Königs im Jahr 1 v. Chr.167 Die Datierungen Filmers, Edwards‘ und einiger anderer168 beeinflussten sodann Ernest L. Martin. Dessen ausführlicheren Arbeiten hierzu sind „The Birth of Christ Recalculated“ (1978 erste Auflage) und vor allem „The Star of Bethlehem. The Star That Astonished the World“ (1991 erste Auflage).169 Jack Finegan folgte der Datierung Filmers und Martins schließlich 1998 in der Neuauflage seines weit verbreiteten „Handbook of Biblical Chronology“. Desgleichen folgte Andrew Steinmann der Herodes-Chronologie Filmers, zuerst in dem Aufsatz „When Did Herod the Great Reign?“ (2009), dann 2011 in seinem eigenen chronologischen Handbuch zur Bibel.170 In den Jahren 2019-2021 meldete er sich zusammen mit Rodger C. Young in vier Aufsätzen zur Herodes-Chronologie und zum Todesjahr des Herodes zu Wort, um letztlich das Ableben des Königs zugunsten des Jahres 3/2 v. Chr. als Geburtsjahr Jesu auf 1 v. Chr. zu datieren.171 Zu Verteidigern des Jahres 1 v. Chr. als Todesjahr des Herodes wurden auch Gérard Gertoux (2005 u. 2015), Dennis M. Templeman (ab 2020) und andere.172
Bieke Mahieu beschäftigte sich in ihrem Werk „Between Rome and Jerusalem“ (2012) sehr ausführlich, vielleicht am ausführlichsten von allen, mit der Chronologie der Regierung des Herodes und seiner Söhne. Allerdings gelangt sie oftmals zu sehr eigenwilligen Datierungen. Den Tod des Herodes setzt sie ins Jahr 1 n. Chr. Dieses Todesjahr nahmen bereits 1990 John P. Pratt („Yet Another Eclipse for Herod“)173 und erst vier Jahre vor Mahieus Veröffentlichung Arthur Eedle174 an.175 Alle drei stützten sich bei ihrer Datierung des Ablebens des Königs auf eine partielle Mondfinsternis am 29. Dezember 1 v. Chr. Auf ebendiese Finsternis hatte der Jesuit Ioannes Baptista Ricciolius (bzw. Giovanni Battista Riccioli) – der nach der Chronologie freilich weiter oben hingehört hätte – bereits 1653 im Zusammenhang mit der Frage nach dem Todesjahr des Herodes hingewiesen und war sodann 1669 überzeugt für dieselbe Finsternis eingetreten.176 Ricciolius, der die Arbeiten seiner Vorgänger Scaliger, Baronius, Decker, Suslyga, Calvisius, Kepler, Petavius usw. durchaus studiert hatte, war der Meinung, dass die 37 Regierungsjahre des Herodes nicht von der Königsernennung in Rom im Jahre 40 v. Chr. an gerechnet werden müssen, sondern von der Ermordung des Antigonos und dem Ende der 126jährigen Hasmonäerherrschaft im Jahr 37 v. Chr. an und dass der Tod des Königs folglich im Jahr 1 n. Chr. gesucht werden muss, nämlich nach besagter Mondfinsternis und kurz vor dem Passafest.177 Pratt nun hält die 37 Regierungsjahre ebenso für authentisch und ist der Meinung, ähnlich wie es Ricciolius war, sie seien ursprünglich nicht von der Königsernennung in Rom, sondern von der Erlangung der faktischen Herrschaft im Jahr 37 v. Chr. an zu zählen. Mahieu hingegen hält nur die 34 Regierungsjahre für authentisch, zählt diese aber nicht vom Tode des Antigonos, wie Iosephus es fordert, sondern vom Tode des jungen Aristobulos III., der kurzweilig um 35/34 v. Chr. unter Herodes Hohepriester war, der letzte aus hasmonäischem Hause.178
Aus alldem dürfte deutlich geworden sein, dass die Datierung des Herodes-Todes heute heftig umstritten ist. Wenngleich einige der aktuellsten Publikationen, wie die von Nadav Sharon (2017)179, die von Peter Richardson und Amy Marie Fisher (ebenso 2017)180 oder die von Lester L. Grabbe (2020)181 weiterhin unbeirrt von einem Tod im Frühling 4 v. Chr. ausgehen, konkurrieren mit dieser konventionellen Datierung in der wissenschaftlichen Diskussion mehrere alternative Datierungen. Auch das Internet ist bei entsprechender Suche Spiegel eines regen Interesses an der Frage nach dem Todesjahr des Herodes und zeugt von der Vielfalt der Antwortversuche.
Neuerdings (2021) melden sich Liberato De Caro, Fernando La Greca und Emilio Matricciani in einer Gemeinschafts-Arbeit mit einem neuen Antwortversuch. Sie berufen sich auf Georgio Fedalto, der sich zwischen 2001 und 2012 in mindestens drei Publikationen für die partielle Mondfinsternis am 8./9. November 2 n. Chr. ausgesprochen haben soll. Herodes sei folglich vor dem 14. Nisan im Jahr 3 n. Chr. verstorben, ganz in Einklang mit der patristischen Tradition. Und zwar entscheiden sich die drei Autoren für den 2. Schebat (24. Januar 3 n. Chr.) aus dem Megillat Taanit.182 Man sieht also, dass noch heute die Datierungen des Herodes-Todes relativ weit auseinandergehen.
I. 2. 2. Eine tabellarische Übersicht: Wer hat den Tod des Herodes wie datiert?
Da der gerade gebotene Durchgang durch die verschiedenen Ergebnisse in der Datierung des Herodes-Todes, solange er alleine dasteht, etwas unübersichtlich bleibt, empfiehlt sich am Schluss ein zusammenfassender chronologischer Überblick in Tabellenform:183
| Datierung des Todes des Herodes | Die von Iosephus erwähnte Mondfinsternis ist jene im … | ||
| Mageburger Centurien (1559) | ca. 1 v. Chr.? [allerdings widersprüchliche Angaben der Autoren] | – | |
| Joseph Justus Scaliger (1583) | 1 v. Chr. | ante Nisan | Jan. 1 v. Chr. |
| Caesar Baronius (1588) | 6 n. Chr. [oder doch 7 n. Chr.?] | prope tempus Paschale | – |
| Sethus Calvisius (1605) | 1 v. Chr. | Frühjahr 1 v. Chr. | Jan. 1 v. Chr. |
| Laurentius Suslyga (1605) | 3 v. Chr. | im Frühjahr vor dem Passa | – |
| Johannes Kepler (1606 u. 1614) | 4 v. Chr. | zw. Mondfinsternis und Passa | März 4 v. Chr. |
| Dionysius Petavius (1627/1628) | 4 v. Chr. | kurz vor dem Passa; in den ersten Tagen des Nisan | März 4 v. Chr. |
| Gerardus Ioannes Vossius (1643) | 2 v. Chr. | kurz vor dem Passa | MF irrelevant |
| James Ussher (1654) | 4 v. Chr. | 7. Kislev = 25. Nov. [richtig wäre eher: 27. Nov.] | März 4 v. Chr. |
| Io. Baptista Ricciolius (1653 u. 1669) | 1 n. Chr. | paulo ante Pascha mense Aprili | Dez. 1 v. Chr. |
| Enrico Noris (1696) | 4 v. Chr. | 7. Kislev = 25. Nov. [richtig wäre eher: 27. Nov.] [1681 hatte Noris noch für Frühling 3 v. Chr. argumentiert] | (März 4 v. Chr.) |
| Nicholas Mann (1733) | 4 v. Chr. | 9 oder 10 Tage nach der MF und ca. 3 Wochen vor Passa; „about the 21st of March“ | März 4 v. Chr. |
| Dominicus Magnan (1772) | 4 v. Chr. | im März, nur einige Tage vor Passa bzw. vor dem 9./10. April | März 4 v. Chr. |
| Enrico Sanclemente (1793) | 4 v. Chr. | in den ersten Tagen des Nisan | MF irrelevant |
| Heinrich E. G. Paulus (1800 u. 1830) | 3 v. Chr. | ungefähr 14 Tage vor Passa | März 4 v. Chr. |
| Friderich Gottlieb Süskind (1816) | 3 v. Chr. | im März | ? |
| Johann Friedrich Wurm (1818) | 4 oder 3 v. Chr. | – | März 4 v. Chr. |
| Christopher Benson (1819) | 3 v. Chr. | ca. 2 Monate vor Passa (also um den 1. Februar herum) | März 4 v. Chr. |
| Ludwig Ideler (1826 u. 1831) | 4 v. Chr. | „in den ersten Tagen des April und zugleich des Nisan“ (jedenfalls nach dem 1. Nisan) | März 4 v. Chr. |
| Friedrich Münter (1827) | 4 v. Chr. | zwischen Mondfinsternis und Passa | März 4 v. Chr. |
| Henry Fynes Clinton (1830) | 4 v. Chr. | im März | März 4 v. Chr. |
| Rudolf Anger (1833) | 4 v. Chr. | in den ersten Tagen des Nisan | März 4 v. Chr. |
| Edward Greswell (1830/1837) | 3 v. Chr. | Mitte März, 7-8 Wochen vor dem 20. Januar | 20. Jan. 2 v. Chr. (MF sei von Iosephus versehentlich ein Jahr vordatiert worden) [war jedoch in Wirklichkeit in Judäa nicht sichtbar] |
| Conrad Glöckler (1834) | 1 v. Chr. | nach der MF und vor dem Passa | Jan. 1 v. Chr. |
| W. D. Block (1843)184 | 16 v. Chr. | am 7. Kislev = 9. od. 10. Nov. [richtiger wäre wohl: = 8/9. Dez.] | 16. Okt. 16 v. Chr. [richtig wäre: 17. Okt.] |
| Karl G. Wieseler (1843 u. 1869) | 4 v. Chr. | „etwa 7 Tage vor dem Pascha“, jedenfalls in den ersten acht Tagen des Nisan | März 4 v. Chr. |
| Gustav Seyffarth (1846) | 1 v. Chr. | „etwa am 1. März“ | Jan. 1 v. Chr. |
| Johannes v. Gumpach (1848) | 4 v. Chr. | in den ersten zwei oder drei Tagen des Nisan | März 4 v. Chr. |
| Johann Baptist Weigl (1849) | 4 v. Chr. | – | März oder 5. Sept. 4 v. Chr. [letztere in Palästina nicht sichtbar] |
| Heinrich Graetz (1863) | 4 v. Chr. | im Adar oder Nisan; spätestens 7 Tage vor Passa | – |
| Thomas Lewin (1865) | 4 v. Chr. | am 1. April | März 4 v. Chr. |
| Gustav Rösch (1866 u. 1870) | 1 v. Chr. | – | Jan. 1 v. Chr. |
| Edouard Chr. Caspari (1869) | 1 v. Chr. | am 1. Schebat = 24. Jan. [richtig wäre: 2. Schebat = 28. Jan.] | Jan. 1 v. Chr. |
| Ludwig Quandt (1872) | 3 v. Chr. | am 1. Schebat = 18. Jan. [richtig wäre: am 2. Schebat = 20. Jan.] | März 4 v. Chr. |
| Hermann Sevin (1874, 2. Aufl.) | 4 v. Chr. | Ende März oder Anfang April | März 4 v. Chr. |
| Florian Rieß (1880 u. 1883) | 1 v. Chr. | ungefähr um den 10. März herum | Jan. 1 v. Chr. |
| Peter Schegg (1882) | 4 v. Chr. | am 2. April | März 4 v. Chr. |
| Emil Schürer (1886, 1. Aufl.) | 4 v. Chr. | zwischen dem 1. u. 14. Nisan = zw. dem 28. März u. dem 10. April | März 4 v. Chr. |
| Johann Van Bebber (1898) | 4 v. Chr. | Ende März od. Anfang April | Sept. 5 v. Chr. |
| Theodor Mommsen (1902) | 4 v. Chr. | — | — |
| Karl A. H. Kellner (1887 u. 1908) | 3 v. Chr. | Ende des Jahres, „etwa Anfang Dezember“, wahrscheinl. am 7. Kislev | März 4 v. Chr. |
| Carl Mommert (1909) | 3 v. Chr. | Frühjahr (Ende März od. Anfang April) | März 4 v. Chr. |
| Walter Otto (1913) | 4 v. Chr. | „Gegen Ende März oder in den allerersten Tagen des April“ | März 4 v. Chr. |
| Solomon Zeitlin (1922) | 4 v. Chr. | Ende Adar | März 4 v. Chr. |
| Gustav von Scharberg (1928) | 4 v. Chr. | ca. am 31. März | März 4 v. Chr. |
| David Ross Fotheringham (1928) | 3 v. Chr. | im Monat Adar | März 4 v. Chr. |
| Jack Finegan (1964, 1. Aufl.) | 4 v. Chr. | zw. dem 12. März u. dem 11. April | März 4 v. Chr. |
| W. E. Filmer (1966) | 1 v. Chr. | vermutl. Ende Januar bzw. am 2. Schebat | Jan. 1 v. Chr. |
| Timothy D. Barnes (1968) | 5 v. Chr. | am 7. Kislev im Dezember | Sept. 5 v. Chr. |
| Abraham Schalit (1969) | 4 v. Chr. | Ende März od. Anfang April | – |
| Harold W. Hoehner (1973 u. 1989) | 4 v. Chr. | zw. 29. März u. 11. April | März 4 v. Chr. |
| J. van Bruggen (1978) | 4 v. Chr. | kurz vor oder kurz nach dem 1. Nisan | März 4 v. Chr. |
| Ernest L. Martin (1978 u. später) | 1 v. Chr. | „about January 28th (Schebat 2)“ | Jan. 1 v. Chr. |
| Ormond Edwards (1972 u. 1982) | 1 v. Chr. | vermutl. am 2. Schebat = 28. Jan. | Jan. 1 v. Chr. |
| P. M. Bernegger (1983) | 4 v. Chr. | Sept. 5 v. Chr. | |
| Douglas Johnson (1989) | 4 v. Chr. | März 4 v. Chr. | |
| John P. Pratt (1990) | 1 n. Chr. | „in early A.D. 1“ | Dez. 1 v. Chr. |
| Daniel R. Schwartz (1992) | 4 v. Chr. | im Frühling | MF irrelevant |
| Alla Kushnir-Stein (1995) | 4/3 v. Chr. | im Winter, vorzugsweise am 7. Kislev | März 4 v. Chr. |
| Jack Finegan (1998, 2. Aufl.) | 1 v. Chr. | jedenfalls nach dem 28. Jan. u. nicht allzu lang vor dem 8. April | Jan. 1 v. Chr. |
| Nikos Kokkinos (1998) | 5 v. Chr. (oder 4 v. Chr.) | wahrscheinl. am 7. Kislev; evtl. auch im Frühjahr 4 v. Chr. oder sogar „before the Passover of 5 BCE!“ | vermutlich 23. März 5 v. Chr. od. am ehesten Sept. 5 v. Chr. od. MF irrelevant |
| Ludwig Neidhart (1998 u. später) | 4 v. Chr. | „in den Tagen um den 1. April“ | März 4 v. Chr. |
| August Strobel (1999 u. 2003) | 4 v. Chr. | zw. 12. März (MF, die Iosephus allerdings nicht erwähnt habe) u. 11. April (Passa); bzw. „kurz nach dem 13. März“ | Sept. 5 v. Chr. |
| Gérard Gertoux (2005 u. 2015) | 1 v. Chr. | 2. Schebat = 26. Jan. | Jan. 1 v. Chr. |
| Ronald L. Conte (2008)185 | 8 v. Chr. | im Jan. oder Febr. | Nov. 9 v. Chr. |
| Arthur Eedle (2008, 1. Aufl.) | 1 n. Chr. | 2. Schebat = 16. Januar | Dez. 1 v. Chr. |
| Andrew Steinmann (2009 u. 2011) | 1 v. Chr. | später Adar oder früher Nisan, vor dem Passafest | Jan. 1 v. Chr. |
| Bieke Mahieu (2012) | 1 n. Chr. | 9. März | Dez. 1 v. Chr. |
| Nadav Sharon (2017) | 4 v. Chr. | zw. der MF und dem folgenden Passa | März 4 v. Chr. oder Sept. 5 v. Chr. |
| Richardson/Fisher (2017) | 4 v. Chr. | „late march“ | März 4 v. Chr. |
| Duncan Cameron (2018?) | 3 oder 2 v. Chr. | 7. Kislev = 16. Dez. [eigentl. 16. Nov.] oder 2. Schebat = 8. Febr. [eigentl. 9. Jan.] | MF irrelevant |
| Dennis M. Templeman (ab 2020) | 1 v. Chr. | „early 1 BCE“ | Jan. 1 v. Chr. |
| Rodger C. Young & A. Steinmann (2019 u. 2020) | 1 v. Chr. | „shortly after the full lunar eclipse“ | Jan. 1 v. Chr. |
| Lester L. Grabbe (2020) | 4 v. Chr. | „shortly before Passover, in late March or early April 4 BCE“ | historische MF, aber von Iosephus in falschen Zusammenhang gebracht |
| Liberato De Caro/Fernando La Greca/Emilio Matricciani (2021) | 3 n. Chr. | 2. Schebat = 24. Januar | 8./9. Nov. 2 n. Chr. |
Natürlich ließe sich diese Auflistung bei tieferem Literaturstudium um zahlreiche Namen erweitern. Andere Datierungs-Vorschläge als die vorgebrachten (zumindest solche, die man in irgendeiner Form ernstzunehmen hätte) dürften jedoch schwerlich zu finden sein.
Wir haben mindestens vier Datierungsvorschläge kennengelernt, die jeweils mehrere und darunter auch relativ aktuelle Verteidiger zu den ihren zählen können: Ende 5 v. Chr., Frühling 4 v. Chr., Frühjahr 1 v. Chr. und Frühjahr 1 n. Chr. Daneben gibt es Stimmen die sich für Ende 4 v. Chr., Winter 4/3 v. Chr. oder 3 v. Chr. aussprechen. Alle sonstigen Datierungen sind ziemliche Exoten, für die sich lediglich Einzelstimmen aussprechen (Frühjahr 5 v. Chr. oder Frühjahr 2 v. Chr.) und die zum Teil sogar ganz aus der Reihe tanzen (16 v. Chr., 8 v. Chr., 3 n. Chr. oder 6 n. Chr.).
Von den vier erstgenannten Datierungen wird diejenige auf den Frühling 4 v. Chr. oft als communis opinio bezeichnet. Und man darf diese Datierung wohl tatsächlich noch immer als vorherrschende Lehrmeinung betrachten. Jedoch mehren sich in den letzten Jahrzehnten Stimmen, die den Tod ca. drei Jahre später ansetzen möchten. Beides spiegelt auch die Tabelle wieder.186
II.
Chronologische Einordnung des Todes des Herodes
in den Lauf der Geschichte
Annum obitus Herodis Magni Iosephus nullo chronologico charactere designat187 – Iosephus datiert den Tod Herodes des Großen nirgends ausdrücklich. Diese Feststellung müssen wir Heutigen genauso machen wie schon die alten Chronologen. Aber es kann nicht Ausweg sein, sich als erstes und hauptsächlich auf die bei Iosephus und anderswo genannten Zahlen zu Regierungsdauern und Regierungsjahren des Herodes sowie der letzten Hasmonäer und der Herodes-Söhne zu stürzen, um daraus den Todeszeitpunkt errechnen zu wollen. Natürlich müssen die Quellen auch in herrscherchronologischer Hinsicht umfassend ausgewertet werden. Aber das sollte m. E. gewissermaßen ergänzend und im zweiten Schritt geschehen. Die chronologische Einordnung der letzten Lebenszeit des Herodes und seines Todes in den bekannten Verlauf der sonstigen Geschichte und dessen Chronologie auf Grundlage sorgfältiger Quellenlektüre erscheint mir auf der Suche nach dem Todesjahr des Königs ein Stück weit solider zu sein als alle recht wackeligen Überlegungen zur Ansetzung und Zählweise der Regierungsjahre des Königs. Sie gehört damit an den Anfang meiner Untersuchung.
II. 1. Die relative Chronologie der Ereignisse um die Zeit des Todes gemäß Iosephus
Der jüdisch-römische Historiker Flavius Iosephus ist die einzige zeitnahe Quelle, welche ausführlich über die letzte Lebenszeit des Herodes, seinen Tod und die unmittelbare Folgezeit informiert. Er unterrichtet uns über die Ereignisse, welche sich um die Zeit des Herodes-Todes vorzugsweise in Judäa, teilweise aber auch anderswo im Römischen Reich zutrugen, wie z. B. in Rom. Iosephus setzt uns zum einen von der Abfolge jener Ereignisse in Kenntnis, also vom Vorher und Nachher. Zum anderen vermittelt er uns wenigstens gelegentlich auch eine Ahnung von der Zeitspanne, die zwischen diesem und jenem Ereignis liegt. Iosephus liefert also in gewisser Weise die relative Chronologie der Geschehnisse jener Tage im Heiligen Land. Die antiquitates ab dem fünften Kapitel des 17. Buches und das Werk de bello Iudaico ab Kapitel 31 des ersten Buches bilden die wichtigste Grundlage für jede Überlegung zur absoluten Datierung des Herodes-Todes. Zur groben Orientierung gebe ich hier eine Zusammenfassung des darin beschriebenen Geschehens, welche jedoch keinen angemessenen Ersatz für die eigene Iosephus-Lektüre darstellen kann und will.
Antipatros, der älteste Sohn des Herodes aus der Ehe mit Doris, befand sich in Rom, als dem König eine tatsächliche oder vermeintliche Verschwörung gegen sein Leben aufgedeckt wurde. Der eben genannte Antipatros soll das Haupt dieser Verschwörung gewesen sein. In Unkenntnis der weitreichenden Ermittlungen, die sein Vater gegen ihn angestellt hatte, kehrte Antipatros etwa sieben Monate nach dem Beweisverfahren gegen ihn über Tarent, Kilikien und Caesarea zurück nach Jerusalem, wo er schließlich gefangen genommen wurde. Der römische Statthalter in Syrien namens Quinctilius Varus war in diesen Tagen in der jüdischen Hauptstadt anwesend, da er sich mit Herodes über die gegenwärtige Lage beriet. In Anwesenheit des Varus wurde am Tag darauf die Gerichtsverhandlung gegen den abtrünnigen Sohn eröffnet. Nach Anhörung der Ankläger und des Beklagten hielt Varus „eine geheime Unterredung mit Herodes. Er schrieb noch über die Gerichtsverhandlung an den Kaiser und reiste einen Tag später ab“188, und zwar „nach Antiochia, der Hauptstadt von Syrien, wo er sich meistens aufzuhalten pflegte“189. Das letztendliche Urteil vermochte nicht er oder Herodes zu sprechen, sondern war dem Augustus vorbehalten, an welchen auch der König seinen Bericht schickte. Bis zur endgültigen Entscheidung wurde Antipatros in Ketten gelegt.
Während seine Gesandten unterwegs nach Rom waren, befiel den König eine ernste Krankheit, die ihn angesichts seines bald siebzigjährigen Alters dazu veranlasste, sein Testament abzufassen bzw. zu aktualisieren. Herodes‘ Verbitterung nahm zu, zumal er sich der Verachtung größerer Teile seiner Untertanen gegen seine Person bewusst war. Diese Geringschätzung durch das Volk musste mit seiner jetzigen Schwäche, die sein baldiges Lebensende erahnen ließ, noch zunehmen. Die Bestätigung solcher Sorge ließ nicht lange auf sich warten. Als ihnen das Gerücht zu Ohren kam, der König sei gestorben, ließen zwei beliebte und einflussreiche Gesetzeslehrer am helllichten Tage jenen goldenen Adler von ihren Schülern herunter schlagen, welchen der König als Weihgeschenk gestiftet und über dem Tempelhaupteingang hatte anbringen lassen. Das Adler-Bildnis verstieß nach dem Empfinden der Gesetzestreuen gegen das mosaische Bilderverbot. Die beiden Gesetzeslehrer samt etwa 40 anderen Beteiligten konnten ergriffen werden. Herodes ließ sie nach Jericho bringen und bestellte die Volksversammlung ebenso dorthin. Den Mitgliedern der letzteren machte er vom Krankenbette aus vielerlei Vorhaltungen. Der König beließ es vorerst bei tadelnden Worten und entsetzte lediglich den Hohepriester Matthias seines Amtes, in welchem er einen Miturheber des Vorfalls am Tempel vermutete. Eingesetzt wurde von Herodes Joazar, der Schwager des Matthias. Die Aufrührer selbst hingegen ließ er lebendig verbrennen. „In derselben Nacht fand eine Mondfinsternis statt“190.
Indessen verschlimmerte sich die Krankheit des Königs. Iosephus zählt vielerlei Beschwerden und Qualen auf. „Herodes selbst indes hoffte, obgleich er schrecklicher litt, als einem Menschen zu ertragen möglich schien, immer noch auf Heilung, ließ Ärzte kommen und befolgte ihre Vorschriften aufs genaueste“191. So kam es, dass er sich noch einmal aufrappelte und zu den warmen Quellen zu Kallirrhoë am Ostufer des Toten Meeres bringen ließ. Einige Zeit genoss er die heilenden Bäder und schien sogar auf dem Wege der Besserung, bis man ihm ein Ölbad verabreichte, welches ihn beinah dahingerafft hätte. Halb lebend, halb tot kehrte er nach Jericho zurück, wo ihn zusätzlich der Ausbruch der Gelbsucht quälte. In dem todkranken Körper fasste die verbitterte Seele einen ungeheuerlichen Plan, dem die abnehmende Geisteskraft offenbar nicht mehr entgegenzutreten vermochte. Unter Androhung der Todesstrafe bei Nichtbefolgen bestellte der König „die Vornehmen des ganzen Volkes“192 „aus allen jüdischen Ortschaften“193 nach Jericho, wo man sie im Hippodrom gefangen setzte. Er rang seiner Schwester Salome das Versprechen ab, die Menge bei seinem Tode niederschießen zu lassen, damit sein Tod dem Volk nicht zum Anlass spöttischer Freude und zu Jubelszenen, sondern zu tiefer Trauer und Totenklage gereiche.
Den kranken König erreichte die Nachricht aus Rom, dass Augustus ihm gestattete, mit Antipatros nach seinem Willen zu verfahren; die Entscheidung, ob seinen Sohn Todesstrafe oder Verbannung treffen sollte, liege ganz in seinen Händen. Auf diese für ihn erfreuliche Nachricht besserte sich sein Zustand kurzzeitig. Dann jedoch ergriff ihn ein krampfhafter Husten, der ihn zusammen mit dem übrigen Leiden laut Iosephus zu einem Selbstmordversuch trieb, welcher freilich in letzter Sekunde verhindert werden konnte. Antipatros hat nur das von diesem Suizidversuch ausgelöste Geschrei der Dienerschaft vernommen, es als Klage über den Tod seines Vaters gedeutet und sofort seinen Wächter versucht zu bestechen, um eiligst auf freien Fuß zu gelangen. Das wurde dem alten König allerdings angezeigt, der darüber bedeutend erboste. So blieben dem König noch zwei Handlungen zu vollführen. Zum einen ordnete er endlich die Hinrichtung des Antipatros an, zum anderen ließ er zum letzten Male ein Testament aufsetzen, in welchem er nun Archelaos, den Sohn seiner vierten Frau Malthake, zu seinem Nachfolger bestimmte. Über einige Gebiete seines Reiches sollten jedoch Antipas, der Vollbruder des letzteren, und Philippos, der Sohn der fünften Frau, Kleopatra aus Jerusalem, als Tetrarchen herrschen. Die Gültigkeit dieser und aller weiteren Erbregelungen machte Herodes ausdrücklich von der Bestätigung durch den Caesar abhängig. „Hierauf starb er, fünf Tage nach Antipaters Hinrichtung“194.
Salome, die Schwester des Verstorbenen, verheimlichte den Tod solange, bis sie die im Hippodrom Eingesperrten freigelassen hatte (sie kam also ihrem Versprechen gegenüber Herodes nicht nach). Hierauf wurden die Führer des Militärs im Theater zu Jericho versammelt. Der Kanzler und Bewahrer des königlichen Siegelrings Ptolemaios las den Versammelten einen an sie gerichteten Brief des Königs vor, in dem sie zur Loyalität gegenüber seinem Nachfolger aufgerufen wurden, sodann das Testament, woraufhin Archelaos von der Heeresversammlung bejubelt wurde. Die prunkvollen Leichenfeierlichkeiten wurden vorbereitet und ausgeführt. Dabei wurde der Verstorbene auf einem prächtig geschmückten Tragbett von Angehörigen und den hervorragendsten Soldatenabteilungen von Jericho nach Herodion geleitet und schließlich dort bestattet. Archelaos trauerte der Landessitte gemäß sieben Tage lang. Dann trat er in Jerusalem vor das Volk, wurde von diesem zwar königlich begrüßt, sogleich aber mit allerlei Forderungen überhäuft (Steuersenkung, Amnestie usw.). Archelaos nahm diese Wünsche mit freundlicher Miene entgegen, entschied jedoch nichts – er bedurfte schließlich zuallererst der offiziellen Ernennung durch den Caesar. Anschließend lud er seine Freunde zum Festmahl.
Es entwickelte sich unterdessen in der Stadt eine Gegentrauerfeier im Gedenken an die von Herodes Verbrannten, die bisher aus Furcht vor Herodes noch nicht beigesetzt worden waren. Im Zuge dieser Trauerfeier entlud sich der aufgestaute Hass gegen den verstorbenen König und seine Höflinge. An letzteren solle endlich Rache vollzogen werden. Eine weitere Forderung war, den von Herodes zuletzt eingesetzten Hohepriester seines Amtes wieder zu entheben. Diese Kühnheiten eines Teils des Jerusalemer Volkes konnten dem Archelaos nicht gefallen. Eine Volksempörung war das letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, denn er plante, schnellstmöglich nach Rom zu reisen, um sich das königliche Diadem vom Caesar aufs Haupt setzen zu lassen und dann endlich als König nach seinem Gutdünken agieren und Maßnahmen treffen zu können. Bis dahin musste unter allen Umständen Ruhe im Lande bewahrt werden. Archelaos‘ Unterhändler, die jene aufgebrachten Juden beschwichtigen sollten, erzielten keinen Erfolg. „So entstand denn allmählich ein förmlicher Aufruhr, und es war leicht vorauszusehen, dass derselbe bald größere Dimensionen annehmen würde, weil eine immer zahlreichere Menge sich an die Unzufriedenen anschloss“195. Es stand zudem das Passafest bevor, wodurch die Stadt starken Zuwachs an Menschen erhielt. Viele solidarisierten sich mit den um die beiden Rabbis am Tempel Trauernden. Archelaos ahnte Schlimmes und schickte am Rüsttag des Passafestes eine Abteilung Soldaten zum Tempel. Die Situation eskalierte, wobei die Abteilung des Archelaos zum großen Teil niedergemacht wurde. Jetzt ließ Archelaos seine Streitmacht aufmarschieren, welche 3000 der Aufrührer zu Tode brachte, die übrigen zur Flucht zwang und zerstreute. Es wurde eine Ausgangssperre verhängt. Durch all dieses fiel der öffentliche Teil des Festes in diesem Jahr für die meisten Juden ins Wasser.
Archelaos bestimmte seinen Bruder Philippos zu seinem Stellvertreter und machte sich eilends mit seinen übrigen Verwandten und Vertrauten Richtung phönizische Küste auf, um nach Italien zu fahren. Unterwegs in der Hafenstadt Caesarea am Meer kam ihm der kaiserliche Beamte Sabinus entgegen, der im Begriff war, die Schätze des Herodes zu beschlagnahmen. Archelaos schickte schnell zum Statthalter Varus, der herbeieilte und Sabinus vorläufig von seinem Vorhaben abhalten konnte. Als Varus allerdings wieder nach Antiochia und Archelaos Richtung Rom reisten, begab sich Sabinus dennoch nach Judäa und versuchte, königliches Vermögen und Festungen für den Kaiser in Besitz zu nehmen. Die Beamten des Archelaos versuchten durch Diplomatie das Schlimmste zu verhindern.
Um diese Zeit reiste auch Archelaos‘ Bruder Antipas nach Rom, um sich, unterstützt von Salome, der Schwester des Herodes, und den meisten anderen Verwandten, selbst bei Augustus um den Thron zu bewerben. Es spielte Antipas scheinbar in die Hände, dass Sabinus den Archelaos brieflich bei Augustus verklagte. „Archelaus übersandte nun dem Augustus einen Brief, in welchem er seine Rechtsansprüche verteidigte, nebst dem Testament seines Vaters, ordnete dann den Ptolemäus mit einem Verzeichnis der von Herodes hinterlassenen Schätze und mit dessen Siegel an ihn ab und sah nun dem Erfolg seiner Bemühungen entgegen. Als der Cäsar die Schriftstücke sowie die Briefe des Varus und des Sabinus gelesen, sich von dem Nachlasse des Herodes und den jährlichen Einkünften Kenntnis verschafft und auch den Brief des Antipas, in welchem dieser sich um die Herrschaft bewarb, erhalten hatte, berief er seine Vertrauten zusammen, um deren Meinungsäußerungen entgegenzunehmen, darunter auch Gajus, den Sohn des Agrippa und der Julia, der Tochter des Cäsars, den der Letztere adoptiert und dem er im Rate den ersten Platz zuerkannt hatte“196. Die Verhandlungen im Rat des Augustus begannen und die Parteien des Archelaos und des Antipas beschuldigten sich gegenseitig. Augustus schloss die Verhandlung mit Signalen der Sympathie für Archelaos, ohne sich allerdings schon endgültig festgelegt zu haben.
Während dieser Zeit kam in Rom die Botschaft des Varus an, dass es bei den Juden nach der Abreise des Archelaos zum Aufstand gekommen war. Varus war gegen die Rädelsführer eingeschritten, hatte den Aufruhr weitestgehend gedämpft und war, nachdem er in Jerusalem eine der drei syrischen Legionen zurückgelassen hatte, zurück nach Antiochia gegangen. Der Prokurator Sabinus soll die Juden jedoch zu neuem Aufruhr gereizt haben. Als schließlich das rund sieben Wochen nach dem Passa befindliche Fest Pentekoste herannahte, strömten die Juden aus allen Landesteilen nach Jerusalem und es stellte sich gewissermaßen eine Belagerung der römischen Legion und des Sabinus durch die Massen ein. Sabinus teilte dem Varus diese gefährliche Situation brieflich mit und bat ihn um Hilfe. Sabinus wies die Legion allerdings ohne abzuwarten an, die Aufrührer anzugreifen. Es kam zum Kampf mit Verlusten auf beiden Seiten und sogar zum Brand der Tempelhallen und zur Plünderung des Tempelschatzes durch Sabinus und seine Truppen. Von den königlichen Truppen gingen Teile zu den Juden, die größeren Teile wohl aber zu den Römern über. Trotz des Schadens, den die Römer den Einheimischen in der Lage gewesen waren zuzufügen, blieb die Belagerungssituation letztlich bestehen. Sabinus wartete in seiner Notlage auf die Hilfe des Varus. Auch andernorts in Judäa schlossen sich 2000 Aufständische zusammen, um gegen die Königlichen unter Achiab, dem Vetter des Herodes, zu rebellieren. In Galiläa sammelte Judas, der Sohn eines Ezechias, der bereits unter Herodes für Unruhe gesorgt hatte, Waffen und Leute. Im unteren Jordantal tat dies ein gewisser Simon, der gerne König sein wollte. In Judäa bekam noch ein ehemaliger Schafhirte namens Athrongaios, der sich offenbar ebenso selbst zum König ernannt hatte, großen Zulauf an Mitkämpfern und machte den königlichen Truppen schwer (und noch lange) zu schaffen.
„Sobald Varus aus einem Briefe des Sabinus die Lage der Dinge erfuhr, zog er, besorgt wegen des Schicksals der in Jerusalem zurückgelassenen Legion, die beiden anderen der in Syrien liegenden drei Legionen sowie vier Schwadronen Reiter und alle Hilfstruppen der Könige und Tetrarchen an sich und eilte damit den in Judäa Belagerten zu Hilfe“197. Die römischen Legionen und die Hilfstruppen, wie etwa die des Nabatäerkönigs Aretas oder die der Stadt Berytos, sammelten sich in Ptolemais. Von dort zogen sie nach Galiläa und durch Samaria nach Judäa. Nachdem Varus Emmaus eingeäschert hatte und nun vor Jerusalem stand, flüchteten jene Aufständischen, die den Sabinus und die eine Legion in der Stadt belagert hatten. Jerusalem war damit wieder in der Hand der Römer. Sabinus stahl sich heimlich aus Judäa an die phönizische Küste. Varus schickte seine Truppen durch die jüdischen Landstriche, um den Empörungen überall ein Ende zu machen, und ließ 2.000 ergriffene „Rädelsführer“ kreuzigen. Die bundesgenössischen Truppen, vor allem die plündernden und verheerenden arabischen Nabatäer, wurden aus dem Dienst entlassen. Varus musste sodann vernehmen, dass sich erneut in Idumäa 10.000 Rebellen zusammengerottet hatten. Er brach sofort gegen sie auf. Durch Überredung des Achiab, des Vetters des verstorbenen Königs, ergaben sich diese Aufständischen allerdings rasch. Allein die Anführer ließ Varus nach Rom bringen. (Augustus ließ aber alle frei, bis auf die Verwandten des Herodes. Nur Letztere wurden hingerichtet.) Varus hatte seine Aufgabe erfüllt. Er ließ in Jerusalem erneut eine Legion als Besatzung zurück und begab sich wieder in die Provinzhauptstadt Antiochia.
In Rom war mittlerweile, noch mit Erlaubnis des Varus, eine fünfzigköpfige Gesandtschaft des jüdischen Volkes eingetroffen, „um dort das Begehren zu stellen, dass sie frei nach ihren Gesetzen leben dürften“198. Es schlossen sich ihnen dort noch über 8.000 Juden an. Und auch Philippos war auf Varus‘ Anraten hin in Rom erschienen. Varus ging nämlich davon aus, dass das Königreich geteilt werden sollte. Im Tempel des Apollo auf dem Palatin hielt Augustus mit seinen Freunden und den vornehmsten Römern die Ratssitzung ab, in welcher er die Gesandtschaft des Volkes anhörte. Diese klagte, Herodes sei kein König, sondern ein Tyrann gewesen, der zwar die von Ausländern bewohnten Städte in seinem Reich gefördert, die Juden selbst aber in jeder Hinsicht schwer bedrückt und misshandelt habe. Archelaos habe bewiesen, dass er seinem Vater in nichts nachstehe, als er 3000 Landsleute im Tempel hinschlachten ließ. „Mit einem Wort, ihre Forderung gehe dahin, dass sie von solcher Herrschaft befreit, der Provinz Syrien zugeteilt und einem römischen Landpfleger unterstellt würden. Auf diese Weise werde es sich zeigen, ob sie aufrührerisch und umstürzlerisch, oder aber unter einer gerechten Regierung ruhig und zufrieden seien“199. Daraufhin verteidigte Nicolaus den verstorbenen Herodes und den Thronanwärter Archelaos. Augustus entließ die Versammlung und ernannte den Archelaos einige Tage später zum Ethnarchen von Judäa, Idumäa und Samaria (mit 400 oder 600 Talenten Jahreseinkommen), wenigstens mit der Aussicht auf den Königstitel bei entsprechend guter Führung. Antipas erhielt als Tetrarch Galiläa und Peräa (200 Talente Jahreseinkünfte), Philippos ebenso als Tetrarch die Landschaft Batanaea mit Trachonitis und Auranitis sowie Abilene (100 Talente Jahreseinkünfte). Die Städte Gaza, Gadara und Hippos wurden der Provinz Syrien einverleibt. Salome, die Schwester des verstorbenen Königs, ging nicht leer aus. Sie war Herrin über Ländereien im Herrschaftsgebiet des Archelaos, die ihr jährlich 60 Talente einbrachten. Auf solche Weise teilte Augustus die Herrschaft über das einstige Königreich des Herodes auf.
So berichtet es also Iosephus. Unser Ziel muss es sein, jene relativ datierten Ereignisse, vorzugsweise den Herrschertod selbst, absolut zu datieren. Bereits Iosephus hat in seiner Schilderung historische Geschehnisse und Zustände genannt und angesprochen, die uns in die Lage versetzen, den Tod wenigstens auf gewisse Jahre unserer Zeitrechnung einzugrenzen. Und darüber hinaus erwähnt er mit der Mondfinsternis eine astronomische Beobachtung, welche den Forschenden geradezu herausfordert, den Tod des Herodes absolut zu datieren – aber der Reihe nach.
II. 2. Zeitliche Eingrenzung des Todeszeitpunktes mittels der römischen Geschichte und Chronologie
Soweit das Wesentliche der Angaben des Iosephus. Welche Anhaltspunkte für eine absolute Datierung lassen sich hierin finden? Nach einer klaren und unmissverständlichen Aussage, die uns den Zeitpunkt irgendeines Ereignisses oder irgendeiner Handlung bestimmen lassen würde, sucht man vergeblich in dem Text des Iosephus, welcher das Zeitgeschehen unmittelbar um diesen Tod herum behandelt. Und so hat natürlich der erste Versuch darin zu bestehen, die Zeit der letzten Tage des Königs aus dem zeitlich breiteren Zusammenhang der Schilderung des Iosephus zu ermitteln. Weil Iosephus von den Vorgängen in den Jahren nach dem Tod des Herodes aber relativ schlecht bis gar nicht unterrichtet ist, kann man sich allein der Zeit vor dem Tode zuwenden. Die letzte unzweifelhafte Datierung eines von Iosephus berichteten Geschehens vor dem Tod des Königs ist die Abreise des M. Vipsanius Agrippa aus dem Orient zurück in den Westen im Jahre 13 v. Chr.200 Herodes gab damals seinen ältesten Sohn Antipatros dem M. Agrippa mit nach Rom.201 Liest man bei Iosephus von hier aus bis zu den oben zusammengefasst wiedergegebenen Ereignissen weiter, so scheint es geraten, dieselben letzten Ereignisse im Leben des Königs in das letzte vorchristliche Jahrzehnt einzuordnen, vorzugsweise in die zweite Hälfte des selbigen, da zwischen Agrippas Fortgang und dem Tod des Herodes gefühlte acht bis ein dutzend Jahre vergangen sein mögen.202 Präziseres lässt sich auf den ersten Blick aus Iosephus freilich nicht ableiten. Wenigstens aber stimmt dieser bloße Eindruck mit der ganz überwiegenden Mehrzahl der Datierungsansätze der Gelehrten zum Todesjahr des Herodes überein. Denn die Meisten setzen den Tod in die zweite Hälfte des letzten Jahrzehnts vor der Zeitenwende. Trotzdem ist die Abreise des Agrippa 13 v. Chr. als chronologische Bezugsgröße selbstverständlich völlig unzureichend, und zwar deshalb, weil man den zeitlichen Abstand zwischen dieser Abreise und dem Tod des Königs ja nur ganz grob abzuschätzen vermag und dieses Abschätzen nun einmal ziemliche Ermessenssache ist. Darum spielte die Abreise des Römers Agrippa aus dem Orient auf der Suche nach dem Todesjahr des Herodes auch nie eine argumentative Rolle. Dennoch führt uns dieser Blick über den Tellerrand der jüdischen Geschichte hin zur römischen Geschichte auf eine richtige Fährte.
Wie bereits aus dem gerade gegebenen Agrippa-Beispiel zu erahnen ist, wird die absolute Chronologie der jüdischen Geschichte ab ungefähr 63 v. Chr. vorzugsweise aus Überschneidungen mit der römischen Geschichte und ihrer Chronologie gewonnen. Das setzt natürlich voraus, dass uns die antiken Geschichtsschreiber über die Geschichte der römischen Weltmacht unterrichten. Über den Aufstieg des Augustus und die Bürgerkriegszeit fließen die Quellen ausgesprochen reich. Über die spätere Regierungszeit des Augustus berichtet in chronologischer Ordnung nur noch Cassius Dio. Sein Werk weist nun aber eine schmerzliche Überlieferungslücke auf, welche die Jahre 5 v. bis 3 n. Chr. betrifft. Einige Nachrichten lassen sich wenigstens aus späteren Schriftstellern rekonstruieren, die Dios ursprünglich natürlich lückenloses Werk benutzt haben. Zwar sind Einzelheiten des historischen Geschehens jener Jahre durchaus auch durch andere, zeitnähere antike Historiker wie Velleius Paterculus, Tacitus oder Suetonius überliefert, aber diese vermitteln uns eben nur ein allzu bruchstückhaftes Wissen über jenen Zeitabschnitt.
Gemäß der Ergebnisse der bisherigen Forschung zum Todesjahr des Herodes scheint es, dass der Tod des Königs genau in jene Zeit fällt, die der bedeutende Altertumswissenschaftler Ronald Syme so einprägsam „the dark decade of Augustan history (6 B.C.-A.D. 4)“203 nannte. Wie bereits angedeutet, schweigt sich zu allem Überfluss auch noch Iosephus weitgehend über die Jahre nach Herodes‘ Tod bis zur Absetzung des Archelaos aus.204 Wenngleich die Voraussetzungen damit nicht die besten sind, muss man versuchen, Herodes‘ letzte Lebenszeit sowie die unmittelbar auf sein Ableben folgenden Ereignisse mit der römischen Geschichte in Beziehung zu setzen, um Anhaltspunkte für eine Datierung zu gewinnen.
In eben dieser Hinsichtfällt Iosephus‘ Erwähnung des Augustusenkels Gaius Caesar sowie zweier kaiserlicher Beamter, Quinctilius Varus und Sabinus, ins Auge. Von Sabinus haben wir außer durch Iosephus keine sichere Kenntnis.205 Doch die Nachrichten über Gaius und Varus vermögen zu einem ersten sicheren, wenn auch noch recht unpräzisen Datierungsschritt verhelfen.
II. 2. 1. Zeitliche Eingrenzung des Zusammentritts des kaiserlichen Rates, der unter Teilnahme des Augustusenkels Gaius über die Nachfolge des kurz zuvor verstorbenen Herodes tagte
Als hätten die Juden unter dem alten Herodes nicht genug gelitten, brach mit dem Tod des Königs für sie ein erst recht turbulentes und gefährliches Jahr an. Die Erinnerung daran findet sich sogar am Schluss des Protevangeliums des Jakobus. Wie war der Hergang des Geschehens? Der älteste Königssohn Archelaos, den der Verstorbene in seinem letzten Testament der Nachfolge für würdig erachtet hatte, reiste, nachdem er am Rüsttag des Passa, also am 14. Nisan, ein Blutbad unter dem regimekritischen, zu Jerusalem versammelten Volke angerichtet hatte, nach Caesarea am Meer, wo ihm der Römer Sabinus begegnete. Letzterer, offensichtlich der für Syrien zuständige Finanzprokurator des Augustus, begriff es als seine Pflicht, das von Herodes hinterlassene Vermögen vorerst in Verwahrung zu nehmen, bis Augustus über die Zukunft des jüdischen Reiches entschieden haben würde. In der Tat behielt sich Augustus die Ernennung und Absetzung der Könige und Fürsten eines jedweden römischen Klientelreiches selbst vor, ebenso die Entscheidung zur Umwandlung solcher Reiche in römische Provinzen. Das Reich des verstorbenen Herodes war in vollem Maße ein solcher Vasallenstaat. Archelaos stellte diese Rechte des Kaisers keinesfalls in Frage, aber er muss es für ganz unnötig erachtet haben, das königliche Vermögen und die Festungen des Landes aus seinen Händen zu geben, denn er hoffte ja, in Kürze vom Princeps als legitimer Nachfolger seines Vaters bestätigt zu werden. Er wollte sich nicht von Sabinus vor vollendete Tatsachen stellen lassen. Der von Archelaos in seiner Not herbeigerufene Statthalter in Syrien, Varus, riet dem Sabinus, von der Reise nach Judäa, der Konfiszierung der königlichen Schätze und der Besetzung der königlichen Burgen Abstand zu nehmen. Die Lage im jüdischen Lande war ohnehin explosiv genug. Nachdem Sabinus vom syrischen Statthalter gestoppt und die Gefahr der Güter-Konfiszierung scheinbar gebannt war, reiste Archelaos von Caesarea auf schnellstem Wege nach Rom, um sich die Königsherrschaft von Augustus bestätigen zu lassen. Archelaos sowie die briefliche Berichterstattung des Varus und des Sabinus waren nicht die einzigen, die bei Augustus eintrafen. Auch Archelaos‘ Bruder Antipas, unterstützt von vielen seiner Verwandten, bewarb sich in Rom um die Königskrone. Archelaos aber war entschlossen, seine Rechtsansprüche durchzusetzen und ließ gehorsam dem Kaiser den Siegelring seines Vaters sowie die Unterlagen über den jüdischen Staatshaushalt zukommen. „Als der Cäsar die Schriftstücke sowie die Briefe des Varus und des Sabinus gelesen, sich von dem Nachlasse des Herodes und den jährlichen Einkünften Kenntnis verschafft und auch den Brief des Antipas, in welchem dieser sich um die Herrschaft bewarb, erhalten hatte, berief er seine Vertrauten zusammen, um deren Meinungsäußerungen entgegenzunehmen, darunter auch Gajus, den Sohn Agrippas und der Julia, der Tochter des Cäsars, den der Letztere adoptiert und dem er im Rate den ersten Platz zuerkannt hatte“206. Von diesem Zusammentritt des kaiserlichen Rats nach Herodes‘ Tod, an dem auch Gaius teilnahm, berichtet Iosephus nicht nur in den gerade zitierten antiquitates, sondern ebenso in seinem bellum.207 Was ist unter jenem Rat bzw. unter jenem „Synedrion“, wie Iosephus sagt, welcher bzw. welches über die zukünftigen Herrschaftsverhältnisse im Herodes-Reich zu beraten hatte, zu verstehen?
Bei den Römern bestand seit jeher die gute Sitte, sich vor wichtigen Entscheidungen mit Vertrauensmännern zu beraten. Diese Sitte schlug sich auch in Amtsangelegenheiten nieder, besonders in der Rechtspflege. Neben die ordentlichen Gerichte und das Senatsgericht setzte Augustus ein Kaisergericht.208 In jenen Rechtsfällen, die vor dieses Kaisergericht gebracht und von Augustus angenommen wurden, sprach der Princeps nach dem Studieren der Akten und Anträge, nach Anhörungen und Verhören, also nach der Beweisaufnahme alleine am Ende das Urteil. Letzten Endes konnte er jede vor seinem kaiserlichen Gericht verhandelte Angelegenheit frei nach seinem Rechts-Ermessen zur rechtskräftigen Entscheidung bringen. Das hinderte Augustus (sowie auch seine Nachfolger im Kaiseramt) allerdings keineswegs daran, sich bei Bedarf mit einem Beraterstab aus geeigneten Freunden und Vertrauenspersonen und in kniffligen Fällen sicher auch aus Juristen von Fach zu umgeben, die den Prozess verfolgten und Augustus bei der gerechten Urteilsfindung unterstützen sollten. Diese Beisitzer mögen sich zwischendurch und nach der Beweisaufnahme mit dem Richter Augustus zusammen im Gespräch beraten haben; belegt ist aber vor allem der Gebrauch von Stimmtäfelchen, mittels derer ausschließlich Augustus die auf solche Weise möglichst unbefangene Meinungsäußerung des einzelnen erfuhr.209 Augustus wird im Einzelfall letztlich jene Form der Beratertätigkeit gewählt haben, die ihm gerade nützlich erschien. Dieser Rat, das consilium Augusti, nahm jedenfalls eine wichtige beratende Funktion innerhalb der kaiserlichen Gerichtsbarkeit ein, wenngleich das Hinzuziehen solch eines Beratergremiums von staatsrechtlicher Seite her für Augustus natürlich nicht verpflichtend war und das consilium unter dem ersten Princeps auch noch viel weniger institutionalisiert war als unter späteren Kaisern. Überhaupt war unter Augustus der Natur der Sache gemäß das meiste, was in seinen persönlichen Machtbereich fiel, noch sehr wenig institutionalisiert, so dass ich gar nicht entscheiden möchte, ob das von Iosephus erwähnte consilium Augusti nach dem Tode des Herodes im Rahmen des Kaisergerichts zusammengerufen wurde210 oder ob dieses consilium den Augustus in der jüdischen Nachfolge-Angelegenheit gar nicht in seiner Eigenart als Richter beriet, sondern einfach als Außenpolitiker und Inhaber des imperium proconsulare maius. Denn als Inhaber dieses Imperiums hatte Augustus ohnehin längst die Machtkompetenz über Führungspositionen und Verwaltungszustände in einem römischen Klientelreich eigenständig zu entscheiden; und dass er sich auch oder gerade in solchen Angelegenheiten von seinem consilium beraten ließ, dürfte außer Frage stehen. Uns sollen solche staatsrechtlichen Fragen nicht weiter beschweren. Denn wir wollen unabhängig von solchen Hintergründen alleine wissen, wann Augustus wegen des jüdischen Erbfolgestreites das consilium einberief. Hilfreich für die Beantwortung dieser Frage ist – sofern man jede verfrühte Überzeugung von einem bestimmten Todesjahr des Herodes fahren lässt – ausschließlich die Tatsache, dass Gaius Caesar, der Enkel und Adoptivsohn des Augustus, demselben Rat angehörte.
Gaius genoss als designierter Nachfolger des Augustus unter Zeitgenossen und sogar noch bei nachfolgenden Generationen eine gewisse Prominenz, sodass uns die Quellen einige biographische Nachrichten über ihn mitteilen. Diesem glücklichen Umstand ist es zu verdanken, dass sowohl der ungefähre Zeitpunkt bestimmbar ist, zu welchem Gaius frühestens an diesem consilium teilgenommen haben kann, als auch der spätestmögliche Zeitpunkt rekonstruierbar ist, zu welchem Gaius nicht mehr in Rom zugegen war und folglich auch nicht mehr solchen Beratungen beiwohnen konnte. Auf diesem Wege lassen sich dem Zusammentritt des kaiserlichen Rates zeitliche Grenzen setzen, was wiederum Rückschlüsse auf den Zeitpunkt des Herodes-Todes erlaubt.
Der frühestmögliche Zeitpunkt des Rats-Zusammentritts: Seit dem auf die Ermordung des Iulius Caesar erfolgten Aufstieg des Octavianus Augustus war Marcus Vipsanius Agrippa sein treuster und fähigster Kriegs- und Weggefährte und wurde bald zur rechten Hand des Princeps. Das enge und durch mehr als 30 Jahre hindurch ungebrochene Vertrauensverhältnis zwischen beiden sucht in der Geschichte seinesgleichen. Agrippa war kein vornehmer, schmeichelnder Höfling, sondern er war der hart arbeitende General, dem offizielle Ehrungen und Auszeichnungen oberflächlich erschienen, dem stattdessen die Tatsache genügte, der zweitmächtigste Mann im Staate zu sein. Er war der Zweite‘ der gegenüber dem Ersten, dem Princeps, bedingungslos loyal war und blieb. Wie sehr Augustus auf seinen Freund baute, ist daraus ersichtlich, dass er ihm seine einzige Tochter namens Iulia zur Frau gab. Augustus selbst blieben leibliche Söhne verwehrt, nicht so dem Agrippa. Iulia schenkte ihm insgesamt drei Söhne. Der erste namens Gaius kam im Jahre 20 v. Chr. zur Welt. Caesar Augustus band diese Nachkommen seiner Tochter und seines Freundes sehr früh in seine dynastischen Pläne ein. 17 v. Chr. adoptierte er den Gaius zusammen mit seinem jüngeren, in diesem Jahre geborenen Bruder Lucius.211 Gaius Caesar wuchs zu Rom unter den wachenden Augen des Augustus auf und sollte auf die ihm in Zukunft zugedachte Aufgabe vorbereitet werden, aus der auch vor der Öffentlichkeit kein Hehl gemacht wurde. Als sein Vater Agrippa bereits vier Jahre verstorben war, nahm der junge Gaius im Rahmen eines Feldzuges, den Tiberius, der Stiefsohn des Augustus, im Jahre 8 v. Chr. im germanisch-gallischen Raum tätigte, zum ersten Mal an militärischen Übungen teil.212 6 v. Chr. hätte die hohe römische Öffentlichkeit Gaius zum Konsul gewählt, wenn Augustus in Anbetracht seines jungen Alters dies nicht verhindert hätte. Stattdessen verlieh er seinem Enkel und Adoptivsohn ein Priesteramt.213 Im Jahr 5 v. Chr. erhielt Gaius die toga virilis, galt somit als volljährig und durfte obendrein aufgrund eines entsprechenden Senatsbeschlusses allen Senatssitzungen beiwohnen. Bei dieser Gelegenheit wurde Gaius für das Jahr 1 n. Chr. zum Konsul designiert.214 Außerdem wurde er zum princeps iuventutis, zum Führer der ritterlichen Jugend ernannt.215 Um das Jahr 2 v. Chr. wurde dem Gaius zusammen mit seinem Bruder Lucius eine Art konsularische Gewalt verliehen, welche sie zum Wahrnehmen repräsentativer Aufgaben in der Stadt befähigen sollte.216 Als Gaius Caesar kurz vor der Zeitenwende von Augustus mit beachtlicher Machtbefugnis ausgestattet und in den Orient geschickt wurde – worauf unten noch detailliert eingegangen wird –, galten er und sein jüngerer Bruder längst jedermann als Hoffnungsträger des Römischen Reiches und als die designierten Augustus-Nachfolger.217 Schon alleine deshalb war es ein schwerer Schlag für Augustus und nahm ein großer Teil der Reichsöffentlichkeit Anteil, als später sowohl Gaius als auch Lucius noch als junge Männer fernab der Heimat starben. Irgendwann vor seiner Reise in den Osten, von der er nicht mehr lebend zurückkehren sollte, hat Gaius laut Iosephus an den Beratungen über die jüdischen Herrschaftsverhältnisse nach dem Ableben des Herodes mitgewirkt. Die Frage, wann diese Mitwirkung frühestens stattgefunden haben kann, ist im Anblick der eben angerissenen Stationen des Gaius-Werdegangs zu Rom relativ schnell und sicher beantwortet.
Im Jahre 5 v. Chr. legte Gaius, wie gesagt, die toga virilis, die Toga des erwachsenen Bürgers, an. Er galt damit als Volljähriger. Augustus hatte sich nach 17 konsulatsfreien Jahren für das Jahr 5 v. Chr. bewusst wieder dieses hohe Staatsamt reserviert, um als Konsul seinen Adoptivsohn mittels jener feierlichen Zeremonie in die Öffentlichkeit einzuführen.218 Erst ab diesem Zeitpunkt kann Gaius zum Berater im consilium Augusti berufen worden sein. Denn den Knaben Gaius, selbst wenn es sein Sohn war, hätte Augustus mit Sicherheit nicht in seinen Beraterstab berufen. Jetzt aber, mit der Erlangung der Volljährigkeit des Gaius, war die Situation eine andere. Übrigens war es dem Gaius auch erst mit diesem Tag der Volljährigkeit erlaubt, an den Senatssitzungen teilzunehmen.219
Wann genauer innerhalb des Jahres 5 v. Chr. Gaius die Männertoga anlegte, ist leider nicht mit letzter Bestimmtheit zu beantworten. Man kann der Meinung sein, dass Augustus diese Feier direkt bei seinem Amtsantritt als Konsul, also am 1. Januar, abhielt.220 Meiner Meinung nach gibt es aber Anhaltspunkte dafür, dass die Zeremonie ungefähr in den Juni fiel, was erklärt werden will:
Augustus war in diesem Jahr consul ordinarius, d. h. eponymer Konsul, der am 1. Januar sein Amt antrat, genauso sein Amtskollege L. Cornelius Sulla. Nach mehreren Jahren (11-6 v. Chr.) ohne Suffektkonsuln wies das Jahr 5 v. Chr. wieder zwei consules suffecti auf, welche die beiden ordentlichen Konsuln zu irgendeinem bestimmten Zeitpunkt innerhalb dieses Magistratsjahrs ablösten. Die Quellen nennen weder den Tag noch den Monat dieser Ablösung im Jahre 5 v. Chr. Aber vom Jahre 5 v. Chr. bis ins Jahr 12 n. Chr. (ausgenommen dem Jahr 3 v. Chr.) begegnen in den fasti consulares stets Suffektkonsuln. Und so wir den fasti Capitolini Glauben schenken dürfen, war in diesem Zeitabschnitt der Tag der Ablösung in sämtlichen Jahren, für die uns dieser Tag überhaupt überliefert ist, immer der 1. Juli (so in den Jahren 1-6 u. 8-12 n. Chr., wahrscheinlich auch im Jahr 7 n. Chr.).221 Gewechselt wurde also vorzugsweise nach Ablauf eines halben Jahres, so also vermutlich auch im Jahr 5 v. Chr. Selbst wer den dauernd wiederkehrenden 1. Juli als Schematisierung verdächtigt, wird in Anbetracht der Tatsache, dass das Jahr 5 v. Chr. consules suffecti aufweist, nicht davon ausgehen, dass Gaius die Männertoga erst gegen Ende des Jahres erhielt. Denn irgendwann im Laufe des Jahres hat sich Augustus, der bei der Feier der Volljährigkeit ja im Amte war, von seinem Amtsnachfolger ablösen lassen, und zwar nicht erst gegen Ende des Jahres: Schließlich wollte der Princeps jene Senatoren, die in das Konsulat gewählt wurden, ehren und an sich binden, nicht aber beleidigen.222 Dass die Volljährigkeitsfeier des Gaius in die erstere Hälfte des Jahres fiel, ist schon von daher wenigstens wahrscheinlich (wenn auch nicht zwingend223). Hinzu kommt noch Folgendes: In seinem zwölften und in seinem 13. Konsulat, also in den Jahren 5 und 2 v. Chr., ließ Augustus der römischen Stadtbevölkerung eine Geldspende von jeweils 60 Denaren pro Kopf zukommen,224 wahrscheinlich anlässlich der Einführung des Gaius und drei Jahre später des Lucius in die Öffentlichkeit.225 Von jener ersten Spende in seinem zwölften Konsulat sagt Augustus selbst, dass er sie tätigte, als er die tribunicia potestas zum 18. Male innehatte. Diese Geldspende fiel damit vor den 26. Juni 5 v. Chr., denn an diesem Tag begann bereits das 19. Jahr seiner tribunizischen Gewalt.226 Auch von hieraus ist es also geboten, die Volljährigkeitsfeier des Gaius in die erste Hälfte des Jahres 5 v. Chr. zu datieren. Wie komme ich aber nun ausgerechnet auf den Juni als wahrscheinliches Datum dieser Feierlichkeit?
Eine Inschrift aus der Stadt Sardeis zitiert einen Dankesbrief des Augustus an ihre Bewohner.227 Der Caesar dankt ihnen für die Überbringung ihrer Glückwünsche zur Volljährigkeit seines Sohnes Gaius durch eine Gesandtschaft. „Damals müssen sich hunderte Gesandtschaften aus diesem Anlaß in Rom aufgehalten haben, und es ist dem Zufall zu verdanken, daß nur eines der Dankschreiben des Augustus im Wortlaut erhalten ist“228. Den Dankesbrief datiert Augustus selbst in das 19. Jahr seiner tribunicia potestas, welches vom 26. Juni 5 v. Chr. bis zum 25. Juni 4 v. Chr. lief. Wenn folglich jene Gesandtschaft zur Volljährigkeitsfeier des Gaius, die mit größter Wahrscheinlichkeit in der ersten Jahreshälfte begangen wurde, angereist war, aber definitiv erst nach dem 26. Juni ein Dankesschreiben für die Daheimgebliebenen ausgehändigt bekam, so scheint die Zeremonie noch im Juni vonstatten gegangen zu sein. Denn Augustus wird sich für die im Rahmen der Feierlichkeiten überbrachten Gratulationen nicht erst Monate später bedankt haben. Ich halte jedenfalls die Ankleidung des Gaius mit der toga virilis im Juni 5 v. Chr. für am wahrscheinlichsten. Und ich meine, dass seine Teilnahme am kaiserlichen Rat erst nach diesem Datum möglich war, dass also das consilium Augusti auch erst nach diesem Zeitpunkt zusammengetreten sein kann.
Der spätestmögliche Zeitpunkt des Rats-Zusammentritts: Der Sommeranfang 5 v. Chr. bildet also für den Zusammentritt des consilium Augusti den terminus post quem. Erst dann kann sich Augustus mit Gaius und anderen Beratern zusammengesetzt haben, um über die Zukunft des jüdischen Klientelreiches zu entscheiden. Lässt sich denn auch ein terminus ante quem finden, also ein Zeitpunkt, vor dem jener Zusammentritt erfolgt sein muss? Dieser spätestmögliche Zeitpunkt des consilium-Zusammentritts ist wieder aus der Biographie des Gaius zu gewinnen. Denn kurz vor der Zeitenwende verließ Gaius Rom und Italien – für immer, wie sich später herausstellte –, um sich im Osten des Römischen Reiches als Feldherr und zukünftiger Nachfolger des Augustus zu bewähren. Wir wissen aus den Quellen von einer Orientmission des Gaius mit dem Ziel, das Unabhängigkeitsgebaren der Armenier nicht ungestraft zu lassen und gleichzeitig die Parther, die Konkurrenzmacht der Römer im Orient, einmal mehr in ihre Schranken zu weisen. Die Frage ist also: Wann verließ der Enkel des Augustus zu diesem Zwecke die Stadt Rom und Italien? Denn jenes consilium muss ja vor ebendieser Abreise des Teilnehmers Gaius stattgefunden haben.
Der tatsächliche oder auch nur ein höchstwahrscheinlicher Zeitpunkt, zu welchem Gaius in Richtung Osten aufbrach, ist aus den Quellen nur ganz schwer zu ermitteln, bzw. ist er genau überhaupt nicht zu bestimmen. Manche Gelehrte setzen die Abreise ins Jahr 2 v. Chr.229, die meisten ins Jahr 1 v. Chr.230 und ganz wenige erst ins Jahr 1 n. Chr.231 Wenigstens lässt sich der spätestmögliche Zeitpunkt benennen.
Der römische Historiker Velleius Paterculus, ein Zeitzeuge erster Güte232, sagt von jenem Jahr, in welchem Augustus und L. Gallus Caninius Konsuln waren (zweiterer war Suffektkonsul), also vom Jahr 2 v. Chr.: „Die Parther fielen vom römischen Bündnis ab und griffen nach Armenien über“233. Die Parther waren zu jener Zeit ein mächtiges Volk hinter dem Tigris, dessen Kernreich südlich des Kaspischen Meeres gelegen war. Mit dem Untergang des Seleukidenreiches jedoch waren sie immer weiter in den Westen vorgedrungen, was natürlich für handfeste Interessenkonflikte mit den Römern sorgte. Im Jahre 40/39 v. Chr. hatten die Parther gemeinsam mit den Armeniern ihre Hand weit bis nach Syrien und sogar bis nach Kleinasien ausgestreckt. In einem großangelegten Feldzug hatten die Römer die Barbaren zwar erfolgreich zurückschlagen können,234 aber die Gefahr aus dem Osten war damit keineswegs langfristig gebannt. Im Jahre 36 v. Chr. hatte der Triumvir M. Antonius einen Feldzug gegen die Parther unternommen und war dabei bis in das Gebiet eines parthischen Vasallenkönigs vorgestoßen. Antonius hatte fliehen müssen und viele seiner Soldaten waren umgekommen.235 Die Armenier, die vermeintlichen Verbündeten des Antonius in diesem Kriege, hatten ihn bei alledem ziemlich im Stich gelassen, was wohl mit ein Grund dafür war, dass Antonius 34 v. Chr. gesondert gegen sie Krieg führte, diesmal erfolgreich. Im Jahre 20 v. Chr. musste Tiberius die Armenier, welche sich gemäß ihrer geographischen Lage zwischen dem Parthischen und dem Römischen Reich mal an dieses mal an jenes hielten, noch einmal züchtigen.236 Den Parthern traten die Römer aus der Ferne wenigstens regelmäßig mit Drohungen entgegen, welche allerdings spätestens im Laufe des Jahres 2 v. Chr. keine Wirkung mehr zeigten. Denn, wie wir soeben aus Velleius erfahren haben, begannen Parther und Armenier augenscheinlich die Vormachtstellung Roms erneut in Frage zu stellen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt muss sich Augustus Gedanken gemacht haben, wie er der halb schleichenden, halb sich offen abzeichnenden Gefahr im Osten entgegentreten sollte.237 Wen sollte er in das Krisengebiet entsenden? Er selbst war zu alt, Agrippa weilte schon seit zehn Jahren nicht mehr unter den Lebenden, Drusus war 9 v. Chr. am Rhein von einer Krankheit hingerafft worden und Tiberius lebte seit 6 v. Chr. als Privatmann auf Rhodos. Dennoch musste es einer seiner Vertrautesten sein, ein Familienangehöriger, der in Anbetracht der Situation mit enorm hoher Gewalt ausgestattet werden musste.238 Der Princeps wird bereits 2 v. Chr. seinen 18jährigen Enkel Gaius für diese Aufgabe auserkoren haben. Aber Gaius war noch ganz unerfahren. So schickte Augustus ihn erst einmal an die Donau, wo er auf die Verantwortung vorbereitet werden sollte, bevor ihm die große Aufgabe anvertraut werden sollte. Bei Dio heißt es dazu: „Gaius übernahm den Befehl über die Legionen an der Donau in friedlicher Absicht; er führte nämlich keinen Krieg, nicht weil es an einem solchen gefehlt hätte, sondern weil er in Ruhe und Sicherheit das Kommandieren erlernen wollte. Die gefährlichen Unternehmen wurden hingegen anderen übertragen“239. Darüber, dass diese Nachricht in das Jahr 2 oder 1 v. Chr. einzuordnen ist, besteht Einigkeit.
Wenigstens ist bekannt, dass Gaius im Sommer 2 v. Chr. noch in Rom weilte. Denn der Tempel des Mars Ultor auf dem forum Augusti wurde entweder am 12. Mai oder aber am 1. August 2 v. Chr. von Augustus eingeweiht.240 Solche Tempel-Einweihungen waren unter Augustus immer begleitet von Wettkämpfen und Schauspielen aller Art.241 Im Zusammenhang mit der Einweihung des Mars-Ultor-Tempels im Jahr 2 v. Chr. veranstaltete der Princeps Spiele zu Ehren dieses Gottes, die ludi Martiales. Im Rahmen dieser Spiele wurde unter anderem von der patrizischen Jugend das Troja-Spiel (ludus Troiae) aufgeführt, woran der kleine Agrippa Postumus, der jüngere Bruder des Gaius und des Lucius, teilnahm. Das wohl beeindruckendste Spektakel in diesen Festtagen bildete die mit äußerstem Aufwand betriebene, nachgespielte Seeschlacht zwischen Athenern und Persern. Außerdem fanden großangelegte Tierhetzen im Circus und Gladiatorenkämpfe statt. Laut Cassius Dio richteten Gaius und Lucius als Veranstalter diese Circus-Spiele aus.242 Folglich war Gaius im Sommer 2 v. Chr. in Rom anwesend.
Nichts in den Quellen deutet nun darauf hin, dass Gaius seine Reise an die Donau vor diesen Festlichkeiten unternommen hat, sondern man gewinnt aus Dio und Velleius den gegenteiligen Eindruck. Gaius wird entweder noch im Spätsommer oder Herbst 2 v. Chr. oder eben irgendwann im Frühjahr 1 v. Chr. an die Donau gereist sein,243 wahrscheinlich in eine der beiden illyrischen Provinzen, Pannonia oder Dalmatia, weniger wahrscheinlich nach Moesia oder Dacia. Dort hat es zwar an Krieg und gefährlichen Unternehmen nicht gefehlt, aber solches zu bewältigen war die Aufgabe der Generäle. Der junge Augustusenkel blieb unterdessen, wie es scheint, weit hinter allen Gefechtslinien, um in Ruhe und Sicherheit das Kommandieren zu erlernen.
Nach seinem Aufenthalt an der Donau, bei dem Gaius von Dio noch als ganz unselbstständig geschildert wird, muss sich der junge Hoffnungsträger erst einmal wieder in Rom eingefunden haben, wo er verheiratet wurde. Gaius wurde um eines höheren Ansehens willen vor seiner Aussendung gegen die Parther und Armenier zum ehrbaren Ehemann gemacht. Dann zog er endlich mit prokonsularischer Gewalt Richtung Osten; und Dio schildert ihn jetzt als Oberfeldherrn, der gewiß nicht mehr „in friedlicher Absicht“ auszog wie noch an die Donau.244 Gaius hatte freilich Ratgeber, sogenannte rectores und comites zur Seite (erst den M. Lollius245, dann eventuell den Marcius Censorinus246, später den Sulpicius Quirinius247) und richtete im Orient letztendlich nicht viel aus, aber er hatte jetzt einen ganz anderen Stand und Auftrag als an der Donau. Den Aufenthalt an der Donau nicht als erste Etappe seiner Orientreise zu betrachten, halte ich daher und überhaupt nach einer Lektüre des entsprechenden, leider nur fragmentarisch erhaltenen Dio-Textes, für vollends geboten.248 Dass nach der militärischen Kompetenzerlangung in Illyrien dann in Rom außer der Hochzeit auch eine politische Instruktion neuer Qualität stattfand, muss man stark annehmen. Donau-Reise und Orientreise sind also zwei paar Schuhe; denn man kann aus der Quelle in keinem Moment herauslesen, dass Gaius bei seinem Aufenthalt an der Donau bereits Inhaber des imperium proconsulare und damit offizieller Mitherrscher des Augustus war.
Unsere eigentliche Frage ist natürlich, wann Gaius in den Osten aufgebrochen ist. Es gibt die Ansicht, die sich auf eine undatierte Münze stützt, welche Gaius auf einem Pferd zeigt, dass dem Gaius bereits am 12. Mai 2 v. Chr. sein prokonsularisches Imperium verliehen worden ist und er bereits zu diesem Zeitpunkte offiziell in den Orient entsandt wurde.249 Seitdem allerdings Peter Herz 1980 die nur fragmentarisch erhaltene Feiertagsnotiz der fasti Praenestini zum 29. Januar als Bezeichnung jenes Tages gedeutet hat, an welchem Augustus seinen Gaius in die Ostprovinzen entsandte250, übernimmt man in der Fachliteratur für gewöhnlich ebendiese Datierung auf den 29. Januar 1 v. Chr. Und man kann Peter Herz in der Tat nicht vorwerfen, dass er die Notiz in den fasti damit willkürlich oder unsinnig gedeutet hat. Sein Vorschlag ist eine Option; aber er ist dennoch mit einer Unsicherheit behaftet, die jede hypothetischen Rekonstruktion einer derart fragmentarischen Inschrift nun einmal mit sich bringt.251 Dietmar Kienast hat das vorgeschlagene Datum, den 29. Januar, deshalb zwar in seine „Kaisertabelle“ für die Sendung des Gaius aufgenommen, jedoch mit einem Fragezeichen versehen. Wer will, kann also den 29. Januar 1 v. Chr. als Datum der Abreise in den Osten auffassen. Das Datum ist allerdings etwas vage und man hat daher nicht allzu große Rücksicht auf diese Datierung zu nehmen. Will man auf der ganz sicheren Seite sein, so muss man die zeitlichen Grenzen für die Abreise gen Osten etwas großzügiger stecken: Im Sommer 2 v. Chr. war Gaius zur Einweihung des Mars-Ultor-Tempels noch in Rom anwesend. Je nachdem, ob Gaius seine Feldherrn-Erfahrungen im illyrischen Raum im Herbst 2 oder im Frühjahr 1 v. Chr. sammelte, kann er zwischen Winter252 2/1 v. Chr. – darein würde dann Herz‘ 29. Januar fallen – und Frühsommer 1 v. Chr. seine Reise in den Orient angetreten haben.
Für die weiteren Überlegungen lohnt es sich, den Reiseweg und die verschiedenen Stationen auf dieser Reise anzuschauen. Nachdem Gaius als verheirateter Mann, ausgestattet mit dem imperium proconsulare, Rom und Italien verlassen hatte, muss eine seiner ersten Stationen Griechenland gewesen sein. Denn vermutlich bei einem Zwischenstopp in der zwar von Augustus gebeutelten (weil zur Zeit des aktischen Krieges auf Antonius Seite stehend)253, aber deshalb nicht minder berühmten Griechen-Stadt Athen, priesen ihn die Athener als den „neuen Ares“, als den Mensch gewordenen Kriegsgott, wie sich aus einer Athener Inschrift erhellt.254 Hiernach steuerte Gaius die Insel Chios und/oder die Insel Samos vor der ostägäischen Küste an, wo unter anderem ein Treffen mit dem zu dieser Zeit in der Gegend lebenden Tiberius anstand.255 Von Asia256 muss Gaius nach Ägypten gefahren sein, ob zu reinen Inspektionszwecken oder einem militärischen Schlag gegen südliche Nachbarn oder gar zur Zerschlagung von Unruhen im Lande, entzieht sich letztlich unserer Kenntnis. Ein rein inspizierender Besuch ist aber am wahrscheinlichsten.257 Dass Gaius überhaupt Ägypten aufsuchte und von dort weiter Richtung Levante reiste, wissen wir allein vom Kirchenschriftsteller Paulus Orosius (Anfang 5. Jh.).258 Man kann ganz allgemein sagen, dass der Abstecher dorthin in das Konzept passt, die östlichen Provinzen durch die Gegenwart des jungen Caesars zur Ordnung und Ruhe zu bringen. Trotzdem sind die Armenierfrage und eine Machtdemonstration vor den Augen der Parther nach einmütiger Überlieferung der Quellen als Hauptanliegen des Gesamtunternehmens zu betrachten.259 Es ist daher auch möglich, dass sich die in Ägypten stationierten Legionen oder wenigstens Teile davon planmäßig dem Kriegszug des Gaius anschlossen – aber das nur als Vermutung. Mit den armenischen und parthischen Verhältnissen beschäftigte sich Gaius allerdings nicht sogleich. Erst einmal reiste der Prinz von Ägypten aus durch den Norden Arabiens. Von dieser Arabienreise wissen wir wiederum allein durch Plinius den Älteren. Im Zuge seiner Beschreibung des Landes „Arabia mit dem Beinamen Eudaimon“ (Arabia Felix) kommt Plinius auf die Expedition des Gaius zu sprechen. Der Geograph Dionysius (= Isidorus?) von Charax sei von Augustus vorausgeschickt worden, „um alles zu erkunden, als sein älterer Sohn [Gaius] nach Armenia zur Regelung der parthischen und arabischen Angelegenheiten (in Armeniam ad Parthicas Arabicasque res) ziehen sollte“. Plinius spricht außerdem an gleicher Stelle von dem Römerfreund König Juba II. von Mauretanien, „der an denselben Gaius Caesar ganze Bände über diesen arabischen Feldzug (de eadem expeditione Arabica) geschrieben hat“260. Juba wird Gaius in den Orient begleitet haben. Der Feldzug gegen die Armenier integrierte nach Plinius also eine Expedition nach Arabien. Plinius sagt dort, wo er über den arabischen Weihrauch referiert, Gaius sei begeistert gewesen vom großen Ruhm Arabiens, sodass auch er selbst dort nach Ruhm zu streben gedachte; und Plinius findet in Jubas Werk den arabischen Weihrauch-Baum tatsächlich beschrieben. Außerdem wusste Juba zu berichten von bestimmten Muscheln an der arabischen Küste des Roten Meeres, von einer Art Walfisch in einem arabischen Fluss, dessen Tran die arabischen Kaufleute verkauften und davon, dass man dort die Kamele mit Fischöl einschmierte, angeblich um die Fliegen von den Tieren fernzuhalten.261 Überdies soll die Expedition des Gaius am Sinus Arabicus gestrandete spanische Schiffe entdeckt haben.262 Lange Rede, kurzer Sinn: Gaius und sein Gefolge werden mindestens bis zur nabatäischen Stadt Elat bzw. Aila (Aelana) am Golf von Akaba vorgestoßen sein.263
Wie sah aber die vermutliche Route aus? Gaius wird entweder von Ägypten auf der via maris über Pelusion und Rhinokorura Richtung Gaza gereist sein und muss dann über die idumäische Ortschaft Beerscheba und durch die Negev-Wüste ins peträische Arabien bis an den Golf von Akaba vorgestoßen sein. Oder aber Gaius nahm die unbequemere südlichere Wüstenstraße, welche die Sinai-Halbinsel durchquert, und erreichte auf diese Weise Elat. Wenn König Juba den Zug tatsächlich begleitete, so spricht für die erstere Variante, dass Juba die Entfernung zwischen Gaza und Petra mit 600 Meilen angibt, was nur Sinn ergibt, wenn er von Gaza über Elat nach Petra reiste.264 Damit ist nahe gelegt, dass der Trupp erstens den Süden Idumäas Richtung Osten durchzog und zweitens nach dem Aufenthalt am Golf von Akaba über die nabatäische Hauptstadt Petra auf dem Königsweg (der nach römischem Standard freilich erst von Kaiser Traianus ausgebaut wurde und fortan via nova hieß,265 der aber doch schon lange Zeit vorher Bestand hatte) nach Norden Richtung Damaskus reiste; vielleicht hielt sich Gaius planmäßig Richtung Palmyra, denn immerhin nennt Plinius bzw. Juba den Königsweg von Petra nach Palmyra neben der Gaza-Verbindung die zweite wichtige Straße.266 Jedenfalls zog der Augustusenkel von Nordarabien an Judäa vorbei267 nordwärts nach Syrien. Von seinem dortigen Wirken sowie seinem Wirken unter Armeniern und Parthern braucht hier im Einzelnen nicht mehr gehandelt zu werden.268
Kann man aus alledem etwas zur spätestmöglichen Abreisezeit aus Italien schließen? Wie gesagt, bekleidete Gaius ab dem ersten Januar 1 n. Chr. das Konsulat. Nun sagt Dio, dass der Partherherrscher „von Gaius‘ Anwesenheit als Konsul in Syrien hörte“269. Somit sollte feststehen, dass Gaius im Jahre 1 n. Chr. in Syrien stand. Ungewiss ist, ob er die arabischen Gefilde noch 1 v. Chr. oder erst im Laufe des darauffolgenden Jahres verlassen hat: „C. Caesar may or may not have reached Syria in time to enter upon his consulate in that province (A.D. 1)“270. Angesichts der Fülle von Städten, Inseln und Ländern, die Gaius bereiste, ehe er endlich nach Syrien kam, mag das Jahr 1 n. Chr. bereits angebrochen gewesen sein oder auch nicht. Wir wissen ganz einfach nicht, ob Gaius sich schon seit Beginn des Jahres in Syrien aufhielt oder ob er nur den größeren Teil seines Konsulatsjahres in derselben Provinz verbrachte. Es lässt sich allerdings sagen, wie lang Gaius mindestens brauchte, ehe er in seiner Zielprovinz eintraf. Wir wissen, dass er von Italien über Griechenland in die Ägäis gelangt ist. Sofern er sich in Athen und anderswo nicht länger aufgehalten hat, dürfte er mindestens zwei Wochen Reisedauer per Schiff benötigt haben, ehe er vor der kleinasiatischen Küste ankam. Nach dem Treffen mit Tiberius und sehr wahrscheinlich einigen weiteren offiziellen Besuchen und Anlässen fuhr er aus Kleinasien mit dem Schiff über das Mittelmeer nach Ägypten. Die Überfahrt mag ungefähr eine Woche gedauert haben, ehe er Ägypten über den Hafen der berühmten Stadt Alexandria betreten konnte. Von hier zog er aller Wahrscheinlichkeit nach über Gaza bald ins Reich der Nabatäer bis an die arabische Küste des Roten Meeres. Sodann ging es über die Felsenstadt Petra an Judäa vorbei nach Antiochia oder auch direkt an das syrische Ufer des Euphrats. Von Alexandria bis nach Nordsyrien hat Gaius nahezu 1500 km zurückgelegt, wofür man wohl mindestens anderthalb Monate reine Reisedauer rechnen darf; hinzu kommen selbstverständlich die Aufenthalte. In der Summe dürfte Gaius von Rom zu seinem Bestimmungsort in Syrien wenigstens drei Monate unterwegs gewesen sein.271 Da nur sicher ist, dass Gaius gemäß Dio einen Teil des Jahres 1 n. Chr. als Konsul in Syrien stand, reichte es theoretisch, wenn er Italien im Frühjahr desselben Jahres (Ende Februar/Anfang März) verlassen hätte, sodass er ab Sommer 1 n. Chr. in Syrien gestanden hätte. Ein sicheres Datum, an welchem Gaius bereits weit weg von Rom gewesen sein muss, ist der 23. September 1 n. Chr. Denn an diesem seinem Geburtstag schrieb Augustus einen Brief an seinen Enkel, als letzterer seinen Aufgaben im Orient nachkam.272 Auf dieses Datum – den 23. September 1 n. Chr. – als terminus ante quem weist Bieke Mahieu hin. Sie setzt die Abreise des Gaius aus Rom und Italien in den Hochsommer (am ehesten in den frühen August) 1 n. Chr. (und die nach nur einem Monat erfolgte Ankunft in Syrien in den September 1 n. Chr.).273 Mir widerstrebt solch eine reichlich späte Datierung der Abreise aus Italien innerlich immens; allein mir fehlt leider der zwingende Gegenbeweis. So bleibt mir nichts anderes übrig, als folgendermaßen zu argumentieren: Laut Cassius Dio hörte der Partherkönig, dass Gaius Caesar als Konsul in Syrien stand, also irgendwann im Jahr 1 n. Chr. Die Verhandlungen, Kontakte und Ergebnisse zwischen Gaius und dem Partherkönig fielen gemäß Dio ebenso in das Jahr vor demjenigen, in welchem P. Vinicius und P. Varus Konsuln waren (2 n. Chr.), also ins Jahr 1 n. Chr.274 Das impliziert, dass Gaius einen guten Teil des Jahres 1 n. Chr. in Syrien stand und wirkte.275 Ich lasse mich letztlich dazu hinreißen zuzugeben, dass eine Abreise des Gaius aus Rom im Frühjahr 1 n. Chr. noch möglich ist (so dass er nach drei Monaten der Reise im Sommer des Jahres in Syrien ankam). Aber die ganz späte Abfahrt von Italien im Hochsommer 1 n. Chr. nimmt Mahieu doch augenscheinlich nur deshalb an, weil sie diese Abreise irgendwie zeitlich hinter den Tod des Herodes und hinter die Beratungen in Rom über die Nachfolge im Frühling und Sommer 1 n. Chr. bekommen muss. Mir scheinen damit die äußersten zeitlichen Grenzen für die Abfahrt aus Italien erheblich überschritten zu werden. Ich bleibe also dabei, dass die Abreise allerspätestens in den Frühling 1 n. Chr. gefallen sein kann.
Da ich eigentlich davon ausgehe, dass Gaius nicht im Winter über das offene Meer segelte, also nicht zwischen Anfang November und Ende Februar, so dürfte er Italien spätestens im Sommer oder Frühherbst 1 v. Chr. oder allerspätestens im Frühling 1 n. Chr. verlassen haben. Und ebendieser Zeitpunkt ist in meinen Augen vermutlich auch der spätestmögliche, an dem Gaius in Rom im consilium Augusti gesessen haben kann. Da der Zug des Gaius von Italien nach Syrien jedoch sicherlich sehr viel länger gebraucht haben wird als die Mindestdauer von drei Monaten und da Gaius ja genau so gut schon zu Beginn des Jahres 1 n. Chr. als Konsul in Syrien gestanden haben kann, so möchte ich mir den wahrscheinlichen Abreisetermin irgendwo um das Frühjahr 1 v. Chr. herum vorstellen276 oder, so man doch von einer Überfahrt im Winter ausgehen wollte, eben am 29. Januar 1 v. Chr., wie Peter Herz vorgeschlagen hat. Jedoch bleibt eine spätere Abreise immerhin noch möglich.277
Die kaiserliche Beratung über die Zukunft des Reiches des verstorbenen Herodes kann folglich an irgendeinem Zeitpunkte zwischen dem Sommer 5 v. Chr. und dem Frühling 1 n. Chr. stattgefunden haben. Wer mit Peter Herz den 29. Januar 1 v. Chr. als Abreisetermin des Gaius annimmt, der muss natürlich das Zusammentreten des kaiserlichen Rates vor dieses Datum setzen.
Das prw,twj in bellum II 2, 4 (25): Im Zusammenhang mit Gaius‘ Teilnahme am kaiserlichen Rat nach dem Tod des Herodes gilt es noch, eine bestimmte Formulierung im bellum des Iosephus anzuschauen: „Darauf berief er [Augustus] eine Sitzung der vornehmsten Römer und ließ prw,twj Gaius, seinen Adoptivsohn aus der Ehe Agrippas mit seiner Tochter Iulia, teilnehmen“278. Mancher begreift die Stelle nun derart, dass Gaius dem Kaisergericht zum ersten Mal (eben: prw,twj) beiwohnte und geht somit – da Gaius bereits ab 5 v. Chr. als erwachsener Mann galt – davon aus, dass jene Ratssitzung, bei welcher Gaius‘ Stimme erstmals beim Princeps gefragt war, nicht lange nach der Volljährigkeitsfeier stattgefunden haben wird. Man sieht das 5 v. Chr. oder das Jahr 4 v. Chr. als Todesjahr des Herodes folglich durch Iosephus‘ Erwähnung des Augustusenkels bestätigt.279 Dass Gaius nicht ganz 16 Jahre zählend am kaiserlichen consilium teilgenommen haben kann, ist überhaupt nicht abzustreiten.280 Aber E. L. Martin hat noch einmal versucht, darauf aufmerksam zu machen, dass jenes prw,twj ebenso gut im Sinne von „the first place next to Augustus“ übersetzt werden kann281 und dass dies z. B. von der alten englischen Übersetzung William Whistons auch in dieser Richtung gehalten wird; denn Whiston übersetzt: „in which assembly Caius […] sat in the first seat“.282 Damit begreift der Übersetzer die bellum-Stelle in gleicher Weise, wie die Parallelstelle in den antiquitates, die ganz eindeutig eine solche Aussage macht: Nachdem Augustus sich in die Angelegenheit eingearbeitet hatte, „berief er seine Vertrauten zusammen, um deren Meinungsäußerungen entgegenzunehmen, darunter auch Gajus, den Sohn Agrippas und der Julia, der Tochter des Cäsars, den der Letztere adoptiert und dem er im Rate den ersten Platz zuerkannt hatte (de, auvtw/ gegono,ta prw/to,n te kaqedou,menon pare,labe)“283. Wenn man die strittige bellum-Stelle mittels der antiquitates interpretiert, man also annimmt, Iosephus habe bereits im bellum nichts anderes aussagen wollen, als das, was er später in den antiquitates ganz unzweideutig aussagt – nämlich, dass Gaius nach dem Princeps eine Art zweiter Vorsitzender oder besser das „ranghöchste Mitglied“284 des consilium war –, dann erhält eines der Jahre 2 oder 1 v. Chr. wiederum größere Wahrscheinlichkeit: Vor seiner bereits geplanten Orientreise sollte Gaius‘ Stellung gestärkt und seine Urteilsfähigkeit geschult werden, und seine Meinung zu Angelegenheiten römischer Klientelfürsten im Osten sollte gefragt gewesen sein. Dass Gaius unmittelbar vor seiner Orientmission in jene Entscheidungsfindung maßgeblich eingebunden wurde, erklärt sich dann von selbst; immerhin fiel die Angelegenheit der jüdischen Herrschaftsnachfolge nun in Gaius‘ direkten Interessenhorizont und Verantwortungsbereich.285
Beide Interpretationen sind möglich. Um das Zusammenkommen jenes consilium Augusti nach dem Tod des Herodes näher zu datieren, ist das prw,twj in der Formulierung des Iosephus folglich nicht geeignet.
Fazit: Das Teilergebnis lautet also:
Der kaiserliche Rat, in welchem nach Herodes‘ Tod über die Herrschafts-Nachfolge im Land der Juden entschieden wurde und an welchem der Kaiserenkel Gaius teilnahm, muss zwischen Juni 5 v. Chr. und Frühling 1 n. Chr. zusammengetreten sein. |
II. 2. 2. Die zeitlichen Grenzen der syrischen Statthalterschaft des
P. Quinctilius Varus, in welche Herodes‘ Ende fiel
Publius Quinctilius Varus, cos. 13 v. Chr., ist vor allem bekannt aufgrund seiner Niederlage in Germanien im Jahre 9 n. Chr. Mehrere Jahre zuvor jedoch war er der Römer, der im Auftrag des Augustus die Levante regierte. Iosephus‘ Werken ist zu entnehmen: Als Herodes den Gerichtsprozess gegen seinen Sohn Antipatros führte, war Varus Statthalter in Syrien. In den Wochen und Monaten nach Herodes‘ Tod war er es noch immer.286 Die Sicherheit, die Selbstverständlichkeit und die Präzision, mit welcher jene Quellen, aus denen Iosephus schöpft, den Varus ab dem Geschehen der Gerichtsverhandlung gegen Antipatros bis zum Niederschlagen der jüdischen Aufstände einordnen, lassen in meinen Augen keinen Zweifel daran, dass Herodes‘ Tod in die Zeit seiner Statthalterschaft in Syrien fällt. Wie lässt sich diese Statthalterschaft nun näher datieren?
Vorweg sei zum besseren Verständnis der Diskussion um die Statthalterschaft des Varus in Syrien auf Kapitel III. 13. in Band I/2 verwiesen, wo wesentliche staatsrechtliche Aspekte der augusteischen Verwaltung der Provinzen, insbesondere der Provinz Syria, angesprochen werden.
Der frühestmögliche Beginn der proprätorischen Legation des Varus in Syrien: Wir wissen von Iosephus, dass C. Sentius Saturninus (cos. 19 v. Chr.) der unmittelbare Vorgänger des P. Quinctilius Varus im Statthalteramt in Syrien war.287 Kann man nicht vielleicht von der Amtszeit dieses Saturninus bzw. vom Ende seiner Amtszeit zielsicher auf den Beginn der Amtszeit des Varus schließen? Die längste Zeit wurde die Statthalterschaft des C. Sentius Saturninus durch nichts anderes datiert als durch die ungefähren Amtszeiten seines vermutlichen Vorgängers M. Titius288 und seines Nachfolgers Varus.289 Mittlerweile soll aber sogar eine quellengestützte absolute Datierung der Amtszeit des Saturninus auf das Jahr 9 v. Chr. sowie auf unbestimmte Zeit davor und danach möglich sein. Und zwar berichtet Iosephus, dass Saturninus bereits vor dem Regierungswechsel vom Nabatäerkönig Obodas III. zu Aretas IV. Statthalter war.290 Und er war es laut Iosephus auch noch geraume Zeit nach dem Regierungsantritt des Aretas, nämlich zur Zeit der Gerichtsverhandlung des Herodes gegen seine Söhne Alexandros und Aristobulos.291 Mittels nabatäischer Münzen soll jener nabatäische Regierungswechsel in das Jahr 9 v. Chr. datierbar sein.292 Aus Iosephus geht hervor, dass Saturninus mindestens mehrere Monate vor diesem Thronwechsel im Amt war. Und das deutet darauf hin, dass er bereits im Jahr 10 v. Chr. in Syrien gestanden haben kann.293 Aber wir sehen, dass damit für den Zeitpunkt des Amtsendes des Saturninus letztlich nichts Konkretes gewonnen ist. Mit Blick auf die Schilderung des Iosephus darf man wenigstens vermuten: Wenn der Regierungsantritt des Aretas tatsächlich ins Jahr 9 v. Chr. fällt, so dürfte Saturninus mindestens noch bis 8 v. Chr. Statthalter in Syrien gewesen sein.
Ob man aber überhaupt derart bei der Bestimmung der Amtszeit des Saturninus vorgehen kann, ist letztlich eine Frage der nabatäischen Herrscherchronologie, in die mir ganz einfach tiefere Einblicke fehlen. Ich weise nur darauf hin, dass Bieke Mahieu für einen Regierungswechsel zwischen Nisan 10 und Nisan 9 v. Chr. plädiert294 und Nikos Kokkinos 1998 – übrigens im selben Jahr, in dem Dąbrowa den Regierungsantritt des Aretas im Jahr 9 v. Chr. für numismatisch völlig gesichert erklärte – sich ebenfalls auf die nabatäischen Münzen berufend schrieb: „[…] Aretas IV king of Petra began his reign in 11/10 BCE […], and not in 9 BCE as currently believed […]“295. Und er ließ die Statthalterschaft des Saturninus aus diesem Grunde ja auch bereits in der Mitte des Jahres 12 v. Chr. beginnen. Der interessierte Leser mag Kokkinos‘ Argumentation in dieser Frage und die von ihm angegebenen Referenzen selbst studieren und überprüfen. Hier ist die Angelegenheit nicht von allzu großer Bedeutung, da sie beinahe nur Auswirkungen auf die Datierung des Amtsbeginns des Saturninus hat, wir aber an seinem Amtsende interessiert sind.
Bedauerlicherweise wird das Amtsende des Saturninus in der Regel ausgerechnet über den mutmaßlichen Amtsbeginn des Varus bestimmt.296 Also ist es aussichtslos, andersherum von Saturninus‘ Ende auf Varus‘ Beginn schließen zu wollen. So man sich auf die Datierung des Regierungsbeginns des Aretas IV. auf 9 v. Chr. verlassen möchte, lässt sich wenigstens festhalten, dass Varus das Provinzstatthalteramt in Syrien nicht früher als 8 v. Chr. angetreten haben kann. Wie gesagt, scheint jedoch die Frage nach jener Datierung noch nicht abschließend geklärt zu sein, weshalb für eine Datierung des Amtsantritts des Varus kaum Gewinn aus den Überlegungen zum Amtsende des Saturninus gezogen werden kann. Und darüber, wer der unmittelbare Nachfolger unseres Varus war, wird in der Forschung gestritten.297
Es ist allgemein oftmals schwierig, die Amtszeiten bestimmter Statthalter absolut zu datieren. Der Fall des syrischen Statthalters P. Quinctilius Varus ist wenigstens in gewisser Hinsicht ein Glücksfall. Denn es existieren Münzen aus Antiochia am Orontes, der syrischen Hauptstadt, mit der Aufschrift ANTIOCEWN EPI OUAROU („Zu Antiochia, zur Zeit des Varus“ oder „Antiochia unter Varus“), welche die griechischen Jahreszahlen EK, ϛK und ZK, also 25, 26 und 27 tragen.298 Letztere bezeichnen die Jahre nach der aera Actiaca. Der Ausgangspunkt dieser Ära war die für die Verhältnisse im Osten einschneidende Schlacht bei Actium im Herbst 31 v. Chr. Diese aktische Ära war zu jener Zeit in Syrien durchaus gebräuchlich.299 Die Jahre 25-27 aera Actiaca bezeichnen unsere Jahre 7/6-5/4 v. Chr. von Herbst zu Herbst.300 Folglich muss Varus gemäß den Münzen vor dem Herbst 6 v. Chr. kaiserlicher Legat in Syrien gewesen sein; und ebenso muss er dies mindestens bis nach dem Herbst 5 v. Chr. gewesen sein.
Nach verbreiteter Einschätzung trat Varus die proprätorische Legation in Syrien im Sommer 6 v. Chr. an. Diese Einschätzung resultiert aus folgenden Überlegungen: Durch Münzen ist ein Prokonsulat des Varus in der senatorischen Provinz Africa bezeugt. Diese Münzen sind undatiert, fordern lediglich ein Prokonsulat nach 12 v. Chr.301 Da es unter den syrischen Statthaltern der augusteischen Zeit mehrere Beispiele von Konsularen gibt, die vor ihrem Dienst in Syrien vom Senat mit der Statthalterschaft in Asia oder Africa betraut gewesen sind,302 ist auch für Varus solche Reihenfolge (erst prokonsularischer Statthalter in Africa, dann proprätorischer Legat in Syrien) anzunehmen. Nun amtierte Varus 13 v. Chr. als Konsul zu Rom, wie die fasti consulares lehren. Augustus aber hatte festgesetzt, dass zwischen Konsulat und der Statthalterschaft in einer senatorischen Provinz mindestens fünf Jahre liegen sollten.303 Demnach käme eine Statthalterschaft des Varus in Africa also frühestens ab 7 v. Chr. in Frage; und so setzt man dasselbe Prokonsulat des Varus für gewöhnlich 7/6 v. Chr. an.304 Varus muss schließlich im Sommer 6 v. Chr. nach Syrien gekommen sein,305 wohl nicht früher, aber auch nicht später. Denn zum einen dürfte Varus ja bis Ende Juni noch als Prokonsul in Africa gestanden haben, zum anderen beweist jene oben genannte antiochenische Münze aus dem Jahre 25 area Actiaca, dass er schon vor dem Herbst 6 v. Chr. Statthalter in Syrien war.
Edward Dąbrowa ist jedoch der Ansicht, dass jene Fünf-Jahre-Regel unter Augustus nicht sklavisch befolgt wurde: „[…] we have enough evidence to show that in practice this rule was more felxible“306. Varus könnte also auch früher Prokonsul in Africa gewesen sein. Die unmittelbare Aufeinanderfolge von Prokonsulat und syrischer Statthalterschaft behält Dąbrowa bei, aber er setzt das Amt in der Provinz Africa ins Jahr 8/7 v. Chr.307 und folglich den Beginn der Legation in Syrien in die zweite Hälfte des Jahres 7 v. Chr.308 Auch das ist möglich. Wenn es um den frühestmöglichen Termin der Übernahme des Statthalteramtes in Syrien geht, so sollten wir also den späteren Sommer 7 v. Chr. wählen.
Das spätestmögliche Ende der proprätorischen Legation des Varus in Syrien: Während sich der Beginn der syrischen Legation des Varus somit plausibel entweder auf den Sommer 6 v. Chr. oder meinetwegen auch auf den Sommer 7 v. Chr. datieren lässt, gestalten sich die Überlegungen zum Ende derselben Legation etwas unbefriedigender. Denn wie lange Varus in Syrien präsidierte, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Die antiochenischen Münzen versichern uns lediglich, dass Varus mindestens noch zu Beginn des Jahres 27 aera Actiaca, also noch nach dem Herbst 5 v. Chr., in Syrien stand. Geht man davon aus, dass die Regeldauer309 der Amtszeit der kaiserlichen Proprätoren schon unter Augustus auf drei bis fünf Jahre beschränkt worden ist, so müsste die Dienstzeit des Varus, wenn sie im Sommer 7 oder im Sommer 6 v. Chr. begonnen hat, spätestens im Sommer 2 oder im Sommer 1 v. Chr. geendet haben. Selbst wenn man davon ausgeht, dass jene Regel erst unter den späteren Caesaren Beachtung fand, Augustus sich aber solch eine ihn in seiner Freiheit als Verwaltungschef der Provinzen einschränkende Regel noch nicht auferlegt hatte, oder dass die Festsetzung der Amtstätigkeit auf drei bis fünf Jahre tatsächlich, wie Dio im Nachhinein behauptet, zwar auf Augustus zurückgeht, in Varus‘ Fall aber die Ausnahme die Regel bestätigt haben könnte (Varus also dennoch theoretisch einer von jenen Legaten des Augustus gewesen sein könnte, die ihre Provinz länger als fünf Jahre verwalteten), so kann Varus seinen Posten in Syrien eigentlich trotzdem nicht viel länger als bis Sommer 1 v. Chr. behalten haben, eher kürzer. Denn er muss ihn spätestens 1 v./1 n. Chr. an den nächsten bekannten Vorsteher Syriens, nämlich an den Augustusenkel Gaius Caesar, bzw. an dessen Legaten, abgetreten haben. Gaius wird wie einst Agrippa sogleich mit seiner offiziellen Absendung in den Orient (irgendwann um das Frühjahr 1 v. Chr. herum) seine Legaten nach Syrien vorausgeschickt haben, um den dortigen Statthalter abzulösen. Maximal könnte Varus sein Amt ein halbes oder ein dreiviertel Jahr länger behalten haben, denn Gaius dürfte persönlich kurz vor oder kurz nach dem Jahreswechsel 1 v./1 n. Chr. in seiner Eigenschaft als Mit-Prokonsul des Augustus die Provinz Syrien erreicht haben, Zielort seiner Orientreise, von wo aus er seine außenpolitischen Aktionen gegen Armenier und Parther durchführte.310 Das heißt, Syrien kann allerspätestens zu dieser Zeit einen herkömmlichen legatus Augusti pro praetore und damit eben auch den Varus nicht mehr beherbergt haben. Der wahrscheinliche Anfangstermin der syrischen Legation des Varus war also der Sommer 6 v. Chr., der spätestmögliche Endtermin seiner Legation ist der Sommer 1 n. Chr. bzw. der Zeitpunkt der Ankunft des Gaius in Syrien.311 Ich lasse diesen Endtermin als Möglichkeit so stehen, wenngleich ich persönlich von Frühling oder spätestens Sommer 1 v. Chr. als viel wahrscheinlicherem Endtermin der Legation des Varus ausgehe. Hermann Gerlach oder Karl Adam Heinrich Kellner, welche Versuche einer Rekonstruktion der syrischen Statthalterliste unternahmen, billigten dem Varus ganz ähnlich den Zeitraum 6-1 v. Chr. zu.312
Um Verwirrung zu vermeiden, sei darauf hingewiesen, dass die syrische Legation des Varus in den Fachlexika sowie in den meisten rekonstruierten Statthalterlisten, welche die Sekundärliteratur bietet, auf die Jahre (7/)6-4 v. Chr. begrenzt wird. Das ist nicht den Münzen aus Antiochia geschuldet (denn so sicher es nach diesen auch ist, dass Varus 6-4 v. Chr. Statthalter in Syrien war, so sehr schließen die Münzen die Folgejahre nicht aus313),314 sondern hat den einfachen Grund, dass nicht wenige Gelehrte den vermeintlich freien Platz zwischen Varus und Gaius gerne dazu nutzen, um andere Römer ebendaselbst als syrische Statthalter unterzubringen. Die beiden beliebtesten, sich natürlich gegenseitig ausschließenden Annahmen in dieser Hinsicht sind eine syrische Statthalterschaft des P. Sulpicius Quirinius (cos. 12 v. Chr.) um 3/2 v. Chr. (seit Theodor Mommsen) und eine syrische Statthalterschaft des L. Calpurnius Piso (cos. 15 v. Chr.) zwischen 4 und 1 v. Chr. (seit Ronald Syme). Dass es sich dabei nicht um haltlose Annahmen, sondern um sachlich ersonnene handelt, ist anzuerkennen. Dennoch sind es Annahmen, deren Richtigkeit ihre jeweiligen Verfechter – worunter sich zugegebenermaßen erstklassige Gelehrte befinden – nicht zu erweisen vermögen. Ich halte es im Rahmen dieser Arbeit nicht für notwendig, im Detail darzulegen, dass diese proprätorischen Legationen eines Quirinius oder eines Calpurnius Piso in Syrien unmittelbar vor der Orientherrschaft des Gaius nicht mehr als Hypothesen sind. Denn diese Tatsache, dass es eben nur Hypothesen sind, verschließt sich niemandem, der selbst näheren Einblick in die wissenschaftliche Diskussion jener Zusammenhänge nimmt.315 Es ist nicht meine Absicht zu leugnen, dass der direkte Vorgänger des Gaius Caesar in Syrien jemand anderes gewesen sein kann als Varus, aber ich stelle klar, dass es angesichts der momentanen Quellenlage nicht jemand anderes gewesen sein muss. Eine Lücke zwischen Varus und Gaius in der Statthalterliste Syriens ist nicht zwingend anzunehmen. Nikos Kokkinos sieht das ebenso: „it is much preferable to assume that Varus left Syria in c. 2 BC, and thus no need for an illusory gap“316. Ich teile Kokkinos‘ Einschätzung in diesem Punkte so ziemlich, weil ich, wie oben dargelegt,317 davon ausgehe, dass C. Caesar, sobald er im Jahr 2 oder 1 v. Chr. mit der Verwaltung des Orients beauftragt wurde, wie schon einst sein Vater M. Agrippa eigene Legaten in die Provinz Syrien schickte, die den Varus ablösten (noch ehe Gaius selbst vor Ort war).
Wer jedoch nach der längstmöglichen Amtsdauer des Varus fragt – und allein diese ist für uns auf der Suche nach dem Todesjahr des Herodes relevant –, kann unweigerlich nur eine Antwort erhalten: Die zeitlichen Grenzen der syrischen Statthalterschaft des Quinctilius Varus sind zum einen die Mitte des Jahres 7 v. Chr. und zum anderen die Mitte des Jahres 1 n. Chr.
Fazit: Das Teilergebnis lautet also:
Die Statthalterschaft des P. Quinctilius Varus in Syrien, während welcher Herodes verstarb, dauerte längstens von Sommer 7 v. Chr. bis Sommer 1 n. Chr. |
II. 2. 3. Berührungen zwischen der Orientmission des Gaius und den Ereignissen im Land der Juden kurz nach dem Tod des Herodes?
War es Gaius, der die nach dem Tod des Herodes in Idumäa ausgebrochenen Aufstände niederschlug?: Wie in Kapitel II. 2. 1. dargelegt, brach Gaius unmittelbar vor der Zeitenwende zu einer politischen Mission bzw. zu einer Militäroperation in den Osten auf. Der Amerikaner Ernest L. Martin ist der Überzeugung, dass eine der Missionsetappen des Gaius, nämlich der arabische Feldzug, in direktem Zusammenhang mit den jüdischen Aufstands-Ereignissen nach dem Tode des Herodes steht, namentlich denen in Idumäa. Und Martin gewinnt daraus vermeintliche Erkenntnisse zum Todesjahr des jüdischen Königs.
Oben wurde bereits gesagt, dass Gaius gemäß Plinius das eigentliche Arabien nicht mehr als tangiert hat: „[…] denn Gaius Caesar, der Sohn des Augustus, hat Arabia nur aus der Ferne gesehen“318. Andererseits spricht Plinius von einer arabischen Expedition des Gaius. Der vermeintliche Widerspruch ergibt sich m. E. aus Plinius‘ unterschiedlicher Verwendung des Begriffs „Arabia“. Denn Plinius definiert Arabia nicht nur geographisch, sondern auch über die Ausdehnung der arabischen Volksstämme.319 Arabia reichte nach zweiter Definition vom Amanosgebirge, also von der Ostgrenze Kilikiens, bis zur ägyptischen Küste und beinhaltete sogar Teile mitten in Syrien, wie den Libanon320, weil dort z. B. die arabischen Nubaier lebten.
Die wahrscheinliche ungefähre Reiseroute und die vermutlichen Hauptstationen des Gaius im Rahmen seiner Arabien-Expedition sind einigermaßen nachvollziehbar und verständlich.321 Nun kommt allerdings die Aussage des Plinius hinzu, dass Gaius in Arabien Krieg geführt habe, wie in der Regel übersetzt wird.322 Und Plinius hebt hervor, er folge bei seiner Beschreibung Arabiens und der arabischen Expedition des Gaius den „römischen Waffen (arma romana)“323. Nimmt man Plinius beim Wort, so kann man entweder der Meinung sein, Gaius habe die arabischen Nabatäer bekriegt324, oder man ist wie Martin der Ansicht, er habe die Waffen in Idumäa eingesetzt; denn genau wie Strabo mögen auch die Römer die Idumäer als Araber aufgefasst und bezeichnet haben.325 Anderen Volksstämmen ist Gaius in Arabien sehr wahrscheinlich nicht begegnet326 und so kommen als Opfer römischer Kriegshandlungen nur diese beiden in Betracht. Falls Gaius in Idumäa kriegerisch tätig war – wie Martin annimmt –, so kann Plinius durchaus von einem „arabischen Feldzug“ sprechen.
Als erstes muss allerdings die zweifellos näherliegende Möglichkeit überprüft werden: Lassen sich Gründe dafür beibringen, dass Gaius mit Waffen gegen die peträischen Araber zog? Der Nabatäer Aretas IV. hatte es zu Anfang seiner königlichen Laufbahn schwer, von Augustus akzeptiert zu werden, da er nach dem Tode Obodas nicht abwartete von Augustus bestätigt zu werden, ehe er den Thron in Petra bestieg.327 Und es klingt gar nicht mal unwahrscheinlich, dass damals Augustus das Nabatäerreich beinahe an Herodes gegeben hätte, sich dann jedoch aufgrund dessen vorgerückten Alters und der mannigfaltigen häuslichen und dynastischen Intrigen und Probleme eines Besseren besann und dem Aretas die Herrschaft über die Nabatäer beließ.328 Nach dem Tod des Herodes wurden die Nabatäer anfänglich sogar zu einer Stütze des Varus, der die jüdischen Aufstände niederzuschlagen hatte.329 Varus setzte nabatäische Abteilungen zur Unterwerfung einiger jüdischer Landstriche ein, musste allerdings bald erkennen, dass die Kriegstruppen des Aretas nichts als Plünderung und Verheerung im Sinn hatten. Zur Beruhigung des Landes und zur Deeskalation der Situation waren die Nabatäer alles andere als geeignet. Mit dieser enttäuschenden Erkenntnis entließ Varus die nabatäischen Helfer noch vor dem endgültigen Ende des Krieges und schickte sie heim.330 Sollte jene versuchsweise, erfolglose Zusammenarbeit zwischen römischem und nabatäischem Militär dem Gaius als Grund für einen Feldzug gegen letztere genügt haben, obwohl ihm eine drängende Aufgabe in Armenien bevorstand? Wohl kaum. Als Grund für einen Krieg gegen Aretas sind jene kleineren Unstimmigkeiten nicht hinreichend, zumal man sonst mit einer Ausschaltung oder Absetzung des Aretas durch die Römer zu rechnen hätte, die aber nicht stattfand. Der Nabatäerkönig regierte sein Reich stattdessen unbeschadet bis ins Jahr 39 n. Chr. Ich halte es also für unwahrscheinlich, dass Gaius die Nabatäer mit Heeresmacht angriff. Bieke Mahieu nun ist der Meinung, Gaius sei nicht gegen das Volk der Nabatäer und ihren König Aretas IV. in den Krieg gezogen, sondern gegen „nomads from the Arabian Peninsula who were threatening the Nabateans, or against bandits in the Nabatean region“331. Nach der Entlassung der Nabatäer aus dem Judäa-Krieg durch Varus sei im Nabatäerreich ein Zustand ausgebrochen, in welchem marodierende Mannschaften das Land unsicher gemacht hätten. Gaius sei – so will es Mahieu – gegen diese Nomaden oder Banditen in den Krieg gezogen.332 Die Quellen sagen davon freilich nichts, und ich halte diese vermeintliche Lösung für konstruiert.
Lässt sich stattdessen wenigstens ein Hinweis darauf finden, dass Gaius die römischen Waffen in Idumäa eingesetzt hat? Der Krieg des Varus gegen die aufständischen Juden endete in Idumäa. Dort rückte Varus mit seinen Legionen zuletzt gegen 10 000 Mann an. E. L. Martin hat nun gemutmaßt, dass es der aus Ägypten herbeigeeilte Gaius war, der diesen letzten Widerstand in Idumäa gewaltsam brach, und dass damit der von Plinius erwähnte Waffengang des Gaius gegen die Araber erklärt sei.333 Schaut man sich allerdings den Bericht des Iosephus an, so findet man dort gesagt334, dass Achiab, ein Verwandter und ein General des verstorbenen Herodes335, der bereits die ganze Zeit mit seinen königlichen Truppen dem Varus bzw. dem abwesenden Archelaos wertvolle Dienste gegen die Aufständischen geleistet hatte, dass dieser Achiab nun die Idumäer zu überreden vermochte, sich Varus zu ergeben, und dass Varus die Menge begnadigte und nur die illoyalen Verwandten des toten Königs und die ausgemachten Rädelsführer dem Kaiser übergab. Entweder muss Iosephus das Finale am Schauplatz in Idumäa völlig falsch dargestellt haben oder es bleibt ganz einfach kein Platz für einen Gaius, der die letzten Aufstände in Idumäa mit seinen Waffen beendete. Ich folge der zweiten Annahme; denn um die Version des Iosephus berechtigtermaßen anzweifeln zu können, müsste dieser entweder Unstimmiges bzw. an sich Zweifelhaftes von sich geben oder es müssten andere Quellen gegen ihn stehen. Stimmig und unverdächtig ist jener Abschnitt des Iosephus aber allemal und jene drei Quellen, welche Martin gegen Iosephus‘ Version ins Feld führt, sind nicht tauglich, vom Gegenteil zu überzeugen.336
Wenn man also einerseits voll und ganz akzeptiert, dass jener von Plinius erwähnte Araberfeldzug ein Vordringen des Gaius in nabatäisches und wahrscheinlich hiervor auch den Zug durch idumäisches Gebiet voraussetzt, andererseits aber in den Quellen keine Hinweise auf Kriegshandlungen des Gaius gegen Nabatäer und/oder Idumäer um 1 v. Chr. auszumachen vermag, so kann man nur zu der Meinung gelangen: Plinius bzw. seine Quelle König Iuba beschreibt eine im wesentlichen ganz friedlich verlaufene Expedition des Gaius zur nabatäisch-arabischen Stadt Elat, bei der es lediglich darum ging, neue Wirtschaftsräume zu erkunden sowie die Neugierde und Abenteuerlust zu befriedigen, mit den Termini eines römischen Waffengangs337 gegen die Araber. Denn auffällig ist doch, dass Plinius keine Schlachten zu benennen, keine Kriegsschauplätze zu bezeichnen und nichts Näheres über die Gegner des Gaius auszusagen weiß. Die Quellen erlauben es mir also nicht, E. L. Martin in dieser Sache beizupflichten. Die von Martin für seine Ansicht eingespannten Nachrichten des Plinius über einen Araberfeldzug des Gaius fordern für den Tod des Herodes beileibe nicht das Jahr 1 v. Chr.; sie lassen das Todesjahr vielmehr ganz offen.
Ist jener im Pentekoste-Krieg agierende Freund des Varus namens Gaius der Augustusenkel Gaius?: Flavius Iosephus sagt in seinem Werk bellum Iudaicum: „Als sich ihm [dem Varus] aber in Ptolemais die übrigen Truppen der Verbündeten zur Verfügung stellten […], da sandte er sogleich einen Teil des Heeres in das an Ptolemais angrenzende Galiläa. An die Spitze stellte er seinen Freund Gajus (Ga,ion h`´gemo,na tw/n auvtou/ fi,lwn), der die Feinde, die sich ihm in den Weg stellten, in die Flucht schlug, die Stadt Sepphoris einnahm, niederbrannte und ihre Einwohnerschaft in die Sklaverei verkaufte“338. In den antiquitates fehlt nur der Name Gaius; ansonsten ist aber ganz ähnliches ausgesagt: Als Varus seine Truppen in Ptolemais gesammelt hatte, übergab er einen Teil dieser Truppen seinem Sohn und einem seiner Freunde, um sie ins benachbarte Galiläa zu schicken, wo sie die Stadt Sepphoris einnahmen.339 Gérard Gertoux und Dennis M. Templeman sind der Meinung, in diesen Zeilen tauche der Augustusenkel Gaius auf.340 Und sie sehen darin einen Beleg dafür, dass der Krieg des Varus etwa im Jahre 1 v. Chr. geführt worden sein muss, als C. Caesar im Orient unterwegs war.
Daniel J. Crosby – auf den Templeman ausdrücklich verweist – ist in einem Aufsatz zu genau der Frage, welcher Gaius und/oder welcher Varus-Sohn von Varus nach Galiläa geschickt worden sind/ist, zu dem Ergebnis gelangt, dass – verkürzt wiedergegeben – es sich einfach nur um einen Sohn des Varus gehandelt hat.341 Hierin mag man Crosby zustimmen oder auch nicht. Entscheidend aber ist, dass Crosby und die von ihm angeführte Literatur zur Frage nicht einmal in Erwägung ziehen, dass hier C. Caesar gemeint sein kann. Ich schließe ebenso aus, dass jener bei Iosephus erwähnte Gaius der Kaiserenkel sein kann. Denn Varus vertraut jenem Gaius (und/oder seinem eigenen Sohn) Truppen an und schickt sie nach Galiläa mit dem Auftrag, die dortigen Unruhen zu beenden. Varus erscheint dabei klar als Verantwortlicher und Weisungsbefugter. Er hätte aber über den Orientchef C. Caesar mit seinem imperium proconsulare (der obendrein noch den erfahrenen General M. Lollius an seiner Seite hatte) wohl kaum derart verfügen können.
Das heißt, ich sehe in diesem Detail anders als Gertoux und Templeman keinerlei Beleg für die Gleichzeitigkeit von Varus-Krieg in Syrien und Gaius‘ Orientstatthalterschaft.
Der bewusst an Judäa vorbeiziehende Gaius und das Lob des Augustus: Interessanter scheint mir da der Hinweis einer anderen Quelle zu sein. Sueton liefert jene bemerkenswerte, oben bereits erwähnte Notiz: „Er [Augustus] lobte seinen Enkel Gaius, weil er an Judäa vorbeigezogen sei und in Jerusalem keine Opfer dargebracht habe (Gaium nepotem, quod Iudaeum praetervehens apud Hierosolyma non supplicasset, conlaudavit)“342. Klaus Bringmann ordnet diese Notiz unter die Briefe des Augustus ein; und es ist tatsächlich gut vorstellbar, dass der Princeps seinem Gaius dieses Lob in einem seiner Briefe aussprach. Bringmann liefert noch andere Beispiele für die schriftliche Korrespondenz zwischen den beiden während der Orientmission des Gaius. Was das Lob aber nun selbst anbelangt, so erwähnt es Sueton im Zusammenhang mit seiner These, Augustus habe fremde Religionsbräuche, wie die der Ägypter und der Juden, verachtet (ganz im Gegensatz zu den griechischen Kulten). Es ist imgrunde keine Frage, dass dem Princeps das Verständnis hierfür fehlte. Andererseits liegen mehrere Zeugnisse vor, die belegen, dass Augustus es den jüdischen Diasporagemeinden immer wieder bestätigte und bescheinigte, sie dürften nach ihren väterlichen Religionsbräuchen leben und mit ihrer Tempelsteuer den Kult zu Jerusalem unterstützen.343 Gleiches weiß man von M. Vipsanius Agrippa.344 Als Octavianus einst Herr über Ägypten geworden war, scheint er die alexandrinischen Juden ganz bevorzugt behandelt zu haben.345 Sodann ist bekannt, dass Augustus – vermutlich um der politischen Präsenz willen – auf seine Kosten am Jerusalemer Tempel täglich zwei Widder und einen Stier für sein Wohl opfern lassen hat.346 Ferner stattete er den Tempel der Juden mit kostbaren Weihgeschenken aus.347 Sein getreuer Freund Agrippa, Gaius‘ Vater, ließ im Jahre 15 v. Chr. ein Brandopfer von einhundert Stieren zu Jerusalem darbringen.348 Dabei ging es Agrippa wohl in erster Linie um die Festigung der guten Beziehung zu dem Vasallenkönig Herodes und dem Volk der Juden. Diese Beziehung pflegten Augustus und Agrippa außerordentlich, weil das jüdische Klientelkönigreich im Osten ein Bollwerk gegen die wankelmütigen Araber darstellte, ferner gegen die dauerhaft gefährlichen Parther. Gaius bereiste den Osten, gerade weil jene Gefahren zu jener Zeit wieder akut wurden. Geht man also davon aus, Archelaos habe bereits seit dem Jahr 5 v. Chr. oder dem Jahr 4 v. Chr. in Judäa als Ethnarch geherrscht, so muss dem Princeps daran gelegen gewesen sein, dass sein Enkel als Repräsentant der römischen Führung um 1 v.(/1 n.) Chr. den Archelaos durch einen freundschaftlichen Besuch fester an sich bindet. Die herabsetzende Nichtbeachtung eines verbündeten Herrschers sowie die demonstrative Geste der Ablehnung der Bräuche seiner Untertanen, wie Sueton es interpretiert, hätte Augustus mit Sicherheit nicht gutgeheißen, geschweige denn gelobt, weil ein solches Verhalten die ohnehin schon wankende Sicherheit der Ostgrenze des Reiches noch zusätzlich ins Taumeln gebracht haben würde. Solch ein Lob passt, wenn wir es in der Interpretation des Sueton gelten lassen, mit dem sonstigen politischen Weitblick des Augustus nicht gerade gut zusammen.
Verständlich und sinnvoll wird dieses Lob allerdings, wenn wir eine andere Situation in dieser Region annehmen – eine Situation, in welcher das Verhalten des Gaius in den Augen des Princeps lobenswert sein konnte und sein musste. Ebendiese Situation ergibt sich, wenn man annimmt, dass Herodes um 2 oder 1 v. Chr. verstorben ist, Varus die mannigfaltigen, auf diesen Tod hin ausgebrochenen Aufstände und Rebellionen der Juden unter einigen Anstrengungen niederschlug und das Land eben erst wieder unter römische Kontrolle gebracht hat, als schließlich Gaius in diesem Raume unterwegs war. Wie nahe lag es, dass der 18jährige Prinz aus Neugier und Eitelkeit das hochberühmte Heiligtum zu Jerusalem aufsuchte. Er tat es jedoch nicht. Und in solcher Situation konnte der Princeps seinen Adoptivsohn loben, dass er an dem aufrührerischen Judäa vorbeigezogen war und der jüdischen Hauptstadt seine Aufwartung versagt hatte. Das Lob des Augustus an seinen Enkel Gaius mag damit erst ins rechte Licht gerückt sein.349
Wenn sich das Lob des Augustus an seinen Enkel, weil dieser Jerusalem seine Aufwartung verweigert hatte, m. E. auch mit Abstand am sinnvollsten erklären lässt, wenn Herodes zeitnah vor dem Marsch des Gaius verstorben ist und Gaius dementsprechend ein aufrührerisches Judenvolk demonstrativ links liegen ließ, so ist dieses Argument für ein relativ spätes Ableben des Herodes (also nicht vor 2 v. Chr.) zugegebenermaßen ganz schwacher Natur.
Ein zeitweise unter Varus von sämtlichen Truppen verlassenes Syrien?: Aus dem zehnten Kapitel des 17. Buches der antiquitates erfährt man Folgendes:350 Nachdem Archelaos das Land Richtung Westen verlassen hatte, empörte sich laut Iosephus beinah das gesamte jüdische Volk. Varus rückte von Norden her ein, „dämpfte den nicht unbedeutenden Aufruhr zum größten Teil und begab sich dann nach Antiochia zurück, nachdem er in Jerusalem eine Legion zurückgelassen hatte“. Iosephus sagt ausdrücklich, dass Varus abrückte, obwohl „es ihm nicht gelungen [war], den Aufstand völlig zu unterdrücken“351. Warum verschwand der Statthalter zu früh nach Syrien? Wer will, darf vermuten, dass man sich im Jahre 2 v. oder 1 v. Chr. befindet und Varus die Nord- und Euphratgrenze aufgrund der aufbegehrenden Armenier nicht unbeaufsichtigt lassen konnte. Der in Jerusalem verbleibende kaiserliche Prokurator Sabinus jedenfalls reizte durch sein Verhalten die Juden sofort zu neuem Aufruhr. Am Pfingstfest eskalierte die Situation in der Hauptstadt; am Aufstand beteiligt waren laut Iosephus Judäer, Galliläer, Idumäer und Peräer, also Juden aus dem gesamten Königreich. Es kam zur Belagerung des Sabinus und der römischen Legion in der Antonia, der mächtigen Festung an der Nordseite des Tempelgeländes. Nach einem Ausfall der Belagerten, durchzog die Katastrophe die gesamte Stadt, bis schließlich die Tempelhallen in Flammen standen. Aus der Belagerung vermochten sich die Römer derweil nicht zu lösen. Sabinus, der den Varus bereits brieflich unterrichtet hatte, wartete auf dessen Eintreffen, während sich auch im übrigen Land jüdische Aufständische erhoben, so in Idumäa 2000 ehemalige Soldaten des Herodes, in Zentral-Judäa der nach königlicher Würde strebende Athrongaios mit seinen vier Brüdern, in Galiläa Judas und im unteren Jordantal sowie in Peräa ein gewisser Simon. Die Aufstände in Judäa und bei Jericho konnten, wie es scheint, von den herodianisch-königlichen Truppen und den wenigen, noch im Lande befindlichen römischen Truppen einigermaßen niedergehalten werden, während Varus und seine Kommandeure nun mit zwei syrischen Legionen sowie mit den bei benachbarten Königen, Tetrarchen und Städten angeforderten Hilfstruppen von der Sammelstelle in der Küstenstadt Ace Ptolemais nach Galiläa und Samaria rückten, wo sie den Empörungen ein Ende bereiteten. Über Emmaus zog Varus nach Jerusalem, um den Eingeschlossenen zur Hilfe zu kommen. Sein Erscheinen führte tatsächlich zur Zerstreuung und Flucht der jüdischen Belagerer. Die Lage entspannte sich und Varus ließ seine Soldaten lediglich noch durchs Land der Juden ziehen, um die entflohenen Rädelsführer und die besonders Hartnäckigen aufzugreifen; diese (2000 an der Zahl) wurden gekreuzigt. Nun heißt es im bellum: „Dann erhielt er [Varus] die Meldung, daß in Idumäa noch 10.000 Bewaffnete ständen“352. Varus rückte gegen sie heran und die dortige Empörung löste sich ohne Blutvergießen auf.
Nachdem also Varus nach seinem ersten Einrücken in Palästina im Frühling zugesehen hatte, dass er so schnell wie möglich wieder in den Norden kam, ohne den Aufstand wirklich vollkommen zerschlagen zu haben, nahm er sich nun im Sommer oder Herbst bei seinem zweiten Auftauchen in Palästina ausgedehnt Zeit und stellte obendrein das gesamte römische Militär Syriens, nämlich alle drei syrischen Legionen,353 samt den Hilfstruppen der einheimischen Verbündeten in den Dienst des Judäa-Krieges. Konnte es sich der Statthalter Syriens erlauben, seine Provinz über sicherlich einige Monate hinweg derart entwaffnet zurück zulassen? Meiner Einschätzung nach werden sich die Römer damals angesichts der dauernden Gefahr aus dem Osten gehütet haben, die Grenzprovinz Syrien aller ihrer Legionen zu entblößen. Aber: Die potentielle Dauer der Statthalterschaft des Varus umfasst die Jahre (7/)6-1 v. Chr.; und in diesem Zeitraum gab es vermutlich genau einen Zeitpunkt, zu welchem Varus sich solch eine Aktion leisten konnte, nämlich gegen Ende dieses Zeitraums. Das will erklärt sein. Es wurde bereits gesagt, dass Syme davon ausgeht, dass um 2/1 v. Chr. Truppen aus der Donau-Region abgestellt wurden, um dem Kaiserenkel Gaius in den Orient vorauszumarschieren.354 Zur Zeit der Aufstände nach der Abreise des Archelaos aus der Levante mögen diese Truppen gerade am Aufbrechen oder bereits auf dem Marsch in den Osten gewesen sein, aber eben noch nicht in Syrien angekommen – so lässt sich vermuten. Und so musste Varus seinen ersten Schlag gegen die Juden noch recht halbherzig führen, weil er den Norden nicht ungeschützt lassen konnte. Irgendwann ab oder nach Sommer aber stand die Verstärkung aus dem Westen vor Ort, und nun konnte Varus sich in umfassender Weise dem brennenden Problem in Palästina widmen und das gesamte ihm unterstehende Militär Syriens in den Kampf gegen die Juden führen. So ließe es sich vermuten.
Wer möchte, kann folglich in dem von sämtlichen Truppen verlassenen Syrien unter Varus ein schwaches Indiz für die Gleichzeitigkeit von Varus‘ Krieg in Judäa und einer Truppenverschiebung aus der Donauregion oder einem anderen Gebiet an die Ostgrenze des Imperiums zwecks Vorbereitung des unmittelbar bevorstehenden Aufenthalts des Gaius in Syrien erkennen. Der Tod des Herodes wäre in solchem Fall ins Jahr 2 v. oder 1 v. Chr. zu setzen. Allerdings ist dieses Argument für einen späten Tod des Herodes weit davon entfernt, auch nur irgendwelche Beweiskraft zu besitzen; denn dass Truppen aus anderen Provinzen Richtung Ostgrenze geschickt wurden, um Gaius eine größere Schlagkraft oder auch nur eine bessere Verhandlungsbasis zu verleihen, scheint erst einmal nicht mehr als eine These Symes zu sein. Darüber hinaus – und das wiegt noch schwerer – ist es ganz strittig, ob Syrien um die Zeitenwende tatsächlich nur drei Legionen beherbergte (wie Iosephus behauptet) oder aber vier, wie Tacitus in seinen annales für kurze Zeit später, nämlich für die Zeit des Tiberius, bezeugt.355 Falls sich schon zur Zeit des Varus vier statt drei Legionen in der Provinz befanden, erübrigt sich natürlich alles Gesagte und man müsste es mit Hermann Gerlach halten: „[…] als aber Varus mit drei Legionen gegen Judäa zog, mußte natürlich die vierte zum Schutz Syriens zurückbleiben“356.
Fazit: Das Fazit von Kapitel II. 2. 3. muss lauten:
Berührungen zwischen der Orientmission des Gaius und den Ereignissen im Land der Juden kurz nach dem Tod des Herodes lassen sich (– im Falle des Lobs des Augustus an den an Jerusalem vorbeiziehenden Gaius und im Falle der möglicherweise vollständigen militärischen Entblößung der Provinz Syrien durch Varus –) lediglich vorsichtig vermuten, keineswegs aber auch nur annähernd belegen. |
Die Annahme eines späten Todesjahres wie 1 v. Chr. lässt sich durch diese fraglichen Berührungen also zumindest nicht verifizieren. |
II. 2. 4. Die aus Kapitel II. 2. zu ziehenden Konsequenzen für eine Datierung des Todes des Herodes
P. Quinctilius Varus war längstens vom Sommer 7 v. Chr. bis zum Sommer 1 n. Chr. mit dem Amt des Statthalters in Syrien betraut. Daraus ergibt sich, dass der Tod des Herodes irgendwo zwischen diesen beiden Zeitpunkten gesucht werden muss. Und man kann es noch ein wenig genauer sagen: Da zwischen der Gerichtsverhandlung gegen Antipatros, in deren Zusammenhang Varus von Iosephus das erste Mal erwähnt wird, und dem Tod des Königs mindestens mehrere Monate verstrichen sind, so kann Herodes frühestens gegen Ende des Jahres 7 v. Chr. verstorben sein.357
Spätestens aber ist der Tod Anfang Frühling 1 v. Chr. anzusetzen, jedenfalls vor dem Passafest 1 v. Chr., was sich daraus ergibt, dass Varus nach jenem Passa, welches auf den Tod des Königs folgte, den aufständischen Juden noch mindestens durch drei Monate hindurch als syrischer Statthalter entgegentrat.358 Nach dem Passa 1 n. Chr. war Varus sehr wahrscheinlich mit diesem Amte nicht mehr betraut, falls doch, dann maximal bis in den Sommer 1 n. Chr. Das Passa des Jahres 1 n. Chr. fiel auf den 29. März. Die drei Monate Mindestzeit, welche Varus für die Niederschlagung der jüdischen Revolten brauchte, würden mindestens in die Zeit Ende Juni/Anfang Juli führen. Das scheint auf den ersten Blick gerade noch zu einem Tod des Herodes im Frühjahr 1 n. Chr. zu passen. Da aber Varus wahrscheinlich länger als drei Monate nach dem gesuchten Passa in Syrien weilte, da außerdem Gaius lange vor Sommer 1 n. Chr. seine Legaten zur Ablösung des bis dahin amtierenden Statthalters nach Syrien geschickt haben dürfte und da der Kaiserenkel sehr wahrscheinlich im Sommer 1 n. Chr. längst persönlich in Syrien stand, schließe ich das Jahr 1 n. Chr. als Todesjahr des Herodes kurzerhand aus! Weil Varus die nach dem Tode ausgebrochenen Unruhen in der Zeit nach einem Passafest niederschlug und dieses Passa nicht mehr das des Jahres 1 n. Chr. war, so ist damit gleichzeitig gesagt, dass der Tod des Königs überhaupt nicht mehr nach dem Passa 1 v. Chr. angesetzt werden kann.
Ich habe mich oben dafür ausgesprochen, dass die wahrscheinlichere Amtszeit des Varus lediglich von Sommer 6 v. Chr. bis Frühjahr oder maximal Sommer 1 v. Chr. (und nicht Sommer 1 n. Chr.) lief. Unter dieser Voraussetzung wäre sogar der Tod des Herodes vor dem Passa im Jahr 1 v. Chr. ebenfalls sehr zweifelhaft; denn Varus würde in solchem Fall ausgesprochen wenig Zeit für seine von Iosephus geschilderten Kriegsaktionen gegen die Juden gehabt haben, ehe er seine Provinz verließ. Diesen Umstand, der m. E. tendenziell gegen das Jahr 1 v. Chr. als Todesjahr des jüdischen Königs spricht, mag man sich im Hinterkopf behalten. Jedoch ist es zu früh, um deshalb das Jahr 1 v. Chr. als Todesjahr auszuschließen.
Ich gehe also von der tatsächlich längstmöglichen Amtsdauer von Sommer 7 v. Chr. bis Sommer 1 n. Chr. aus. Ob unter dieser Voraussetzung eher das Jahr 6 oder 5 oder eher das Jahr 2 oder 1 v. Chr. oder eben eines der Jahre dazwischen als das Todesjahr des Herodes angenommen werden sollte, ist aus Iosephus‘ Einbettung des Varus-Geschehens in die jüdische Geschichte jener Zeit nicht ohne weiteres entscheidbar, da bei Iosephus ganz offen bleibt, wie lange Varus vor der Gerichtsverhandlung gegen den Königssohn Antipatros und wie lange er nach dem Niederschlagen der auf den Tod des Herodes folgenden Unruhen in Palästina die Verwaltung Syriens innehatte.359
Wenn Varus – wie das die Münzen Antiochias bezeugen – von ca. 6-4 v. Chr. sicher Statthalter in Syrien war, so fallen die Mondfinsternisse im Jahre 5 und 4 v. Chr. in diese chronologisch gesicherte Zeit. Da nun eine Dauer dieser Statthalterschaft bis Sommer 1 n. Chr. letztlich möglich ist, kann auch die Mondfinsternis im Januar 1 v. Chr. noch in die Zeit des Varus gefallen sein. Für die militärischen Interventionen des Varus im Sommer und vielleicht noch im Herbst 1 v. Chr. bliebe noch genug Zeit. Weil ich jedoch, wie gesagt, persönlich von einem Ende der Legation des Varus spätestens im Sommer 1 v. Chr. ausgehe, so gewinnen – wenn ich isoliert nach der Amtszeit des Varus in Syrien beurteile – die rund drei bis vier Jahre früher fallenden Mondfinsternisse eher meine Sympathie, was objektiv freilich wenig aussagt.
Aus Velleius Paterculus und Cassius Dio ist bekannt, dass Gaius Caesar, der Enkel und Adoptivsohn des Augustus, irgendwann um 2/1 v. Chr. in die Ostprovinzen des Römischen Reiches entsandt wurde. Bereits 1605 argumentierte Laurentius Suslyga daher: Wenn Gaius laut den profanen Schriftquellen um das Jahr 2 v. Chr. in den Orient geschickt wurde, laut Iosephus aber noch in Rom anwesend war, als nach dem Tod des Herodes über die jüdische Herrschafts-Nachfolge verhandelt wurde, so muss Herodes vor 2 v. Chr. verstorben sein.360 Dieses nachvollziehbar ersonnene Argument tauchte in der nachfolgenden Literatur immer wieder mal auf361 und ist als eines der ehrlichsten Argumente gegen das Jahr 1 v. Chr. als mögliches Todesjahr des Herodes zu beurteilen. Jedoch hat sich oben gezeigt, dass dieses Argument nicht zwangsläufig greift, da Gaius gemäß den Quellen seine Reise in den Osten sehr wohl auch erst im Laufe des Jahres 1 v. Chr. angetreten haben könnte. Dass Herodes im Jahre 1 v. Chr. vor dem Passafest verstarb und die Nachfolgeregelungen in Rom in den Wochen und Monaten nach dem Passa verhandelt und getroffen wurden, ist von dieser Seite her also durchaus noch möglich. Dennoch wird die Zeit – ähnlich wie im Zusammenhang mit dem Ende der Legation des Varus in Syrien – hierfür äußerst knapp. Dass sich die Ratssitzungen sowie die Abreise des Gaius noch nach dem Passa des Jahres 1 n. Chr. zutrugen, darf man wohl ausschließen. Bedenkenlos ausgeschlossen werden dürfen außerdem die Ansätze des Herodes-Todes um 3 n. Chr. der meisten Kirchenschriftsteller der alten Kirche und des Mittelalters seit Eusebius von Caesarea, der ganz ähnliche Ansatz von Liberato De Caro, Fernando La Greca und Emilio Matricciani (Januar 3 n. Chr.)362 und ebenso die noch spätere Ansetzung des Todes auf 6 n. Chr. durch Kardinal Baronius. Schon 1681 hatte Enrico Noris dem Baronius erwidert, dass Gaius im Jahr 6 n. Chr. bereits zwei Jahre tot war und somit gar keine Rolle mehr im kaiserlichen Rat nach einem so späten Tod des jüdischen Königs gespielt haben könnte.363 Es bleibt also: Herodes kann spätestens vor dem Passa 1 v. Chr. verstorben sein.
Frühestens aber kann Herodes vor dem Passa 5 v. Chr. verstorben sein, da ein volljähriger Gaius erst in ebendiesem Jahr an den Beratungen des Augustus über die Nachfolge des Herodes teilgenommen haben kann. Was das prw,twj in bellum II 2, 4 (25) anbelangt, stehen zwei Interpretationen der Iosephus-Stelle gegeneinander. Die eine fordert eher eines der Jahre 5 oder 4 v. Chr. als Todesjahr des Herodes, die andere eher das Jahr 2 v. Chr. oder das Jahr 1 v. Chr. Eine Entscheidung für eine der beiden Interpretationen wird man an dieser Stelle wohl kaum treffen wollen. Beide machen für sich genommen Sinn.
Die von Ernest L. Martin aufgestellte These, dass Gaius‘ Arabien-Mission letztlich eine Intervention in Idumäa nach dem Tod des Herodes dargestellt haben könnte, verdient m. E. keine weitere Beachtung. Ähnlich lieferten die Überlegungen zu dem an Gaius gerichteten Lob des Augustus, wie es Sueton überliefert, und zur potentiellen zeitweiligen militärischen Entblößung der Provinz Syrien zur Zeit des Kriegs des Varus gegen die aufständischen Juden keine sicheren Erkenntnisse. Diese beiden letzten Punkte mögen in der Tendenz ein eher spätes Todesjahr des Herodes nahelegen, etwas Handfestes zur zeitlichen Eingrenzung des Herodes-Todes lässt sich aber aus alledem nicht ableiten.
Das Fazit der bisherigen Untersuchung lautet:
Gemäß der „Gaius-“ und „Varus-Chronologie“ muss der Tod des Herodes in dem Zeitraum zwischen dem Jahr 5 v. Chr. und dem Passafest des Jahres 1 v. Chr. gesucht werden. |
Eines der Jahre 5-2 v. Chr. ist dabei als Todesjahr tendenziell wahrscheinlicher als das Jahr 1 v. Chr. |
II. 3. Der Mondfinsternis-Tod-Passa-Zusammenhang: die potentiellen Todesjahre und ihre historische Wahrscheinlichkeit
II. 3. 1. Die Mondfinsternis kurz vor und das Passa kurz nach dem Tode des Herodes
Seit Joseph Justus Scaliger ist den Gelehrten in der Datierungsfrage die Mondfinsternis ins Auge gesprungen. Wie wir oben sahen, berichtet Iosephus in den antiquitates, dass solch eine in der Nacht nach der Verbrennung der Gesetzeslehrer samt einiger ihrer Schüler stattgefunden hat. Nicht lange danach verstarb Herodes und wieder nicht lange danach wurde zu Jerusalem das Passafest gefeiert. In den Quellen genannte Mondfinsternisse und um vieles mehr Sonnenfinsternisse spielen bei der absoluten Datierung historischer Ereignisse generell eine ganz zentrale Rolle,364 weil sie auf die Sekunde genau berechnet werden können. Also darf man hoffen, dass auch die von Iosephus genannte Finsternis hilfreich auf der Suche nach dem Zeitpunkt des Herodes-Todes ist.
Überlegungen zur Glaubwürdigkeit der Mondfinsternis-Nachricht: Es soll niemandem die Frage verwehrt sein: Kann man Iosephus‘ Nachricht von dieser Mondfinsternis überhaupt trauen? Mich selbst hat diese Frage zu Anfang meiner Forschungen ernsthaft beschäftigt. Immerhin beginnt Alexander Demandt seine Untersuchung „Verformungstendenzen in der Überlieferung antiker Sonnen- und Mondfinsternisse“ mit dem imgrunde schon Resümee ziehenden Satz: „Von den etwa 250 Nachrichten der antiken Literatur über Sonnen- und Mondfinsternisse sind über 200 ungenau oder falsch“365. Ist Iosephus‘ Angabe möglicherweise ebenso ungenau oder falsch? Letztlich könnte Iosephus diese Finsternis erdichtet haben, weil im Altertum Sonnen- und Mondfinsternisse gerne als Vorboten oder Begleiterscheinungen eines Herrscher-Todes, eines bedeutenden Ereignisses oder eines öffentlichen Unglücks aufgefasst wurden.366 Es begegnen in antiken Schriften freilich mehrere Finsternisse, deren Existenz die astronomische Wissenschaft heute zweifelsfrei bestätigen kann. Es gibt aber ebenso Gegenbeispiele. Die Finsternis im Rahmen einer bedeutenden Kriegsschlacht oder im Zusammenhang mit einem Herrschertod scheint sich jedenfalls durchaus in manchen Fällen der Überlieferung lediglich als ein Topos antiker Geschichtserzählung zu entpuppen – so also womöglich auch bei Iosephus? Die Antwort erfordert etwas Raum.
Iosephus zitiert in anderem Zusammenhang ein offizielles Schreiben des M. Antonius an den Hohepriester Hykranos, in welchem es heißt: „Begingen sie [Cassius und Brutus, die Mörder des Iulius Caesar,] doch solche Schandtaten gegen ihre Mitmenschen und solche Frevel gegen die Götter, dass selbst die Sonne sich verhüllte (to.n h[lion avpestra,fqai), um den an Cäsar begangenen Mord nicht sehen zu müssen“367. Und Cassius Dio schreibt von einer totalen Sonnenfinsternis, die vor dem Tode des Augustus beobachtet worden sei.368 Iulius Caesar ist am 15. März 44 v. Chr. ermordet worden, sein Adoptivsohn Octavianus Augustus starb am 19. August 14 n. Chr. Die Astronomie aber kann weder für das Jahr 44 v. Chr. noch für das Jahr 14 n. Chr. irgendwelche Sonnenfinsternisse ausfindig machen, die im Mittelmeerraum beobachtet werden konnten.369 Sind jene Bemerkungen also nur erzählerische Elemente?
Es ist zu beachten, dass M. Antonius sein Schreiben an den jüdischen Herrscher nur rund drei Jahre nach der Ermordung Caesars verfasste; er war Zeitzeuge und sehr wahrscheinlich auch Augenzeuge jenes Himmelsschauspiels, auf das er in seinem Schreiben Bezug nimmt. Eine reine Erdichtung dieses Schauspiels scheint m. E. daher ausgeschlossen. Solche Diskrepanzen zwischen den antiken Zeugnissen über bestimmte Himmelserscheinungen und der wissenschaftlichen Nachprüfbarkeit haben schon manch Forschenden zum Chronologie-Kritiker gemacht und dazu bewogen, die herkömmlichen absoluten Datierungen z. B. die des Todes I. Caesars oder die des Todes des Augustus zu verwerfen und die Todesfälle um mehrere Jahre vor- oder nachzudatieren, eben in die Nähe von astronomisch gesicherten Sonnenfinsternissen.370 Allerdings sind die Gründe für solch kühne Umdatierungen alles andere als ausreichend. Bei genauerer Betrachtung erscheint es viel ratsamer, weiterhin an der herkömmlichen absoluten Chronologie festzuhalten:
Erstens drückt sich M. Antonius in seinem durch Iosephus überlieferten Schreiben von 42/41 v. Chr. mehrdeutig aus. Das Schreiben verwendet nicht den griechischen Fachterminus für „Sonnenfinsternis“,371 sondern es sagt, dass die Sonne sich „abwandte“. Der römische Dichter Vergil schrieb in den dreißiger Jahren des ersten vorchristlichen Jahrhunderts sein Werk georgica, vielleicht zehn bis fünfzehn Jahre nach der Ermordung Iulius Caesars. Vergil war zum Zeitpunkt des Caesar-Todes ungefähr 26 ½ Jahre alt, also ein erwachsener Zeitzeuge, und auch er behauptet im genannten Werk: „Klagte die Sonne doch auch über Rom ob Caesars Ermordung, als sie ihr strahlendes Haupt einhüllte in stählernes Grauen (cum caput obscura nitidum ferrugine texit) und eine ruchlose Welt vor ewiger Nacht sich entsetzte“372. Auch bei Vergil fehlt jeder terminologische Hinweis auf eine Sonnenfinsternis. Vergils Dichterkollege Albius Tibullus war zwar 44 v. Chr. noch sehr jung, aber bei ihm findet sich endlich die Lösung des Problems. Tibullus sagt im Zusammenhang mit dem Tode Iulius Caesars: „Lichtlos mußte ein wolkiges Jahr den Sonnengott sehen, wie er ein bleiches Gespann unter dem Joche vereint (Ipsum etiam Solem defectum lumine vidit iungere pallentes nubilus annus equos)“373. Im Frühling 44 v. Chr., als die Römer sich nach dem Winter eigentlich wieder auf die Zunahme der Sonnenleuchtkraft und auf heitere Wärme freuten, wurden sie jäh enttäuscht, denn laut Tibullus war und blieb jenes Jahr ein trübes, wolkiges Jahr (nubilus annus). Plutarch beschreibt dieses Phänomen in seiner Caesar-Biographie noch ausführlicher: „Das größte der göttlichen Wunder aber war der Komet, welcher nach Caesars Ermordung sieben Tage lang leuchtete und dann wieder verschwand, und neben ihm die Verdunklung des Sonnenlichtes (to.n h[lion avmau,rwma th/j auvgh/j). Das ganze Jahr hindurch stieg die Sonnenscheibe blaß und ohne Glanz empor und entsandte nur eine schwache, kraftlose Wärme. Die Luft blieb trüb und schwer, da die wärmenden Strahlen zu schwach waren, sie zu durchdringen, die Früchte welkten vor der Zeit und fielen der kühlen Witterung wegen halbreif zur Erde“374. In dieselbe Richtung wie Tibull und Plutarch äußert sich auch Plinius der Ältere in seiner Naturgeschichte. Denn Plinius erwähnt jenes Sonnenphänomen nach dem Tode Iulius Caesars eben nicht im Zuge seiner Erklärungen zu Sonnen- und Mondfinsternissen, sondern er erwähnt es im Zuge anderer ungewöhnlicher Himmelserscheinungen: „Es findet auch ein bedeutsames und längeres Nachlassen der Sonnenleuchtkraft statt, wie bei der Ermordung des Diktators Caesar und im Kriege gegen Antonius, als ihr Licht fast ein ganzes Jahr hindurch bleich war“375. Mit dieser länger andauernden Verminderung der Sonnenleuchtkraft, die sogar bis zu einem Jahr angedauert haben soll, will Plinius ebenso wenig wie Tibull und Plutarch eine Sonnenfinsternis bezeichnen, die sich ja im Bruchteil eines Tages zuträgt. Was der genaue Grund dafür gewesen sein mag, dass Antonius und seine Zeitgenossen nach dem Tod des Diktators eine Veränderung der Sonnenleuchtkraft wahrnahmen, können vielleicht die Naturwissenschaftler beantworten. Denn dank der Erforschung der Klimageschichte mittels Eisbohrkernen und dank Dendrochronologie ist für das Jahr 44/43 v. Chr. eine extreme Klima-Anomalie (mit sinkender Temperatur) sowie eine enorme Störung der Vegetation nachgewiesen worden. Die Baumwachstums-Anomalie dieses Jahres wurde in den letzten 2500 Jahren überhaupt nur von jener des berühmten Kältejahres 535/536 n. Chr. übertroffen (Procopius und Michael Syrus beschrieben die geringe Sonnenleuchtkraft und ihre Wirkungen auf die Vegetation im Jahre 535/536 n. Chr. in ganz ähnlicher Weise wie obige Schriftsteller es für das Jahr nach Caesars Ermordung taten). Die Eisbohrkerne aus der Antarktis, besonders aber aus Grönland beweisen für unser Jahr einen Spitzenwert an vulkanischem Staub in der unteren Erdatmosphäre.376 Ursache des nubilus annus 44/43 v. Chr. dürfte demnach Vulkanasche in der Luft (bzw. dürften es vulkanische Aerosole) gewesen sein.377 Wichtig ist mir jedenfalls festzustellen, dass Antonius in dem bei Iosephus zitierten Schreiben nicht von einer 44 v. Chr. im Mittelmeerraum sichtbaren Sonnenfinsternis spricht, sondern von einem extrem trüben, dunklen Jahr, wie es aus Vergil, vor allem aber aus Tibull, Plutarch und Plinius vollends offensichtlich wird. Deshalb berührt die Tatsache, dass die heutige Astronomie eine in Italien sichtbare Sonnenfinsternis für das Jahr 44 v. Chr. ausschließen kann, auch nicht die absolute Chronologie der römischen Geschichte um die Zeitenwende. Und dem Iosephus (bzw. seiner Quelle) ist in diesem Falle überhaupt keine Ungenauigkeit und kein Fehler vorzuwerfen.
Kommen wir nun aber zu der Mondfinsternis vor Herodes‘ Tod. Es ist in diesem Falle durchaus hie und da vermutet worden, dass Iosephus‘ Nachricht statt auf einer Mondfinsternis auf irgendeiner zufälligen Blässe des Mondes378 oder auf einer „Blässe des bewölkten Mondes“379 fuße. Als erstes finde ich diese Vermutung 1643 bei Gerardius Ioannes Vossius ausgesprochen, unter dem Hinweis auf einige Finsternisse zur Zeit des Iulius Caesar und des Augustus, die von antiken Schriftstellern angeben werden, aber astronomisch nicht bestätigt werden können.380 Aber im Gegensatz z. B. zu den Quellen, welche für das Jahr der Ermordung Iulius Caesars eine „Verdunklung“ der Sonne bezeugen, spricht Iosephus im Rahmen des Herodes-Geschehens in ganz eindeutiger Weise von einer echten Mondfinsternis: kai. h` selh,nh de. th/| auvth/| nukti. evxe,lipen381 kann nichts anderes heißen, als dass sich in jener Nacht der Mond verfinsterte bzw. eine Mondfinsternis stattfand. Wo sich das hier von Iosephus im Aorist gebrauchte Verb evklei,pein auf die Sonne oder den Mond bezieht, ist bei den griechischen Schriftstellern von einer echten astronomischen Finsternis die Rede.
Ebenso eindeutig wie die Terminologie des Iosephus ist die des Cassius Dio im zweiten der oben genannten Fälle. Dio spricht von einer totalen Sonnenfinsternis vor dem Tode des Augustus, obwohl, wie gesagt, im Jahre 13/14 n. Chr. keine im Mittelmeerraum sichtbare Sonnenfinsternis stattfand. Man kann sich nur mit folgenden Erklärungen behelfen: Dio schrieb ungefähr 200 Jahre nach dem Tod des Augustus; er war also im Gegensatz zu M. Antonius kein Zeitzeuge des von ihm Beschriebenen. Außerdem nennt Dio als Vorboten des Augustus-Todes auch einen flammenden Himmel, von dem glühende Holzstückchen herunterfielen, blutrote Kometen, eine schreiende Eule, die auf dem Senatsgebäude saß, als man gerade Bittgebete für den kranken Princeps sprechen wollte, und einen Blitz, der in das Augustus-Standbild auf dem Kapitol einschlug und den ersten Buchstaben seines Namens Caesar tilgte. Dies alles kann damals in irgendeiner Form so oder wenigstens so ähnlich beobachtet worden sein, dennoch stellt sich der heutige Leser unwillkürlich die Frage, ob dies denn tatsächlich alles beobachtet worden ist. Zumindest steht die Nachricht über die Sonnenfinsternis bei Dio inmitten einer Ansammlung verschiedenster Merkwürdigkeiten, was ihre Glaubwürdigkeit – und das muss zugegeben werden – ein wenig einschränkt. Andererseits ist es schwer vorstellbar, dass Dio die Finsternis komplett erdichtet hat. Auf irgendeine Überlieferung sollte er sich schon bezogen haben. Im April 14 n. Chr. hat eine zu Rom sichtbare totale Mondfinsternis stattgefunden, die man damals als Todes-Vorboten interpretiert haben mag und aus welcher Dio während der Arbeit an seinem umfassenden Werk unkonzentrierterweise eine Sonnenfinsternis gemacht haben mag.382 Aber ganz gleich mit welcher Erklärung man sich auch zu behelfen wünscht, die Tatsache, dass Dio eine Sonnenfinsternis zu einem Zeitpunkt ansetzt, an dem sich solch eine nicht zugetragen hat, beweist, dass der antike Historiker hier entweder eine Finsternis in seine Darstellung einbaute, von dessen Existenz er keine sichere Kunde hatte, oder, falls Dio Mond- und Sonnenfinsternis verwechselt haben sollte, dass er als Schriftsteller die Fakten recht frei behandelte. In beiden Fällen wird deutlich, dass Dio jener Sonnenfinsternis eine literarische Funktion zuwies, nämlich die eines düsteren Vorzeichens.383
Könnte in ähnlicher Weise nicht auch Iosephus das Mondfinsternis-Detail einzig und allein aus dem Grunde in die Handlung um Herodes eingefügt haben, weil es ihm als Schriftsteller als ein ausgezeichnet passendes Prodigium erschien?: Der bis dahin in seiner Macht ungebrochene Tyrann Herodes lässt gesetzestreue und gottesfürchtige Männer lebendig verbrennen; der Himmel fällt endlich sein Urteil über den Tyrannen und teilt es den Juden bzw. dem Leser in der Verfinsterung des Mondes mit; von da an kommt Herodes sein qualvolles Ende unausweichlich entgegen?384 Des Eindrucks, dass Iosephus die Mondfinsternis in jenem historischen Kontext tatsächlich sehr bezeichnend fand, kann auch ich mich nicht erwehren. Allerdings erwähnt er selbst, ganz anders als Dio im obigen Beispiel, mit keiner Silbe, dass dieses Himmelsereignis Bedeutungsvolles für die nahe Zukunft enthielt bzw. anzeigen wollte. Jedwede Deutung in diese Richtung überlässt Iosephus geschickt dem Leser. Die Römer, – man verzeihe – abergläubisch und in der Regel doch recht plumpen religiösen Sinnes, hätten in ihren Schriften gewiß beim Leser keinen Zweifel daran lassen wollen, dass dieses Himmelszeichen ein unausweichliches göttliches oder schicksalhaftes Urteil anzeigte. Aber Iosephus formuliert viel dezenter. Die Juden waren ohnehin nicht dafür bekannt, Himmelsereignisse als Schicksalsboten zu begreifen. Sie hielten es vielmehr mit Jeremia 10, 2: „So spricht der HERR: Lernt nicht den Weg der Völker, erschreckt nicht vor den Zeichen des Himmels, wenn auch die Völker vor ihnen erschrecken!“385. Philo Alexandrinus z. B. sagt zwar sehr wohl, dass Sonne, Mond und Sterne durchaus auch Zeichen für zukünftige Ereignisse böten – und er nennt neben deren Auf- und Untergängen, Sichtbarkeiten und Bewegungen auch ausdrücklich Finsternisse –, aber er versteht darunter eben ausschließlich Ereignisse und Entwicklungen des Klimas, des Wetters, der Vegetation usw.386 Man möchte meinen: Als Jude mit einem weiter reichenden Natur- und Gottesverständnis und auch als Mann aus dem griechischen Osten, wo wenigstens die gelehrten Geister solche Zeichen und Naturereignisse mittlerweile differenzierter und verständiger beurteilten als die Römer, wird Iosephus ein vorherbestimmendes Himmelszeichen, das unabänderliches Unheil oder Zukunftsgeschehen ankündigte, ohnehin nicht im Sinn gehabt haben. Jedoch lässt es sich nicht leugnen, dass auch das durchs Zeitalter des Hellenismus gegangene Judentum und im Speziellen auch Iosephus durchaus Ereignisse und Phänomene, auch solche des Himmels, als Vorzeichen bzw. als Warnzeichen Gottes an sein Volk, wenn es sich auf Abwegen befand, begreifen konnte. Das wird besonders im Zusammenhang mit der Eroberung Jerusalems und der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 n. Chr. deutlich. Iosephus sagt: „[…] den deutlichen Zeichen aber, die die kommende Verwüstung im voraus anzeigten, schenkten sie [das Volk der Jerusalemer und Juden] weder Beachtung noch Glauben, sondern als ob sie vom Donner gerührt wären und weder Augen noch Sinn hätten, überhörten sie die Warnrufe Gottes. So war es, als über der Stadt ein schwertähnliches Gestirn erschien und ein Komet ein ganzes Jahr lang am Himmel blieb […]“387. Und auch was im Text des Iosephus hierauf folgt,388 klingt nicht weniger seltsam als die von Cassius Dio behaupteten Vorzeichen, die dem Tod des Augustus vorausgegangen sein sollen. Dennoch ist zweierlei zu beachten. Erstens häufen sich solche Prodigien-Nachrichten in der jüdischen Literatur, einschließlich der Werke des Iosephus, längst nicht derart wie in der römischen und paganen Literatur. Imgrunde tauchen sie m. W. tatsächlich nur im Zusammenhang mit der Tempel- und Stadtzerstörung durch Titus auf.389 Iosephus war in dieser Hinsicht zugegebenermaßen viel stärker pagan beeinflusst, als es seine judäischen Landsleute waren.390 Zweitens jedoch – und das wiegt schwerer – werden die Ereignisse in demselben Rahmen von Iosephus genauso unmissverständlich als Prodigien qualifiziert, wie das bei den paganen Schriftstellern auch geschieht. Bei der Mondfinsternis vor dem Tod des Herodes ist solches mit keiner Silbe angedeutet. Iosephus hat die Tatsache einer auf die Hinrichtung der Rabbis folgenden Mondfinsternis in einem vollends nüchternen, sachlichen Ton in seine Erzählung eingebaut. Schon allein das spricht nicht gerade dafür, dass Iosephus die Erwähnung der Mondfinsternis in erster Linie aus erzählerischen Beweggründen getätigt hat. So sehr die Vermutung berechtigt ist, dass Iosephus die Finsternis ganz besonders im Zusammenhang mit jener historischen Entwicklung, in deren Zeit sie auftrat, bemerkenswert fand, so sehr ist auch die Vermutung berechtigt, dass er sie nicht eigens hierfür erdichtet hat – denn in solch hohem Maße bedeutsam scheint ihm die Finsternis nun andererseits auch wieder nicht vorgekommen zu sein, sonst hätte er dem Leser ihre Bedeutung nachdrücklicher vor Augen führen und ausdrücklicher aufschließen müssen.
Auf die Frage also, ob die Mondfinsternis bei Iosephus nicht ein rein erzählerisches Moment sein könne, hat wohl der Großteil der Gelehrten die (wenn auch zumeist unausgesprochene) Antwort gefunden: Hätte Iosephus solch ein erzählerisches Mittel (Finsternisse als Todes- oder Unheils-Vorboten) in seinen Werken öfter oder wenigstens hie und da angewandt, so würde es sich lohnen, über diese Frage nachzudenken. Aber Iosephus erwähnt sonst nirgends in seinen dicken, die gesamte Geschichte Israels und der Juden umfassenden Geschichtswerken eine Sonnen- oder eine Mondfinsternis, obgleich vieler passender Gelegenheiten.391 Folglich lässt sich die einzige erwähnte Finsternis kaum als freie Ausgestaltung des Erzählers begreifen, sondern er muss die Verbrennung der Rabbis bereits in der älteren Überlieferung mit diesem Himmelsereignis verknüpft vorgefunden haben. Damit steigt natürlich die historische Zuverlässigkeit dieser Nachricht.392 Man findet in der Literatur tatsächlich kaum eine Stimme, die das anders beurteilen würde.
Schlussendlich muss jeder selbst eine Entscheidung treffen, für wie vertrauenswürdig er Iosephus‘ Nachricht von jener Mondfinsternis hält. Ich persönlich jedenfalls bin aus dargelegten Gründen (und in Übereinstimmung mit dem überwiegenden Teil der wissenschaftlichen Literatur) der Ansicht, dass dieser Überlieferung Glauben zu schenken ist und dass dem Tod des Herodes tatsächlich eine Mondfinsternis vorausgegangen ist.
Ist die Mondfinsternis überhaupt an die Verbrennung der „Tempelschänder“ zu Jericho geknüpft?: Die Astronomen sind längst in der Lage, sämtliche Finsternisse, die im Altertum aufgetreten sind, zu berechnen und ihren Sichtbarkeitsbereich anzugeben. Jene bei Iosephus erwähnte Mondfinsternis scheint demnach von zentraler Bedeutung für die Bestimmung des Todesjahres des Herodes zu sein. Sie müsste – so wollte man annehmen – eine einmalige Hilfe für eine konsensfähige Datierung dieses Geschehens sein. Genau das ist indes nicht der Fall. In der wissenschaftlichen Debatte bereitet gerade diese Finsternis Probleme. Und so mancher Historiker wäre sich seines Urteils zum Todesjahr des Herodes wohl sicherer, so die Nachricht von jenem Himmelsereignis bei Iosephus nicht anzutreffen und nicht mit zu berücksichtigen wäre. Denn wie wir unten sehen werden, passen die Daten keiner der Mondfinsternisse, die in jener infrage kommenden Zeit liegen, auf Anhieb überzeugend gut zum ereignisgeschichtlichen Lauf der Dinge. Imgrunde ergeben sich bei der Entscheidung für beinah eine jede dieser Finsternisse irgendwelche Angriffspunkte, die nicht so einfach vom Tisch zu fegen sind.
1992 versuchte Daniel R. Schwartz393 dem Dilemma ein Ende zu bereiten: „In my opinion, however, the whole problem is only a pseudo-problem“394. Da die Beschäftigung mit diesem chronologischen Problem unter jenen immer gleichen Voraussetzungen durch mehrere Jahrhunderte hindurch nicht zu einem Konsens in der Datierung geführt hat, überlegt Schwartz, ob nicht ganz einfach die Voraussetzungen dieser Datierung geändert werden müssten. Er koppelt die Mondfinsternis vom Geschehen der Hinrichtung der Rabbis und ihrer Schüler ab und knüpft sie an ein anderes von Iosephus nur zwei Sätze vorher geschildertes Geschehen. Iosephus berichtet395 davon, dass Herodes nach der Gefangennahme derjenigen, die den Adler, ein Weihgeschenk des Herodes, vom Tempel abgeschlagen hatten, die Elite der Juden ins Theater zu Jericho bestellte, um den Fall zu verhandeln. Der kranke König hielt eine Rede, in welcher er seiner Enttäuschung Ausdruck verlieh, die Täter und wohl generell die Jerusalemer Größen des Undanks gegen seine Person und erstere letzten Endes der Tempelschändung bezichtigte. Iosephus sagt, Herodes sei dennoch relativ gelinde verfahren, habe aber den gerade amtierenden Hohepriester Matthias seines Amtes entsetzt, weil er ihn einer Miturheberschaft des Vorfalls beschuldigte. Iosephus nutzt die Erwähnung dieses Matthias als Gelegenheit, noch eine interessante Geschichte aus seiner Amtszeit als Hohepriester einzuwerfen: „Unter dem Hohepriestertum des Matthias geschah es übrigens, dass für einen Tag, den Fasttag der Juden, ein anderer Hohepriester ernannt werden musste, und zwar um folgender Ursache willen. In der dem Fasttage voraufgehenden Nacht träumte Matthias, er wohne seinem Weibe bei, und da er deswegen kein Opfer darbringen konnte, übernahm sein Verwandter Joseph, der Sohn des Ellem, für ihn den Dienst“396. Nachdem Iosephus dieses Detail aus der Amtszeit des Matthias mitgeteilt hat, fährt er fort: „Diesen Matthias also entsetzte Herodes seines Amtes, den anderen Matthias aber, der den Aufruhr angestiftet hatte, ließ er mit einigen seiner Genossen lebendig verbrennen. In derselben Nacht fand eine Mondfinsternis statt“397. Schwartz ist der Meinung, „that Josephus means there was an eclipse the night Matthias ben Theophilus dreamed his fateful dream“398. Das scheint mir eine spannende und diskussionswürdige Idee zu sein. Schwartz fand diese These bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Marcus Brann399 aufgestellt, dessen Argumente er aufgreift und erweitert. Kokkinos sagt zur These von Brann und Schwartz vollkommen richtig: „If this is true, the problem is solved, since considerable time can separate the eclipse from the following Passover“400. Schon alleine deshalb sollte man diese These genauer beleuchten, zumal sie durchaus Anhänger hat.401
Ich finde bei Schwartz letzten Endes vier Argumente402, die es wert sind, diskutiert zu werden:
1.) „The words ‚that night‘ refer most naturally to the only antecedent ’night‘ in this story – the one when Matthias dreamed“403.
2.) Das zweite Argument hebt die Tatsache hervor, dass in dem früheren Geschichtswerk des Iosephus über den jüdischen Krieg alle Handlungsstränge bzw. Episoden vorkommen, wie sie in den späteren „Altertümern“ auch begegnen – bis auf zwei: Im bellum fehlt die Episode von jener Nacht, in welcher der Hohepriester Matthias unrein wurde, und es fehlt die Erwähnung der Mondfinsternis! War also vermutlich die Mondfinsternis ursprünglich mit der Hohepriester-Matthias-Geschichte verknüpft und Iosephus hat durch erzählerische Umstellung dieselbe erst hinter die Geschichte von der Verbrennung der Rabbis und ihrer Schüler gesetzt?
3.) Iosephus sagt nicht, die Mondfinsternis habe in der (auf den Tag des Ereignisses) folgenden Nacht stattgefunden, sondern sie habe „in derselben Nacht“ (th/| auvth/| nukti) stattgefunden. Wenn man also nicht mit Johannes Kepler annehmen wolle, dass die Verbrennung der Rabbis in der Nacht stattfand, so könne sich das auvth/|/ wohl nur auf jene Nacht beziehen, in welcher der Hohepriester Matthias seinen Traum hatte.
4.) Die Nachricht von der Mondfinsternis stamme aus der jüdischen Überlieferung. Die Juden aber hätten laut der Gemara des Traktats Sukka eine Mondfinsternis traditionell als schlechtes Omen für Israel aufgefasst.404 „So too, certainly, was the disqualification of a high priest on the most holy day of the year“. Hingegen sei der Tod des Herodes für das jüdische Volk vielmehr Grund zur Freude gewesen. Also passe die Mondfinsternis um vieles besser zur Hohepriester-Matthias-Geschichte.
In der Summe erscheinen Schwartz‘ Argumente auf den ersten Blick überzeugend. Bei genauerer Betrachtung kommen einem jedoch auch einige Gegenargumente in den Sinn, die gegen die Zugehörigkeit der Mondfinsternis zu jener Nacht vor dem Versöhnungstag sprechen:
1.) Iosephus berichtet über die Folgen der Adler-Affäre und fügt in seine Schilderung aufgrund passender Gelegenheit die Überlieferung ein, dass einst jener Hohepriester Matthias für einen Tag, am Versöhnungstag405, in seinem Amte vertreten werden musste. Das ist eine eindeutige Rückblende, ein Exkurs. Daraufhin wendet er sich wieder dem aktuellen Geschehen zu: Im Zuge der Adler-Affäre sei dieser Matthias jetzt zu Jericho seines Amtes enthoben worden; und der andere Matthias, der Gesetzeslehrer, sei samt einigen Genossen lebendig verbrannt worden. In derselben Nacht habe eine Mondfinsternis stattgefunden. Iosephus hat damit die Mondfinsternis ganz eindeutig an die Entsetzung des Matthias vom Hohepriesteramt durch
Herodes und an die Verbrennung der „Tempelschänder“ geknüpft.406
2.) Nun könnte es zwar theoretisch immer noch der Fall sein, dass Iosephus die Geschichten seiner Quellen hier bis zur Unkenntlichkeit verschachtelt hat, so dass in seinem Geschichtswerk die Mondfinsternis jetzt zur Geschichte von der Bestrafung der „Tempelschänder“ zu gehören scheint, während sie ursprünglich einmal zur Geschichte vom Traum des Matthias in der Nacht vor dem Versöhnungstag gehört hatte.407 Aber genau das scheint eben nicht der Fall gewesen zu sein. Denn Schwartz weist ja selbst darauf hin, dass die Geschichte von der eintägigen Vertretung des Hohepriesters auch in der rabbinischen Überlieferung kursiert, wo eben von einer Mondfinsternis nicht die Rede ist.408 Auch was die fehlenden Erwähnungen des hohepriesterlichen Traumes vor dem Versöhnungstag sowie gleichzeitig der Mondfinsternis im Werk bellum betrifft, so tue ich mich schwer damit, daraus schließen zu wollen, dass die Mondfinsternis ursprünglich mit dieser Hohepriester-Matthias-Geschichte verknüpft war. Denn man kann ja genauso umgekehrt argumentieren: Dort, wo die Hohepriester-Vertretungs-Geschichte völlig unabhängig von der Geschichte von der Verbrennung der „Tempelschänder“ erzählt wird – nämlich in der rabbinischen Überlieferung –, kommt eine Mondfinsternis nirgends zur Sprache.
3.) Wenn Herodes mit dem Feuertod ein Exempel statuieren wollte, so bot ihm die Dunkelheit des späten Abends oder der Nacht eine bessere Bühne, als die Helligkeit des Tages, so dass „in derselben Nacht“, nämlich der Nacht der Hinrichtung, die Mondfinsternis aufgetreten sein kann. Die Formulierung th/| auvth/| nukti ist in solchem Fall nicht merkwürdig. Man wird unweigerlich an Kaiser Nero erinnert, der in der Dunkelheit zum Schauspiel die Christen als lebende Fackeln seine Gärten erhellen ließ.409
4.) Aus dem Talmud lässt sich schließen, dass die Juden eine Mondfinsternis als schlechte Vorbedeutung für ihr eigenes Volk deuteten. Und natürlich war das reibungslose bzw. gültige Begehen des Versöhnungstages von enormer Wichtigkeit für die Juden. Die Person des Hohepriesters war an diesem Tage tatsächlich wichtiger als an jedem anderen Tag im Jahr, weshalb er sich eine Woche lang hiervor zwecks kultischer Reinheit abzusondern hatte.410 Als sich der Hohepriester Matthias in der Nacht vor dem Versöhnungstag kultisch disqualifizierte, dürfte dies trotzdem kein größeres Problem für die den Versöhnungstag begehende Gemeinde dargestellt haben, denn die Mischna berichtet von der ganz sinnvollen und naheliegenden Praxis, schon eine Woche vor dem Versöhnungstage zusammen mit dem Hohepriester einen zweiten Priester (wenn vorhanden sicherlich ein volljähriger Sohn des Hohepriesters, ansonsten ein Bruder oder anderer naher Verwandter desselben411) abzusondern, für genau den Fall, dass der amtierende Hohepriester kurz vor dem Termin unrein und damit untauglich wurde und vertreten werden musste: „Sieben Tage vor dem Versöhnungstag brachte man den Hohenpriester sich aus seinem Hause in den Raum der Mitglieder des Richterkollegiums und ordnete ihm einen anderen Hohenpriester unter [als Ersatzmann], falls er sich verunreinigen sollte“412. Die Gemara des Talmuds führt dazu als Präzedenzfall die Vertretung durch Joseph ben Ellem an. Matthias‘ Verwandter Joseph ben Ellem übernahm also planmäßig die Vertretung. Ein ernstes Unglück stellte die Untauglichkeit des Matthias folglich kaum dar. Schwartz hat dennoch recht, dass der bevorstehende Tod des verhassten Herodes an sich noch viel weniger ein Unglück für das Volk der Juden bedeutete (Ein Blick in die assumptio Mosis und die Fastenrolle Megillat Taanit genügen, um das festzustellen). Auch kann schlecht die Hinrichtung der Gesetzeslehrer und ihrer Schüler als Bezugspunkt herhalten, wenn es darum gehen soll, dass die Finsternis eine Vorbedeutung gehabt haben soll.413 Wenn man aber unbedingt nach einer auf die Mondfinsternis folgenden Entwicklung suchen will, die den Juden fraglos echtes Unglück brachte, so ist sie schnell gefunden: Die Folge der Hinrichtung jener im Volk angesehenen Rabbis durch Herodes war die von Volksteilen öffentlich und demonstrativ abgehaltene Trauer um sie nach dem Tod des Herodes. Dieselbe Trauer-Demonstration veranlasste Archelaos zu einem Massaker unter den Demonstranten am Passa-Rüsttag. Dieses brutale Vorgehen war wiederum Auslöser und Startschuss für die sofort einsetzenden Volksaufstände und Kriegswirren im jüdischen Land. Der Krieg des Varus nach dem Tod des Herodes bedeutete zweifelsfrei echtes Unglück für das jüdische Volk mit katastrophalen Auswirkungen auf Sicherheit und Wohl der Bevölkerung, wie sich aus der assumptio Mosis414, aus Iosephus415 und der jüdischen Chronik Seder olam rabba416 oder etwa auch aus dem Schluss des Protevangeliums des Jakobus417 deutlich genug erhellt. Wenn die Verbrennung der Gesetzeslehrer und das Massaker an den um sie Trauernden auch nicht die Ursache für den Krieg waren, so doch in gewisser Weise ein nicht unwesentlicher Auslöser. Und in diesem Zusammenhang mag die ganz am Anfang dieser Entwicklung stehende Mondfinsternis für die Juden vielleicht bemerkenswert gewesen sein.418 Die Frage aber ist, ob die von Schwartz ins Feld geführte Gemara-Stelle überhaupt zu der Annahme zwingt, dass die jüdische Überlieferung jener Mondfinsternis in der letzten Lebenszeit des Herodes unbedingt eine Eigenart als Unheilsvorbote für die Juden zugesprochen haben muss. Auf mich wirkt sie keinesfalls derart zwingend.
Daniel R. Schwartz‘ These scheitert aber gar nicht aufgrund solcher Gegenargumente zu seinen Argumenten, sondern an der Sache selbst: Die Nacht, in welcher der Hohepriester Matthias untauglich wurde, war laut Iosephus die Nacht vor dem Versöhnungstag am 10. Tischri, welcher meist im Oktober zu liegen pflegt. Nach der Meinung Schwartz‘ soll in dieser Nacht auch die Mondfinsternis stattgefunden haben. Überhaupt liegt nur eine der in Betracht kommenden Finsternisse in der Nähe eines Versöhnungstages, nämlich diejenige in der Nacht vom 15. auf den 16. September im Jahr 5 v. Chr. Für diese entscheidet sich Schwartz auch. Im Jahr 5 v. Chr. fiel der Versöhnungstag meiner Einschätzung nach auf den 12./13. Oktober.419 Aber hier nehme ich einmal mit Schwartz an, er sei einen Monat früher, nämlich auf den 12./13. September, gefallen (Neumond am 1. Sept. 20:29 Uhr Jerusalemer Ortszeit; erster Monatstag war folglich 3./4. Sept.). Dann hat die Mondfinsternis (15. September) drei Nächte später stattgefunden, was freilich auch Schwartz bemerkt: „True, it probably came a few days later than the Day of Atonement“420. Für mich ist Schwartz‘ Hypothese schon allein deswegen vom Tisch.
Schwartz‘ Überlegungen werden von Lester L. Grabbe zwar nicht berücksichtigt (zumindest nicht explizit); aber Grabbe äußert eine vage Vermutung, die in dieselbe Richtung geht: „However, it is not clear that the deposition of the high priest happend on that date. In the immediate context, it was the burning of the other Matthias that happened on the day of the eclipse. This could have been the carrying out of a sentence that had been pronounced earlier, possibly even after Herod’s death“421. Er meint also, die Erwähnung der Mondfinsternis, die im Text des Iosephus ganz mit dem Feuertod der beiden Rabbis verbunden vorliegt, mag ursprünglich (wohl in der Quelle des Iosephus) mit irgendeinem ganz anderen Ereignis verknüpft gewesen sein, entweder mit einem vorhergehenden oder auch erst mit einem Ereignis nach dem Tod des Herodes. Konkreter wird Grabbe nicht. Er hält die Mondfinsternis-Nachricht an sich im weitesten Sinne für historisch korrekt, koppelt sie aber wie Schwartz von der Verbrennung der Gelehrten ab – nur dass Grabbe dabei ganz unbestimmt bleibt. Auf diese Weise verliert die Mondfinsternis als chronologischer Anhaltspunkt freilich jeglichen Wert (worauf es Grabbe auch abgesehen hat, weil ihm die Mondfinsternis chronologisch nicht in den Kram passt422). Letztlich muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er Grabbe in seiner Annahme folgen möchte. Ich will dazu bloß anmerken, dass man mit einem so gearteten Argument jedweden missliebigen Satz in einer Quelle quasi streichen kann, um sich seiner zu entledigen. Damit macht es sich Grabbe in meinen Augen zu einfach.
Nach meiner Einschätzung ist die Mondfinsternis bei Iosephus nicht nur als historisch zu nehmen, sondern historisch auch an die Verbrennung der pharisäischen Gesetzeslehrer gekoppelt.
Die Daten der in Betracht kommenden Mondfinsternisse: Wie eine Mondfinsternis zustande kommt, wussten die antiken Astronomen schon ziemlich genau. Im 1. Jh. v. Chr. hat z. B. Geminus von Rhodos dieses in seinem astronomischen Lehrbuch allgemeinverständlich beschrieben. Im 1. Jh. n. Chr. findet man bei Plutarch eine Erklärung der astronomischen Vorgänge.423 Ganz einfach gesprochen – also ohne Anspruch auf Wissenschaftlichkeit meiner Aussagen –, kommt eine Mondfinsternis zustande, wenn unsere Erde genau auf der Strecke liegt, die sich von der Sonne zum Mond ziehen lässt, sodass die Sonnenstrahlen den Mond nicht mehr erreichen, sondern er im Schatten liegt, den unsere Erde wirft. Das setzt natürlich voraus, dass der Mond vor und nach den Mondfinsternis-Stunden von der Erde aus voll zu sehen ist, denn wir Erdlinge sehen ihn zu dieser Zeit von der Seite, von welcher ihn die Sonne anstrahlt. Dementsprechend kann die Mondfinsternis ausschließlich in der Vollmondsphase, also nur in der Mitte des Mondmonats und damit auch nur in der Mitte des jüdischen Monats, stattfinden. Die Bewegung der genannten Himmelskörper sorgt dafür, dass der Erdschatten sich langsam von einer Seite her über den erleuchteten Mond hin ausbreitet. In den Minuten der größten Überschneidung von Erdschatten und Mond (der Durchmesser des ersteren ist größer als der des Mondes) verschlingt bei einer totalen Finsternis die Dunkelheit den Mond vollständig, bei einer partiellen eben nur teilweise. Vom ersten Eintritt des Mondes in den Erdschatten bis zum vollständigen Austritt aus demselben vergehen wenige Stunden.424
Solch ein Ereignis am Nachthimmel konnten die Juden nicht lang vor dem Ableben ihres Königs beobachten. Im Gegensatz zum seltenen Ereignis einer Sonnenfinsternis (die obendrein nur in einem geographisch begrenzten Raum zu beobachten ist) sind Mondfinsternisse sehr viel häufiger (und außerdem ist der geographische Raum größer, von dem aus sie beobachtet werden können).425 „Mondfinsternisse sind verhältnismäßig häufig. Ohne genauere historische Rahmendatierung läßt sich eine Finsternisangabe nicht auf eine bestimmte Mondfinsternis festlegen“426. Das ist ein Problem, welches auch auf die Mondfinsternis-Angabe des Iosephus zutrifft; es fehlt eine „genauere historische Rahmendatierung“. Wenigstens konnten wir den Zeitraum eingrenzen, in welchem wir die Mondfinsternis zu suchen haben. Denn über die Statthalterschaft des Varus sowie die Biographie des Augustusenkels Gaius ließ sich das Todesdatum des Herodes eingrenzen zwischen Beginn 5 v. Chr. und Frühling 1 v. Chr. Diese Grenzen sind bei der Suche nach jener Finsternis zu beachten!427 Es ist Johann Friedrich Wurms Verdienst gewesen, die Daten all jener Mondfinsternisse, die in diesen Zeitraum fallen, dem am Todeszeitpunkt des Herodes interessierten Publikum übersichtlich vorgelegt zu haben.428 Sie sind selbstverständlich schon früher und auch später noch öfter berechnet worden und lassen sich heute erst recht genau berechnen. Ich liste im folgenden die von Fred Espenak (NASA) ermittelten, zu Jerusalem sichtbaren Mondfinsternisse jener Jahre auf.429 Die Uhrzeiten, die ich in ungefähre mittlere Jerusalemer Ortszeit (GMT + 2:20 h:m) umwandle, geben die Mitte des Finsternis-Vorgangs an, der insgesamt, wie gesagt, einige Stunden dauern kann. Ich vervollständige die Angaben der NASA-Internetseite sodann um die Größe der Verfinsterung, wie sie Theodor von Oppolzer und F. K. Ginzel mitteilen430:
5 v. Chr. totale MF am Abend 23. März um 20:41 Uhr von 21,8 Zoll
|| totale MF i. d. Nacht 15./16. Sept. um 22:32 Uhr von 20,8 Zoll
4 v. Chr. partielle MF i. d. Nacht 13. März um 3:01 Uhr von 4,4 Zoll
1 v. Chr. totale MF i. d. Nacht 9./10. Jan. um 1:29 Uhr von 21,5 Zoll
Über Existenz und theoretische Sichtbarkeit431 dieser vier Mondfinsternisse herrscht längst bei allen Konsens.432 In der Regel haben die verschiedenen Gelehrten ihren Todesjahr-Datierungen jeweils eine dieser vier Finsternisse zugrunde gelegt.433 Da wir vorerst nicht nur das Gewicht jener gelehrten Meinungen außer Acht lassen wollen, sondern die vier Finsternisse bisher auch noch keiner Prüfung unterzogen haben, wie sie mit der Chronologie der historischen Ereignisse zusammenpassen, lässt sich auf der Basis der astronomischen Daten lediglich ein erster Schluss ziehen: Die Finsternisse in den Jahren 5 und 1 v. Chr. waren als totale von mehr als 20 Zoll für den damaligen Beobachter ganz gewiss sehr viel eindrucksvoller als die partielle im März 4 v. Chr., bei welcher der Erdschatten überhaupt nur 36-37% der Mondscheibe einnahm.434 Schwartz gibt zu bedenken: „we may note that the March eclipse was the smallest seen in Jerusalem in that decade“435. Iosephus hat im Gesamten in seinen Werken nur eine einzige Mondfinsternis erwähnt. Sollte das ausgerechnet jene unscheinbare partielle 4 v. Chr. gewesen sein, wo doch schon in den umliegenden Jahren drei eindrucksvolle totale sich zugetragen haben? Diese Frage ist grundsätzlich berechtigt.436 Gleichzeitig jedoch sollte man sich bewusst machen, dass die Bedeutsamkeit einer Mondfinsternis damals weniger an ihr selbst, als vielmehr an der Situation, in welcher sich die Beobachter befanden, gemessen worden sein wird. Nach jenem schmerzhaften Unglückstag für das jüdische Volk mag auch eine wenig auffällige partielle Mondfinsternis genügt haben, um sich in das Gedächtnis der entsetzten und trauernden Öffentlichkeit einzubrennen.437 Und zu beurteilen, ob jene partielle Finsternis genug optische Auffälligkeit besaß, damit die Menschen Notiz von ihr nahmen – wogegen nämlich ernste Zweifel bestehen438 –, bin ich persönlich nicht in der Lage. Das bedeutet: Tatsächlich ausschließen können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch keine der vier Finsternisse.
Die Passa-Daten in den Jahren 5-1 v. Chr. im Rahmen des altjüdischen Kalenders: Neben der Mondfinsternis kurz vor dem Herodes-Tod findet sich bei Iosephus ein Passafest erwähnt, welches nicht lange nach dem Tod des Königs in Jerusalem anstand.439 Üblicherweise erblickt man in diesem Passa das der Mondfinsternis unmittelbar nachfolgende. Aber Mancher erblickt auch in dem übernächsten Passa das von Iosephus gemeinte, setzt also etwa die Mondfinsternis im März 4 v. Chr. mit dem Passa 3 v. Chr. in Beziehung. Da erstens das Mondkalenderjahr der Juden von Jahr zu Jahr in einer immer anderen Relation zum julianischen Kalenderjahr stand, und wir zweitens nicht zweifelsfrei die exakten Tage der einstigen jüdischen Monatsanfänge kennen, herrscht in der Literatur in Betreff der jüdischen Festdaten naturgemäß nicht eine solche Einigkeit,440 wie wir sie bei den Mondfinsternisdaten angetroffen haben. Darum ist sich hierüber zuvorderst Klarheit zu verschaffen.
Das Passafest war eines der drei großen Wallfahrtsfeste Israels und wurde bekanntlich im Frühling am Beginn des 15. Tages des ersten jüdischen Monats namens Nisan gefeiert, nachdem am Nachmittag des 14. Nisan die Passalämmer geschlachtet worden waren.441 Dieser 15. Tag fing bei den Juden freilich mit dem Abend an, den wir hierzulande geneigt wären noch zum 14. Nisan zu rechnen. Denn die Tage wurden generell bei den Juden von Abend zu Abend gerechnet.442 In meinem ersten Band zur Chronologie der Geschichte Israels im Zeitalter des Zweiten Tempels habe ich all die Zusammenhänge, die den altjüdischen Kalender, die Sabbatjahrchronologie und die jüdischen Feste betreffen, ausführlich behandelt, sodass ich dieselben Zusammenhänge hier lediglich kurz zusammenfasse.
Die Juden gebrauchten gemäß Gen. 1, 14 einen lunisolaren Kalender, in dem sowohl der Lauf des Mondes als auch der Lauf der Sonne Berücksichtigung fanden. Die Länge der Monate orientierte sich an der Dauer des Mondumlaufs bzw. dem sogenannten synodischen Monat von ca. 29½ Tagen, sodass man nur Kalendermonate von entweder 29 Tagen oder 30 Tagen hatte. Das hing jeden Monat neu davon ab, an welchem Abend genau die Juden die erste schmale Neulichts-Sichel des Mondes am Himmel erspähten. Mit ihrem Erscheinen läuteten die Juden den Beginn des neuen Monats ein. Zwölf solcher Mondmonate zählten im Schnitt 354 Tage, dreizehn Monate zählten folglich 383 oder 384 Tage. Das Sonnenjahr zählt bekanntlich rund 365½ Tage. Die Juden feierten wie die meisten anderen Völker der Antike, welche Mondmonate gebrauchten, Erntefeste und jahreszeitlich abhängige Feste, die immer zum gleichen Zeitpunkt im Naturjahr stattfinden mussten. Vor allem forderte die Tora in Ex. 23, 15 u. 34, 18 sowie Dtn. 16, 1, dass das Passa-Mazzotfest im ersten Monat, dem Monat „Abib“, d. h. im Monat der frischen Ähren, gefeiert werden sollte (nach dem Babylonischen Exil „Nisan“ genannt). „Abib“ bezog sich auf die Gerste, das erste Getreide des Jahres. Gemäß Lev. 23, 10ff.. sollte das Omer, die gottesdienstliche Darbringung der Gersten-Erstlinge, nach pharisäische Lesart am Tag nach dem ersten Festsabbat der ungesäuerten Brote, also am 16. Nisan, stattfinden.443 Die Reifung der Gerste hing natürlich von Niederschlägen, Temperaturen und Sonnenlichteinstrahlung ab, kurz: von der Natur. Aus diesen Gründen mussten die Juden ihr Kalenderjahr mit dem Naturjahr synchronisieren. Und da das Naturjahr im Mittel eben maßgeblich vom tropischen Sonnenjahr mit seinen 365½ Tagen abhängig ist, so ist es verständlich, dass die Juden nach einigen Kalenderjahren von durchschnittlich 354 Tagen (zwölf Mondmonate) eines von 383/384 Tagen (13 Mondmonate) rechnen mussten, d. h. einen Schaltmonat einfügen mussten. Dieser 13. Monat ging dem Frühlingsmonat Nisan, dem ersten in der Reihe der Monate, in dem die Gerste geerntet wurde, unmittelbar voran. Mit diesem Instrument der Interkalation vermochten die Juden es, die agrarischen Festtermine jedes Jahr in die dafür jeweils günstigste Jahreszeit fallen zu lassen. Da das Naturjahr zwar im Mittel vom Sonnenjahr abhängig ist, andererseits aber nicht automatisch jedes Jahr im exakt gleichen Verhältnis zum Sonnenjahr der Astronomen steht und stand, war es für die Juden vorteilhafter, in jedem Frühjahr die Natur neu zu beobachten und über das Einfügen eines Schaltmonats zu entscheiden, als einen ans Sonnenjahr geknüpften festen Schaltzyklus zu verwenden, wie etwa den damals im Orient weit verbreiteten 19jährigen. Einen festen Schaltzyklus gab es also zur Zeit des Zweiten Tempels bei den Juden noch nicht.444 Aber da sich die Fest- und Kalenderjahre ganz am Lauf der Natur und der Landwirtschaft orientierten, musste das alle sieben Jahre zyklisch einfallende Sabbatjahr aufgrund der in der Tora gebotenen Brache und Ackerruhe, wodurch eine enorme Änderung im Landwirtschaftszyklus eintrat, auch eine Änderung der Schaltpraxis mit sich bringen.445 Um diese Zeitspanne ohne Ernte und landwirtschaftliche Erzeugnisse nicht unnötig zu verlängern, schalteten die Juden im Frühjahr des Sabbatjahrs nicht ein, ebenso in aller Regel nicht im Frühjahr nach dem Sabbatjahr, um wieder so schnell wie möglich an die heißersehnte Ernte des Nachsabbatjahrs zu gelangen. Um aber im Nachsabbatjahr das Jahr gemessen am Vegetationsfortschritt nicht etwa zu früh zu beginnen, wurde vorsorglich regelmäßig im Vorsabbatjahr eingeschaltet, und zwar in diesem einen Fall scheinbar auf Grundlage der Berechnung: Würde das Gersten-Erstlingsfest am 16. Nisan im Nachsabbatjahr vor die Frühlingstagundnachtgleiche (23./22. März) fallen, so würde voraussichtlich die Gerste bis zu diesem Termin nicht reif genug sein und so legte man im Vorsabbatjahr vorsorglich einen Schaltmonat ein. Und weil man (um das Mondjahr mit dem Naturjahr auszugleichen) ohnehin jedes dritte, manchmal sogar schon zweite Jahr einen Schaltmonat einfügen musste, wurde sehr häufig auch im Jahr nach dem Nachsabbatjahr, also im zweiten Jahr der Jahrwoche, ein solcher eingelegt. In allen übrigen Jahren gab es keine verbindlichen Interkalations-Anforderungen als nur die, den Fortschritt der Natur im Frühjahr gewissenhaft zu beobachten.
Der jedes Jahr neu empirisch festgelegte altjüdische Festkalender war kein statischer, sondern ein lebendiger, welcher zwar auf den Forderungen der Tora fußte, dessen Lauf aber vom jüdischen Volk als Naturbeobachter abhing. Ihr Kalender lässt sich deshalb rückwirkend selten mit letzter Sicherheit rekonstruieren; denn wir vermögen die damals entscheidenden Faktoren wie Niederschläge, Temperaturen und vor allem den daraus resultierenden Vegetationsfortschritt usw. für einzelne Jahre nicht mehr zu rekonstruieren. So kommt es, dass wir – wenn wir alle Eventualitäten miteinbeziehen wollen – in nicht wenigen Jahren zwei Alternativen für den jüdischen Jahresanfang für möglich halten müssen. Wir Heutigen haben anders als die Juden damals ausschließlich die Frühlingstagundnachtgleiche als Marker. Wir wissen nur mit ziemlicher Sicherheit, dass die Gersten-Erstlingsgarbe am 16. Nisan entweder zur Zeit jenes Vollmonds dargebracht wurde, der nahe der Frühlingstagundnachtgleiche einfiel, oder aber auch erst zur Zeit des zweiten Vollmonds nach der Frühlingstagundnachtgleiche. In den Jahren 6, 7 und 1 des Sabbatjahrzyklus‘ lässt sich der Beginn des Kalenderjahrs aufgrund der Interkalationsregeln zu Sabbatjahr und Nachsabbatjahr freilich meistens besser beurteilen.
Gehen wir nun zurück zu unserem Fall. Weil Iosephus ein Passafest in Verbindung mit den Geschehnissen kurz nach dem Tod des Herodes erwähnt, sind wir an den Passa-Daten in den Jahren 5, 4, 3 und 1 v. Chr. interessiert. Man gelangt zu diesen Passa-Daten, indem man Ausschau hält nach dem jeweiligen julianischen Kalenderdatum für den 1. Nisan. Wie gesagt, wurde der erste Monatstag in Jerusalem eingeläutet, sobald das Neulicht des Mondes am Abendhimmel beobachtet wurde. Diese allmonatlich wiederkehrende erste schmale Sichel über dem westlichen Horizont konnte, von mehreren Faktoren abhängig, zwischen einem und drei Tagen nach dem astronomischen Neumond gesichtet werden.446 Grundlage für die Festsetzung des 1. Nisan in den Jahren 5-1 v. Chr. auf ein julianisches Datum bilden also Datum und Uhrzeit der entsprechenden astronomischen Neumonde. Ich greife hierbei wieder auf die Daten von Fred Espenak (NASA) zurück,447 setze lediglich die ungefähre Jerusalemer Ortszeit (GMT+2:20 h:min) daneben. Und zwar werden hier jene Neumonde aufgelistet, entsprechend denen der 15. Nisan frühestens in die Zeit um die Frühlingstagundnachtgleiche448 herum und spätestens in die Zeit des zweiten Vollmonds nach der Frühlingstagundnachtgleiche gefallen wäre:
5 v. Chr. entweder Neumond: 8. März, 4:44 Uhr (UT) bzw. 7:04 Uhr (etwaige Jerusalemer Ortszeit)
oder Neumond: 6. April, 16:51 Uhr (UT) bzw. 19:11 Uhr (etwaige Jerus. Ortszeit)
_________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
4 v. Chr. entweder Neumond: 27. März, 3:58 Uhr (UT) bzw. 6:18 Uhr (etwaige Jerusalemer Ortszeit)
oder Neumond: 25. April, 13:37 Uhr (UT) bzw. 15:57 Uhr (etwaige Jerus. Ortszeit)
_________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
3 v. Chr. entweder Neumond: 16. März, 19:56 Uhr (UT) bzw. 22:16 Uhr (etwaige Jerus. Ortszeit)
oder Neumond: 15. April, 3:48 Uhr (UT) bzw. 6:08 Uhr (etwaige Jerusalemer Ortszeit)
_________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
2 v. Chr. entweder Neumond: 6. März, 12:17 (UT) bzw. 14:37 Uhr (etwaige Jerusa. Ortszeit)
oder Neumond: 4. April, 20:43 Uhr (UT) bzw. 23:03 Uhr (etwaige Jerus. Ortszeit)
_________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
1 v. Chr. entweder Neumond: 24. März, 11:47 Uhr (UT) bzw. 14:07 Uhr (etwaige Jerus. Ortszeit)
oder Neumond: 22. April, 20:30 Uhr (UT) bzw. 22:50 Uhr (etwaige Jerus. Ortszeit)
Die Astronomin und Altertumswissenschaftlerin Rita Gautschy (Basel) hat daraus unter Anwendung der aktuellsten Berechnungsmethoden die an die Neulichtbeobachtung gekoppelten jüdischen Monatsanfänge bzw. Monatsersten errechnet,449 wobei der jüdische Tag, wie bereits erwähnt, nicht wie der römische von Mitternacht zu Mitternacht, sondern von Abend zu Abend reicht:
5 v. Chr. entweder 1. Nisan = 9./10. März (von Abend zu Abend)
oder II = 7./8. April ( II )
oder II = 8./9. April ( II )
_________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
4 v. Chr. entweder 1. Nisan = 28/29. März (von Abend zu Abend)
oder II = 26./27. April ( II )
_________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
3 v. Chr. entweder 1. Nisan = 17./18. März (von Abend zu Abend)
oder II= 16./17. April ( II )
_________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
2 v. Chr. entweder 1. Nisan = 7/8. März (von Abend zu Abend)
oder II = 5./6. April ( II )
_________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
1 v. Chr. entweder 1. Nisan = 25./26. März (von Abend zu Abend)
oder II = 23./24. April ( II )
Ob die Neulicht-Sichel im Frühling 5 v. Chr. schon am Abend des 7. April oder erst am Abend des 8. April gesehen werden konnte, hängt davon ab, ob die Sichtbedingungen optimal waren oder nicht. In allen anderen Fällen ist der Tag der ersten Sichtung deutlicher zu bestimmen, sodass in dieser Hinsicht sonst keine Alternativen auftauchen.
Für die zur Diskussion stehenden Jahre ergeben sich also folgende potentielle Passa-Termine, wobei das jeweils wahrscheinlichere Festdatum fett gedruckt erscheint:
5 v. Chr. unwahrscheinl. 15. Nisan = 23./24. März (von Abend zu Abend) liegt im 3. Jahr des
wahrscheinl. II = (21./)22.(/23.) April ( II ) Sabbatjahrzyklus‘
:_________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
4 v. Chr. wahrscheinl. 15. Nisan = 11./12. April (von Abend zu Abend) liegt im 4. Jahr des
unwahrscheinl. II 10./11. Mai ( II ) Sabbatjahrzyklus‘
_________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
3 v. Chr. wahrscheinl. 15. Nisan = 31. März/1. April (v. Abend z. Abend) liegt im 5. Jahr des
unwahrscheinl. II = 30. April/1. Mai ( II ) Sabbatjahrzyklus‘
________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________-
2 v. Chr. unwahrscheinl. 15. Nisan = 21./22. März (von Abend zu Abend) liegt im 6. Jahr des
wahrscheinl. II = 19./20. April ( II ) Sabbatjahrzyklus‘
_________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
1 v. Chr. wahrscheinl. 15. Nisan = 8./9. April (von Abend zu Abend) liegt im Sabbatjahr
unwahrscheinl. II = 7./8. Mai ( II )
Was die Nennung von jeweils zwei alternativen Festdaten pro Jahr betrifft, so ist das in den Jahren 5-3 v. Chr. tatsächlich allein der Tatsache geschuldet, dass sich nicht mehr sagen lässt, wann in diesen Jahren die Gerste reif genug war, um dem Schöpfer und Versorger in der Festwoche dem Gesetz gemäß die Erstlinge der Feldfrüchte opfern zu können. Daneben tätigten die Juden noch weitere witterungsabhängige Beobachtungen, die Einfluss auf die Entscheidung hatten, wann der Frühlingsmonat Nisan beginnen konnte, wie bspw., ob die Wege, auf denen die Pilger aus den verschiedenen jüdischen Landesteilen zum Fest nach Jerusalem reisten, bereits trocken genug und schon einigermaßen gangbar waren.450 Damalige Temperaturen, Niederschläge usw. sind, wie gesagt, von uns Heutigen leider nicht mehr rekonstruierbar. Zur Grundorientierung können wir uns allein am Frühlingsäquinoktium (23./22. März) orientieren. Man sollte zwar nicht davon ausgehen, dass die Juden Palästinas um die Zeitenwende diesen astronomischen Jahrpunkt selbst als unerschütterliches Grenzdatum betrachtet hätten, vor welches das Passafest niemals fallen dürfte. Dennoch ist die Orientierung an diesem Jahrpunkt bei der Rekonstruktion der damaligen Passa-Daten aus zweierlei Gründen vollends gerechtfertigt: Erstens ist in Judäa ein Klima, welches vor der Frühlingstagundnachtgleiche reife Gerste ermöglichte, ganz einfach nicht sehr wahrscheinlich.451 Zweitens lag das Passafest in jenen ganz wenigen Jahren des ersten Jahrhunderts v. Chr. sowie des ersten Jahrhunderts n. Chr., in denen man dasselbe aufgrund einer glücklichen Quellenlage auf ein bestimmtes Datum festlegen kann (wie im Jahre 43 v. Chr. oder im Jahre 37 n. Chr., ganz ähnlich auch im Jahr 130 v. und mit einiger Wahrscheinlichkeit auch im Jahr 66 n. Chr.), deutlich nach der Frühlingstagundnachtgleiche.452 Im Jahr 43 v. Chr. lag es sogar erst zur Zeit des zweiten Vollmonds nach dem astronomischen Frühlingspunkt.
Im Jahre 5 v. Chr. das April-Datum gegenüber dem März-Datum zu bevorzugen, scheint also ratsam. Für das Jahr 3 v. Chr. lässt man am besten neben dem 1. April als dem wahrscheinlicheren Passa-Datum auch den 1. Mai als potentielles, wenn auch unwahrscheinlicheres Passa-Datum stehen. Und im Jahr 4 v. Chr. ist das spätere Datum, nämlich der 10./11. Mai, für das Passafest wenigstens gerade noch möglich, wenn es auch gegenüber dem 11./12. April mit Sicherheit nicht das wahrscheinlichere Datum ist.
In den Jahren 2 und 1 v. Chr. spielt, was die Datierung des Passafestes betrifft, dann die Sabbatjahrchronologie eine wesentliche Rolle. Das Passa im Jahr 2 v. Chr. fiel ins Vorsabbatjahr, das Passa im Jahr 1 v. Chr. ins Sabbatjahr.453 Aus bereits genannten Gründen wurde im Sabbatjahr nicht eingeschaltet, im Vorsabbatjahr umso eher. Deshalb nehme ich im Jahre 2 v. Chr. den 20. April gegenüber dem 22. März als ziemlich gesichertes Datum für den 15. Nisan an. Im Jahre 1 v. Chr. muss der 9. April gegenüber dem 8. Mai für den 15. Nisan klar vorgezogen werden. Denn im Sabbatjahr musste das Passa im optimalen Fall so früh fallen, dass es im Nachsabbatjahr ohne Einschaltung noch Ende März fallen würde, damit die ersehnte Gerstenernte so früh wie möglich begonnen werden konnte. Das war auch der Fall: Im Jahr 1 n. Chr. fiel der 15. Nisan auf den 29./30. März. Hätte man hingegen das Passa 1 v. Chr. am 7/8. Mai gefeiert, hätte man es 1 n. Chr. unweigerlich erst am 27./28. April feiern können, was fürs Nachsabbatjahr unnötig spät gewesen wäre.
Selbst wenn man, wie das durchaus viele Gelehrte tun, die Sabbatjahre jeweils um ein Jahr früher ansetzt als hier, und folglich den Nisan 2 v. Chr. ins Sabbatjahr und den Nisan 1 v. Chr. ins Nachsabbatjahr verlegt, so ändert sich für die wahrscheinliche Lage der Passafeste in diesen beiden Jahren nichts. Denn auch falls das Passa 1 v. Chr. im Nachsabbatjahr gelegen hätte, hätte man es so früh wie möglich fallen lassen. Und dass im Jahr 2 v. Chr. das Passa auf den 22. März fiel, ist sowohl aus klimatischen Erwägungen heraus schon zweifelhaft als auch angesichts der eben genannten Tatsache, dass in den wenigen Jahren, in denen wir die genaue Lage des Passa kennen, dieses Fest eher Mitte April fiel, als dass es auf oder auch nur kurz nach die Tagundnachtgleiche gefallen wäre.
Damit wird die Schaltung im Jahr 5 v. Chr. wegen der überaus großen Nähe, die das Fest sonst, also ohne Schaltung, zu diesem Jahrpunkt aufwiese, überaus wahrscheinlich. Nimmt man nun die vorausgehenden und nachfolgenden Jahre mit in den Blick, so ergibt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit, dass die Jahre 5 und 2 v. Chr. jüdische Schaltjahre gewesen sind. Wie gesagt, wissen wir außerdem vom Jahr 43 v. Chr., in dem der 15. Nisan auf den 25. März und damit nach die Tagundnachtgleiche hätte fallen können, dass der 15. Nisan einen Monat später am 24. April gefeiert wurde.454 Also: 5 v. Chr. wurde in meinen Augen ohne Zweifel ein zusätzlicher Monat eingeschaltet, so dass das Passa nicht im März, sondern am 21./22. oder 22./23. April gefeiert wurde. Da aber August Strobel in anderem Zusammenhang (der jedoch mit der Frage nach Herodes‘ Todesjahr durchaus zu tun hat und auch uns weiter unten noch beschäftigen wird) von der Feier des Passa im März 5 v. Chr. ausgeht, und man diese Möglichkeit zugegebenermaßen nicht zu 100 Prozent ausschließen kann, will ich die eigentlich notwendige Konsequenz, nämlich den potentiellen Passatermin 23./24. März 5 v. Chr. aus der Liste zu streichen, nicht ziehen und den stark humpelnden Kandidaten am Wettrennen teilnehmen lassen. Zu den Jahren 4 und 1 v. Chr. hingegen lässt sich stark vermuten, dass sie jüdische Gemeinjahre waren, in denen das Passa zur Zeit des ersten Vollmonds nach der Frühlingstagundnachtgleiche gefeiert wurde; und vom Jahr 3 v. Chr. darf man es wohl ebenso annehmen.455
Die oben in der Auflistung fettgedruckten Optionen sind übrigens nicht nur in meiner Kalenderrekonstruktion die wahrscheinlichsten Optionen, sondern dieselben Daten bietet auch Charles F. Murphey in seiner Kalenderrekonstruktion für die Jahre 5-1 v. Chr.456 Trotzdem werden im Folgenden alle Optionen, d. h. auch die mir unwahrscheinlich erscheinenden (und von Murphey ausgeschlossenen), mit einbezogen und abgeklopft, um nicht Gefahr zu laufen, ein Szenario voreilig zu verwerfen, das zwar unwahrscheinlich erscheint, aber dennoch historische Wirklichkeit gewesen sein mag.
Die zeitlichen Abstände zwischen Mondfinsternis- und Passa-Daten: Die Passa-Termine für sich allein genommen geben uns nun freilich in gar keiner Hinsicht irgendwelchen Aufschluss. Erst wenn wir den zeitlichen Abstand zwischen den Mondfinsternissen und den Passa-Terminen betrachten, lässt sich Nutzen aus den Daten ziehen. Dabei ist allerdings nicht der 15. Nisan, sondern der 14. Nisan relevant, weil die Passalammschlachtungen dieses 14. Nisan bei Iosephus erwähnt werden.457 Ich liste im Folgenden diese Abstände zwischen den Mondfinsternissen und den Daten des 14. Nisan auf:
Datum der Mondfinsternis-Nacht | Der auf die MF folgende 14. Nisan entspricht dem | Anzahl der Tage vom Tag nach der MF-Nacht bis zum 14. Nisan (d. h.: sowohl den Tag nach der MF-Nacht als auch den 14. Nisan eingeschlossen) | |
| 23./24. März 5 v. Chr. | entweder 23. März 5 v. Chr. | (rein rechnerisch: –1 Tag)458 | |
| II | oder 21. April 5 v. Chr. | 29 Tage | |
| II | oder 22. April 5 v. Chr. | 30 Tage | |
| II | 11. April 4 v. Chr. | 1 Jahr u. 19 Tage | |
| II | unwahrscheinlich 10. Mai 4 v. Chr. | 1 Jahr u. 48 Tage | |
| 15./16. Sept. 5 v. Chr. | 11. April 4 v. Chr. | 208 Tage | |
| II | unwahrscheinlich 10. Mai 4 v. Chr. | 237 Tage | |
| 12./13. März 4 v. Chr. | 11. April 4 v. Chr. | 30 Tage | |
| II | unwahrscheinlich 10. Mai 4 v. Chr. | 59 Tage | |
| II | entweder 31. März 3 v. Chr. | 1 Jahr u. 19 Tage | |
| II | oder 30. April 3 v. Chr. | 1 Jahr u. 49 Tage | |
| II | unwahrscheinlich 21. März 2 v. Chr. | 2 Jahre u. 9 Tage | |
| II | 19. April 2 v. Chr. | 2 Jahre u. 38 Tage | |
| 9./10. Jan. 1 v. Chr. | 8. April 1 v. Chr. | 90 Tage | |
| II | unwahrscheinlich 7. Mai 1 v. Chr. | 120 Tage | |
Fazit: Bis hierhin lässt sich sagen:
Die m. E. als historisch zu bewertende Mondfinsternis, die Iosephus erwähnt und an die Verbrennung der aufrührerischen Rabbis kurz vor dem Tod des Herodes knüpft, kann sich ereignet haben am 23. März 5 v. Chr., am 15. September 5 v. Chr., am 13. März 4 v. Chr. (allerdings partiell u. wenig auffällig) oder am 10. Januar 1 v. Chr. |
Herodes verstarb nicht allzu lange vor einem Passafest. Es lassen sich die Daten der Passafeste, die nach jenen Finsternissen gefeiert wurden, rekonstruieren und so die zeitlichen Abstände zwischen den Finsternissen und den infrage kommenden Passafesten ermitteln. Diese Abstände reichen von weit über einem Jahr bis hin zu 29 Tagen (siehe die voranstehende Tabelle). |
II. 3. 2. Das Kriterium der Ereignisdichte zwischen Mondfinsternis und Passa
Uns liegen also erstens verschiedene Zeitspannen vor (wie z. B. 384, 208, 90, 30 und 29 Tage, sehr unwahrscheinlich 59 und 120 Tage) und zweitens die von Iosephus geschilderten Ereignisse, die sich in einer dieser Zeitspannen zugetragen haben müssen. Ch. Edouard Caspari meinte hierzu: „Wie viele Tage nehmen nun alle diese [von Iosephus geschilderten] Begebenheiten in Anspruch? Dass sie 3 Monate ausfüllen können, wird niemand bezweifeln; dass sie aber auch in 30 Tagen sich können zugetragen haben, kann nicht geläugnet werden. Die Mondfinsterniss entscheidet also unsere Frage nicht. Die gerade 30 Tage vor Ostern eingetretenen Finsternisse vom Jahr 5 und 4 sind möglich, die 3 Monate vor Ostern eingefallene vom Jahr 1 v. Chr. ist es auch“459. Wurms Einschätzung lautete: „Wer unbefangen diese Nachrichten bei Josephus im Zusammenhange liest, kann wohl nicht anders urteilen, als daß die Mondfinsterniß […] nur etwa einige Monathe dem Tode des Herodes vorangegangen seyn mag“460. Und wenn ich in dieser Sache grob abschätze, gelange ich zum gleichen Ergebnis wie Wurm. Ebenso gelangt Daniel R. Schwartz dahin: „One would have expected a few months“461. Ähnlich klingt auch der erste Eindruck, den Kellner aus den Vorgängen zwischen der Mondfinsternis und dem Passa gewinnt: „Josephus erzählt alle diese Vorgänge schlicht hintereinander, ohne die Zeitintervalle anzugeben, ohne zu sagen, wie lange der eine oder der andere Zwischenfall gedauert habe, so daß man beim erstmaligen Durchlesen des Berichtes wohl den Eindruck davontragen kann, das habe sich alles in ein paar Monaten abgespielt“462. Aber Kellner fährt an gleicher Stelle fort: „Allein, wenn man die Sachen reiflicher erwägt, so wird man einsehen, daß viel mehr Zeit dazu gehört habe“; schließlich gibt Kellner (der den Tod des Königs ins Ende des Jahres 3 v. Chr. setzt) dem ganzen Geschehen sogar etwas über zwei Jahre, denn er geht von der Mondfinsternis im März 4 v. Chr. aus und meint das Passa, welches auf den Tod folgte, sei erst das des Jahres 2 v. Chr. gewesen. Diesen Abstand von mehr als zwei Jahren habe ich oben der Vollständigkeit halber zwar aufgeführt, aber Kellner steht mit solcher Einschätzung nicht ohne Grund ziemlich alleine dar. Der zeitliche Abstand zwischen der Mondfinsternis 4 v. Chr. und dem Passa 2 v. Chr. ist schlichtweg zu groß, als dass man ihn mit der Schilderung des Iosephus zusammenkriegen könnte. Ich werde diesen Ansatz daher im Folgenden unberücksichtigt lassen.
James Ussher, Enrico Noris, Christopher Benson, Ludwig Quandt, H. E. G. Paulus und Alla Kushnir-Stein akzeptierten wie Kellner und die meisten anderen die Finsternis im März 4 v. Chr., setzten aber anders als Kellner den Tod entweder in den November 4 v. Chr., den Winter 4/3 v. Chr. oder in das Frühjahr 3 v. Chr., jedenfalls vor das Passafest des Jahres 3 v. Chr. Damit trauten sie den von Iosephus mitgeteilten Ereignissen immer noch eine enorme Dauer zu, um den Zeitraum von über einem Jahr zu überbrücken. Der auch in diesem Punkte weise urteilende Wurm äußert, dass die Möglichkeit, dass zwischen Mondfinsternis und Tod ein volles Jahr verflossen ist, an sich nicht unmöglich sei, meint allerdings skeptisch: „ob aber auch […] sehr wahrscheinlich, lasse ich dahin gestellt seyn“463. Auch in diesem Punkte glaube ich vorerst, von Wurm gut beraten zu sein.
Johann Van Bebber, Timothy D. Barnes und August Strobel nehmen als Dauer zwar nicht ein ganzes Jahr an, aber immerhin rund sieben Monate (208 Tage), wenn sie die bei Iosephus erwähnte Finsternis in derjenigen im September 5 v. Chr. erblicken und das auf den Tod des Herodes folgende Passa folglich im April 4 v. Chr. liegen sehen.464
Drei Monate als Dauer geben Scaliger, Calvisius, Seyffarth, Caspari, Rösch, Rieß, Filmer, Martin, Finegan (erst 1998) und Steinmann den Ereignissen, also all diejenigen, die den Tod des Herodes zwischen der Mondfinsternis im Januar 1 v. Chr. und dem Passa desselben Jahres finden.
Sodann tritt endlich die größte Gelehrten-Fraktion vor, welche nämlich meint, die Begebenheiten in einem einzigen Monate unterbringen zu können, wenn sie den Tod des Königs zwischen der Finsternis im März 4 v. Chr. und dem einen Monat später fallenden Passa im April sucht. Vertreter dieser zuerst von Kepler und von Petavius vertretenden Meinung sind neben unzähligen anderen465 Ideler, Münter, Wieseler, Emil Schürer, Walter Otto, sodann auch van Bruggen, Douglas Johnson und Hoehner. Auch beispielsweise Joachim Jeremias hatte kein Problem damit, für das Jahr 4 v. Chr. „etwa 3 Wochen“ zwischen Mondfinsternis und Königstod zu akzeptieren.466
Einige Autoren haben nicht nur grob abgeschätzt, sondern versucht, die Angelegenheit genauer unter die Lupe zu nehmen, indem sie den so naheliegenden Weg einschlugen, den verschiedenen von Iosephus überlieferten Begebenheiten jeweils die Anzahl von Tagen zuzuweisen, die sie ihrer Meinung nach in Anspruch genommen haben müssen, um schließlich die Summe zu ziehen. Z. B. hat 1819 Christopher Benson wenigstens für einen Teil des infrage kommenden Zeitraums diesen Weg beschritten: Er sieht schon alleine zwischen der Hinrichtung des Antipatros (die ja laut Iosephus erst einige Zeit nach der Mondfinsternis erfolgte) und dem Passa, vor welchem Herodes verstorben ist, mindestens 19 Tage verstrichen.467 Auch Thomas Lewin ist 1865 in seinen Fasti sacri derart verfahren und meint sagen zu können: „if we examine the events which are related by Josephus as happening between this eclipse on 12th March and the following Passover on the 10th April (just before which Passover Herod died), we shall find that they exactly fill up, without exceeding or even over-crowding, the intervall between these two termini. Indeed, the very adaptation of the intermediate occurrences during this limited space furnishes an argument in itself for placing the death of Herod in B.C. 4“468. Übrigens setzt Lewin den Tod auf den 1. April 4 v. Chr., wie ihn diejenigen der „4-v.-Chr.-Fraktion“ überhaupt mit ganz überwiegender Mehrheit in die ersten Anfangstage des April (oder in die letzten Tage des März) setzen. 15 Jahre nach Lewin jedoch hat Florian Rieß besagte Methode äußerst konsequent angewandt. Er gelangte zu einer Anzahl von 88 Tagen, die der Wahrscheinlichkeit nach zwischen unseren beiden „Fixpunkten“ verflossen sein müssen und sprach sich folglich, wie gesagt, für das Jahr 1 v. Chr. als Todesjahr aus.469 Auf Rieß‘ Ergebnis reagierte 1882 Peter Schegg mit einer Streitschrift, in welcher er die Angelegenheit zwar bei weitem nicht derart minutiös wie Rieß untersuchte, aber wenigstens manches von Rieß Vorgebrachte zu korrigieren versuchte (hinsichtlich einiger Details stellte er dabei durchaus seinen Kontrahenten berichtigende Überlegungen an, während er in anderen Punkten freilich auch fehl urteilte). Jedenfalls zeigt Schegg ansatzweise, wie er die Ereignisse in dem einen Monat März/April 4 v. Chr. unterzubringen gedenkt.470 In neuerer Zeit haben sich Ernest L. Martin, Andrew E. Steinmann und Gérard Gertoux, alle drei Verfechter des Jahres 1 v. Chr. als Todesjahr, in gleicher Methode noch einmal versucht. Martin gelangt mit Hilfe einiger neuer Thesen und Hypothesen (z. B.: enorm langwieriger Begräbnismarsch und 30tägige Trauerzeit) zu dem Ergebnis, dass die Ereignisse zwischen der Mondfinsternis und dem Passafest „near twelfe weeks“, also grob drei Monate in Anspruch genommen haben müssen.471 Steinmann kommt auf mindestens 41 Tage.472 Gérard Gertoux kommt auf eine „durée minimale“ von 42 Tagen.473 Sonst finde ich momentan keine die Ereignisdichte im Detail befragenden Untersuchungen (was natürlich nicht heißt, dass es nicht noch mehr derselben gibt).
Wenngleich das Beschreiten dieses Weges, nämlich die Dauer der von Iosephus mitgeteilten Ereignisse zwischen Mondfinsternis und dem auf Herodes‘ Tod folgenden Passa rechnerisch abzuschätzen, bisher zu keinem Konsens geführt hat – denn die einen mussten in der Zuweisung von Tagen sehr sparsam sein, um alles in einem Monate unterzubringen, die anderen wollten großzügiger sein, um in der Summe zu etwa drei Monaten zu gelangen –, macht an sich solch ein Vorgehen großen Sinn. Ich will diese Überprüfung nicht unterlassen, sondern die Rechnung im Folgenden selbst durchführen. Sie muss allerdings den heutigen Forschungsstand berücksichtigen474 und soll in einem wesentlichen Punkte präzisiert werden: Es ist müßig, aus Iosephus die wahrscheinliche Anzahl von Tagen ermitteln zu wollen (wie etwa Rieß es versuchte). Was hingegen geleistet werden kann, ist, die Mindestanzahl der zwischen Mondfinsternis und Passa verflossenen Tage festzusetzen (wie Benson und wenigstens dem Grundsatz nach auch Steinmann verfuhren) – ganz einfach deshalb, weil man einer Handlung oder einer Reisestrecke, wenn man annimmt, sie sei so schnell als möglich ausgeführt bzw. bestritten worden, sehr viel besser eine Dauer zuschreiben kann, eben die Mindestdauer. Daraus verspreche ich mir, am Ende eine Tendenz zu erkennen. Begeben wir uns also an die Feststellung der Mindestdauer.
Ermittlung der Mindestdauer der Ereignisse zwischen der Mondfinsternis und dem Passa: Nach der Nacht der Verbrennung der Lehrer und Schüler des Gesetzes, in welcher die Mondfinsternis stattfand, verschlechterte sich der Gesundheitszustand des Königs, der ihm schon seit längerer Zeit zu schaffen gemacht hatte475, noch einmal rapide. Iosephus beschreibt eine Vielzahl grausamer, Mitleid erregender Beschwerden, über welche uns auch die Deutung der alten Kirchenschriftsteller, sie seien die natürliche Folge der Nachstellung gegen den jungen Christus und der Ermordung der Kleinkinder zu Bethlehem gewesen, nicht hinwegzutrösten vermögen. Eine verlässliche Diagnose der Krankheit(en) lässt sich heute nicht mehr stellen.476 Rieß nennt diese nach der Mondfinsternis eintretende Phase der Verschlechterung der Gesundheit einen „organische[n] Zersetzungsproceß“477, und formuliert: „Herodes […] geht in Fäulnis über“478. Rieß scheint den Eindruck gewonnen zu haben, dass der Großteil jenes Prozesses seinen Lauf tatsächlich erst nach der Mondfinsternis und vor der Reise zu den Heilbädern in Kallirrhoë genommen hat.479 Da solch eine üble Verschlechterung nicht von heute auf morgen eintritt, misst er der Zeitspanne zwischen Mondfinsternis und Abreise nach Kallirrhoë 21 Tage bei (mit einigen Tagen Reisevorbereitung). Ich muss nach den meinigen Regeln vorsichtiger bemessen.480 Wenngleich ich auch Rieß‘ drei Wochen keinesfalls für unwahrscheinlich halte,481 so lasse ich gemeinsam mit Lewin482 den Herodes mit seinem Ärztestab bereits an jenem unmittelbar auf die Mondfinsternis folgenden Tage aufbrechen; denn ich suche ja nach der Zeit, die wenigstens zwischen Mondfinsternis und Passafest verflossen sein muss.
Herodes brach also von seinem Winterpalast in Jericho483 auf zu den Linderung versprechenden Thermen von Kallirrhoë. Die ca. 2 km² umfassende Oase am Ostufer des Toten Meeres ist ein durch ihre „geographische Lage schwer zugängliche[r] Landstrich“484. Ist der König auf den Straßen dorthin gelangt, so hat er mindestens eine zweitägige Reise hinter sich gebracht.485 Von dem dem Herodes im Leiden verwandten, kränklichen Augustus schließt uns Sueton auf: „Reisen machte er in der Sänfte, meist bei Nacht, und zwar langsam und in kurzen Etappen, so daß er nach Praeneste oder Tibur [ca. 35 km] zwei Tage brauchte; und wo immer es möglich war, den Seeweg zu nehmen, reiste er lieber zu Schiff“486. Ist Herodes also seinem Zustand gemäß über das Salzmeer gefahren, brauchte er vielleicht nur einen Tag.487 Von letzterem gehe ich also aus. Der Therapie an der Heilquelle sodann, für die Rieß 14 Tage ansetzt, muss man ein bis zwei Wochen, mindestens aber drei Tage geben; denn auch die Ärzte der Antike mussten der Heilquellen-Therapie mindestens diese Zeit lassen, um sich einen Erfolg von ihr überhaupt versprechen zu können.488 Überdies sagt Iosephus in den antiquitates, dass die Ärzte eine Stabilisierung ihres Patienten sehr wohl wahrnahmen; diese wird sich nicht nach einem oder zwei Bädern eingestellt haben. Und zu guter Letzt konnte es sich Herodes, konnten es sich seine Leibärzte nicht leisten, die zu erwartende heilende Wirkung der Quellen ungenutzt zu lassen, indem man, kaum angekommen, den Kuraufenthalt auch schon wieder abbrach.489 Bei Grabungen in Kallirrhoë in den Jahren 1985-1986 und 1989 fand August Strobel etwa 200 Meter vom Ufer entfernt die sog. villa maritima, mit ihren vorgelagerten Bädern490. Diese villa wird als ein Bau des Herodes betrachtet. Der König hielt sich also sicher nicht das erste Mal in der Oase auf;491 es war an dieser Stätte vielmehr alles für seinen Aufenthalt bereitet. Ich rechne zwar nur mit drei Tagen Aufenthalt, weil ich an der kleinstmöglichen Dauer interessiert bin, halte jedoch eine längere Zeitspanne für sehr viel wahrscheinlicher.
Das ihm hierauf verordnete Bad in warmem Öl, welches ihm eine Ohnmacht bescherte, das erste Erholen von dieser zusätzlichen Schwächung samt der Mobilisierung der königlichen Reisegesellschaft brauchte mindestens zwei Tage.492 Es kommt ein weiterer Tag hinzu für die Rückfahrt über den See samt der sich anschließenden Wanderung vom Ufer desselben nach Jericho (Wer den Wasserweg für unmöglich hält, muss wieder mindestens zwei Reisetage statt nur einen hinzurechnen).
Zurück in seinem Winterpalast, wo ihn zu allem Überfluß auch noch die „schwarze Galle“ ergriffen haben soll, ersann er laut Iosephus sodann seinen grausamsten Plan: die Festsetzung der Vornehmen des ganzen Volkes in der Pferderennbahn zu Jericho zwecks anschließender Exekution.493 Rieß setzt für den Plan samt dem Vollzug der Festsetzung 10 Tage an; und mindestens sechs bis sieben davon müsste Herodes denn wohl auch mindestens gebraucht haben, um seine Herolde in alle jüdischen Gebiete nach Nord und Süd auszusenden und die Ältesten selbst vom Rande seines Reiches in Jericho eintreffen zu sehen.494 Die Archäologie hat bestätigt, dass das herodianische Hippodrom bei Jericho hervorragend dazu geeignet war, eine große Menschenmenge darin einzusperren.495 Nun hegt allerdings mancher Historiker Zweifel, ob dem Iosephus in Bezug auf diese Geschichte überhaupt Glauben zu schenken ist. Manch namhafter Experte sieht in ihr lediglich eine Verunglimpfung des verhassten Herodes vonseiten des Iosephus.496 Ich persönlich pflichte der Meinung, die Geschichte sei fiktiv oder legendär, zwar überhaupt nicht bei;497 weil diese Episode aber in der Forschung derart umstritten ist, will ich ihre vermeintliche Dauer bei der Rechnung unberücksichtigt lassen.
Unzweifelhaft ist, dass der von den warmen Quellen Zurückgekehrte bald zu Jericho durch die Nachricht des Augustus erfreut wurde, er dürfe mit Antipatros ganz nach seinem Rechtsempfinden verfahren. „Der König erholte sich für kurze Zeit und seine Stimmung besserte sich“498. Dann aber plagten ihn seine Schmerzen wieder derart, dass er versuchte sich das Leben zu nehmen. Sein Neffe konnte diese Verzweiflungstat in letzter Sekunde verhindern. Das Geschrei der Dienerschaft drang bis ins Verlies zu Antipatros. Dieser rechnete mit dem Tod seines Vaters und meinte nun mittels Bestechung des Kerkermeisters seine Freiheit wiedererlangen zu können. Diese Reaktion des Antipatros wurde dem König angezeigt; verärgert befahl dieser die Hinrichtung seines Sohnes, die denn auch ausgeführt wurde. Man muss für all diese Vorfälle mindestens einen Tag ansetzen. Denn letztlich nicht auszuschließen ist, dass jenes Schreiben des Caesars schon vor dem König in Jericho eingetroffen ist und sich der Rest der Ereignisse in dreister Schnelligkeit vollzogen hat.
Nun berichtet Iosephus aus dem Leben des Königs nur noch von dessen letzter Testamentsänderung. Dann heißt es: „Hierauf starb er, fünf Tage nach (Meta. … pe,nte h`´me,raj) Antipaters Hinrichtung“499. Man sollte wohl nur vier Tage rechnen, da der erste dieser Tage mit dem Hinrichtungstag gleichgesetzt werden mag. Im Falle allerschnellster Reaktion der Hinterbliebenen500 kann die Versammlung der Militärführer, bei welcher Herodes‘ Kanzler Ptolemaios, den Versammelten das letzte Schreiben seines Herrn sowie dessen Testament vorlas, noch am Todestage abgehalten worden sein. Unabdingbar ist mindestens ein weiterer Tag für die Präparation der Leiche sowie für die Vorbereitungen des prunkvollen Leichenzugs und des königlichen Begräbnisses.501 Die innovativen Thesen von Linda-Marie Günther zum Hergang der letzten Lebenstage des Königs in ihrer Monographie zu Herodes sind interessant502, jedoch ohne Wirkung auf unsere Mindestzählung der Tage.
Der Trauerzug von Jericho, sehr wahrscheinlich über die Hauptstadt Jerusalem, zu der Festung Herodion südwestlich von Jerusalem betrug nach dem bellum insgesamt 200 Stadien (ca. 37 km).503 Die letzten 8 Stadien (ca. 1,5 km) des Toten bis zur Grabstätte säumten oder geleiteten nach den antiquitates schließlich feierlich die Leibgarde des Herodes, die Spezialtruppen, Vertreter des gemeinen Heeres und die zivile Gefolgschaft. Ganz nach seinem Willen wurde der König zu Herodion endlich beigesetzt.504 Das alles hat mindestens zwei Tage in Anspruch genommen (wahrscheinlich länger).505 Sieben Tage trauerte Archelaos nun der Sitte gemäß um seinen Vater.506 Von diesen sieben Tagen sind nur sechs Tage zu addieren, da die siebentägige Schiw’a mit dem Tag der Beerdigung begonnen hat.507 Die Trauerzeit wurde durch die traditionelle und kostspielige Bewirtung des Volkes beendet (womöglich schon am 7. Trauertag).
Hierauf präsentierte sich nun Archelaos dem Volk. Wenn Iosephus im bellum ausdrücklich erwähnt, dass Archelaos zu diesem Anlass ein weißes Kleid angelegt hatte, so befindet man sich nicht mehr innerhalb der Trauerzeit508, sondern bereits (mindestens) einen Tag darüber hinaus. Der goldene Thron auf der hohen Tribüne, von der aus Archelaos seine Rede hielt, verträgt sich wohl ebenso schlecht mit jüdischer Trauersitte. Archelaos sprach also zu den Jerusalemern, ließ sich von diesen feiern und musste sich sodann auch einige Forderungen von ihnen gefallen lassen. Er brachte am Tempel Opfer dar und speiste dann mit seinen Vertrauten.
Die folgenden Ereignisse sind äußerst schwer in einen Zeitrahmen zu betten. Archelaos hatte in seiner Rede dem Volk zu Jerusalem unter anderem „für den Eifer bei der Trauerfeier seines Vaters“509 gedankt. Die Trauerwoche ist demnach also nicht von Unruhen überschattet gewesen.510 Nun heißt es bei Iosephus: „Da rottete sich gegen Abend eine Menge Menschen zusammen, die einen Umsturz im Schilde führte, und veranstaltete, nachdem die öffentliche Klage für den König geendet hatte, eine eigene Klagefeier. Diese galt aber den Männern, die von Herodes bestraft worden waren, weil sie den goldenen Adler am Tor des Tempels heruntergeschlagen hatten“511. Das erste Zusammenscharen jener Trauernden muss also noch dem Abend nach dem öffentlichen Auftritt des Archelaos beigegeben werden. Dies erscheint auch von daher sinnvoll zu sein, da man, ehe man zum Protest blies, sich Archelaos‘ Antrittsrede erst angehört haben wird; vielleicht würde der neue Herrscher ja von sich aus mit den alten Zuständen gehörig brechen und endlich die Gerechtigkeit aufrichten. Er tat es indes nicht. Dem Unmut darüber machten nun jene noch am gleichen Abend Luft. Neben Klageliedern wurden auch Forderungen laut, die Archelaos nicht gefallen konnten: Hinrichtung der am Tod der Rabbis Mitschuldigen bzw. generelle Rache an den Günstlingen des Herodes und Absetzung des amtierenden Hohepriesters. Aus den antiquitates müsste man schließen, dass man sich auf diese Forderungen auf einer Versammlung am nächsten Tage verständigt hat. Nach dem bellum aber mögen diese Forderungen noch am Abend ausgestoßen worden sein.
Diese Unverschämtheiten jedenfalls wurden Archelaos gemeldet. Er schickte seine Offiziere aus; die Verhandlungen mit den Trauernden wurden aufgenommen, blieben aber erfolglos. Archelaos musste wiederholt Boten absenden, die freilich auch nichts erreichen konnten. Diese Verhandlungsversuche haben meiner Einschätzung nach nicht mehr in der Nacht stattgefunden, sondern in den Lichtstunden des nächsten Tages, zumal es bei Iosephus heißt: „So entstand denn allmählich ein förmlicher Aufruhr, und es war leicht vorauszusehen, dass derselbe bald größere Dimensionen annehmen würde, weil eine immer zahlreichere Menge sich an die Unzufriedenen anschloss“512. Dem Aufruhr schloss sich die „immer zahlreichere Menge“ aber wohl am Tage, nicht in der Nacht an. Somit bin ich geneigt, einen weiteren Tag zu addieren, tue es jedoch nicht, da die Sachlage nicht eindeutig ist. Wichtig ist aber, sich zum bisherigen Trauerprotest folgendes bewusst zu machen: Er war bis hierher das Werk von Jerusalemer Bürgern. Die Männer, die ihn eröffnet hatten, nannten die beiden hingerichteten Jerusalemer Gesetzeslehrer „ihre lieben Freunde“513 und forderten die Absetzung des Hohepriesters, der ihnen nicht fromm genug, wahrscheinlich zu sadduzäisch erschien und vielleicht nicht ihren Vorstellungen von kultischer Reinheit entsprach. Man wird also Jerusalemer Pharisäer in diesen Leuten erblicken können, denen sich bald natürlich noch andere Bürger der Stadt anschlossen.514
Erst nach der Schilderung der erfolglosen Verhandlungsphase sowie des Anwachsens des Aufruhrs, rückt Iosephus damit heraus – und zwar in beiden Werken erst jetzt! –, dass das Passafest herannahte und die bald eintreffenden Festpilgern dem Aufstand wohl gewichtigen Aufschwung geben müssten.515 Wie lange vor dem großen Festtag mögen die Pilger in Jerusalem eingetroffen sein? Diese Frage ist entscheidend für unsere weitere Bemessung516 und von mir im ersten Band ausführlich beantwortet worden517: Die Pilger fanden sich ungefähr ab dem 8. Nisan zuhauf in der Heiligen Stadt ein. Vom Aufruhr der Juden zu Jerusalem gegen Archelaos nach dem Tod des Herodes bis zum Rüsttag des Passa sollte man also auch von hieraus mindestens eine Woche rechnen. Genauer sind unserer bisher ermittelten Mindestdauer bis zu jenem 14. Nisan mindestens noch sechs Tage hinzuzurechnen.
Dass sich jene Trauerfeier am Tempel unter Archelaos nicht nur über einen Tag hinzog, wie etwa Lewin und Wieseler annehmen,518 sondern sich über mehrere Tage erstreckte, legt auch ein anderer Umstand nahe, den Iosephus nennt. Er sagt nämlich, dass die Aufrührer sich unter beständigen Klagen im Tempel aufhielten und dass es ihnen an Lebensmitteln nicht mangelte, weil sie diese von anderen erbettelten.519 Wenn Iosephus eigens die Lebensmittelversorgung der im Tempel Ausharrenden erwähnt, so haben diese dort nicht nur einen Tag lang aushalten müssen, sondern mehrere Tage.520 Es ist nicht glaubhaft, dass Iosephus von Angehörigen eines Volkes, das gewohnt war zu fasten,521 extra erwähnt, sie wären einen Tag lang nur mit außerordentlichen Mitteln an eine Mahlzeit gelangt. Den ersten Tag werden Aufrührer und Beobachter anderes im Sinn gehabt haben als Speise und Trank. Mit der Zeit aber musste man sich auch hierüber Gedanken machen. Die pharisäische Trauerfeier lief also einige Tage.522
Am 14. Nisan bei Tage wollte Archelaos die Situation noch vor der Passanacht geklärt wissen und schickte eine Abteilung Soldaten gegen die Aufrührer. Das übrige Volk aber schaute nicht zu; empört wagte es einen Angriff auf die Soldaten und tötete einige von diesen. „Nach dieser Tat wandte sich das Volk wieder den Opfern (h`´ qusi,a) zu“523. Die massenhafte Schlachtung der Passalämmer am Tempel am Nachmittag524 des 14. Nisan war das einzige Opfer (qusi,a), welches nicht stellvertretend von den Priestern, sondern vom Laienvolk selbst geschlachtet wurde,525 sodass Iosephus‘ Formulierung, dass sich das Volk wieder den Opfern zuwandte, für den 14. Nisan absolut passend ist.
Wir gönnen uns einen Überblick:
| 1) | Reise nach Kallirrhoë übers Salzmeer | mindestens 1 Tag |
| 2) | Heilquellen-Therapie zu Kallirrhoë | mind. 3 Tage |
| 3) | Ölbad und anschließende ansatzweise Erholung | mind. 2 Tage |
| 4) | Reise zurück nach Jericho übers Salzmeer | mind. 1 Tag |
| 5) | Erhalt des Briefes aus Rom; kurzzeitige Besserung; Rückkehr der unerträglichen Schmerzen; Selbstmordversuch; Hinrichtung des Antipatros | mind. 1 Tag |
| 6) | 5 Tage nach der Hinrichtung stirbt Herodes;Versammlung der Militärs; Verlesung des letzten Briefes sowie des Testaments | mind. 4 Tage |
| 7) | Präparation des Leichnams und Vorbereitung des Leichenzugs sowie des Begräbnisses | mind. 1 Tag |
| 8) | Vollzug des prunkvollen Leichenzuges und des Begräbnisses in der Festung Herodion | mind. 2 Tage |
| 9) | Verbleibende Trauerzeit des Archelaos; Bewirtung des Volkes am 7. Trauertag | mind. 6 Tage |
| 10) | Öffentlicher Aufritt des Archelaos in Jerusalem und erstes Zusammenscharen der um die beiden Gesetzeslehrer Trauernden; Versammlung der Trauernden; Verhandlungen zwischen den Parteien; allmählicher Aufruhr | mind. 1 Tag |
| 11) | Der Aufruhr wird von Festpilgern unterstützt bis zum 14. Nisan; Blutbad am Tempel am 14. Nisan | mind. 6 Tage |
Dauer der Ereignisse insgesamt: mindestens 28 Tage | ||
____________________________________________________
Die ermittelte Mindestdauer und die wahrscheinliche Dauer sowie deren Konsequenzen für eine Datierung des Herodes-Todes: Ich bin in der Summe zu mindestens 28Tagengelangt. Die Ereignisse können im Gesamten leicht die doppelte, dreifache oder vierfache Anzahl von Tagen in Anspruch genommen haben, aber – und das ist meine feste Überzeugung – nicht einen einzigen Tag weniger! Vom Tag nach der Mondfinsternis bis zum Tod des Königs sind mindestens 12 Tage vergangen, vom Tag nach dem Tod bis zum 14. Nisan mindestens 16 Tage (weshalb Alla Kushnir-Stein völlig recht hat, wenn sie Schürers 14 Tage zwischen Tod und Passa als „plainly impossible“526 bezeichnet). Man wird für wahrscheinlich halten müssen, dass zwischen der Mondfinsternis und dem Tod sehr viel mehr Tage als unsere Mindestanzahl verflossen sind. Zwischen dem Tod und dem 14. Nisan darf man wohl ein paar Tage mehr annehmen als die Mindestanzahl von 16 Tagen, um zu einem wahrscheinlichen Ergebnis zu gelangen, aber meiner Einschätzung nach auch keinesfalls mehr als zwei zusätzliche Wochen hinzufügen.527 Denn auf Herodes‘ Tod folgte der Natur der Sache gemäß sein Begräbnis, woran sich wiederum naturgemäß unmittelbar die Trauerwoche anschloss. Am Ende der Trauerwoche trat Archelaos öffentlich auf und am selben Abend begannen einige Juden, welche nur die Trauerwoche für Herodes abgewartet hatten, die verbrannten Rabbis zu betrauern. Diesen schlossen sich sehr bald Festpilger an, die wie gewöhnlich eine Woche vor dem Passa begannen, in Jerusalem massenhaft einzutrudeln. Man kann nun für die Vorbereitung des Leichenzugs und des Begräbnisses, sowie für den Trauerzug und die Beisetzung selbst ohne Probleme ein paar Tage mehr annehmen, als ich das oben der Mindestdauer zuliebe getan habe. Wer will, mag außerdem jeweils zwischen die Trauerwoche und Archelaos‘ öffentlichen Auftritt sowie zwischen letzteren und den Beginn der Gegentrauerfeier einen, zwei oder drei zusätzliche Tage legen. Und von da aus bis zum Blutbad am Rüsttag des Passa mag man noch eine Woche mehr zählen, als ich es oben getan habe. Alles jedoch, was darüber hinaus geht, scheint Aktionen und Reaktionen künstlich voneinander zu trennen und den natürlichen Fluss der Begebenheiten merklich zu stören bzw. zu unterbrechen. Mehr als insgesamt einen Monat kann man m. E. nicht gut zwischen Tod und Passa ansetzen. Allein, wer mit Ernest L. Martin eine dreißigtägige Trauerzeit annimmt,528 müsste zu einer Zeitspanne von etwa anderthalb bis zwei Monaten zwischen dem Tod des Königs und dem anschließenden Passafest gelangen. Die Anordnung einer dreißigtägigen Trauer um Herodes ist zwar absolut glaubhaft, aber Iosephus spricht in beiden Werken eben nur von einer siebentägigen Trauerzeit. Man sollte sich in diesem Punkte an die Quellen halten. Mahieu hat ganz sinnvoll gemutmaßt: „Had thirty (or more) inclusive days separated Herod’s burial and the subsequent Passover, a Šelošim period of mourning, rather than a mere Šiva, would likely have been held“529. Denn die Mischna lehrt: „Wenn einer seinen Toten drei Tage vor einem Wallfahrtsfest beerdigt hat, ist die [Pflicht der] siebentägige[n] Trauer für ihn aufgehoben, [waren es] acht Tage [vorher], ist die [Pflicht der] dreißigtägige[n] Trauer für ihn aufgehoben […]“530 Auch das ist also ein gutes Argument dafür, dass den Tod bzw. das Begräbnis weniger als einen Monat vom Passafest trennte.
Welche Erkenntnisse aber lassen sich unserer Untersuchung der Mindestdauer nun abgewinnen?
1.) Nikos Kokkinos schreibt: „The main complaint against the conventional date has long been the fact that it compresses too many events between the lunar eclipse (Josephus, Ant. 17.167), presumably that of 13 March 4 BCE, and the Passover (astronomical full moon 11 April) which came about after Herod’s death (Ant. 17.213; War 2.10)“531. In der Tat wird der konventionellen Datierung, wie sie Kepler, Petavius, Magnan, Ideler, Schürer und etliche andere532 vornahmen und vornehmen, in erster Linie die arge Zusammendrängung der Ereignisse vorgeworfen. Es ist angesichts meiner Untersuchung der Mindestdauer zwar nicht wahr, dass die Ereignisse nie und nimmer in einem Zeitraum von vier Wochen unterzubringen sind, wie vorzugsweise die Gegner dieser herkömmlichen Datierung meinen.533 Mit Ach und Krach, und so man zugunsten der kürzesten Zeitspanne dem Iosephus vollends kritisch gegenübertritt und einiges seiner Schilderung, mehr oder minder gut begründet, ganz verwirft (wie z. B. die Einpferchung von Gefangenen im Hippodrom zu Jericho), kriegt man die Ereignisse in 28 Tagen unter. Es ist aber – das muss auch ganz zugegeben werden – äußerst unwahrscheinlich, dass sich die Ereignisse in diesen Zeitraum derart gedrängt haben.534 Wenn Gustav Rösch so etwas, wie ich es oben betrieben habe, eine „unnatürliche Zusammendrängung der Begebenheiten“535 nennt, so kann ich ihm darin nur zustimmen. Und wenn Finegan sagt: „It is plain that it would have been difficult for all this to transpire within the twenty-nine days between the eclipse of Mar 12/13 and the Passover of Apr 11 in the year 4 B.C.“536, so kann ich auch darin nur zustimmen: Es ist in der Tat schwierig! Das heißt im Klartext: Der Frühling 4 v. Chr. gestützt auf die Mondfinsternis im März desselben Jahres ist als Todeszeitpunkt des Herodes zwar nicht völlig unmöglich, aber eben doch äußerst unwahrscheinlich. Ebenso gilt natürlich: Der Frühling 5 v. Chr. gestützt auf die Mondfinsternis im März desselben Jahres 5 v. Chr. ist ebenso als Todeszeitpunkt des Herodes nicht unmöglich, aber äußerst unwahrscheinlich.
Wer trotzdem – aus was für Gründen auch immer – geneigt ist, daran festzuhalten, dass es die Mondfinsternis und das Passa im Frühling ebendieses Jahres 4 v. Chr. sein müssten, die den Herodes-Tod zeitlich umgrenzen, kann noch eine letzte Möglichkeit in den Ring werfen, nämlich die, dass das Passa im Jahre 4 v. Chr. gar nicht auf den 11./12. April, sondern erst einen Monat später auf den 10./11. Mai gefallen ist. Mit dieser Annahme würde man 59 Tage zwischen der Mondfinsternis am 13. März und dem 14. Nisan (10. Mai) erhalten, was eine sehr viel glaubhaftere Zeitspanne für die Unterbringung all der von Iosephus geschilderten Ereignisse darstellt. Diese Option ist bisher nicht recht ausgespielt worden,537 was wohl ganz einfach daran liegt, dass sie mit der Unsicherheit behaftet ist, ob denn das Passa 4 v. Chr. tatsächlich so spät gelegen haben kann. Wie gesagt, war das von klimatischen Faktoren abhängig, die wir heute nicht mehr zu rekonstruieren vermögen. Möglich ist solch ein später Passa-Termin, aber man muss wieder hinterherschieben: jedoch unwahrscheinlich.
2.) Zwischen der Finsternis im September 5 v. Chr. und dem Passa 4 v. Chr. liegen 208 Tage, also rund sieben Monate. Schwartz kommentiert diesen Ansatz: „[…] seven months seem much too long for the events Josephus ascribes to the period between the eclipse and the following Passover“538. Man kann die Dauer der Ereignisse zwischen Tod und Passa aus bereits dargelegten Gründen nicht auf viele Monate ausdehnen.539 Und man kann ebenso die Dauer der Ereignisse zwischen Mondfinsternis und Tod nicht beliebig ausdehnen, und zwar vorrangig aus folgendem Grund: Herodes hatte nicht lange vor der Mondfinsternis Gesandte mit Anklagen im Gepäck zu Augustus nach Rom geschickt, auf dass der Caesar ein Schuldurteil über den Hochverräter Antipatros fälle.540 Herodes wartete auf Rückmeldung. Kurz vor seinem Tode kamen aus Rom auf dem Briefwege die Nachrichten von der Antwort des Kaisers.541 Falls Herodes‘ Gesandte mit den Klageschriften in der ersten Hälfte des Septembers 5 v. Chr. (jedenfalls vor der Mondfinsternis am 15. Sept.) nach Rom abgereist wären, die kaiserliche Antwort dann geschlagene vier Monate auf sich warten lassen hätte (– wobei zu dieser Jahreszeit zwei Monate vollends gereicht haben sollten542 –), dann wäre sie im Dezember, spätestens im Januar an die Ohren des Herodes gedrungen. Gemessen an dem von Iosephus für die Zeit zwischen Brieferhalt und Tod beschrieben Ereigniszusammenhang hätte Herodes noch etwa im Januar sterben müssen, damit man das mit Iosephus‘ Schilderung überhaupt zusammen bekommt. Nun ist es ja tatsächlich so, dass Barnes und andere den Dezember 5 v. Chr. als Todesmonat annehmen. Aber ein Tod im Dezember und ein Begräbnis mindestens drei Monate später im Frühling gehen wohl kaum mit Iosephus‘ Schilderung zusammen. Das Passafest liegt m. E. einfach zu weit entfernt.543 Nimmt man für jenen Spätsommer eine kürzere Übermittlungsdauer als vier Monate für Herodes‘ Nachrichten nach Rom und Augustus‘ Nachrichten nach Jericho an, so rückt der Tod des Königs logischerweise sogar noch weiter vom Passafest fort. Man kann aber nicht mehr als einen Monat zwischen Tod und Passa setzen, weil dadurch sonst (wie oben dargelegt) der natürliche Fluss der Begebenheiten erheblich gestört würde. Letztlich macht also der Briefverkehr zwischen Rom und Judäa die 208 Tage zwischen der Mondfinsternis im September 5 v. Chr. und dem Passa im Frühling 4 v. Chr. in meinen Augen extrem unwahrscheinlich.
Zwischen der Finsternis im März 4 v. Chr. und dem Passa 3 v. Chr. liegen 384 Tage (oder gar 414 Tage). Das scheint, gemessen an der Schilderung des Iosephus, umso weniger akzeptabel zu sein als die 208 Tage zwischen der Finsternis im September 5 v. Chr. und dem Passa 4 v. Chr. Die Briefe von Jerusalem nach Rom und umgekehrt führte zurecht bereits Johannes von Gumpach gegen einen Tod vor dem Passa 3 v. Chr. bei gleichzeitigem Festhalten an der Mondfinsternis im März 4 v. Chr. ins Feld.544 Zum Tragen dürfte hier außerdem das folgende Argument kommen: Lewin sagt: „If the death of the Rabbins was on 12 March, B.C. 4, it is not conceivable that mourning would be observed for them a year after, in B.C. 3“545. Kokkinos schreibt: „[…] it will be difficult to understand how the fomentors of disorder were mourning for the dead sages at the Passover of 3 BCE (Ant. 17. 214), when the killings took place at the eclipse before the Passover of 4 BCE!“546. Mahieu argumentiert in dieselbe Richtung: „Yet at Passover Jews were lamenting the deaths of Matthias and his companions (B.J. 2.5; A.J. 17.206), such that Passover must have followed quickly after the eclipse – at which time Matthias and his companions were executed – and not more than one year later“547. Edward Greswell beurteilte das genauso: „The death of the Sophists must, consequently, have been comparatively a recent event“548. Ernest L. Martin bringt das gleiche Argument gegen das Passa 3 v. Chr. vor: „Among other things, Josephus said the people at that following Passover were still mourning for the two rabbis that Herod killed on the eve of the eclipse. This would hardly have been the case some 13 months later. […] All these events prove that the Passover after the eclipse of Josephus was the very next Passover, not one year away“549.
Das heißt im Klartext: Die Datierung des Todes in die Zeit zwischen der Finsternis im September 5 und dem Passa 4 v. Chr. ist von hier aus betrachtet zwar nicht unmöglich, aber äußerst unwahrscheinlich.550 Dass bei Iosephus zum einen die Mondfinsternis im März 4 v. Chr. und zum anderen das Passa 3 v. Chr. gemeint sein können, halte ich persönlich wegen der großen Zeitspanne dazwischen sogar für ziemlich ausgeschlossen.
3.) Meiner persönlichen Einschätzung nach käme, wenn man nach der wahrscheinlichen Dauer und nicht nach der kürzestmöglichen Dauer der oben untersuchten Ereignisse fragt, ein Zeitraum von etwa zwei oder zweieinhalb Monaten hin (und mit dieser Einschätzung stehe ich nicht alleine da551). Wenn man zusätzlich den Nachrichtenaustausch zwischen Herodes und Augustus berücksichtigt, so ist die wahrscheinliche Dauer der Ereignisse letztlich abhängig von der Jahreszeit! Nicht lange vor der Mondfinsternis schickte Herodes Briefe nach Rom, kurz vor dem Ableben des Königs traf die Antwort des Kaisers in Jericho ein. Im Sommer gestaltete sich die Nachrichtenübermittlung übers Mittelmeer einfacher und schneller als im Winter. Eine wahrscheinliche Dauer aller Ereignisse von zwei bis zweieinhalb Monaten kann man für den Sommer (bzw. für die Zeit von April/Mai bis September/Oktober) im Schnitt sicherlich auch gelten lassen: anderthalb bis zwei Monate für den Briefwechsel übers Meer hinweg und einen halben bis ganzen Monat zwischen dem Ableben des Herodes und dem Passa. Im Winterhalbjahr (ca. Oktober/November bis Februar/März) müsste man zwischen den Briefabgang aus Jerusalem und den Empfang der kaiserlichen Antwort zu Jericho allerdings eher zwei bis vier Monate setzen.552 Wenn man einen Monat zwischen dem Empfang des kaiserlichen Antwortschreibens und dem Passafest hinzuaddiert, gelangt man dann zu einer Zeitspanne von etwa 3-5 Monaten oder von 90-150 Tagen, falls die letzten Monate vor dem Tod ins Winterhalbjahr fielen.
Zu allem Überfluss kommt zur variablen Dauer des Briefwechsels noch eine weitere Variable hinzu. Bisher sind wir – um den 208 Tagen eine Chance zu lassen – davon ausgegangen, dass Herodes seine schriftliche Bitte um die Erlaubnis zur Tötung seines Sohnes tatsächlich höchstens einige Tage vor dem Herunterschlagen des Adlers am Tempel und vor der Mondfinsternis Richtung Rom abschickte. Nun ist es aber so, dass Herodes seine schriftliche Bitte an Augustus letztlich auch schon ein oder zwei Monate vor der Mondfinsternis abgeschickt haben kann. Das wird aus Iosephus leider nicht deutlich. Falls dem so gewesen sein sollte, dann wäre das natürlich für die 208 Tage der endgültige Todesstoß (für die 384 Tage sowieso). Aber wir wissen es halt nicht. Für die 30 Tage hingegen, ist diese Variante (dass Herodes die Briefe schon geraume Zeit vor der Mondfinsternis abgeschickt hat) die einzige Überlebenschance. Denn hätte der König das Schreiben erst kurz vor der Mondfinsternis an den Kaiser übersendet, so hätte niemals ca. zwei Wochen später (ca. eine Woche vor dem Tod des Herodes) das Antwortschreiben aus Rom in Judäa eintreffen können. Hat das Schreiben an Augustus hingegen die Levante geraume Zeit vor der Mondfinsternis verlassen, so berührt der Briefwechsel die 30-Tage-Option freilich nicht weiter. Sie ist unabhängig davon sehr unwahrscheinlich.
Wie sieht es mit den 90 Tagen zwischen Finsternis und Passa im Jahr 1 v. Chr. aus? Da in diesem Fall die Zeit zwischen Finsternis und Tod in den Winter und das Frühjahr fallen, gilt: Erforderlich sind mindestens 28 Tage, wahrscheinlich plus einige Wochen (falls die Briefe an den Kaiser längere Zeit, mindestens drei Monate, vor der Mondfinsternis abgeschickt worden sind), höchstens aber 90-150 Tage (falls die Briefe an Augustus erst kurz vor der Finsternis Richtung Rom abgegangen sind). Die 90 Tage passen in beiden Fällen gut. Das Kriterium der Ereignisdichte macht das Mondfinsternis-Passa-Paar des Jahres 1 v. Chr. also in keiner Weise zweifelhaft.
Von jenen zur Auswahl stehenden Zeiträumen (384, 208, 90 und 30 Tage) konnte das Kriterium der Ereignisdichte zusammengenommen mit den Nachrichten über die Briefe an und von Augustus wohl nur die 384tägige Zeitspanne ausschließen. Die 208 Tage sowie die 30 Tage darf man nach Anlegen dieses Kriteriums als äußerst unwahrscheinlich betrachten. Die Tendenz geht in dieser Runde ganz eindeutig zu den 90 Tagen und damit zum Jahr 1 v. Chr.
Fazit: Ich fasse vorerst zusammen:
Gemäß der in sich schlüssigen Schilderung des Iosephus vergingen zwischen der Mondfinsternis vor und dem Passa nach dem Tod des Herodes mindestens 28 Tage, m. E. wahrscheinlich zwischen zwei und höchstens fünf Monate. Von der Mondfinsternis bis zum Tod sind es mindestens zwölf Tage, angesichts des Briefwechsels zwischen Herodes und Augustus aber höchstens ungefähr vier Monate. Vom Tod bis zum Passa sind es mindestens 16 Tage, aufgrund des natürlichen Flusses der Ereignisse aber höchstens etwa ein Monat. |
Während sich die anderen Optionen als unwahrscheinlich entpuppen, wird diesen Ansprüchen das Mondfinsternis-Passa-Paar im Frühjahr 1 v. Chr. (90 Tage Abstand zw. 9./10. Januar u. 8. April) am ehesten gerecht. |
II. 3. 3. Zwei Klima-Kriterien
Klima-Kriterium I: Die Durchschnittstemperaturen in den zur Diskussion stehenden Monaten für den Aufenthalt des Herodes in Jericho: Schauplatz der Mondfinsternis war Jericho, wo der kranke Herodes aus gutem Grund in seinem Winterpalast weilte; denn hier umgaben ihn milde 14°C im Januar oder eben 18°C im März.553 Wäre er das Wadi Kelt hinaufgezogen, hätten ihn in der nur ca. 27 km entfernten Hauptstadt Jerusalem durchschnittlich lediglich 8°C im Januar bzw. 11°C im März erwartet. Der Jericho-Aufenthalt im Januar oder März ist m. E. also bestens begreiflich. Dass hingegen Herodes zur Zeit der September-Mondfinsternis zu Jericho residiert haben soll, erscheint sehr fraglich. Denn im September herrschen in Jericho noch knapp 30°C, in Jerusalem lediglich an die 22°C. Ein so früher Umzug in die Palmenstadt ist schwer vorstellbar. Strobel z. B., der sich zum einen ebenfalls auf die Statistik beruft, dessen ausgiebige Aufenthalte in Palästina ihm daneben außerdem ein verlässliches Urteil erlauben, meint zum Winteraufenthalt in Jericho: „Insgesamt möchte ich an einen Aufenthalt von mindestens ein bis zwei Monaten denken, vielleicht im November/Dezember, womöglich auch noch im Januar. Entsprechende Rückschlüsse ergeben sich mit einiger Wahrscheinlichkeit aus den klimatischen Durchschnittswerten“554. Konsequenterweise geht Strobel denn auch davon aus, dass Herodes die beiden Mondfinsternisse im September 5 v. Chr. und im März 4 v. Chr. nicht in Jericho beobachtet hat, weil er in diesen Monaten ganz einfach seiner Ansicht nach nicht in der Palmenstadt weilte.555 Nun, gewiss wird man den Aufenthalt in der Winterresidenz nicht unnötig lang ausgedehnt haben, da man in Jerusalem oder in Caesarea politisch zentraler saß, besser herrschaftliche Präsenz zeigen konnte, die Regierungsgeschäfte kürzere Bearbeitungswege nahmen. In jenen Tagen jedoch mag die schwere Krankheit des Königs Vorrang gehabt haben, der Aufenthaltsort sich nicht nach der Politik, sondern nach dem Zustand des Königs gerichtet haben. Ein königlicher Aufenthalt zu Jericho im März sollte daher nicht ausgeschlossen werden, denn die Temperaturen waren dort einfach erträglicher. Für einen Aufenthalt zu Jericho im September nun aber spricht rein gar nichts, weder politische Notwendigkeit noch das Klima. Und so gibt auch Paul L. Maier zu bedenken: „Yet he would hardly have been living here [in Jericho] in early September, the time of the earlier eclipse [5 v. Chr.], when the Jordan valley at Jericho, over a thousand feet below sea level, is excessively hot“556. Das Argument ist durchaus relevant.
Klima-Kriterium II: Die Passierbarkeit des Jordans in den infrage kommenden Zeiten für die Reise des Herodes nach Kallirrhoë: Iosephus sagt von dem auf Genesung hoffenden Herodes: „Er ließ sich darum über den Jordan bringen, um von den warmen Quellen in Kallirrhoe Gebrauch zu machen“557. Wer von Jericho über Land nach Kallirrhoë reisen möchte, muss den Fluss überwinden. Ich habe oben558 darüber hinaus dargelegt, dass, selbst falls Herodes per Schiff über das Salzmeer nach Kallirrhoë gelangte, überhaupt kein Grund besteht, an Iosephus‘ Worten von einer vorausgehenden Jordan-Überquerung zu zweifeln. Denn Herodes kann bestens die durch Iosephus auch sonst bezeugte Anlegestelle östlich des Jordans genutzt haben, um in See zu stechen. Auch dazu musste er aber erst einmal den zwischen Jericho und dieser Anlegestelle fließenden Jordan überqueren. Diese Flussüberquerung gibt Anlass zu einer zweiten klimatischen Überlegung.
Im unteren Jordantal mit seinem Steppenklima fällt nur ein Minimum an Regen; es liegt gewissermaßen im Regenschatten. Das Wasser aber, welches in der Regenzeit in den Wintermonaten November/Dezember bis Februar weiter im Norden sowie auf dem Bergland ringsum fällt, lässt den Jordan, der sonst gemächlich dahin fließt, an seinem Lauf im Süden dann im Frühling zuweilen zu einem reißenden Strom anschwellen. Hinzu kommt auch der zumeist heftige Spätregen im März/April.559 Besonders ab dem Nisan, dem ersten Monat des Jahres, kam es regelmäßig zu starken Überflutungen in der Erntezeit. Schon unter Josua standen die Israeliten vor dem Problem: „der Jordan aber führt in der ganzen Erntezeit Hochwasser“ (Josua 3, 15) – ein Wunder des HERRN ermöglichte dem Volk „gegenüber von Jericho“ dennoch einen sicheren Jordan-Durchgang. Auch zur Zeit Davids war die Überquerung in solcher Jahreszeit kein Leichtes, sondern eine bemerkenswerte Leistung: „Diese sind es, die im ersten Monat über den Jordan gingen, als er alle seine Ufer überflutet hatte“ (1. Chronik 12, 16). Der Übergang konnte also zeitweise erheblich erschwert sein – auch Iosephus erwähnt „die von Regengüssen angeschwollene und darum nicht druchschreitbare Strömung“560 des Jordans auf der Höhe Jerichos, und zwar etwa Ende März oder Anfang April561.
Welche Erkenntnis lässt sich hieraus gewinnen? Sowohl im September/Oktober, als auch im Januar/Februar konnte sich Herodes wohl sicher über den Fluss bringen lassen. Sollte aber eine der beiden Mondfinsternisse Mitte März (4 v. Chr.) oder Ende März (5 v. Chr.) die letzte im Leben des Königs gewesen und sein Ableben noch vor das jeweils nächstliegende Passafest gefallen sein, so hätte man die Überquerung Ende März oder Anfang April meistern müssen; man hätte in solchem Fall die tendenziell schlechteste Zeit im Jahr hierfür gewählt.562 Die beiden letztgenannten Termine sind deshalb freilich nicht gänzlich unmöglich. Der König mag zum einen seine Hilfsmittel gehabt haben.563 Zum anderen ist das Heilige Land bekannt für Dürrejahre und -zeiten; die Niederschlags-Durchschnittswerte mögen für jenes Jahr also, in welchem Herodes den Jordan überquerte, um zu den Thermen zu gelangen, nicht repräsentativ sein. Daher ist diesem Kriterium meiner Ansicht nach nicht allzu viel Gewicht beizumessen.
Fazit:
Der kranke König Herodes wird sich im September nicht im äußerst heißen Jericho aufgehalten haben. |
Die bei Iosephus erwähnte Finsternis, bei welcher Herodes in Jericho weilte, ist daher sehr wahrscheinlich nicht diejenige im September 5 v. Chr. gewesen. |
Herodes überquerte kurz nach der Mondfinsternis und nicht lange vor seinem Tod den Jordan, um nach Kallirhoë zu gelangen. Um den Monat Nisan herum war der Jordan im unteren Jordantal in der Regel nicht passierbar. |
Für die bei Iosephus erwähnte Mondfinsternis und das erwähnte Passa bieten sich also die Termine im März/April 5 v. Chr. sowie im März/April 4 v. Chr. nicht gerade an. |
II. 3. 4. Das unsichere „Megillat-Taanit-Kriterium“
Auf der Suche nach dem Zeitpunkt des Herodes-Todes stützten und stützen sich einige Gelehrte auf die Nachrichten eines pharisäischen (oder pharisäisch-zelotischen) Verzeichnisses von 35 Sieges- und Freudentagen, genannt Megillat Taanit. In dieser „Fastenrolle“ findet sich z. B. am 25. Kislev das Tempelweihfest oder am 13. Adar der Nikanortag verzeichnet, aber eben auch 33 weitere jüdische Halbfeste, an denen nicht gefastet werden durfte; und an 14 dieser Halbfeste war obendrein jegliche Trauer untersagt.564 Der aramäische Grundtext der Fastenrolle ist knapp, aber alt. Und daher ist dieser Grundstock des Textes eine wertvolle historische Quelle vor allem für die letzten ungefähr 235 Jahre des Bestands des Zweiten Tempels. Beinah alle Gelehrten setzen seine Entstehung noch vor die Zerstörung des Tempels im Jahre 70 n. Chr. oder doch wenigstens in das erste nachchristliche Jahrhundert. An diesen aramäischen Grundtext knüpfen sich Scholien in Hebräisch, die zum Teil vielleicht schon in talmudischer Zeit, zum Teil aber sicher auch erst in nachtalmudischer Zeit hinzugefügt wurden.565 Die historische Zuverlässigkeit jener Scholien ist im Einzelfall, so Vergleichsmaterial fehlt, schwer zu beurteilen. Einige Male sind die Erläuterungen bzw. die historischen Einordnungen der Freudentage durch den Scholisten verfehlt, andere Male sind sie sinnvoll und werden gar durch andere Quellen ganz bestätigt. Heinrich Graetz bemerkte richtig, dass die Glaubwürdigkeit der Scholien in der Regel daran gemessen werden sollte, ob sie zum aramäischen Grundtext passen.566 Leidvoll ist es deshalb, dass die beiden einzigen Tagesdaten der Fastenrolle, die im aramäischen Texte als Freudentage bezeichnet werden, ohne dass ein näherer historischer Grund hierfür angegeben wäre, ausgerechnet jene beiden Tagesdaten darstellen, die durch den späteren Scholisten in einen Zusammenhang mit dem Tod des Herodes gestellt werden.
Der 7. Kislev als Todestag des Herodes?: Als erster zog Mitte des 17. Jahrhunderts James Ussher die Fastenrolle in der Frage nach dem Datum des Herodes-Todes heran. Ihm schlossen sich zuerst Noris, dann auch andere an. Ussher, Noris, Block und Kellner argumentierten mit dem hebräischen Scholion aus dem 9. Kapitel, das den 7. Kislev zum Todestag des Herodes erklärt,567 während, wie gesagt, der aramäische Text den 7. Kislev zwar zum Freudentag erklärt, jedoch ohne jedwede Angabe eines Grundes. In seinem Aufsatz von 1968 hat Timothy D. Barnes noch einmal versucht, den 7. Kislev als Todestag zu erhärten.568 Alla Kushnir-Stein akzeptiert den 7. Kislev ebenfalls.569 Und auch Nikos Kokkinos betrachtete dieses Tagesdatum als ernstzunehmende Option.570 Jedoch urteilten schon Caspari, Heinrich Graetz und Solomon Zeitlin in meinen Augen vollkommen richtig, wenn sie meinten, dass dieses Datum aufgrund der großen Entfernung zum Passafest (über vier Monate) getrost ausgeschlossen werden darf.571 Selbst wenn man mit Ernest L. Martin eine 30tägige Trauerzeit annimmt und noch großzügig zwei, drei Wochen dazugibt, wird man die Zeit vom Tode bis zum Passa nicht auf vier Monate strecken können. Dennoch werden hier um der Transparenz Willen die julianischen Entsprechungen des 7. Kislev in den Jahren 5-1 v. Chr. aufgelistet:572
Jahr | 7. Kislev = |
| 5 v. Chr. | 7. oder 8. Dezember |
| unwahrscheinlicher: 8. November | |
| 4 v. Chr. | 27. November |
| unwahrscheinlicher: 26. oder. 27. Dezember | |
| 3 v. Chr. | 16. oder 17. November |
| auch möglich: 16. Dezember | |
| 2 v. Chr. | 5. Dezember |
| kaum: 6. Nov. | |
1 v. Chr. | 23. November |
| kaum: 23. Dezember |
Der 2. Schebat als Todestag des Herodes?: Zu seinem Trost fand Caspari wohl bei dieser Gelegenheit zwei Kapitel weiter eine Stelle, die seine Aufmerksamkeit erregte, mit der übrigens auch Graetz argumentierte.573 Im aramäischen Text heißt es lediglich574: „Am zweiten dieses Monats [Schebat] ist ein Festtag, an dem nicht getrauert wird“. Das nachtalmudische, also erst spät zum aramäischen Grundtext hinzugefügte hebräische Scholion will Herkunft und Sinn dieses Festtags erklären: „Und warum gibt es einen Unterschied zwischen diesem und dem ersten, indem es beim ersten nicht heißt: ‚an dem wird nicht getrauert‘, wohl aber bei diesem? Am ersten [dem 7. Kislev] starb Herodes und an diesem [dem 2. Schebat] starb der König Jannäus (denn eine Freude ist es vor dem Heiligen, gelobt sei er, wenn die Frevler von der Welt hinscheiden)“. Damit wird also behauptet, dass Alexandros Jannaios am 2. Schebat aus der Welt geschieden ist. Um nun zu erklären, weshalb im Gegensatz zum ersteren Datum am zweiten keine Trauer gehalten werden solle, schließt das Scholion folgende uns bekannt vorkommende Geschichte an: „Man erzählte: Als der König Jannäus krank wurde, schickte er und ließ siebzig Älteste von den ältesten Israels festnehmen, nahm sie und warf sie ins Gefängnis und befahl dem Kommandanten des Gefängnisses, wenn er sterbe, diese Ältesten zu töten, damit, wenn Israel froh sein würde, es sich gräme über den Tod seiner Lehrer. Man erzählte: Er hatte eine gute Frau mit Namen Schalminon [Salome]. Als er nun starb, nahm diese ihm seinen Ring vom Finger und schickte zu dem Kommandanten des Gefängnisses und sagte ihm: ‚Dein Herr hat die Ältesten im Traume freigelassen!‘ Da ließ er sie frei und sie gingen nach Hause. Danach sagte sie: König Jannäus ist tot! Den Tag, an dem König Jannäus gestorben ist, haben sie zum Feiertag gemacht“.
Dazu ist anzumerken, dass Alexandros Jannaios natürlich eine Frau namens (Alexandra) Salome hatte, die spätere Königin. Die Geschichte hört sich beinah ganz gleich dem an, was Iosephus über Herodes berichtet (wenngleich Salome Herodes‘ Schwester, nicht seine Gattin war). Iosephus‘ Überlieferung ist nun aber um mehrere Jahrhunderte älter, als die oben zitierte Version, welche jenen grauenhaften Plan dem Jannaios zuschreibt. Graetz und Caspari schließen nun, dass sich die rabbinische Überlieferung ursprünglich auf Herodes bezog und uns die Tradition somit auch den 2. Schebat575 als Todestag des Herodes erhalten hat: „Wenn die Motivierung des Scholion auch richtig sein mag, so hat es jedenfalls die Tage verwechselt; denn die Relation von der Errettung der zum Tode Verurteilten paßt nur auf den Vorgang nach Herodes‘ Tode“576. Ich liste wieder die julianischen Entsprechungen des 2. Schebat in den Jahren 5-1 v. Chr. auf:577
Jahr | 2. Schebat = |
| 5 v. Chr. | 12. Januar |
| unwahrscheinlicher: 10 oder 11. Februar | |
| 4 v. Chr. | 30. Januar |
| unwahrscheinlicher: 1. Januar | |
| 3 v. Chr. | 20. Januar |
| unwahrscheinlicher: 18. Februar | |
| 2 v. Chr. | 9. Januar |
| auch möglich: 8. Februar | |
1 v. Chr. | 28. Januar |
| kaum: 30. Dezember |
Wenn dem so wäre, dass der 2. Schebat den Todestag des Herodes darstellt, so käme als Todesjahr weder das Jahr 5, noch das Jahr 4 v. Chr. in Frage, sondern allein das Jahr 1 v. Chr. – so jedenfalls Caspari. Er übersieht dabei freilich, dass nach dem Anlegen dieses Kriteriums auch die Mondfinsternis im September 5 v. Chr. und damit das Jahr 4 v. Chr. als Todesjahr durchaus im Rennen bleibt.578 Zum Jahr 1 v. Chr. gesteht Caspari selbst, „dass die Zeit von 14 Tagen für Alles zwischen der Finsterniss und Herodes Tod berichtete, sehr kurz, 2½ Monate aber für das von diesem Tode bis zum Passah geschehene sehr lang ist“579. Nun, von der Finsternis bis zum vermeintlichen Todestag sind es (einschließlich dieser beiden Tage) 19 Tage, nicht 14. Wenn, wie oben gezeigt, zwischen Mondfinsternis und Tod mindestens 12 Tage vergangen sein müssen, so sind die 19 Tage noch im Rahmen des Glaubhaften (wenngleich ich der Wahrscheinlichkeit nach auch solch eine Dauer für all die Ereignisse für viel zu kurz halte).580 Die bald 2½ Monate bzw. 71 Tage vom Tod bis zum Rüsttag des Passa aber sind nicht mehr im Bereich des Glaubhaften. Ich habe oben für diesen Zeitraum eine Mindestanzahl von 16 Tagen errechnet und meine beurteilen zu können, dass zwischen Tod und Passa allerhöchstens vier Wochen vergangen sind (für wahrscheinlich sollte man ca. 3 Wochen halten).581 Um es mit Solomon Zeitlin zu sagen: „[…] the 2nd of Shebat is fully ten weeks before Passover and therfore does not harmonize […]“582.
Wie schaut es nun mit dem Jahr 5/4 v. Chr. aus? Zwischen Finsternis und Tod lägen 137 Tage. Auch die halte ich noch für möglich, wenngleich für unwahrscheinlicher; aber vom Tode bis zum Passabeginn wären es wieder 71 Tage. Meine Ansicht dazu habe ich gerade vorgebracht: Es ist erheblich zu lang.
Ich gelange folglich zu dem Schluss: Die große Entfernung des 2. Schebat zum Passafest (im Gemeinjahr ca. 72 Tage, im Schaltjahr über 100 Tage) macht denselben 2. Schebat als Todestag des Herodes sehr unwahrscheinlich. Dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden können die Jahre 4 und 1 v. Chr., wobei man dann keinem der beiden Jahre guten Gewissens den Vorzug geben könnte, denn 137 Tage zwischen Finsternis und Tod scheinen sehr lang, 19 Tage aber scheinen zu kurz zu sein.
Es muss zum gerade vorgetragenen Kriterium abschließend betont werden, dass sich Caspari offenbar nicht des relativ jungen Alters des hebräischen Kommentars im Megillat Taanit bewusst war. Er gilt als „nachtalmudisch“583. Das deutliche Urteil Schürers – „der ganz späte und von jeder wirklichen Tradition verlassene Commentar“584 – scheint heute die meisten Gelehrten von jenem von Caspari eingeschlagenen Wege verscheucht zu haben – wohl zurecht. Letztlich bleibt Graetz‘ Vermutung: „Das Scholion setzt bei diesem Herodes‘ und bei jenem Jannaïs Tod an. Da es schwerlich die Motive für diese Gedenktage erfunden hat, so müssen sie traditionell gewesen sein. Herodes ist indessen nach Josephus‘ Angabe im Nissan oder frühestens im Adar gestorben [meiner Meinung nach eher im Adar als im Nisan], da die siebentägige Trauer um ihn erst gegen das Passahfest zu Ende ging (Altert. XVII, 8, 4). Man muß also annehmen, daß zur Zeit der öffentlichen Begehung dieses Gedenktages – gewiß erst nach Archelaus‘ Verbannung oder vielleicht noch später nach Beseitigung der Herodianer – Herodes‘ Todestag nicht mehr in sicherer Erinnerung geblieben war“585. Ich halte diese Gedanken für sinnvoll.
Fazit: Herodes starb kurz vor einem Passafest, weshalb ich mich Zeitlin anschließe: „This proves conclusively that Herod died in the End of Adar and not on the 7th of Kislev, or on the 2nd of Shebat“586.
Trotz zweier in der jüdischen Überlieferung gemachter „Vorschläge“ (7. Kislev und 2. Schebat) ist der genaue Todestag des Herodes nicht sicher zu ermitteln. |
II. 3. 5. Das „Hohepriester-Matthias-Kriterium“
Die zur Auswahl stehenden Mondfinsternisse im Angesicht jenes Versöhnungstags, der in die kurze Amtszeit des Hohepriesters Matthias fiel: Dass die untersuchten Ereignisse, deren Mindestdauer ich auf 28 Tage festgesetzt habe, in einem Zeitraum von 208 Tagen bzw. von knapp sieben Monaten vonstatten gegangen sein können, ist, wie bereits gesagt, nicht von vornherein auszuschließen. Die Mondfinsternis am 15./16. Sept. 5 v. Chr. scheidet aus einem ganz anderen Grunde aus: Iosephus berichtet, eine Konsequenz, die Herodes aus der Adleraffäre gezogen habe, sei die Absetzung des vermutlich illoyalen Hohepriesters Matthias zugunsten dessen Schwagers Joazar gewesen. Am Tag der Mondfinsternis also enthob der König den Matthias seines Amtes.587 Diesem Matthias ist damit alles andere als eine lange Amtszeit beschert gewesen. Zur hohepriesterlichen Würde war er nämlich erst kurz vor der Rückkehr des Herodessohnes Antipatros aus Rom gelangt.588 Seine Amtszeit betrug vielleicht ein halbes, wenn’s hochkommt, ein dreiviertel, keinesfalls aber ein ganzes Jahr oder mehr.589 Darum kann in dieselbe auch nur ein einziger 10. Tischri, nur ein einziger Versöhnungstag gefallen sein. Dass in der Amtszeit des Matthias ein Versöhnungstag gelegen hat, sagt Iosephus auch ausdrücklich, und zwar deshalb, weil an diesem Tag etwas Besonderes vorgefallen ist: Matthias hatte in der Nacht zuvor geträumt, er hätte seiner Gattin beigewohnt. Die daraus resultierende kultische Unreinheit disqualifizierte ihn für den Dienst an diesem höchsten Fasttag,590 und so ließ er sich von seinem Verwandten Joseph ben Ellem vertreten, dem zu diesem Zweck für einen Tag lang die hohepriesterliche Würde übertragen wurde.591 Es empfiehlt sich die Termine des Versöhnungstags für die infrage kommenden Jahre592 anzugeben:
6 v. Chr. sehr wahrscheinlich: 10. Tischri = 23./24. od. 24./25. Sept.
(unwahrscheinlich: II = 23./24. Oktober)
:_________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
5 v. Chr. (unwahrscheinlich: 10. Tischri = 12./13. September)
julian. Schaltjahr sehr wahrscheinlich: II = 12./13. Oktober
:_________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
2 v. Chr. (äußerst unwahrscheinlich: 10. Tischri = 9./10. September)
sehr wahrscheinlich: II = 9./10. Oktober
5 v. Chr. fiel der 10. Tischri und damit der Versöhnungstag auf den 13. Oktober. Nimmt man an, Matthias sei am Tag der Mondfinsternis im September 5 v. Chr. abgesetzt worden, so kann der Versöhnungstag in diesem julianischen Jahre nicht mehr in seine Amtszeit gefallen sein, ganz einfach deshalb, weil der große Fasttag erst rund einen Monat nach der Mondfinsternis begangen wurde. Ebenso kann der Versöhnungstag im Jahre 6 v. Chr. am 24. September nicht in Matthias‘ Amtszeit liegen, weil dieses Datum ein ganzes Jahr (weniger ca. zehn Tage) von der Mondfinsternis im September 5 v. Chr. trennt, Matthias aber deutlich unter einem Jahr amtierte. Zu jenem Zeitpunkte muss noch sein Vorgänger Simon, der Sohn des Boethos, Hohepriester gewesen sein. Dies zwingt schließlich, die Mondfinsternis im September 5 v. Chr. als die gesuchte auszuschließen.593
Nun behauptet August Strobel594 von ebendieser Finsternis im September ganz unverdrossen: „Sie geschah, was die von Josephus erarbeitete Quelle hervorhebt, sogar zum Fasttag der Juden, am Jom Kippur“595, das ist der Versöhnungstag. Strobel hat die Geschichte von der kultischen Unreinheit und der Amtsvertretung am Versöhnungstag also nicht als Einschub bzw. Rückblende des Iosephus aufgefasst, sondern als der fortlaufenden Chronologie inhärent. Wenn Strobel den Iosephus derart versteht, so ist seine Bemerkung nur konsequent: „So ist das Zeugnis [des Iosephus] insgesamt etwas undurchschaubar“596. Jedenfalls setzt solch ein Verständnis der Stelle voraus, dass Strobel, wie oben bereits erwähnt, im Jahre 5 v. Chr. den Frühlingsvollmond auf den 23. März, nicht auf den 22. April setzt. Dann fiele der Versöhnungstag zwar nicht genau auf den 15./16. September, immerhin aber auf den 12./13. September, also drei Tage vor die Mondfinsternis.597 Wenn man einmal von der Unwahrscheinlichkeit, dass die Juden 5 v. Chr. keinen Schaltmonat eingefügt haben, ganz absieht, so ist die Variante möglich. Iosephus‘ Geschichte von der Amtsvertretung bliebe allerdings dennoch eine Rückblende, wenn auch nur um drei Tage. Undurchschaubar wird die Sache erst, wenn man wie Strobel annimmt, die Mondfinsternis habe sich am gleichen Tag wie der Versöhnungstag, die Absetzung des Hohepriesters Matthias und die Hinrichtung der Gesetzeslehrer durch Feuer zugetragen.598 Die Astronomie, der jüdische Kalender und die Quelle sprechen ohnehin gegen solch eine Annahme.599
Was aber nun an der ganzen Angelegenheit hier letztlich von Interesse ist, ist dies: Wer darauf pocht, dass im Jahr 5 v. Chr. der 1. Nisan auf den 9./10. März fiel, der kann die Amtsvertretung zu Jom Kippur am 13. September (zwei Tage vor der Mondfinsternis) geschehen lassen und damit diese Mondfinsternis als die dem Tod des Herodes vorausgegangene doch noch retten. Es sei allerdings noch einmal ausdrücklich betont, dass die Einschaltung im Jahre 5 v. Chr. in meinen Augen als eine so gut wie ausgemachte Sache zu gelten hat.600
Die Mondfinsternisse im März 5 und 4 v. Chr., sowie im Januar 1 v. Chr. schließlich werden vom „Matthias-Kriterium“ überhaupt nicht in Mitleidenschaft gezogen. Matthias ben Theophilos hätte sich in diesen Fällen am Versöhnungstag 6 bzw. 5 bzw. 2 v. Chr. von Joseph ben Ellem vertreten lassen und wäre im darauf folgenden März im Jahre 5 bzw. 4 v. Chr. bzw. im darauffolgenden Januar im Jahre 1 v. Chr. abgesetzt worden.
Fazit:
Der Hohepriester Matthias, Sohn des Theophilos, war deutlich unter einem Jahr lang im Amt und hatte somit nur einen Versöhnungstag in seiner Amtszeit zu verzeichnen, den Iosephus auch ausdrücklich erwähnt. Im Jahr 5 v. Chr. fiel der Versöhnungstag auf den 13. Oktober. Laut Iosephus ist Matthias unmittelbar vor gesuchter Mondfinsternis seines Amtes enthoben worden. |
Um die Mondfinsternis im September 5 v. Chr. kann es sich bei Iosephus also nicht handeln, weil sonst kein Versöhnungstag in Matthias‘ Amtszeit gefallen wäre. |
II. 3. 6. Das Feiertags-Kriterium
Hier geht es darum, ob eine oder mehrere der zur Auswahl stehenden vier Mondfinsternisse mit einem Feiertag, also einem Sabbat oder einem jüdischen Fest, im Datum zusammenfielen. Ich habe Daniel R. Schwartz oben voll und ganz zugestimmt, dass Iosephus‘ Formulierung th/| auvth/| nukti. („in der gleichen Nacht“)601 voraussetzt, dass jenes Ereignis, worauf die Formulierung sich bezieht, genau wie die Mondfinsternis tatsächlich nachts stattgefunden haben muss, d. h. für den Juden Iosephus in den Stunden der Dunkelheit.602 Dieses Ereignis ist der Feuertod jener Männer, die den Adler vom Tor des Tempels heruntergeschlagen hatten.603 Diese Hinrichtung ist von Herodes mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht auf einen Sabbat oder einen jüdischen Feiertag angesetzt worden!604 Wo also eine der vier Mondfinsternis auf einen Sabbat oder Feiertag fällt, schränkt das die Möglichkeit, dass sie die von Iosephus erwähnte Finsternis ist, enorm ein.605
| Jahr | Nacht der Mondfinsternis | Jüdischer Kalendertag | Wochentag606 | Fest |
| 5 v. Chr. | 23./24. März | 15. Veadar | 6. Wochentag | Zwei Tage Purim: 22./23. u. 23./24. März |
| 15./16. September | 13. Elul | Sabbat | — | |
| 4 v. Chr. | 12./13. März | 15. Adar | 3. Wochentag | zwei Tage Purim: 11./12. u. 12./13. März |
| 1 v. Chr. | 9./10. Januar | 13. Tebeth | Sabbat | — |
Drei unserer Mondfinsternisse kollidieren tatsächlich sehr wahrscheinlich mit einem jüdischen Feiertag/Sabbat und/oder Halbfest. Die Finsternis im März 4 v. Chr. fiel höchstwahrscheinlich in die Nacht des 15. Adar, an welchem das Purimfest gefeiert wurde. Im März 5 v. Chr. fiel die Finsternis höchstwahrscheinlich in die Nacht des 15. Veadar. Da wir wissen, dass das Purimfest im Falle eines jüdischen Schaltjahrs nicht im Adar, sondern im Veadar/Adar II gefeiert wurde,607 so muss auch die Finsternis im März 5 v. Chr. mit dem Halbfest zusammengefallen sein. Und die Finsternisse im September 5 v. Chr. sowie im Januar 1 v. Chr. fielen mit Sicherheit auf einen Sabbat. Wenden wir uns zuerst dem Zusammenfall von Mondfinsternis und Purimfest zu.
Zwei Mondfinsternisse kollidieren mit dem Purimfest: Das Purimfest – ganz gleich, wo man seinen Ursprung herleiten will – wurde damals auf dem Land am 14. Adar, in Städten wie Jerusalem und Jericho, die traditionell als seit den Zeiten Josuas ummauert galten, am 14. und 15. Adar gefeiert.608 2. Makk. 15, 36 nennt den 14. Adar „Mordechai-Tag“ und Iosephus bezeugt, dass der 14. und 15. Adar auch zu seinen Lebzeiten noch als fröhliche Festtage begangen wurden, an dem sich die Juden gegenseitig bewirteten.609 Iosephus betont dreimal hintereinander, dass das Purimfest aus „beiden Tagen“, dem 14. und dem 15. Adar, bestand.610 Die zwei Adar-Tage setzt auch Megillat Taanit aus dem 1. Jh. n. Chr. voraus: „On the 14th and 15th thereof (are the days of) Purim, on which it is not allowed to mourn“611.
Im Jahr 4 v. Chr. fiel der 14. Adar auf den 11./12. März, der 15. Adar auf den 12./13. März. Purim wurde in der Hauptstadt und in Jericho also vom Abend des 11. bis zum Abend des 13. März gefeiert. In der Nacht vom 12. auf den 13. März soll Herodes die beiden Rabbis samt einiger Schüler lebendig dem Feuer übergeben haben. Das ist unwahrscheinlich. Nun muss man zwar zugeben, dass es sich bei den Purim-Tagen um Halbfeiertage handelt, nicht um hohe, in der Tora gebotene Feiertage. Es sollte dennoch sehr wundern, falls Herodes den heiligen Freudentag612 seines Volkes derart missachtet hat.613 Er hätte damit nur den nächsten Aufruhr provoziert. Es sollte demnach stark wundern, wenn Herodes es sich erlaubt hätte, am Purimfest solch ein Todesurteil zu vollstrecken.614 Nun könnte es freilich noch sein, dass die Juden den Kalendermonat Adar einen Tag später beginnen ließen, als wir es heute errechnen. Aber auch in diesem Fall kollidiert die Mondfinsternis mit dem Purimfest. Denn wer annimmt, die beiden Purimtage seien vom Abend des 12. März bis zum Abend des 14. März gelaufen, der wird finden, dass die Nacht vom 12. auf den 13. März auch in diesem Zeitraum inbegriffen ist. Das beeinträchtigt in hohem Maße die Möglichkeit, dass Herodes kurz nach der Finsternis im März 4 v. Chr. aus dem Leben schied. Letzter Ausweg wäre die Annahme, die Juden hätten ihren Monat Adar einen Tag früher angesetzt, als wir es heute errechnen. Aber die Möglichkeit, dass dem so war, ist aus kalendarischen Gründen verschwindend gering.615 Es muss also dabei bleiben: Die Möglichkeit, dass die populäre Mondfinsternis im März 4 v. Chr. die gesuchte ist, wird durch das Feiertags-Kriterium erheblich eingeschränkt.
Genau ein Mondjahr vor der Finsternis am 13. März 4 v. Chr. hatte sich bereits eine am 23. März 5 v. Chr. vollzogen (365 Tage – 10 Tage = 355 Tage). Auch diese Finsternis im März 5 v. Chr. muss folglich in die Zeit der Purimtage gefallen sein; denn die rabbinischen Schriften schließen auf, dass im Schaltjahr die Estherrolle an Purim nicht im Adar, sondern im Adar II gelesen werden musste, weil Purim immer genau einen Monat vor dem Passafest zu liegen habe.616 Was hat das für Konsequenzen fürs Jahr 5 v. Chr.? Der 14. Adar II fiel im Jahre 5 v. Chr. auf den 22./23. März, der 15. Adar II auf den 23./24. März.617 Purim wurde in Jerusalem und in Jericho also vom Abend des 22. bis zum Abend des 24. März gefeiert. Folglich ereignete sich die Mondfinsternis (abends 23. März) im Anfang des 15. Adar II. Also gilt für das Frühjahr 5 v. Chr. alles, was auch fürs Frühjahr 4 v. Chr. gilt: Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass es die Mondfinsternis im März 5 v. Chr. war, nach welcher Herodes starb.
Selbst wenn man davon ausgehen wollte, dass die Feuer-Exekution nicht unbedingt in der Nacht der Mondfinsternis durchgeführt worden sein muss, sondern auch am vorausgehenden Lichttag stattgefunden haben kann, so landet man trotzdem mit dieser Hinrichtung mitten im Purimfest am 14. Adar, sowohl im Jahr 5 v. Chr. als auch im Jahr 4 v. Chr.
Zwei Mondfinsternisse kollidieren mit dem Wochensabbat: Die Mondfinsternis im Jahr 1 v. Chr. ereignete sich in der Nacht vom 9. auf den 10. Januar. In der gleichen Nacht soll die Verbrennung der beiden Rabbis stattgefunden haben. Vom Abend des 9. bis zum Abend des 10. Januar aber lief ein Sabbat!618 Die Mondfinsternis im Spätsommer des Jahres 5 v. Chr. ereignete sich in der Nacht vom 15. auf den 16. September bzw. eigentlich am Abend des 15. September. Vom Abend des 15. bis zum Abend des 16. September aber lief ein Sabbat! Es ist m. E. geradezu auszuschließen, dass Herodes die Hinrichtung am heiligen siebten Tage vollstrecken ließ.619 Eventuelle Ungenauigkeiten um einen Tag wie im Falle von jüdischen Kalenderdaten bestehen hier nicht, weil die Mondfinsternisse anders als die jüdischen Kalenderdaten exakt und unzweifelhaft datiert werden können. In der Konsequenz betrachte ich es als beinahe ausgeschlossen, dass die Mondfinsternis im September 5 v. Chr. oder diejenige im Januar 1 v. Chr. die von Iosephus erwähnte und von uns gesuchte Mondfinsternis sein kann.
Lediglich wenn man die Vollstreckung der Todesstrafe in die Lichtstunden vor die Mondfinsternis-Nacht setzt, wäre sie im September 5 v. Chr. und im Januar 1 v. Chr. auf einen jüdischen Rüsttag/Freitag gefallen und also völlig gesetzeskonform gewesen (vergleichbar der Hinrichtung Jesu). Will man die Verbrennung der Rabbis solchermaßen auf den 6. Wochentag datieren, datiert man sie zum einen auf einen anderen jüdischen Wochentag als die Mondfinsternis; und zum anderen wäre Iosephus‘ Formulierung „in der gleichen Nacht“ (th/| auvth/| nukti) befremdlich, die eben auf zwei Ereignisse in einer Nacht620 bzw. auf eine Verbrennung nach Sonnenuntergang hindeutet.
Fazit:
Die Exekution der Rabbis trug sich in der Nacht der Mondfinsternis zu. Herodes wird die beiden Rabbis wahrscheinlich nicht an einem Feiertag/Halbfeiertag und schon gar nicht am Sabbat verbrannt haben. Die Finsternisse im September 5 v. Chr. und im Januar 1 v. Chr. jedoch fielen auf einen Sabbat, die Finsternisse im März 5 v. Chr. und im März 4 v. Chr. mitten ins Purimfest. |
Dass die bei Iosephus erwähnte Mondfinsternis diejenige im März 5 v. Chr. oder diejenige im März 4 v. Chr. war, ist überaus unwahrscheinlich. Dass sie diejenige im September 5 v. Chr. oder im Januar 1 v. Chr. war, darf nahezu ausgeschlossen werden. |
II. 3. 7. Die aus Kapitel II. 3. zu ziehenden Konsequenzen für eine Datierung des Todes des Herodes
Gemäß der bereits in Kapitel II. 2. unternommenen Datierung des Zusammentritts des kaiserlichen Rats, an welchem der junge Gaius Caesar teilnahm, sowie gemäß der dort ebenso gemachten Datierung der Statthalterschaft des Varus in Syrien muss man den Tod des Herodes in dem Zeitraum von 5 v. Chr. bis zum Passa 1 v. Chr. suchen.
Aus dem von Iosephus Berichteten zogen wir außerdem die Erkenntnis, dass sich Herodes‘ Tod nicht nur unter Varus als Statthalter in Syrien ereignet hat, sondern auch, dass kurz vor seinem Tode eine Mondfinsternis, kurz nach ihm aber ein Passafest stattgefunden hat. Nach entsprechender Untersuchung hielt ich Iosephus‘ Nachricht von der Mondfinsternis für historisch glaubwürdig, ebenso den historischen Zusammenhang, in welchen Iosephus die Finsternis stellt: Sie geschah in der gleichen Nacht wie die Verbrennung der beiden rabbinischen Lehrer, welche ihre Schüler zum Herunterschlagen von Herodes‘ goldenem Adler angestachelt hatten, und damit nur kurze Zeit vor dem Ableben des Königs.
Vier damals in Judäa sichtbare Mondfinsternisse und die jüdischen Passatermine in den Jahren 5-1 v. Chr. konnten bestimmt werden. In den durch Münzen völlig gesicherten Zeitraum der Legation des Varus (ca. 6-4 v. Chr.) fällt nur die Mondfinsternis im Januar 1 v. Chr. nicht, was sie vorerst nicht gerade zum Favoriten machte. Bei Betrachtung der bloßen Finsternisdaten fiel sonst lediglich ins Auge, dass eine der vier Finsternisse, die im März 4 v. Chr., eine Verfinsterung von nur ungefähr einem Drittel der Mondscheibe (4,5 Zoll) aufwies und damit an sich weitaus unspektakulärer war als die drei anderen. Unter Besinnung auf die Ausnahmesituation, in der sie stattgefunden haben mag und durch die sie sich dennoch bei den Juden eingeprägt haben mag, sollte man in ihrer Partialität allerdings nicht ein allzu großes Hindernis erblicken.
Sodann wurde aus der aus Iosephus ermittelten Ereignisdichte der zeitliche Mindestabstand zwischen Finsternis und Passa ermittelt, woraus erste Rückschlüsse auf die jeweilige Wahrscheinlichkeit, dass diese oder jene Finsternis dem Tod des Königs vorangegangen ist, gezogen werden konnten (Kriterium der Ereignisdichte):
Zwei der Finsternisse, nämlich diejenigen im März 5 und im März 4 v. Chr., schienen ausgesprochen knapp vor dem Passa gelegen zu haben. Die Mindestdauer der von Iosephus berichteten Ereignisse zwischen Finsternis und Passa ist jeweils nur mit Mühe und Not zwischen den beiden Terminen unterzukriegen. Es ist also unwahrscheinlich, dass die Mondfinsternis der Quelle eine der beiden März-Finsternisse ist, zumindest in Verbindung mit dem jeweils nächsten Passafest kurz darauf im April.
Nimmt man daher mit einigen Gelehrten an, die Finsternis im März 4 v. Chr. sei zwar die gesuchte, das auf den Tod des Königs folgende Passafest allerdings erst das des Jahres 3 v. Chr. gewesen, so ist der Zeitraum für die bei Iosephus zwischen Finsternis und Passa erwähnten Ereignisse ganz im Gegenteil nicht mehr zu knapp, sondern viel zu lang. Denn das Schicken von Briefen des Herodes an Augustus und der Erhalt der Antwort hätte in solchem Fall rund ein Jahr gedauert. Außerdem scheint die Trauer um die zur Zeit der Mondfinsternis hingerichteten Rabbis nach dem Tod des Herodes doch jünger bzw. frischer gewesen zu sein, als man sie nach einem ganzen Jahr erwarten wollte.
Erblickt man hingegen in der Finsternis im September 5 v. Chr. und dem Passa des Jahres 4 v. Chr. das gesuchte Mondfinsternis-Passa-Paar, so mag der dazwischenliegende Zeitraum zwar wahrscheinlich zu groß sein, aber meinetwegen noch im Rahmen des Möglichen liegen.
Das Mondfinsternis-Passa-Paar im Jahr 1 v. Chr. erfüllt das Ereignisdichte-Kriterium weitaus am besten.
Es wurden weitere Kriterien an die Mondfinsternisse bzw. an die jeweiligen Mondfinsternis-Passa-Paare angelegt. Das erste dieser weiteren Kriterien bildete das Klima, welches es zum einen sehr fragwürdig erscheinen ließ, dass sich der kranke Herodes während der Finsternis im September im heißen Jericho aufgehalten hat, zum anderen zumindest ein wenig fragwürdig, dass er Ende März/Anfang April todkrank die zu dieser Jahreszeit wallenden Fluten des Jordan überquert haben soll.
Das nächste, das „Megillat-Taanit-Kriterium“, war in sich selbst unsicher und muss in der Auswertung unberücksichtigt bleiben.
Das zunächst angelegte „Hohepriester-Matthias-Kriterium“ berücksichtigte die Angaben des Iosephus über die Amtszeit des Hohepriesters Matthias von unter einem Jahr sowie über einen Vorfall in derselben am Tag vor einem Versöhnungstag. Unmittelbar vor der Mondfinsternis sei Matthias von Herodes abgesetzt worden. Damit disqualifiziert sich die Finsternis im September 5 v. Chr., weil sie ungefähr einen Monat vor den Versöhnungstag fiel. Ein von August Strobel unternommener Rettungsversuch für diese Finsternis muss angesichts des wahrscheinlichen Laufs des jüdischen Kalenders als misslungen bewertet werden.
Das fünfte Kriterium endlich berücksichtigte die jüdischen Feiertage und Sabbate, an denen Herodes mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Hinrichtungen vollzogen haben wird. Da sich zwei der Mondfinsternisse, nämlich die im März 5 v. Chr. und die im März 4 v. Chr., am Purimfest zugetragen haben, die Hinrichtung der beiden Gesetzeslehrer aber dann in eben diesen religiösen Halbfeiertagen mit Freudencharakter vollzogen worden sein müsste, konnten diese beiden Finsternisse als gesuchte zusätzlich sehr unwahrscheinlich gemacht werden. In noch stärkerem Maße gilt das für die Finsternisse im September 5 v. Chr. und im Januar 1 v. Chr.: Sie fielen auf den Wochensabbat. Eine vom König angeordnete Hinrichtung an einem Sabbat ist m. E. kaum denkbar.
Alle fünf Mondfinsternis-Passa-Paare sind durch das Vorgebrachte als sehr zweifelhaft zu bewerten. Dass eines der Jahre 5 v. Chr., 4 v. Chr., 3 v. Chr. oder 1 v. Chr. das gesuchte Todesjahr des Herodes ist, ist sehr unwahrscheinlich. Aber eine der vier Mondfinsternisse muss doch die gesuchte sein?
II. 4. Zusammenfassung der Ergebnisse des zweiten Teils
Nach einem Durchgang durch die Erzählungen des Flavius Iosephus von der letzten Lebenszeit des Herodes, von seinem Tode und von der unmittelbaren Folgezeit erkennt man in der Beteiligung des Augustusenkels Gaius am kaiserlichen Rat über die Nachfolge des Herodes, in der syrischen Statthalterschaft des P. Quinctilius Varus und in einer von Iosephus erwähnten Mondfinsternis kurz vor sowie einem Passafest kurz nach dem Tode des Königs die maßgeblichen Anhaltspunkte für eine Datierung des königlichen Ablebens.
Gaius Caesar kann nur in der Zeit von etwa Juni 5 v. Chr. bis allerspätestens Frühling 1 n. Chr. an den Beratungen teilgenommen haben. Da der Tod des jüdischen Königs nicht lange vor ein Passafest fiel, jener kaiserliche Rat mit Gaius aber frühestens ein paar Wochen danach zusammentrat, scheidet das Jahr 1 n. Chr. aus; und es kommen als Todesjahr alle Jahre von 5 bis 1 v. Chr. infrage. Dieselben potentiellen Todesjahre liefert die Untersuchung zur Amtszeit des Varus in Syrien. Seine proprätorische Legation ist für die Jahre 6-4 v. Chr. numismatisch bezeugt und kann nicht länger gelaufen sein als bis zum Eintreffen des Gaius Caesar in Syrien, welches allerspätestens in den Sommer des Jahres 1 n. Chr. zu setzen ist. Gemäß der Schilderung des Iosephus aber hat sich Varus mit den aufständischen Juden mindestens noch bis in den August, der dem Tod des Herodes folgte, herumgeschlagen. Also wird es für das Jahr 1 n. Chr. als Todesjahr wiederum äußerst knapp – ich darf wohl sagen: zu knapp.
Was die von Iosephus erwähnte Mondfinsternis betrifft, so konnte ich nicht anders, als sie für die Datierung des Herodes-Todes für relevant zu erachten (im Gegensatz zu Daniel R. Schwartz, Lester L. Grabbe und wenigen anderen). In die Zeitspanne 5-1 v. Chr. fallen vier zu Jerusalem sichtbare Mondfinsternisse, von denen eine die gesuchte sein muss. Als potentielle Todesjahre kristallisierten sich die Jahre 5, 4 und 1 v. Chr. heraus, eventuell noch das Jahr 3 v. Chr. Legt man nun alle zu Gebote stehenden Kriterien an die vier Finsternisse bzw. an die jeweiligen Mondfinsternis-Passa-Paare an, so bleibt imgrunde nicht viel übrig: Gegen jedes dieser Paare spricht irgendetwas Gewichtiges. Zwar sah es über weite Strecken so aus, als sei das Jahr 1 v. Chr. ziemlicher Favorit, weil sich alle anderen Optionen als sehr unwahrscheinlich erwiesen. Aber letztlich disqualifizierte sich auch dieses einst von Scaliger und Calvisius, später von Caspari, Rieß, Filmer, Martin und Steinmann verteidigte Mondfinsternis-Passa-Paar des Jahres 1 v. Chr., und zwar beim Anlegen des Feiertags-Kriteriums. Denn Herodes hätte in solchem Fall die beim Volk populären Rabbis an einem Sabbat hinrichten lassen müssen.
Ich fasse tabellarisch zusammen:
| Die Wahrscheinlichkeit, dass die Mondfinsternis diejenige kurz vor dem Tod des Herodes war, wird durch folgendes … | ||
| leicht eingeschränkt: | stark eingeschränkt: | |
| 23./24. März 5 v. Chr. in Verbindung mit einem Tod vor Passa 5 v. Chr. | Klima-Kriterium II (Herodes müsste den unteren Jordan zu einer Jahreszeit – Ende März/Anfang April – überquert haben, als dieser i. d. Regel unpassierbar war) | Ereignisdichte-Kriterium (zu arges Zusammendrängen der Ereignisse zw. MF und Passa) Feiertags-Kriterium (Herodes müsste nach der Adler-Affäre die beim Volk beliebten Rabbis am Purimfest hingerichtet haben) |
| 15./16. Sept. 5 v. Chr. in Verbindung mit einem Tod vor Passa 4 v. Chr. | Ereignisdichte-Kriterium (zu arges Dehnen der Ereignisse zw. MF und Passa) | „Matthias-Kriterium“ (der Hohepriester Matthias, der unter einem Jahr amtierte, hätte entgegen dem ausdrücklichen Zeugnis des Iosephus keinen Versöhnungstag in seiner Amtszeit liegen gehabt), Klima-Kriterium I (Herodes müsste bereits im September planmäßig in seiner Winterresidenz im äußerst heißen Jericho geweilt haben) Feiertags-Kriterium (Herodes müsste nach der Adler-Affäre die beim Volk beliebten Rabbis an einem Sabbat hingerichtet haben) |
| 12./13. März 4 v. Chr. in Verbindung mit einem Tod vor Passa 4 v. Chr. | Partialität der Mondfinsternis (nur 4,5 Zoll, nicht sehr auffällig), Klima-Kriterium II (Herodes müsste den unteren Jordan zu einer Jahreszeit – Ende März/Anfang April – überquert haben, als dieser i. d. Regel unpassierbar war) | Ereignisdichte-Kriterium (zu arges Zusammendrängen der Ereignisse zw. MF und Passa) Feiertags-Kriterium (Herodes müsste nach der Adler-Affäre die beim Volk beliebten Rabbis am Purimfest hingerichtet haben) |
| 12./13. März 4 v. Chr. in Verbindung mit einem Tod vor Passa 3 v. Chr. | Partialität der Mondfinsternis (nur 4,5 Zoll, nicht sehr auffällig) | Ereignisdichte-Kriterium (zu arges Dehnen der Ereignisse zw. MF und dem übernächsten Passa) Feiertags-Kriterium (Herodes müsste nach der Adler-Affäre die beim Volk beliebten Rabbis am Purimfest hingerichtet haben) |
| 9./10. Jan. 1 v. Chr. in Verbindung mit einem Tod vor Passa 1 v. Chr. | Amtszeit des Varus (nach 5 Jahren müsste seine Amtszeit spätestens im Sommer 1 v. Chr. geendet haben; für eine Niederschlagung der jüd. Aufstände durch Varus nach dem Herodes-Tod würde es knapp), Zeitpunkt der Abreise des Gaius aus Rom (Gaius verließ Italien vermutl. vor Frühling 1 v. Chr. und würde in einem solchen Fall nicht am consilium Augusti nach Herodes‘ Tod teilgenommen haben können) | Feiertags-Kriterium (Herodes müsste nach der Adler-Affäre die beim Volk beliebten Rabbis an einem Sabbat hingerichtet haben) |
Ich habe die Untersuchungen des zweiten Teils in der festen Absicht und Überzeugung angestellt, eines der in der Forschung diskutierten Todesjahre verifizieren zu können und endlich selbst Klarheit in dieser Sache zu gewinnen. Umso mehr ernüchtern mich die bisherigen mageren Ergebnisse meiner Suche, welche ein wenig ratlos machen. Denn es verbietet sich eigentlich geradezu, überhaupt eines der Jahre 5, 4, 3 oder 1 v. Chr. als Todesjahr zu betrachten.
Es mutet vor allem seltsam an, dass sich die meisten Forschenden für die Finsternis im März 4 v. Chr. (oder seit mehreren Jahrzehnten für die im September 5 v. Chr.) ausgesprochen haben. Das beruht meiner Einschätzung nach jedoch nicht so sehr auf gegenteiligen Ergebnissen zu den bis hierhin untersuchten Aspekten, sondern vielmehr darauf, dass nach Meinung der Befürworter des Jahres 4 v. Chr. als Todesjahr an andere Jahre „wegen der übrigen Daten nicht gedacht werden“621 kann – oder wie Grabbe es jüngst formulierte: „The focus on the eclipse has skewed [verzerrt; in Schieflage gebracht] the discussion. On the other hand, the other data all point to 4 BCE“622. Nun, jene „übrigen Daten“/„other data“, nämlich die herrscherchronologischen Angaben der Quellen zu Regierungsbeginn und -dauer, sowie zu bestimmten Regierungsjahren usw. zu untersuchen, steht uns als nächstes bevor. Es ist deutlich genug geworden, dass es einer ergänzenden Untersuchung jener Herrscherchronologie dringend bedarf. Dieser Untersuchung wenden wir uns darum sogleich im dritten Teil dieser Arbeit zu, nachdem wir hier eine Zwischenbilanz gezogen haben:
Nach bisheriger Untersuchung (in Teil II) steht fest, dass Herodes‘ Tod irgendwo in den Zeitraum 5-1 v. Chr. gefallen sein muss. Zwar bieten sich dank Iosephus‘ Erwähnungen einer Mondfinsternis und eines Passafestes die Jahre 5, 4, 3 und 1 v. Chr. auf den ersten Blick als potentielle Todesjahre an; bei näherer Betrachtung allerdings entpuppt sich jedes der Jahre 5, 4, 3 und 1 v. Chr. als äußerst unwahrscheinlich623. |
FUSSNOTEN
1Kokkinos: Strabo (Paper by Syme), 24.
2Otto: Herodes, Sp. 162.
3Ios.: ant. 15, 11, 1 (383).
4Siehe Schalit: Herodes, 459f. u. 472-482.
5Das beweisen nicht zuletzt das Erscheinen von neuen Herodes-Biographien und sonstigen Herodes-Monographien (z. B. von Manuel Vogel 2002, Linda-Marie Günther 2005, Samuel Rocca 2008, Ernst Baltrusch 2012, Adam Kolman Marshak 2015, Jürgen Zangenberg 2016 usw.), die Abhaltung von Herodes-Konferenzen (wie die Konferenz „Herod and Augustus“ am Institute of Jewish Studies in London 2005, aus welcher ein wertvoller Sammelband hervorgegangen ist, oder die Bochumer Herodes-Konferenzen, aus denen die Sammelbände „Herodes und Rom“ 2007 und „Herodes und Jerusalem“ 2009 hervorgegangen sind), das Erscheinen von Arbeiten zur Bautätigkeit und Architektur des Herodes (wie von Ehud Netzer 2006) oder zu den Münzen des Herodes (wie von Donald T. Ariel und Jean-Philippe Fontanille 2012). Und es erschienen sogar ausgefallene Studien wie „King Herod: A Persecuted Persecutor. A Case Study in Psychohistory and Psychobiography“ (2007) von Aryeh Kasher und Eliezer Witztum. Das alles ist freilich nur ein kleiner Ausschnitt aus der Fülle der Veröffentlichungen zu Herodes im 21. Jahrhundert.
6Van Bruggen: Year, 1.
7Jeremias: Jerusalem, 85.
8Zum Sanhedrin/Synedrion siehe Jeremias: Jerusalem, 252ff. oder auch Safrai: Volk, 63-72 (welcher allerdings zur Mitgliedschaft und Rolle des Laienadels schweigt). Wohl erst seit den Tagen der pharisäerfreundlichen Königin Alexandra Salome gehörten neben Priester- und Laienadel auch die führenden Persönlichkeiten unter den pharisäischen Schriftgelehrten bis zum Ende des Tempels dem Sanhedrin an. Der hasmonäische König Alexandros Jannai und danach König Herodes hatten die Rechte des Sanhedrins stark beschnitten und und es in ihrer politischen Bedeutung arg geschmälert. Davor (sowie zwischen den beiden Königen) hatte es wesentlichen Anteil an der Herrschaft.
9Zur Seleukidenära der Syrer siehe Band I/2, Kap. III. 8. 2. und zu derselben Ära bei den Juden siehe Band I/2, Kap. I. 2. 3.
10Zu allen die hasmonäische Chronologie betreffenden Jahreszahlen siehe für die Jahre bis 135 v. Chr. die Tabelle in Band I/2, Kap. I. 2. 3. und für die Jahre ab 135 v. Chr. Band I/2, Kap. I. 3.
11Siehe Ios.: ant. 13, 5, 9 (171-173). Aufschlussreich zu Pharisäern (sich aus Laien und Priestern vornehmlich aus der Mittel- und Unterschicht speisend) und Sadduzäern (sich vornehmlich aus weltlichem Adel und Priesteradel, also der Oberschicht, zusammensetzend) ist ohne Frage immer noch Jeremias: Jerusalem, 259-303. Zu allen drei Parteien, also einschließlich der Essener, siehe auch Beckwith: Calendar, 170-186 u. 210-216, ferner auch 187-209.
12Ios.: ant. 13, 14, 2 (380f.).
13Zu dieser römischen Jahrrechnung siehe Band I/2, Kap. III. 10. 1.
14Baltrusch: Herodes, 32.
15Zum Julianischen Kalender siehe Band I/2, Kap. III. 9. 2.
16Das erste Triumvirat hatten einst Pompeius, Iulius Caesar und ein Dritter gebildet.
17Laut Ios.: ant. 14, 15, 2 (403) hat der Hasmonäer Antigonos den Herodes einen Halbjuden genannt. Herodes war Halbjude, weil seine Mutter Nabatäerin war. Sein idumäischer Vater Antipatros dürfte bereits in der zweiten Generation beschnitten und judaisiert gewesen sein. Dennoch gilt: „Von den frommen Juden in Judäa wurde allerdings das Judentum Idumäas nie vollständig anerkannt“ (Baltrusch: Herodes, 31); Kokkinos: Strabo (Paper by Syme), erklärt: „The Idumaeans barely counted as Jews, their conversion having been recent and reluctant“. Die Idumäer galten außerdem als Nachkommen der Edomiter, welche in den heiligen Schriften als Widersacher des Volkes Israels auftreten. Zur idumäischen Abkunft siehe Ios.: ant. 14, 1, 3 (10ff.) oder bell. I 6, 2 (123).
Laut dem Babylon. Talmud, Trakt. Baba batra 3b haben die pharisäischen Gelehrten Herodes als König abgelehnt, weil er kein Volksgenosse war. Herodes soll dieselben deshalb verfolgt haben: „Die Rabbanan sind es, welche sagen: ‚einen von deinen Volksgenossen sollst du über dich zum Könige setzen‘; da machte er sich auf und tötete alle Rabbanan […]“.
Laut judenchristlicher Überlieferung war der Großvater des Herodes ein Diener im Apollo-Tempel in Askalon gewesen, bevor er nach Idumäa verschleppt worden sei; siehe dazu African.: chronogr. bei Euseb.: hist. ecc. I 6, 2f. u. I 7, 11f.; Epiph.: haer. 20, 1, 3f. (Ausgabe Holl, Bd. 1, GCS 25, S. 224f.); und ferner Euseb.: chron. (Ausgabe Aucher, pars I, S. 194); Sulp. Sev.: hist. sacra II 26 sowie Syncellus: chronogr. (Ausg. Alder, S. 447); vgl. schon Iust. Martyr: dial. 52, 3 (allerdings mit einer Verwechselung). Siehe zu alledem Kokkinos: Dynasty, 103ff. Während der Großteil der Historiker dem Iosephus folgt und eine rein idumäische Herkunft der Familie annimmt, argumentierten andere wie Gelzer: Africanus I, 258-261 und Kokkinos: Dynasty, 111-139 u. 346f. für die Version des Iulius Africanus, wonach die Familie ursprünglich aus dem heidnischen Askalon an der phönizischen Küste stammt. Kokkinos: Dynasty, 139 ist überzeugt: „Ascalon turns out to have had a much closer relationship with the Herodian dynasty than has previously been thought“.
Herodes selbst bzw. sein Hofgeschichtsschreiber Nicolaus Damascenus konstruierte einen ganz anderen Stammbaum für den König. Er sei Nachkomme von jüdischen Rückkehrern aus dem Babylonischen Exil; siehe Ios: ant. 14, 1, 3 (9) und dazu Kokkinos: Dynasty, 100-103.
18Zur aera Actiaca siehe Band I/2, Kap. III. 8. 4. u. Kap. I. 4. 1.
19Schalit: Herodes, 450f.
20Zur ägyptischen Ära des Augustus siehe Band I/2 …
21Babylon. Talmud, Trakt. Sukka 51b.
22Das anfängliche Misstrauen, ob der König nicht vielleicht nur abreißen wollte, ohne wieder aufbauen zu können, beschreibt Ios.: ant. 15, 11, 2 (388f.). Im Babylon. Talmud, Trakt. Taanit 23a liest man aber: „Ebenso geschah es auch zur Zeit des Herodes, solange sie sich mit dem Bau des Tempels befaßten. Es regnete nur nachts, morgens aber kam ein Wind und zerstreute die Wolken; die Sonne trat hervor, und das Volk ging zur Arbeit. Sie wußten dann, daß eine göttliche Arbeit in ihren Händen sei“.
23Siehe neben vielen anderen, im Laufe der Arbeit noch zu Wort kommenden Quellen z. B. Babylon. Talmud, Trakt. Baba batra 3b-4a.
24Siehe Jeremias: Jerusalem, 139f.
25Die gerade genannten zeitgenössischen Zählungen der Regierungsjahre des Augustus und des Tiberius habe ich in Band I/2, Kap. I. 4. 1. u. Kap. III. 8. 5. vorgestellt. Für die Auswertung so mancher chronologischen Angabe in den Quellen (besonders im Falle antiker, mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Kirchenschriftsteller) ist auch Folgendes wissenswert: Spätere Betrachter seiner Regierungszeit zählten Augustus‘ Jahre ab dem Tod Iulius Caesars (insgesamt 57 Jahre u. ca. 5 Monate), ab seinem ersten Konsulat oder ab dem Triumviratsschluss (ca. 56 Jahre). Sporadisch mögen seine Regierungsjahre auch als anni Augusti vom Jahre 27 v. Chr. an gezählt worden sein, in welchem er den Augustus-Titel verliehen bekommen hatte. Im Januar 27 v. Chr. waren immerhin die Bürgerkriegsphase offiziell beendet, die republikanische Verfassung dem Augenschein nach wiederhergestellt, das Verhältnis zum Senat und die Zuständigkeit für die Provinzen abschließend geklärt worden.
26Ich habe mich ganz bewusst für diese zweigeteilte Herangehensweise entschieden. Denn bei der Beschäftigung mit der Forschungsliteratur ließ sich immer wieder feststellen, dass eine von Anfang an betriebene Vermischung der beiden Kategorien nicht nur nutzlos ist, sondern sogar einer objektiven Auswertung der Quellen im Wege steht. Die (echten oder vermeintlichen) Ergebnisse, die sich bei Auswertung der Quellenaussagen erster Kategorie ergaben, wurden automatisch zu Voraussetzungen bei der Beurteilung der Quellenaussagen zweiter Kategorie und umgekehrt. Das führt zu einer völlig unnötigen Verengung der Sichtweise und zur Einschränkung der Beurteilungs-Optionen.
27Näheres zu dieser hier nur beispielhaft genannten Datierung siehe Band I/1, S. 76ff.
28Siehe darin zur Geschichte des Herodes im Besonderen Ios.: bell. I 11, 1-II 6, 3 u. ant. 14, 11, 1-17, 11, 5.
29Vgl. Kokkinos: Dynasty, 124, Anm. 134.
30Siehe Ios.: ant. 15, 6, 3 (174) und dazu Schürer: History I, 26f.
31Siehe zu Nicolaus z. B. Otto: Herodes, Sp. 3-17 und Schürer: History I, 28-32.
32Ios.: ant. 17, 8, 1 (191); vgl. ders.: bell. I 33, 8 (665).
33Siehe Ios.: ant. 14, 14, 5 (389). Die dort ebenso gemachte Angabe der 184. Olympiade führt in die erste Hälfte des Jahres 40 v. Chr. Die ereignisgeschichtlichen Zusammenhänge vertragen sich vielleicht besser mit dem Ende desselben Jahres, obwohl darüber gestritten werden kann.
34Siehe Ios.: ant. 14, 16, 4 (487).
35Die entsprechenden Stellen werden unten in Kap. III. 1. 4. („Bestimmte Regierungsjahre“) genannt und im Laufe der Kapitel III. 2. 6., III. 2. 10. und III. 2. 12.-15. ausführlich behandelt und ausgewertet.
36Neun (volle) Regierungsjahre nennt Ios.: bell. II 7, 3 (111-113). Dass Archelaos am Ende seiner Regierung bereits im zehnten Jahr stand sagt Ios.: ant. 17, 13, 2 (342ff.). Auch Ios.: vita 1 (5) spricht vom zehnten Jahr der Regierung des Archelaos. Letzteres Zeugnis dürfte sogar aus der Überlieferung der Familie des Iosephus stammen.
37Siehe Ios.: ant. 18, 2, 1 (26). Zur aktischen Ära siehe wieder Band I/2, Kap. III. 8. 4. u. Kap. I. 4. 1.
38Siehe Ios.: ant. 18, 4, 6 (106).
39Dass die Zahlen und Datierungen des Iosephus am ehesten das Jahr 3 v. Chr. als Todesjahr des Herodes fordern, hat ganz nüchtern und richtig Wurm: Beiträge, 26f. dargelegt. Bereits im 16. Jh. hat Caesar Baronius erkannt, dass man dem Iosephus kaum eine andere Datierung des Herodes-Todes als solch eine in das Jahr 4/3 v. Chr. entlocken kann (siehe Baronius: Annales I, 24f.). Wurm und Baronius habe ich hier als zwei der objektivsten Zeugen angeführt. Dem ersten darf man das Lob der Objektivität beinahe durchweg aussprechen, dem zweiten wenigstens in diesem Punkte, da er selbst dem Tod des Königs ein weitaus späteres Jahr zuweist (nämlich 6 n. Chr.). Jemand, die selbst ebenso eine ganz andere Datierung des Todes voraussetzt (nämlich 1 n. Chr.) und dennoch zugibt, dass Iosephus‘ Zahlen ins Jahr 3 v. Chr. führen, ist Mahieu: Rome, 242: „The duration of Herod’s rule suggests the year 3 BC (40-3 BC = 37 years, and 37-3 BC = 34 years) […]“, und ebd., 303: „Josephus reckoned Herod’s rule until 3 BC“. Vgl. auch Cameron: Target Fixation, 11-12, wo gesagt ist, dass die 37 bzw. 34 Jahre bei Iosephus ungefähr im Winter 3/2 v. Chr. geendet haben müssten. Und auch Schürer: History I, 326, Anm. 165 sagt, dass bei naheliegendster Interpretation des Iosephus „it might appear as though he died in 3 B.C.“. Das gleiche siehe auch bei Norisius: Cenotaphia Pisana, 146: Igitur A. V. 751. à palilibus annum agebat propè Pascha regni à Romanis accepti XXXVII. à morte autem Antigoni XXXIV.
Es ist hier noch nicht der Ort zu diskutieren, ob jener Ansatz des Iosephus auch als historisch zutreffend zu beurteilen ist, ebenso wenig, ob Iosephus der Nachwelt diesen Ansatz bewusst geliefert oder unbewusst beschert hat.
40Von Philo Alexandrinus ist nichts zur Chronologie der Herodes-Herrschaft überliefert. Es war lediglich einige Zeit lang ein gefälschtes bzw. frei erfundenes Werk Philos im Umlauf, das Aussagen zur Herodes-Chronologie machte. Siehe dazu unten Kap. III. 1. 4., Anm. 699.
41Zur assumptio Mosis siehe unten Kap. III. 1. 3., zum Megillat Taanit siehe Band I/1, S. 193f. und hier unten Kap. II. 3. 4.
42Siehe dazu unten Kap. III. 1. 5.
43Siehe Strab.: geogr. 16, 2, 46 (765).
44Siehe Tac.: hist. V 9, 2.
45Siehe Cass. Dio: hist. 49, 22, 6.
46Siehe zur längstmöglichen Dauer der proprätorischen Legation des Varus in Syrien unten Kap. II. 2. 2.
47Einige apokryphe Evangelien und Erzählungen zur Geburt Jesu haben die Geschichte um Herodes und die orientalischen Magier aus dem Matthäusevangelium aufgenommen wie z. B. das Pseudo-Matthäusevangelium. Diese Schriften liefern jedoch keine zusätzlichen historischen Informationen über den alten Herodes und seinen Tod. Das alte und in der Ostkirche sehr geschätzte Protevangelium des Jakobus wenigstens erwähnt an seinem Schluß nicht nur den Tod des Herodes, sondern auch die in Jerusalem nach diesem Tode ausbrechenden Unruhen (siehe Protevangelium Iacobi 25, 1), die ja auch Iosephus schildert und derer Tacitus knapp gedenkt. Der Tod und die Unruhen werden allerdings im Protevangelium leider in keiner Form datiert. Eine 1927 erstmals veröffentlichte Schrift über das „Leben Johannes des Täufers“, die vermutlich aus der alexandrinischen Gemeinde des 4. Jhs. stammt, sagt (siehe vita Ioannis Baptistae 12-14), Elisabeth, die Mutter des Täufers, sei gestorben, als Johannes siebeneinhalb Jahre alt war, und zwar an einem 15. Februar. „Herodes starb am gleichen Tag wie die selige Elisabeth“. Je nachdem, ob wirklich ein und derselbe Tag oder lediglich der gleiche Jahrestag gemeint ist, wird hier also indirekt ein ziemlich exaktes Datum für den Tod des Herodes angegeben: ca. sieben Jahre nach Christi Geburt an einem 15. Februar oder halt an irgendeinem anderen 15. Februar. Aus welcher Tradition der 15. Februar stammt, ist nicht auszumachen. Interessant ist aber, dass am Nachmittag des 15. Februar 3 v. Chr. eine partielle Sonnenfinsternis in Israel beobachtet werden konnte (siehe in der Kalender-Tabelle in Band I/1, S. 257). Finsternisse wurden ja in der Antike durchaus gerne als Vorzeichen aufgefasst, die den Tod bedeutsamer Menschen ankündigen. Vielleicht findet sich in dem Datum in der vita Ioannis Baptistae ein leiser Nachhall dieser Sonnenfinsternis? Insgesamt aber ist die Herodes-Datierung in dieser Quelle an die Datierung des Todes der heiligen Elisabeth geknüpft. Hier soll jedoch, wie gesagt, methodisch eben nicht der Weg beschritten werden, die Herodes-Chronologie über die Jesus-Chronologie bzw. die Chronologie der Evangelien zu gewinnen.
48Iustinus der Märtyrer, zwar aus Samarien stammend, aber aus heidnischem Hause, später in Ephesus und Rom lebend, suchte durchaus das Gespräch mit den gebildeten Juden seiner Zeit. Solche Gespräche und Auseinandersetzungen waren allerdings theologischer, zum Teil philosophischer Natur. Über die Zeit und die historischen Umstände, in der und unter denen sein Herr und Erlöser gelebt hatte, scheint er sich kein Wissen angeeignet zu haben, das über die Evangelien hinausginge: Er kennt den Kindermörder Herodes, unter welchem Jesus geboren wurde, weiß, dass nach dessen Tod Archelaos in der Regierung folgte und dass nach diesem ein weiterer Herodes herrschte, in dessen Regierung die Statthalterschaft des Pilatus und die Kreuzigung Jesu fiel (siehe Iust. Martyr: dial. 77, 4-78, 7 u. 103, 3f.). Irgendein Jahr oder eine Zahl weiß Iustinus nicht anzugeben. Theophilus von Antiochien legte in seiner gegen die Heiden gerichteten Apologie Wert darauf, das hohe Alter der Wurzeln des aus dem Judentum stammenden Christentums nachzuweisen. Die heiligen Schriften seien älter als die der Heiden und nur aus ihnen lasse sich die Geschichte der Menschheit und ihre Chronologie verlässlich rekonstruieren. In diesem Zuge stellt Theophilus eine Chronologie der Menschheitsgeschichte zusammen (siehe Theophil.: ad Autol. III 23ff.). Er nimmt das Alte Testament, beginnt bei Adam und summiert alle Jahre bis in die Zeit der Babylonischen Gefangenschaft. Ab da folgt er der Chronologie der profanen römischen Geschichte und erhält bis zum Tode Marc Aurels ein Weltalter von rund 5695 Jahren. Judenchristliche bzw. jüdische Geschichtsüberlieferung wie jüdische Herrscherchronologie für die zwischentestamentliche und die neutestamentliche Zeit hat sich Theophilus nicht angeeignet. Es ist bei ihm kein Interesse in diese Richtung spürbar. Iustinus und Theophilus bieten nicht ein einziges Datum aus dem Leben Jesu; nicht einmal das im Evangelium nach Lukas erwähnte 15. Jahr des Tiberius nennen sie.
49Siehe Bardenhewer: Geschichte I, 385-394.
50Siehe Euseb.: hist. ecc. VI 7.
51Siehe Iren.: adv. haer. III 21, 3.
52Siehe Tert.: adv. Iud. 8.
53Siehe Orig.: fragmenta comm. in Luc. (Ausg. Rauer, S. 281, Frag. 108).
54Siehe Hippolyt.: comm. in Dan. IV 23: Jesus sei im Jahr 5500 der Welt in Bethlehem am 25. Dezember, einem Freitag, im 42. Jahr des Augustus Mensch geworden. Syncellus: chronogr. (Ausg. Alder, S. 455) erweckt allerdings den Anschein, dass Hippolytus von Rom die Geburt Christi auf den 25. Dez. im 43. Jahr des Augustus gesetzt hatte.
55Siehe Tert.: adv. Iud. 8 und Clem. Alex.: strom. I 21 (145, 1).
56Siehe z. B. Rösch: Geburtsjahr, 11ff., Finegan: Handbook (1998), 288-291, Zumpt: Geburtsjahr, 5ff.; Rieß: Geburtsjahr, 99-112; ders.: Nochmals Geburtsjahr, 97-112, Kellner: Jesus, 188ff.
57Immer mal wieder – auch angesichts der Frage, wie Dionysius Exiguus auf die Epoche der heute beinah in der ganzen Welt gebräuchlichen aera vulgaris gekommen sein mag – wurde die Vermutung ausgesprochen, dass dieser oder jener alte Kirchenschriftsteller bzw. die von ihm vertretene Ortskirche die Geburt des Herrn ins Jahr 1 v. Chr. gesetzt haben könnte oder müsste. In neuester Zeit spricht sich vor allem Alden Mosshammer für die Existenz der altkirchlichen Tradition des Jahres 1 v. Chr. als Geburtsjahr aus. Und zwar meint er, sie vor allem bei Iulius Africanus und bei Panodorus Alexandrinus vorzufinden. Dionysius Exiguus würde sich also an diese Tradition des griechischen Ostens oder genauer der alexandrinischen Kirche angelehnt haben. Siehe Mosshammer: Christian Era, 83-112 und ders.: Computus, 339-437.
58Siehe Euseb.: hist. ecc. VI 7.
59Siehe zur Herodes-Chronologie in den Fragmenten des Africanus unten Kap. III. 1. 6. + Exkurs.
60Siehe zu diesem chronologischen Ansatz des Eusebius ausführlich unten im Exkurs auf S. ….
61Zum chronologischen Ansatz des Epiphanius siehe wiederum unten im Exkurs auf S. …
62Siehe Sulp. Sev.: hist. sacra II 27: Christus sei im 33. Jahr des Herodes am 25. Dezember unter den Konsuln des Jahres 4 v. Chr. geboren. Herodes, der insgesamt 37 Jahre geherrscht habe, habe nach der Geburt des Herrn noch vier Jahre lang regiert. Dass aber gemäß dem Verständnis des Sulpicius das 33. Jahr nicht ganz mit dem julianischen Kalenderjahr 4 v. Chr. und das 37. Jahr nicht ganz mit dem Kalenderjahr 1 n. Chr. übereinstimmt, sondern dass das 33. Jahr sich wenigstens zum Teil auch noch ins Jahr 3 v. Chr. und das 37. Jahr sich noch ins Jahr 2 n. Chr. erstreckt haben muss, beweist folgender Umstand: Nach Herodes habe Archelaos neun Jahre lang geherrscht, nach diesem Herodes Antipas 24 Jahre. Im 18. Jahr des Antipas aber sei Christus gekreuzigt worden, unter den Konsuln des Jahres 29 n. Chr. Diese Rechnung geht nur auf, wenn das 18. Jahr des Antipas 28/29 n. Chr. lief und folglich das 37. Jahr des Herodes 1/2 n. Chr.
Dieser frühere Ansatz des Herodes-Todes scheint allerdings kein Aufhorchen verdient zu haben. Denn Sulpicius‘ Beweggrund für den früheren Ansatz der Geburt Jesu und entsprechend des Todes des Herodes ist nach Rösch: Geburtsjahr, 34 allein des Sulpicius bestimmte Auffassung von der Chronologie des Lebens Jesu.
63Siehe Ioannes Malalas: chronogr. lib. 9 u. 10 (Ausgabe Dindorf, S. 225-231): Jesus sei am 25. Dezember im 42. Jahr des Augustus (der 56 Jahre lang regiert habe), zugleich im Konsulatsjahr des Augustus selbst und des (M. Plautius) Silvanus (2 v. Chr.) und unter der Herrschaft des Herodes über Judäa zur Welt gekommen (Die von Malalas zusätzlich angegebene Zahl 42 für das Jahr der Ära der Antiochener dürfte falsch überliefert sein). Augustus habe bis ins Konsulatsjahr 14 n. Chr. geherrscht. Malalas sagt, unter den Konsuln Vindicius und Valerius seien die Magier aus dem Orient nach Jerusalem zu Herodes gekommen. Wenngleich beide Namen nicht dieselben sind, dürften die Konsuln des Jahres 2 n. Chr. gemeint sein: P. Vinicius (consul ordinarius) und T. Quinctius Crispinus Valerianus (consul suffectus ab 1. Juli). Herodes sei eines grausamen Todes gestorben. Weiterhin habe Archelaos seine neunjährige Herrschaft unter den Konsuln des Jahres 3 n. Chr. angetreten (Malalas nennt sie Lamia und Serellianus). In demselben Jahr 3 n. Chr. dürfte also Herodes gemäß Malalas verstorben sein.
64Siehe Syncellus: chronogr. (Ausgabe Dindorf, Bd. 1, S. 577 u. 595-602 sowie Ausgabe Adler, S. 437 u. 454-459): Jesus sei im 43. Jahr des Augustus geboren worden, welches das 33. Jahr des Herodes gewesen sein muss, denn: „It should be known that the first year of Augustus Caesar is AM 5458, and the end of AM 5499 marks the completion of the forty-first year of this same Augustus, and the beginning of his forty-second year, which is the thirty-second year of Herod. In AM 5500, the forty-second year of Augustus Caesar, and the thirty-second year of Herod […]“. Augustus habe 56 Jahre regiert: „Succeeding Gaius Julius Caesar to power, Augustus controlled the Roman government for a total of fifty-six years; he was emperor for forty-three years, according to others for forty-eight years“. Herodes hat laut Sync.: chronogr. (Ausgabe Alder, S. 449. 456ff. u. 494) seine 37 Jahre lang geherrscht, ehe er im Jahr 5505 im Alter von 70 Jahren verstarb.
65Hieronymus, der die canones des Eusebius aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzte und zugleich teilweise bearbeitete, erwähnt im 46. Jahr des Augustus bereits die Krankheit und den Tod des Herodes, parallelisiert dessen letztes Regierungsjahr jedoch mit dem 47. Jahr des Augustus. Beda Venerabilis: de temp. ratione 269 (Ausgabe Mommsen, S. 282, ferner S. 331) setzt den Tod des Herodes ins 47. Jahr des Augustus.
66Rösch: Rezension zu Caspari (in: Theol. Studien und Kritiken, 1870), 368.
67Fernández: Source, 917.
68Die entsprechende Epiphanius-Stelle siehe unten auf S. … [ca. S. 233] und zu Malalas siehe oben die Anm. 63.
69Siehe zur Chronologie des Agapius unten im Exkurs auf S. … .
70Ich habe nur die Internet-Übersetzung von Roger Pearse benutzt (https://www.roger-pearse.com/weblog/eutychius-annals-my-posts-containing-the-translation/). Siehe Eutychius Alex.: annales, cap. 8: Jesus wurde wie schon bei Epiphanius von Salamis im 33. Jahr des Herodes sowie im 42. Jahr des Augustus geboren. Herodes regierte insgesamt 37 Jahre, Augustus 56 Jahre und sechs Monate. Die Flucht nach Ägypten vollzog sich, als Jesus zwei Jahre alt war, die Rückkehr ins Heilige Land nach dem Tod des Herodes, als Jesus vier Jahre alt war.
71Es gibt zumindest Aussagen in diese Richtung bei Michael Syrus und Barhebraeus; siehe Witakowski: Chronicle, 28. u. 32.
72Auf der Seite http://www.tertullian.org/fathers/james_of_edessa_letter_virgin_mary.htm (Stand: Febr. 2019) findet sich eine englische Übersetzung dieser epistula ad Ioannem Stylites. Das 33. Jahr des Herodes und das Jahr 309 aera Seleuc. werden im fünften und sechsten Abschnitt genannt. Das Jahr 309 aera Seleuc. als Geburtsjahr Jesu scheint bei den Syrern eine lange Tradition zu haben; siehe dazu unten S. …Anm. … [Anm. in Kap. III. 4. 4. Abgar].
73Siehe Michael Syrus: chron. 5, 8-10 (Ausgabe Chabot, Bd. 1, S. 133-140 u. 235f.) sowie die appendices I u. V (Ausg. Chabot, Bd. 3, S. 439 u. 506): Michael setzte das 37. und damit letzte Jahr des Herodes ebenso wie Eusebius mit dem 47. Jahr des Augustus parallel. Den Herrschaftsbeginn des Herodes setzt das einzig bekannte syrische Manuskript des Textes (wenn ich die Anm. 1 in der Ausgabe Chabot, Bd. I, S. 134 und die Einleitungsworte S. II richtig verstehe) wohl ins 8. Jahr des Augustus, wie das schon früher Agapius getan hat und nachher die längere armenische Übersetzung von Michaels Werk beibehalten hat (siehe dazu die nächste Anm.). Chabot gedachte dieses 8. Jahr anscheinend verbessern zu müssen. Zusammen mit Eusebius setzt Michael in Chabots Ausgabe nun den Herrschaftsbeginn des Herodes ins 10. Jahr des Augustus. Zur nachfolgenden Chronologie Michaels würde dies zugegebenermaßen sehr viel besser passen. Dieses 10. Jahr wäre dann allerdings wie bei Eusebius als das letzte Jahr der Hasmonäerherrschaft zu begreifen; denn Herodes‘ erstes Jahr muss bei Michael Syrus wie schon bei Eusebius mit dem 11. Jahr des Augustus parallel laufen, damit die spätere Parallelisierung der Regierungsjahre des Augustus und des Herodes dazu passen. Denn laut Michael Syrus wurde Jesus Christus im 43. Jahr des Augustus und im 33. Jahr des Herodes geboren (und eben im Jahre 316 aera Seleuc.). Im 45. Jahr des römischen Kaisers und im 35. Jahr des Königs über die Juden kamen die Magier aus dem Osten nach Judäa (eben im Jahre 318 aera Seleuc.). Dass Michael Syrus nicht wie Eusebius das 32. Jahr des Herodes zum Geburtsjahr Christi macht, sondern erst sein 33. Jahr (wie man es schon bei Epiphanius von Salamis und Sulpicius Severus findet), rührt möglicherweise von seiner Quelle Jakob von Edessa her (Michael beruft sich in seiner Chronik mehrfach und hochanerkennend auf Jakob) oder es ist einfach seiner Chronologie der Kindheit Jesu geschuldet. Denn Michael sagt, Jesus sei zwei Jahre alt gewesen, als ihn die Magier aus dem Osten aufsuchten, und er sei vier Jahre alt gewesen, als die nach Ägypten geflohene Familie Jesu nach dem Tod des Herodes wieder zurück ins Hl. Land zog. Falls Michael diese Jesus-Chronologie voraussetzte, konnte er die Geburt Jesu angesichts einer 37jährigen Herrschaft des Herodes nicht früher als ins 33. Jahr des Königs setzen (Und er wechselte gleichzeitig auch für Augustus vom 42. auf das 43. Jahr, entweder um die sonstigen überlieferten Gleichzeitigkeiten nicht über den Haufen werfen zu müssen oder weil er dem Jakob und überhaupt der edessenischen Tradition darin folgte).
Zwar führen die Jahre der Griechen bzw. die Jahre nach der seleukidischen Ära bei Michael Syrus rechnerisch ins Jahr 8/9 n. Chr. (320 aera Seleuc.) für das letzte Jahr des Herodes, aber das verträgt sich ganz und gar nicht mit seiner Chronologie der Augsutus-Herrschaft. Denn er gibt dem Augustus genau wie Eusebius und beinahe alle anderen eine Regierungsdauer von 56 Jahren (und sechs Monaten). Die Tradition, das Jahr 316 aera Seleuc. zwar nicht als Jahr der Geburt Christi, aber als Jahr der Verkündigung Marias, also der Empfängnis, anzunehmen, kennt auch der Nestorianer Simeon Šanqlâwâjâ (erste Hälfte 13. Jh. oder früher) in seiner Kalenderkunde (siehe Ausgabe Müller, S. 25-27). Der Ursprung dieser Datierung aufs Jahr 316 ist mir unbekannt.
74Unter den ca. 60 armenischen Manuskripten finden sich mindestens zwei verschiedene Versionen der armenischen Übersetzung und zugleich auch teilweise starken Bearbeitung der Weltchronik des Michael Syrus: die sogenannte längere armenische Version (1871 in Jerusalem herausgegeben) und die sogenannte kürzere Version (1870 ebenda herausgegeben). Ich habe lediglich die englische Übersetzung der beiden Versionen von Robert Bedrosian eingesehen sowie die französische Übersetzung von Victor Langlois (1868), welcher vier leider relativ junge Manuskripte der kürzeren Version zugrunde liegen, eingesehen.
Die kürzere armenische Version – siehe Michael Syrus: chron. Armen. (Ausgabe Langlois, S. 87) – korrigiert gegenüber ihrer Vorlage den Ansatz der Seleukidenjahre (ähnlich wie Barhebraeus, siehe unten S. …, Anm. … [Anm. in Kap. III. 4. 4 Abgar]) und macht aus dem von Michael genannten 33. Jahr des Herodes wieder das 32. Jahr zum Geburtsjahr Christi. Letzteres wird den Armeniern vielleicht aus der älteren Überlieferung (möglicherweise sogar aus derjenigen zu Jesus und Abgar) bekannt gewesen sein. Die 37 Jahre für Herodes als Herrschaftsdauer wurde in dieser Version beibehalten, ebenso wie das 43. des Augustus für das Geburtsjahr Christi. Diese Geburt wird außerdem in das erste Jahr König Abgars gesetzt.
Die längere Version – siehe Michael Syrus: chron. Armen. (Ausgabe Bedrosian, S. 260ff.) – bietet eine komplexere und ausgefallenere Herodes-Chronologie: Herodes habe die hasmonäischen Priesterfürsten im 8. Jahr des Augustus in der Herrschaft über die Juden abgelöst. Das 8. Jahr des Augustus begegnete bereits beim syrischen Michael und bei Agapius. Während es bei Agapius Sinn machte, hatte es indes zu Michaels Chronologie nicht gut gepasst. In der längeren armenischen Version macht das 8. Jahr durchaus Sinn, wenn man es als Antrittsjahr des Herodes interpretiert und erst das 9. Jahr als erstes Jahr des jüdischen Königs zählt. Denn das 43. Jahr des Augustus ist gemäß dem Armenier das 35. Jahr des Herodes gewesen: Die Geburt Christi setzt diese armenische Übersetzung wie der syrische Michael und die kürzere armenische Version ins 43. Jahr des Augustus und wenigstens ähnlich wie Michael ins Jahr 315 aera Seleuc. Die Magier besuchten das Jesuskind im 35. Jahr des Herodes am Morgen nach der Geburt. Ungefähr zwei Monate nach der Geburt sei die Hl. Familie nach Ägypten geflohen. Herodes sei noch in seinem 35. Regierungsjahr verstorben! Soweit passt hier alles zusammen. Jetzt aber sagt die längere armenische Version, Augustus habe nach dem Tod des Herodes den Archelaos über die Juden gesetzt und am Ende von dessen neunjähriger Herrschaft sei auch Augustus verstorben. Wenn vorher mehr als impliziert wurde, dass sich das 43. Jahr des Augustus mit dem letzten Herrschaftsjahr des Herodes überschnitt, so findet man sich am Ende der Regierung des Archelaos ungefähr im 52. Jahr des Augustus wieder. Es wird nirgends eine Zahl für die Gesamtregierungsdauer des Augustus genannt, aber die 52 Jahre scheinen auf den ersten Blick keine gewollte Größe darzustellen. Andererseits sagt diese längere Version (genau wie die kürzere), dass das 14. Jahr des Tiberius das Jahr 337 aera Seleuc. gewesen sei. Dann wäre sein erstes Jahr das Jahr 324 aera Seleuc. gewesen. Und wenn das 43. Jahr des Augustus das 315. Jahr der Seleukidenära gewesen sein soll, dann kann diese armenische Version für Augustus tatsächlich nicht mehr als 52 Jahre angesetzt haben. Solch ein Ansatz ist ziemlich verblüffend. Letztlich ist die Ansetzung des Todesjahrs des Herodes in der längeren armenischen Version schwierig. Geht man nach dem Jahr der Seleukidenära gelangt man jedenfalls ins Jahr 3/4 n. Chr.
75Siehe Barhebraeus: chron. Syr., dynastia VII-VIII (Ausgabe Bruns/Kirsch, S. 45-49). Barhebraeus hat im ersten Teil seiner Weltgeschichte, seinem chronicon Syriacum, seine Vorlage Michael Syrus betreffs des Geburtsjahrs Jesu das Jahr der seleukidischen Ära auf 309 aera Seleuc. verbessert (gemäß der älteren syrischen und armenischen Tradition); bzw. hat er den Ansatz der Seleukidenära insgesamt gegenüber Michael verbessert. Die meisten anderen Zahlen aber, die mit der Chronologie der Geburt und Kindheit Jesu und den Regierungen des Augustus, des Herodes, des Archelaos und des Tiberius zusammenhängen, sind von Michael Syrus übernommen worden. Jedoch setzt Barhebraeus anders als Michael für Augustus 57 Regierungsjahre an. Das 43. Jahr des Augustus sei das 33. des Herodes. Das 11. Kaiserjahr ist wieder als erstes Jahr des Herodes zu begreifen, welcher auch nach Barhebraeus 37 Jahre regiert haben soll.
76Frutolfus: chron. (Ausgabe Waitz, S. 90-95) liefert in Fragen der Herodes-Chronologie das chronologische Gerüst des Eusebius: Das 10. Jahr des Augustus entspricht dem Jahr 718 a. U. c., in welches das Ende der hasmonäischen Hohepriesterwürde fällt; Herodes‘ 1. Jahr entspricht dem 11. Jahr des Augustus; das Ende der 22jährigen Herrschaft der Kleopatra liegt im 15. Jahr des Augustus sowie im 5. Jahr des Herodes; Christus wird geboren im 32. Jahr des Herodes und letzteres entspricht dem 42. Jahr des Augustus (750/751 a. U. c., 28. Jahr der Ära der Alexandriner); das 37. und letzte Jahr des Herodes entspricht dem 47. Jahr des Augustus; das 9. und letzte Jahr des Archelaos entspricht dem 56. und letzten Jahr des Augustus; das Jahr 766 a. U. c. ist das 1. Jahr des Tiberius.
Um eine Nuance anders gab offenbar Honorius Augustodunensis (gestorben um 1150) das Geburtsjahr Christi an, nämlich zwar als 42. Jahr des Augustus, aber als 31. Jahr des Herodes (siehe Schwarzbauer: Geschichtszeit, 96).
77Auch die Schedelsche Weltchronik ordnet die Weltgeschichte in sieben Zeitalter, wie es spätestens seit Iulius Africanus übliche christliche Praxis war. Die für die Herodes-Chronologie relevanten Passagen finden sich in Schedels Darstellung des Endes des fünften und des Beginns des sechsten Zeitalters. Das Ableben des Herodes wird dort nirgends explizit in ein bestimmtes Jahr gesetzt, aber Schedel: Liber chronicarum, S. 95r setzt die Geburt Christi in den Anfang des 42. Jahres des Augustus und gleichzeitig in das 31. Jahr des Herodes sowie das 2015. Jahr Abrahams. Insgesamt werden Herodes 37 Regierungsjahre gegeben (siehe ebd., S. 90r). Da sich der Anfang des 42. Jahres des Augustus mit dem 5199. Jahr der Welt überschneidet (so auf S. 95r), sich ein späterer Teil dieses 42. Jahres aber schon mit dem 5200. Jahr der Welt zu überschneiden scheint (so auf S. 95v), so darf man vielleicht auch annehmen, dass im 42. Jahr des Kaisers das 31. Jahr des Herodes endet und das 32. Jahr beginnt und dass folglich das 37. Jahr des Herodes schon im 47. Jahr des Augustus beginnt und eben nur in seinem 48. Jahr endet. Und da dem Augustus nun auch von Schedel 56 Regierungsjahre beigelegt werden (siehe ebd., S. 93r), unterscheidet sich das rechnerische Ergebnis zum Todesjahr des Herodes kaum vom Ansatz des Eusebius.
78Ich werde mich in der Hauptsache tatsächlich auf die Wiedergabe der Ergebnisse meiner Vorgänger beschränken. Es ist hier nicht der Platz und es besteht auch nicht die Notwendigkeit, all ihre Argumentationswege nachzuzeichnen und im Einzelnen darzulegen. Dennoch sollen wenigstens einige prägnante Teilergebnisse und Hauptargumente verschiedener Gelehrter soweit genannt werden, wie sie geeignet erscheinen, den Leser mit den Kernfragen und Grundzügen der Diskussion um das Todesjahr des Herodes vertrauter zu machen. Hie und da mögen außerdem einige besonders innovative Ideen, Ansichten und Thesen einzelner Forscher angerissen oder wenigstens genannt werden. Es ist weder mein Ziel noch mein Anspruch, in diesem Überblick tatsächlich alle Gelehrten zu berücksichtigen, die etwas Gescheites zum Todesjahr des Herodes veröffentlicht haben. Zum Beispiel habe ich die französischsprachige Literatur fast gar nicht miteinbezogen. Natürlich ließe sich der Abriss in vielerlei Richtungen beliebig erweitern. Ich hoffe dennoch, wenigstens jene latein-, deutsch- und englischsprachigen Titel, welche die wissenschaftliche Diskussion um das Todesjahr des Herodes ab der Neuzeit am nachhaltigsten geprägt haben, im Wesentlichen erfasst zu haben.
79Ginzel: Chronologie I, 54.
80So wird das Werk im Ausstellungskatalog „Die ‚Magdeburger Centurien‘ und die Anfänge der quellenbezogenen Geschichtsforschung. Eine Ausstellung der Monumenta Germaniae Historica. Katalog“, bearb. v. Martina Hartmann u. Arno Mentzel-Reuters, München 2005, auf S. 5 bezeichnet.
81Weil z. B. Nanteuil, Hughes de: The Dates of the Birth and Death of Jesus Christ, 2008, 45-48 die Meinung zum Besten gibt, die Magdeburger Centurien verträten als erstes Geschichtswerk überhaupt das Jahr 4 v. Chr. (oder 4/3 v. Chr.) als Todesjahr des Herodes, sei hier mein Verständnis der Angelegenheit dargelegt:
Flacius/Wigand: hist. ecc., Sp. 278f. nennt Epiphanius und Eusebius, welche die Geburt des Herrn beide ins 42. Jahr des Augustus setzten; ersterer habe sie außerdem ins 33. Jahr des Herodes gesetzt. Sowohl das 33. als auch das 42. Jahr werden von den Autoren der Kirchengeschichte akzeptiert: Herodes sei 33 Jahre vor der Geburt Christi von den Römern zum König ernannt worden (siehe ebd., Sp. 265); das 42. Jahr des Augustus wird in Sp. 340 bestätigt. Ebd. wird auf Grundlage des ptolemäischen Königskanons gerechnet: Vom Tode Alexandros des Großen bis zum ersten Jahr des Augustus ab dem Tode des Antonius seien es 294 Jahre. Hiervon müsse man 12 Jahre abziehen, um in die Zeit zu gelangen, als Augustus dem Iulius Caesar in der Herrschaft nachfolgte, erhalte also vom Tod des Alexandros bis zum Tod Iulius Caesars 282 Jahre. Hierzu seien nun die 42 Jahre zu addieren, sodass vom Tode des Alexandros bis zur Geburt Christi 324 Jahre vergangen seien. Wie ist nun das 42. Jahr des Augustus in unsere Zeitrechnung zu übersetzen? Nimmt man für die vorgetragene Rechnung den 29. August 30 v. Chr. als fixen Punkt, weil dieser gemäß dem ptolemäischen Kanon den Beginn der Herrschaft des Augustus nach dem Tod des Antonius darstellt, so hätte Augustus‘ erstes Jahr erst im August 42 v. Chr. begonnen (was freilich mit dem tatsächlichen Tod Iulius Caesars im März 44 v. Chr. nicht gut zusammenpasst) und das 42. Jahr liefe folglich 1 v./1 n. Chr. Da nach den Magdeburger Centurien die Geburt des Herrn auf den 25. Dezember fiel (siehe z. B. ebd., Sp. 317 bzw. 417), so wäre Christus gemäß der Ära des Dionysius Ende 1 v. Chr. geboren (was einigermaßen mit dem tatsächlichen Tod Alexandros‘ im Juni 323 v. Chr. zusammenpasst). Nimmt man aber den Tod Iulius Caesars 44 v. Chr. als fixen Punkt (immerhin meinen Flacius und Wigand, Iulius Caesar habe ungefähr vier Jahre lang regiert, was einigermaßen hinkommt, so man die Schlacht von Pharsalos, August 48 v. Chr., als den Beginn derselben Regierung begreift), so wäre das erste Jahr des Augustus das Jahr 44/43 v. Chr., und Christi Geburt fiele in den Dezember 3 v. Chr. Damit stimmt überein, dass die Verfasser der protestantischen Kirchengeschichte die Einnahme Jerusalems durch Pompeius, die ja tatsächlich im Jahr 63 v. Chr. stattfand, 60 Jahre vor die Geburt des Herrn setzen (siehe ebd., Sp. 264). Andererseits setzen sie den Beginn der Alleinherrschaft Iulius Caesars ungefähr 47 Jahre früher als die Geburt Christi (siehe ebd., Sp. 371); es dürften aber, um zum Jahr 3/2 v. Chr. zu gelangen, höchstens 46 Jahre sein, was freilich die Rechnung 4 Jahre (für I. Caesar) + 42 Jahre (für Augustus) auch erfordert. Für Christi erstes Lebensjahr 3/2 v. Chr. spricht sodann auch der Umstand, dass Flacius und Wigand angeben, Augustus habe in seinem 50. Jahre, anno Domino 9, begonnen, das gesamte Illyrien mit Hilfe des Feldherrn Tiberius zu besetzen und habe drei Jahre hierfür gebraucht (siehe ebd., Sp. 372). Tatsächlich dauerte der Krieg des Tiberius gegen die Pannonier von 6-9 n. Chr., sodass man wieder das Jahr 3 v. Chr. als Geburtsjahr erhält. Ähnlich heißt es an gleicher Stelle, dass die berühmte Schlacht zwischen Varus und Arminus dem Cherusker in Germanien zwölf Jahre nach der Geburt des Herrn stattfand. Da diese Schlacht tatsächlich ins Jahr 9 n. Chr. fiel, muss das Geburtsjahr wieder das Jahr 3 v. Chr. sein. Die mit Eusebius u. a. gemeinsame Angabe, Augustus habe insgesamt 56 Jahre geherrscht (siehe ebd., 372), führt hingegen eigentlich zu einer Geburt Christi im Dez. 2 v. Chr., so man gemeinsam mit dem ptolemäischen Regentenkanon das Jahr 13/14 n. Chr. als letztes Jahr des Augustus annimmt. Die bloß unverbindlich wiedergegebenen Geburts-Datierungen älterer Schriftsteller in Sp. 278f. dürfen hier unbeachtet bleiben (wenngleich einige derselben ebenso ins Jahr 3/2 v. Chr. führen mögen).
Während zum einen die durch die Alte Kirche überlieferte Datierung der Geburt Jesu Christi auf das Jahr 3/2 v. Chr. im Grunde treu beibehalten wird, wird zum anderen der Ansatz des Iosephus zur Chronologie der Herodes-Herrschaft angenommen: Herodes sei gestorben 34 Jahre nach der Ermordung des Antiogonos und 37 Jahre, nachdem er von den Römern zum König ernannt worden war (siehe ebd., Sp. 23). Da die Magdeburger Centurien die Ernennung des Herodes zum König durch Antonius, Augustus und den Senat andernorts 33 Jahre vor die Geburt Christi setzen (also ca. 36/35 v. Chr.; siehe ebd., Sp. 265), müsste Herodes die Geburt des Messias noch etwa um vier Jahre (nämlich bis um 2 n. Chr.) überlebt haben, damit er insgesamt auf 37 Regierungsjahre kommt. In Spalte 14 u. 289 werden die Meinungen der alten Kirchenschriftsteller zu der Frage referiert, wie lange nach der Geburt Christi die Magier ihn aufsuchten und wie lange die hl. Familie in Ägypten im Exil weilte. Bevorzugt dargestellt wird der Ansatz des Epiphanius: Die Magier kamen zum zweiten Jahr Jesu nach Bethlehem und Jesus wiederum sei nach zwei Jahren aus Ägypten ins Heilige Land zurückgekehrt, insgesamt also vier Jahre nach seiner Geburt. Trotzdem mochten sich die Autoren der protestantischen Kirchengeschichte offenbar keinem der älteren Ansätze überzeugt anschließen. Sicher sei nur, dass, als Christus aus Ägypten zurück ins Heilige Land kam, Herodes tot und Archelaos bereits dessen Nachfolger war. Eigentlich passen die vier Jahre des Epiphanius bestens zur Geburt Christi im 33. Herrschaftsjahr des Herodes, wie sie Flacius und Wigand ja gemeinsam mit Epiphanius annehmen. Dass Herodes noch bis um 2 n. Chr. lebte, kann allerdings nicht die Meinung der protestantischen Autoren gewesen sein, denn in Spalte 267 ist gesagt, dass Archelaos nach dem Tod des Herodes neun Jahre lang herrschte und dass seine diese Herrschaft beendende Verbannung ins Jahr 11 nach der Geburt Christi (nicht 11 n. Chr.) falle. Folglich kann Herodes die Geburt des Heilands nur zwei Jahre überlebt haben, nämlich bis ungefähr ins Jahr 1 v. Chr. Flacius und Wigand scheinen sich hierüber aber selbst nicht völlig im Klaren zu sein. Denn wenn sie andererseits in Sp. 264 die Eroberung Jerusalems durch Pompeius (tatsächl. 63 v. Chr.) anno mundi 3903 und 60 Jahre vor der Geburt Christi ansetzen, die Ernennung des Herodes zum König durch die Römer (tatsächl. 40 od. 39 v. Chr.) aber anno mundi 3926 und 33 Jahre vor der Geburt Christi, so stimmt da etwas nicht. Denn das Jahr 3926 der Welt müsste konsequenterweise 37 Jahre vor dem Geburtsjahr Christi liegen, welches ins „Jahr 3963 der Welt“ gesetzt wird (siehe ebd., Sp. 266), nicht 33 Jahre (Auszuschließen ist m. E., dass Flacius u. Wigand mit jenem 33. Jahr des Herodes das Jahr 7 v. Chr. als Geburtsjahr Christi angeben wollten). Die Kombination der Angaben des Epiphanius von Salamis mit den Angaben des Iosephus haben augenscheinlich in den Magdeburger Centurien zu diesen Widersprüchen geführt.
82Man vgl. außerdem Tac.: hist. V 9, 2: „Die dem Herodes von Antonius verliehene Königsherrschaft erweiterte der Sieger Augustus“.
83Baronius‘ Datierung des Herodes-Todes sei kurz aus seinem Werk erläutert (wobei sich die Seitenzahlen auf die italienische Ausgabe von 1656 beziehen): Der Tod findet sich in den Annales ecclesiastici unter dem Eintrag zum Jahr 8 Christi und Jahr 49 des Augustus verzeichnet (siehe Baronius: Annales, 41ff.). In seinem den eigentlichen Annalen vorausgeschickten „Apparato agli annali ecclesiastici“ erläutert und begründet der Kardinal diese Chronologie:
Baronius weiß aus den Quellen, dass Octavianus Augustus am 23. Sept. 63 v. Chr. geboren und am 19. Aug. 14 n. Chr. verstorben ist (er gibt ihm eine Lebensdauer von 75 Jahren, zehn Monaten u. 26 Tagen; und von der Schlacht bei Actium bis zu seinem Tode seien es 44 Jahre weniger 13 Tage; siehe ebd., 48). Ab wann aber lief Augustus‘ Herrschaft, ab wann sind seine Regierungsjahre zu zählen? Auf S. 8f. stellt Baronius dem Leser die verschiedenen Möglichkeiten vor Augen, wie man im Altertum die Jahre des Augustus zählte. Baronius selbst zählt die Augustusjahre im „Apparato“ fortan ab der öffentlichen Sanktionierung des Triumviratsschlusses am 27. Nov. 43 v. Chr. (siehe ebd., 22; Anwendungsbeispiele finden sich auf S. 12, 17, 20 u. ö.). Die Geburt Christi setzt der Kardinal mittels mehrerer Zeitangaben (Geburt i. d. 194, 2 Olymp. u. 751 a. U. c. varronisch; Empfängnis am 25. März unter den coss. L. Cornelius Lentulus u. M. Valerius Messalla Messallinus) auf den 25. Dez. 3 v. Chr., das ist ins 40. Jahr des Augustus ab dem Triumviratsschluss (siehe ebd., 17. 21-24). Selbstverständlich kennt Baronius auch die anders lautenden Angaben eines Eusebius und anderer, welche die Geburt des Heilands ins 42. Jahr des Augustus setzen. Diese aber, weiß der Kardinal, zählten die Jahre des Augustus ab dem Tode Iulius Caesars, also ab dem Jahre 44 v. Chr. (siehe ebd., 22). In den eigentlichen Annalen entscheidet sich Baronius ebenso für die Zählung der Jahre des Augustus ab 44 v. Chr. (diese Zählweise hat er bereits auf S. 8 vorgestellt), denn zu Beginn der Annalen gesellt auch er dem ersten Lebensjahr Jesu (25. Dez. 3 bis 25. Dez. 2 v. Chr.) das 42. Jahr des Princeps hinzu. Wenn Herodes laut Baronius im Jahr 8 des Heilands und im Jahr 49 des Augustus verstorben ist, ist das folglich im Jahr 6 n. Chr. geschehen.
Weder seine Christus-Chronologie noch seine Augustus-Chronologie zwingen Baronius zu solch spätem Ansatz des Herodes-Todes. Sondern weil er einerseits am überlieferten Datum der Geburt Jesu Christi festhält und andererseits an der von Iosephus und vielen Kirchenschriftstellern angegebenen Regierungsdauer von 37 Jahren festhält, muss er die von Iosephus gebotenen Epochen der Herodes-Herrschaft verwerfen (Sie würden ja zu einem Tod des Herodes vor der Geburt Christi führen, und das liefe gegen die Aussage der Evangelien). So kommt es, dass Baronius Ausschau nach einer anderen Epoche der Regierung des Herodes hält. Dabei stößt er auf die Tatsache, dass, nachdem Octavianus den M. Antonius endlich besiegt hatte, Herodes von dem neuen Alleinherrscher über West und Ost (erneut) zum König über das jüdische Reich eingesetzt wurde, verbunden sogar mit Gebietserweiterungen und einhergehend mit einem Senatsbeschluss (siehe Ios.: ant. 15, 6, 6-7). Es wäre ab solchem Zeitpunkt für Herodes politisch vollkommen unbotmäßig gewesen, die Jahre weiterhin ab der Einsetzung durch den ehemaligen römischen Führer des Ostens, den inzwischen verhassten und vom Senat zum Feind des römischen Staates erklärten Antonius, zu zählen. Herodes habe die Jahre seiner Herrschaft stattdessen politisch korrekt ab dem Sieg des Octavianus Augustus über jenen Volksfeind gezählt (siehe Baronius: Annales I, 25). Offensichtlich war Baronius also der Ansicht, dass Herodes seine Regierungsjahre parallel mit den Jahren der aera Actiaca (ab Sept. 31 v. Chr.) zählte, sodass er folgerichtig die Geburt Christi im Dezember 3 v. Chr. ins 29. Jahr des Herodes setzt (siehe ebd., 25). Da das 37. Jahr der aktischen Ära vom Sept. 6 bis zum Sept. 7 n. Chr. lief, das 8. Jahr Christi aber vom 25. Dez. 5 bis zum 24. Dez. 6 n. Chr., müsste Baronius streng genommen – wenn mich nicht alles täuscht – den Tod des Herodes zwischen Anfang Sept. und Ende Dez. 6 n. Chr. ansetzen. Er setzte den Tod allerdings (der Schilderung des Iosephus gemäßer) nahe an das Passa desselben Jahres: Anno igitur Domini octavo M. Aemilio Lepido et L. Arruntio nepote Consulibus Herodes moritur, Regni sui trigesima septimo inchoato, propè tempus Paschale (zitiert nach Magnan: Problema, 178), und übrigens ins 67. Lebensjahr des Königs (da derselbe laut Iosephus im Jahr 47 v. Chr. im 15. Lebensjahr gestanden hatte). Mir persönlich ist nicht ganz klar, vor welches Passa Baronius den Tod setzt. Das 67. Lebensjahr des Herodes, das 8. Jahr Jesu und das angegebene Konsulatsjahr führen zum Passa des Jahres 6 n. Chr.; das 37. Jahr des Herodes führt – falls es gleich dem 37. Jahr der aktischen Ära sein soll – zum Passa des Jahres 7 n. Chr. Auch Baronius‘ Angabe, Herodes habe die Geburt Christi (am 25. Dez. 3 v. Chr.) noch acht Jahre überlebt, führt näher ans Passa des Jahres 7 n. Chr. Und wenn er sagt, Iosephus setze den Tod des Königs neun Jahre zu früh an, wenn er ihn vor das Passa 3 v. Chr. datiere, dann scheint wiederum das Passa des Jahres 7 n. Chr. den gesuchten Zeitpunkt zu bilden. Genau auf diese Unschärfe bzw. Unstimmigkeit bei Baronius (Tod vor Passa 6 oder 7 n. Chr.?) wies schon Magnan: Problema, 178f. hin. Ricciolius: Chronologiae reformatae I, 286 sagt in Abschnitt 4, Baronius habe die 37 Regierungsjahre des Königs ab dem Jahr 30 v. Chr. gezählt und seinen Tod folglich ins Jahr 7 n. Chr., in annum Iulianum 52, gesetzt.
Baronius‘ Vorschlag für die Epoche der 37 Regierungsjahre und die daraus resultierende äußerst späte Ansetzung des Herodes-Todes ernteten in der Folge erheblich mehr Kritik (z. B. durch Norisius: Cenotaphia Pisana, 158f., durch Magnan: Problema, 175ff. 189ff. u. 205f. und viele andere), als dass sie Zustimmung gefunden hätten.
84Zu allen Angelegenheiten der Mondfinsternis und dem darauffolgenden Passa siehe ausführlich unten in Kap. II. 3. 1 und Kap. II. 3. 2.
85Siehe insgesamt zu Scaligers Herodes-Chronologie Scaliger: De emendatione temp., 450-452 u. 462-464 (Ein mit dem 1. Ijar beginnendes Jahr der Juden versucht er ebd., 436f. aus einigen Iosephus-Stellen zu begründen. Letztlich denkt Scaliger, die Eroberung Jerusalems durch Pompeius Magnus – laut Iosephus am Fasttag im dritten Monat – sei auf den traditionellen Fasttag am 17. Tammuz gefallen. Wenn demnach der Tammuz der dritte Monat gewesen sei, so müsse der Ijar der erste gewesen sein).
86Scaliger: De emendatione temp., 453f. beweist, dass Scaliger den Sieg bei Actium ganz richtig auf den 2. September 31 v. Chr. setzte. Die aera Actiaca an sich wusste er sehr wohl richtig anzusetzen. Mag aber sein, dass er das 37. Jahr seit dem Sieg über Antonius, welches Iosephus nennt, vom Jahr 30 v. Chr. an rechnete, in das die Eroberung Alexandrias und Ägyptens fiel (Vielleicht tat er dies unbewusst, vielleicht auch bewusst, weil es besser zu seiner Datierung des Herodes-Todes passte). Immerhin sagt er ebd., S. 458f.: In victoria igitur Actiaca quadruplex epocha: victae classis, anno Iuliano XV [31 v. Chr.]: Thoth Augustorum Actiaci, anno Iuliano XVI [30 v. Chr.]: primi Agonis Actiaci, anno XVIII [28 v. Chr.]. Augustorum anni Romani, qui erat Iulianus XIX [27 v. Chr.].
87Während Scaliger den Iosephus den Regierungsantritt des Herodes nachdatieren lassen muss und das letzte, nur begonnene Regierungsjahr des Herodes nicht mitzählen lässt, lässt er denselben Iosephus den Regierungsantritt des Archelaos vordatieren. Scaligers Meinung, wie Iosephus‘ Angaben zu den Regierungsjahren des Herodes und des Archelaos zu nehmen seien, kritisierten z. B. Petavius: De doctrina II, 164f. (lib. 11, cap. 4) oder Magnan: Problema, 171ff. scharf.
88Siehe zu diesem Absatz Calvisius: Opus chronologicum, 168-171 (cap. 46).
89Calvisius: Opus chronologicum, 169.
90Calvisius: Opus chronologicum, 170.
91Siehe Calvisius, Sethus: De vero nativitatis Christi anno. Epistola ad Joh. Keplerum, Leipzig 1613.
92Siehe insgesamt zu Suslygas Herodes-Chronologie Suslyga: Veleficatio, S. 3-24 (pars prima), besonders ab cap. 10, außerdem die brevicolae in tabulam notae gegen Ende des Werkes (darunter vor allem annotatio 2-3, ohne Seitenzahlen).
93Näheres dazu siehe unten S. … [in Kap. III. 5.].
94Suslyga: Velificatio, 22 (cap. 24, annotatio 13). Zur Benennung Bethsaidas nach der Augustus-Tochter Iulia durch Philippos siehe unten S. … [in Kap. III. 3. 6.]. Dem Geschehen um den Augustus-Enkel Gaius im Zusammenhang mit der Datierung des Herodes-Todes gehe ich unten in Kap. II. 2. 1. und Kap. II. 2. 3. nach.
95„Heute wissen wir, dass er [Kepler] eine 20.000 Lichtjahre entfernte Supernova sah, bei der ein kompakter Stern, ein Weißer Zwerg, in einer thermonuklearen Explosion zerstört wurde“ (Hansen: Kepler, 42).
96„Kepler war nicht der Erste, der diese Zeitrechnung zum Stern von Bethlehem favorisierte. Meines Wissens gab erstmals der persisch-jüdische Astrologe Masha’allah ibn Athari (um 740-815) die dreifache Konjunktion von Jupiter und Saturn als möglichen Stern von Bethlehem an. Auch in den Annalen des Münsters von Worcester im Jahr 1285 wird diese zur Geburt Christi in Bezug gesetzt“ (Hansen: Kepler, 45). Aber Kepler war wohl der erste, der den Stern von Bethlehem nicht eigentlich in dieser Konjunktion, sondern in dem von ihm zeitgleich vermuteten neuen Stern vermutete.
97Zum „neuen Stern“ siehe Kepler, Johannes: De stella nova in pede serpentarii, Prag 1606. Die erste Zusammenführung von seinen astronomischen Beobachtungen und der Frage nach dem Geburtsjahr Christi erfolgte bereits in ders.: De Iesu Christi servatoris nostri anno natalitio, Frankfurt 1606. Noch einmal ausführlicher ging Kepler diesen Fragen, vor allem eben auch der Frage nach dem Todesjahr des Herodes, nach in ders.: De vero anno quo aeternus Dei filius humanam naturam assumpsit, Frankfurt 1614.
98Zur Parallelisierung der Regierungsjahre des Herodes mit römischen Konsulatsjahren und zur Inklusivzählung bei Iosephus siehe Kepler: De vero anno, 45-47 (cap. 7). Was die Mondfinsternis und alles weitere betrifft, was mit der Datierung des Todes des Herodes zusammenhängt, siehe ebd., 47-104 (cap. 8-10).
99Bickerman: Chronology, 86.
100 Siehe Petavius: De doctrina temporum II (Ausgabe: Antwerpen 1703), 161-165 (lib. 11, cap. 1-4), wo Petavius aus den Angaben des Iosephus zum Herrschaftsbeginn (40 u. 37 v. Chr.) sowie zu bestimmten Herrschaftsjahren des Herodes das Jahr 4 v. Chr. als Todesjahr errechnet, außerdem die Mondfinsternis im März desselben Jahres ins Feld führt und zu dem Ergebnis gelangt, dass Herodes kurz vor dem Passa 4 v. Chr. verstorben ist. Das sieht er bestätigt durch die Chronologie des Kaiserenkels Gaius Caesar und der Herodes-Söhne Archelaos und Philippos. Ebd., 227 (lib. 12, cap. 6) fasst Petavius seine wichtigsten Argumente zum Todesjahr des Herodes noch einmal zusammen; und auf S. 370 (lib. 13) ordnet er den Tod in seine chronologische Tabelle ein. Ebd., S. 820 rechnet er die Daten der Mondfinsternis im März 4 v. Chr. für damalige Verhältnisse solide vor. 1633 bekräftigte er in seinem Werk Rationarium temporum seine Datierung des Herodes-Todes.
101 Zu dem im Megillat Taanit als Herodes‘ Todestag angegebenen 7. Kislev siehe unten in Kap. II. 3. 4.
102 Siehe Ussher: Annales […] novi testamenti, 534f. (zum Jahr 4 v. Chr.).
103 Richtiger wäre für das Jahr 4 v. Chr.: 7. Kislev = 27. Nov. Ussher, Noris u. a. nahmen jedoch den 25. Nov. an (vermutlich orientierten sie sich bei der Bestimmung des Monatsanfangs am Neumond, nicht am Neulicht).
104 Siehe zu diesen Münzen unten S. 85f. sowie überhaupt zur Statthalterschaft des Varus im Zusammenhang mit dem Ende des Herodes unten das Kap. II. 2. 2.
105 Noris‘ Herodes-Chronologie und Datierung des Todesjahres findet sich in Norisius: Cenotaphia Pisana, 132-162 (dissertatio II, cap. VI); ders.: Epist. ad Antonium Pagium, Sp. 646-665 und ders.: Annus et epochae, 533 u. 245-255. Im älteren Werk Cenotaphia Pisana war Noris noch für eine Datierung des Todes ins Frühjahr vor das Passa des Jahres 3 v. Chr. eingetreten (darauf weist Magnan: Problema, 165ff. hin).
106 Friedrich Spanheim z. B. nennt seinen Lesern in seiner Chronologia sacra von 1701 sowohl die Mondfinsternisse am 13. März 4 v. Chr. und am 9. Januar 1 v. Chr. als eben auch die unterschiedlichen Datierungensmöglichkeiten des Todes (siehe Spanheim: Opera. Pars II: Chronologia sacra, Sp. 527).
107 Mann: Years, 39. Siehe die Argumentation Manns zum Todesjahr des Herodes ebd., 29-39: Im Herbst 40 v. Chr. sei Herodes in Rom zum König ernannt worden. Im Sivan, dem dritten jüdischen Monat, des Jahres 38 v. Chr. sei Jerusalem von Sosius und Herodes eingenommen worden, und zwar an einem Fasttag, nämlich dem 23. Sivan = 3. Juni (siehe Mann: Years, 31; korrekt wäre 5. Juni gewesen). Ungefähr im September 38 v. Chr. sei der gefangene Antigonos dann von Antonius hingerichtet worden. Nicholas Mann folgt hierin also der Datierung des Cassius Dio. Iosephus habe das Jahr der Eroberung falsch angegeben. Dass der Tod des Antigonos sicher ins Jahr 38 und nicht 37 v. Chr. fällt, sieht Mann durch die Informationen des Iosephus zum siebten, zum 13. und zum 18. Regierungsjahr des Herodes sowie zur 107jährigen Dauer der Herodier-Herrschaft insgesamt völlig gestützt. Also ende die 34jährige Regierung des Herodes im Jahre 4 v. Chr. (Jahr 4710 der Julianischen Periode). Die Chronologie der Regierungen seiner drei Söhne Archelaos, Philippos und Antipas bestätige das Jahr. Und die von Kepler gefundene Mondfinsternis am 13. März 4 v. Chr. und das von Iosephus erwähnte Passafest grenzen für Mann den Zeitpunkt sodann erheblich näher ein.
108 Magnan: Problema, 65-92 datiert, dem Norisius folgend, die Königsernennung des Herodes in Rom auf Ende September/Anfang Oktober 40 v. Chr. Ebd., 92-119 datiert Magnan die Eroberung Jerusalems durch Sosius und Herodes anders als Norisius in den dritten jüdischen Monat (Sivan) des Jahres 37 v. Chr. (siehe auch ebd., 138 u. 155), genauer auf den 23. Sivan (siehe S. 159). Er sagt auf S. 137f.: Die von Iosephus genannten 27 Jahre zwischen der Eroberung der Heiligen Stadt durch Pompeius im Jahre 63 v. Chr. und der des Herodes im Jahre 37 v. Chr. seien begreiflich, wenn Iosephus diese Zeitspanne vom 1. Nisan 63 v. Chr. bis zum Juni 37 v. Chr. zähle. Denn in solchem Fall sei das 27. Jahr wenigstens angebrochen gewesen.
Ebd., 40-64 legt Magnan seine Ansicht zum Todesjahr des Königs dar: Die Königsernennung des Herodes zum König durch Antonius und Octavianus sei, wie die Olympiadenangabe bei Iosephus zeige, auf den jüdischen Jahresanfang im Frühling 40 v. Chr. vordatiert. Sein 37. Regierungsjahr habe folglich im Jahr 4 v. Chr. begonnen. Das 34. Jahr, ab der Eroberung Jerusalems im Jahr 37 v. Chr. gerechnet, habe ebenso im Jahr 4 v. Chr. begonnen. Nachdem Magnan sich gegen Noris‘ Zählung der 37 Regierungsjahre des Herodes von Herbst 40 bis Herbst 3 v. Chr. ausgesprochen hat, bekräftigt er auf S. 153-158 unter Berufung auf den Mischna-Traktat Rosch haschana 1, 1, dass diese Regierungsjahre als Nisan-Jahre begriffen werden müssen: Annos igitur utriusque Herodis principatus ab ineunte sacro Judaeorum anno computatos necesse est (S. 156). Auf S. 158-165 u. 171ff. lehnt er ausdrücklich Scaligers Meinung ab, die Regierungsjahre seien seit dem Hasmonäer Simon ab dem 1. Ijar gerechnet worden. Und er legt ebenso sein Unverständnis über Scaligers Zählweise der Regierungsjahre des Herodes dar, mittels derer er das 37. Jahr des Königs bis ins Jahr 2 v. Chr. hinabführt und den Tod dann vor das Passa des Jahres 1 v. Chr. setzt.
Die Jahreszahlen nach der aktischen Ära auf den antiochenischen Münzen des Varus belegen die Statthalterschaft desselben unter anderem auch für das Jahr 4 v. Chr. (siehe zu diesen Münzen außer S. 44ff. vor allem dann auch S. 120-130). Die bei Iosephus erwähnte Mondfinsternis erblickt Magnan in der von Petavius errechneten im März 4 v. Chr. und den Tod setzt Magnan aliquot tantum diebus ante Paschatis festum, anni […] tertio Vari legationis in Syria […] et IV ante aeram vulgarem an. Das von Iosephus bezeugte begonnene zehnte Regierungsjahr des Archelaos, dessen Regierung nach Cassius Dio und Iosephus im Jahr 6(/7) n. Chr. endete, führt für den Übergang von der Regierung des Herodes zu der seines Sohnes ebenso ins Jahr 4 v. Chr. Magnan gelangt zum gleichen Todesjahr, wenn er die Münzen des Antipas und des Philippos sowie die Nachrichten der antiken Schriftsteller zu diesen beiden Herodessöhnen zu Rate zieht. In seinem Canon chronologicus am Ende des Werkes schreibt Magnan zum Jahr 4 v. Chr. und zugleich 37. Jahr des Herodes: Moritur mense Martio, aliquot diebus ante Paschae solemnitatem (ebd., S. 399).
109 Die entsprechende Äußerung zu jener Mondfinsternis siehe in Sanclemente: De vulgaris aerae emendatione, 390ff.
110 Es empfiehlt sich aufgrund der großen Nachwirkung, die Grundzüge seiner Herodes-Chronologie darzulegen. In Sanclementes vier Bücher umfassenden Werk De vulgaris aerae emendatione ist das dritte Buch (S. 307-394) eigens mit De anno et mense emortuali Herodis betitelt und enthält elf Kapitel. Neben diesem dritten Buch ist aber auch der Schluss des 9. Kapitels des zweiten Buches (S. 264-269) für unsere Frage von zentraler Bedeutung.
Die beiden von Iosephus genannten Regierungsanfänge des Herodes seien in die Jahre 714 und 717 a.U.c. (40 u. 37 v. Chr.) gefallen. Siehe vor allem S. 266-268, S. 349ff. sowie S. 369-371 u. 382-384: Nach dem Vertrag von Brundusium zwischen Octavianus und M. Antonius im Herbst 40 v. Chr. sei Herodes in Rom etwa im Oktober zum König ernannt worden. Aber die von Iosephus angegebene 184. Olympiade, die maximal bis Sommer 40 v. Chr. reicht, zeige, dass Iosephus nach jüdischer Methode (Hebraeorum methodum) die Regierungsjahre des Herodes vom vorangehenden Nisan aus zu rechnen beginnt (diesen Schluss zogen schon Noris und Magnan), den Regierungsbeginn also auf den jüdischen Jahresanfang vordatiert (Bereits Sanclemente war die Mischna-Stelle Rosch haschana 1, 1, wo der 1. Nisan der Beginn der Jahre der Könige Israels genannt wird, aus dem von ihm viel genutzten Werk von Magnan bekannt; siehe S. 393. Zum Nisan und zum Tischri als Jahresanfänge der Juden allgemein siehe S. 204-206. Sanclemente lehnt Scaligers eigentümliche Ansicht, der 1. Ijar habe zu dieser Zeit als Jahresanfang gegolten, auf S. 386 und 393 explizit ab). Die Eroberung Jerusalems durch Sosius und Herodes sei im dritten jüdischen Monat, dem Monat Sivan, geschehen, also im frühen Sommer 37 v. Chr. Iosephus aber datiere den faktischen Herrschaftsantritt wieder auf den Nisan 37 v. Chr. vor.
Vor allem auf S. 266ff. entwickelt Sanclemente seine Ansicht von der jüdischen Methode der Jahreszählung: Die 27 Jahre, die Iosephus von der Eroberung Jerusalems durch Pompeius im Sivan 691 a.U.c. (63 v. Chr.) bis zur Eroberung durch Sosius im Sivan 37 v. Chr. zähle – eigentlich sind es ja nur 26 Jahre –, seien begreiflich, wenn von Nisan 63 bis Nisan 37 v. Chr. die 26 Jahre gezählt würden und der Sivan des Jahres 37 v. Chr. gemäß der Hebraeorum methodum bereits in das 27. Jahr gefallen sei und folglich Iosephus von 27 Jahren reden könne – die Jahre inklusiv gezählt. Antigonos habe die Herrschaft kurz nach dem Pfingstfest im dritten jüdischen Monat namens Sivan im Jahre 40 v. Chr. erworben und sei wiederum von Herodes im Sivan 37 v. Chr. besiegt worden. Die von Iosephus angegebene Regierungsdauer von drei Jahren und drei Monaten zeige, dass der Regierungsbeginn des Antigonos auf den Nisan 40 v. Chr. vordatiert wurde. Ebenso rechne Iosephus im Falle des Hyrkanos: Von Sivan 63 v. Chr., als Hyrkanos die Regierung von Pompeius übertragen worden sei, bis Sivan 40 v. Chr., als er von den Parthern durch Antigonos ersetzt wurde, seien eigentlich nur 23 Jahre verflossen, aber die Juden hätten eben von Nisan 63 bis ebendahin 40 v. Chr. die 23 Jahre gezählt und von Nisan bis Sivan 40 v. Chr. bereits das angebrochene 24. Jahr des Hyrkanos. Somit zähle Iosephus nach jüdischer Methode 24 Regierungsjahre für Hyrkanos. Sanclemete geht also nicht nur konsequent von einer Vordatierung eines jeden ersten Regierungsjahres auf den vorangegangenen 1. Nisan aus, sondern auch konsequent von einer Inklusivzählung der Jahre, sogar so konsequent, dass er sich genötigt sieht, die von Iosephus angegebenen 3 Jahre und 6 Monate für Aristobulos, den Bruder des Hyrkanos, in 6 Jahre und 3 Monate zu verbessern ( – ohne Frage ein fragwürdiges Vorgehen Sanclementes).
Solch eine Inklusivzählung der Regierungsjahre nimmt Sanclemente auf S. 382f. u. 393f. also auch für Herodes den Großen an: Vom Nisan 40 v. Chr. bzw. vom Nisan 37 v. Chr. angefangen zu zählen, beginne das 37. bzw. das 34. Jahr des Herodes am 1. Nisan im Jahre 4 v. Chr. Das bedeutet für Sanclemente aufgrund der von ihm vorausgesetzten Hebraeorum methodum, dass Herodes nach dem 1. Nisan im Jahre 4 v. Chr. verstorben sein muss.
Auch die Herrscherchronologie des Archelaos (siehe S. 374-377 u. 391) sowie die des Philippos (siehe S. 322-330 u. 377-379 u. 391-392) und die des Antipas (siehe S. 307-321. 378. 382f. u. 392) zeigen für Sanclemente deutlich, dass Herodes vor dem Jahre 751 a.U.c. (3 v. Chr.) dahingeschieden sein muss, weil das erste Jahr aller drei Söhne seinen Anfang mit dem 1. Nisan im Jahr 4 v. Chr. nehme. Ebenso zeigen für Sanclemente der Blick auf die Liste der römischen Statthalter in Syrien um die Zeitenwende herum zusammen mit den antiochenischen Münzen (mit den Jahreszahlen 25, 26 u. 27 „Unter Varus“) und der Schilderung des Iosephus, dass Quinctilius Varus, unter dem Herodes verstarb, nicht länger als bis 750 a.U.c. Statthalter in Syrien war (siehe vor allem S. 330-349 sowie S. 371-374, S. 385 u. 389f.).
Nach allem bisher Vorgetragenen muss Herodes irgendwann innerhalb jenes jüdischen Jahres, welches mit dem 1. Nisan 4 v. Chr. anhebt, verstorben sein. Ussher und Noris z. B. wählten den 7. Kislev (Ende November) 4 v. Chr. Sanclemente wehrt sich gegen diese Annahme: Iosephus erzählt vom Tod des Herodes, von seinem Begräbnis, von der siebentägigen Trauerwoche und vom sich anschließenden Vorgehen der Soldaten des Archelaos gegen die Passafestbesucher. Man befinde sich also kurz nach dem Tod des Königs unmittelbar vor einem 15. Nisan. Überhaupt fordere die gesamte Chronologie der auf den Tod folgenden Ereignisse, dass Herodes kurz vor einem Passafest dahingeschieden sei. Und das könne eben nur das des Jahres 4 v. Chr. sein. Sanclemente glaubt auch nicht, dass Varus im November 4 v. Chr. noch in Syrien war. Das Jahr 27 aera Actiaca, 5/4 v. Chr., sei das dritte und letzte der Statthalterschaft des Varus gewesen. Alles in allem vertritt Sanclemente die Ansicht, dass der Tod des Königs in die Anfangstage des Nisan 4 v. Chr. gefallen sein müsse.
111 Siehe Münter: Stern, 70ff.
112 Siehe Paulus: Kommentar, 149f. und ders.: Handbuch I/1, 227ff.
113 Ich habe Bengels Äußerungen zum Thema nicht gelesen, aber Rudolf Anger, Johann Friedrich Wurm, Friderich Gottlieb Süskind u. a. haben ihn durchaus verwertet und als Autorität angeführt.
114 Siehe Süskind: Neuer Versuch, 198-212 u. 297-299. Süskind legt besonders viel Wert darauf, dass Herodes im Frühjahr nach der Schlacht bei Actium in seinem siebten Regierungsjahr gestanden habe, also im Frühjahr 30 v. Chr. (was freilich diskussionswürdig ist). Er setzt den Tod des Herodes in den März 3 v. Chr. und gleichzeitig ins Ende des Jahres 750 a. U. c., weil er die römische Stadtära wie Varro vom April aus rechnet und nicht wie die meisten neuzeitlichen Gelehrten vom Januar. Die römische Stadtära und die Julianische Periode haben Süskind etwas in Konfusion gestürzt. Davon zeugt der spätere Briefwechsel mit dem Stadtpfarrer M. Renz, den sein Sohn 1831 nach dem Tod der beiden veröffentlicht hat. Was die Mondfinsternis anbelangt, so hegt Süskind: Vermischte Aufsätze, 237 Zweifel, ob die von Kepler für den März 4 v. Chr. ermittelte wirklich korrekte Rechnungs-Voraussetzungen zur Grundlage hat.
115 Siehe Benson: Chronology, 17-54.
116 Siehe Quandt: Beiträge, 4-12.
117 Siehe Mommert: Chronologie, 188-192.
118 In Scharberg: Chronologie, 48 finde ich als Referenz angegeben: Fotheringham, David Ross: The Date of Easter and other Christian Festivals, London 1928. Ich habe den Titel dieses Fotheringham (nicht des viel bekannteren John Knight Fotheringham) allerdings nicht eingesehen. Übrigens hat laut Lynn: Eclipse, 253 auch W. Whiston, der Übersetzer der Werke des Iosephus, ebenso das Jahr 3 v. Chr. als Todesjahr des Herodes favorisiert. Und laut Sevin: Chronologie, 68 hat auch Hausrath die Zeit um Ostern 3 v. Chr. vertreten.
119 Siehe Kellner: Jesus, 54-75 u. ferner 120-133. Kellner hatte bereits 20 Jahre zuvor einen von mir nicht eingesehenen Aufsatz veröffentlicht, unter dem Titel „Die Regierungszeit des Herodes und ihre Dauer“, in: Der Katholik. Zeitschrift für katholische Wissenschaft und kirchliches Leben, 1887 (2. Hälfte), S. 64–82, 166–182.
120 Siehe Greswell: Dissertations I, S. 247-314 u. ca. 473-533. Die Erstveröffentlichung des komplexen Werkes geschah 1830. Ich beziehe mich im Folgenden allerdings auf die 2. Auflage aus dem Jahr 1837. Greswell untersucht die uns hier interessierenden chronologischen Fragen durchaus gewissenhaft und gelehrt. Die Lektüre seines Werkes ist deshalb noch heute empfehlenswert. Die Grundzüge von Greswells Herodes-Chronologie sind folgende:
S. 247-282: Die Ernennung des Herodes zum König zu Rom sei um den 10. Tischri 40 v. Chr. herum geschehen. Denn Iosephus spreche nicht davon, dass Herodes die Seefahrt mitten im Winter auf sich genommen habe, sondern davon, dass er sie mitten in einem Unwetter/Sturm gewagt habe. Am 10. Tischri (oder um diesen herum) habe Herodes übrigens auch alljährlich seinen Regierungsantritt gefeiert (so auch bei der feierlichen Einweihung des erneuerten Tempels). Die Eroberung Jerusalems habe sich im Jahr 37 v. Chr. ereignet. Die 37 Regierungsjahre ab der Königsernennung endeten im Jahr 3 v. Chr. (751 a. U. c.), ebenso die 34 Jahre ab der Eroberung der jüdischen Hauptstadt. Herodes müsse im Frühling 3 v. Chr. verstorben sein, worauf auch eine Münze aus Ascalon mit einer Doppeldatierung aus demselben Jahr (siehe Eckhel: doctr. num. III, 446) hindeuten könne.
S. 283-314: Die Münze des Herodes Antipas, welche das Jahr 43 nennt, führe ebenso ins Jahr 3 v. Chr. als Zeitpunkt des Regierungswechsels, was Greswell ausgiebig ausführt. Er wehrt sich außerdem vehement gegen die Annahme eines Petavius oder eines Keplers, dass nur ein Monat zwischen der Mondfinsternis und dem Passa, das auf den Tod des Herodes folgte, ausreichen soll, um die laut Iosephus dazwischen liegenden Ereignisse unterzubringen. Und der Nachrichtenaustausch zwischen Herodes und Augustus, der zwischen der Gerichtssitzung gegen Antipatros (vor der Mondfinsternis) und der Hinrichtung des Antipatros (fünf Tage vor dem Tod des Herodes) stattfand, dürfte ca. fünf Monate in Anspruch genommen haben, wozu die zwei Wochen zwischen Finsternis und Tod, die sich ungefähr ergeben, wenn man an der Finsternis am 12./13. März 4 v. Chr. und dem Passa desselben Frühlings festhält, nicht passen. Greswell nutzt dieses Argument des Briefwechsels mit Augustus also genau andersherum als v. Gumpach: Er gedenkt, eine kurze Zeitspanne zwischen Finsternis und Tod ausschließen zu können. Greswell geht von einer Absendung der Boten im Herbst und einem Eintreffen der kaiserlichen Antwort im März aus. Andererseits zeige die nach dem Tod des Königs immer noch ganz frische Trauer über die von Herodes in der Mondfinsternis-Nacht hingerichteten Gelehrten, dass dieses Ereignis (und damit die Finsternis) zum Zeitpunkt des königlichen Ablebens noch ein junges war. Das bedeutet, Greswell kann, da er den Tod in den März 3 v. Chr. setzt, die Finsternis im März 4 v. Chr. mitnichten für die von Iosephus genannte halten. Stattdessen bemerkt er, dass die Finsternis-Tabellen der Astronomen auch für den 20. Januar 2 v. Chr. eine partielle Mondfinsternis verzeichnen. Diese Finsternis aber folgte dem Tod, ging ihm nicht voraus. Wie kriegt Greswell angesichts dessen die Kurve? Er versucht es folgendermaßen: „The true period of the death of Herod, as it seems to me to be fixed by a multitude of concurrent circumstances […] was the middle of March, U. C. 751 [3 v. Chr.]: seven or eight weeks after the 20th of January, and probably about as long also after the execution of the Sophists. Now, if this execution happend at the same time before the death of Herod, U. C. 751, as the eclipse, January 20, did before the middle March U. C. 752 [2 v. Chr.]; it is not impossible that Josephus might confound the two things together; and describe them as happening in conjunction, though they really happened a year asunder“ (ebd., 313-314). – Erhebliches Problem bei dieser Interpretation der Angelegenheit ist allerdings, dass die Mondfinsternis am 20. Januar 2 v. Chr. in Judäa nicht sichtbar war, da es in diesem Landstrich erst früher Nachmittag war.
Auf S. 473-533 stellt Greswell unter anderem Überlegungen zu den römischen Statthaltern in Syrien an. Für Varus, in dessen Amtszeit der Tod des Herodes fiel, gelangt er zu einem Amtsantritt im Jahr 4 v. Chr. (750 a. U. c.). In diesem Zuge ist Greswell gezwungen, die Jahreszahlen auf den antiochenischen Münzen des Varus anders als die Fachleute seiner Zeit zu interpretieren. Er ordnet dieselben Münzen letztlich nicht mehr dem Varus, sondern dem Varro (Statthalter in Syrien um 25-23 v. Chr.) zu.
121 Siehe Wurm: Beiträge, 26-38.
122 Siehe Anger: De temporum […] ratione, 7-10. Anger datiert die Königsernennung in Rom auf die Zeit zwischen März und Juli 40 v. Chr. und die Eroberung Jerusalems auf Juni/Juli 37 v. Chr. Er kann es nachvollziehen, dass Gelehrte wie der oben erwähnte Paulus angesichts der 37jährigen bzw. 34jährigen Regierungsdauer zu einer Datierung des Herodes-Todes auf 3 v. Chr. gelangen. Da aber in diesem Jahr keine Mondfinsternis stattgefunden hat und die Anfänge der Regierungen des Antipas sowie des Archelaos rechnerisch bereits ein Jahr früher angesetzt werden müssten, so müsse man eben zusammen mit Petavius, Ideler und vielen anderen das Jahr 4 v. Chr. für das gesuchte Todesjahr halten. Dass Iosephus 37 bzw. 34 Regierungsjahre anstatt 36 und 33 Jahre zählt, liege an der jüdischen, im Talmud bezeugten Inklusivzählung der Nisan-Jahre. Demzufolge sei Herodes zwischen dem 1. Nisan und dem Passsa am 14. Nisan im Jahr 4 v. Chr. gestorben.
123 Siehe Wieseler: Synopse, 50-57; vgl. ders.: Beiträge, 101f. 156ff. u. 166f.
124 Siehe Gumpach: Kalender, 223ff. 236ff. u. 262ff. Sowohl die Epochen der Herodes-Regierung (40 und 37 v. Chr.) als auch die Regierungsdauern seien bei Iosephus fehlerhaft. In Wirklichkeit sei Herodes im Oktober/November 39 v. Chr. in Rom zum König ernannt worden, habe Jerusalem im Sivan 36 v. Chr. (mitten im Sabbatjahr 37/36 v. Chr.) erobert, und Antigonos sei Mitte September hingerichtet worden. Gumpach nimmt – wohl als Kompromiss zwischen dem Zeitpunkt der Königsernennung und dem Zeitpunkt der Ermordung des Hasmonäers – einen unbestimmten Tag im Monat Oktober als jährlich gefeierten Regierungsantrittstag an. Die wirkliche Dauer der Herodes-Herrschaft habe vom Tod des Antigonos bis zu seinem eigenen Tod (Anfang Nisan 4 v. Chr.) 31 volle Jahre (und mehrere Monate) betragen.
Gumpach blieb seinem Ergebnis zum Todeszeitpunkt des Herodes und zum Zeitpunkt der vorausgegangenen Mondfinsternis auch 1853 in seinem „Hülfsbuch der Rechnenden Chronologie“ treu (siehe Gumpach: Hülfsbuch, 90f.).
125 Wieseler: Synopse, 52f. Genauso argumentiert schon Anger: De temporum […] ratione, 9.
126 Siehe Gumpach: Kalender, 236-238. Gumpach bezieht sich auf Ios.: ant. 17, 6, 1 (146) u. 17, 7, 1 (182).
127 Siehe Kushnir-Stein: Another Look, 73-86. Im Laufe der Arbeit werden wir auf Einzelheiten dieses Aufsatzes von Kushnir-Stein noch näher eingehen.
128 Siehe Kushnir-Stein: Another Look, 75-80 (vor allem S. 80 mit Anm. 24).
129 Kushnir-Stein: Another Look, 83.
130 Vossius: Dissertatio […] de Christi anno natali, 7. Vossius setzt ebd., 7-9 recht konventionell die Ernennung des Herodes in Rom, also die Epoche der 37 Regierungsjahre, ins ausgehende Jahr 40 v. Chr. (exeunte Iuliano anno VI) und den Beginn der Herrschaft des Herodes über Jerusalem, die 34 Regierungsjahre lang währte, ins Jahr 37 v. Chr. (annus Iulianus IX). Der aktische Krieg sei laut Iosephus ins siebte Jahr des Herodes gefallen, was zeige, dass dort der Beginn der 34jährigen Herrschaft zugrunde liege. Jedenfalls habe Herodes bis ins Jahr 4 v. Chr. nicht einmal ganze 36 Jahre geherrscht; das 37. Jahr habe überhaupt erst im ausgehenden Jahr 4 v. Chr. begonnen, weshalb dasselbe Jahr nicht als Todesjahr angenommen werden könne. Zähle man die 37 Regierungsjahre ausgehend von der genannten Epoche, so würden diese eben im Jahr 3 v. Chr. enden. Falls der König nun 37 volle Jahre regierte (also das 38. Jahr bereits angebrochen war), so müsse er im Jahr 2 v. Chr. vor dem Passa verstorben sein; falls er bereits in seinem 37. Regierungsjahr aus dem Leben schied, so müsse dass vor dem Passa im Jahr 3 v. Chr. geschehen sein: Non igitur obierit Herodes anno Iuliano XLII [= 4 v. Chr.]: sed, si complerit annum imperii XXXVII, decesserit anno Iuliano XLIV [= 2 v. Chr.]: sin minus, mortuus sit anno Iuliano XLIII [= 3 v. Chr.].
Ebd., 9-10 meint Vossius, die Jahre des Archelaos seien von 3 v. bis 6/7 n. Chr. gelaufen. Ebenso habe Philippos seine 37jährige Regierung im Jahre 3 v. Chr. begonnen und im 20. Jahr des Tiberius, zwischen dem Passa und dem 19. August des Jahres 34 n. Chr. beendet. Ebd., 10-11 bietet Vossius noch ein paar weitere Argumente bevor er sein Fazit zieht: Die Umbenennung der Stadt Bethsaida in „Iulias“ zu Ehren der Augustustochter, die im Jahr 2 v. Chr. von ihrem Vater verbannt wurde, zeige, dass man den Tod des Herodes sowie die Nachfolge durch Philippos keinesfalls später als Frühling 2 v. Chr. ansetzen kann. Auch dass der Kaiserenkel Gaius Caesar, der 2 v. Chr. nach Syrien zog und vor seinem Tod im Jahr 4 n. Chr. auch nicht mehr zurückkehrte, noch nach dem Tod des Herodes zu Rom an den Nachfolge-Beratungen teilgenommen hat, zeige, dass Herodes nicht später als vor dem Passa 2 v. Chr. verstorben ist. Sein Fazit lautet: Summa horum omnium eo redit, non obiisse Herodem anno Iul. XLII; quia sic non attigisset annum imperii XXXVII. Nec obiisse anno Iul. XLV, aut XLVI; quia sic plures, quam solidos XXXVII annos, regnasset. Sed decessisse, vel anno Iul. XLIII, ut annum XXXVII inchoarit; vel anno Iul. XLIV, ut eundem imperii annum complerit. Letztendlich entscheidet sich Vossius dann aufgrund seiner Vorstellung vom Datum der Geburt Christi für ein königliches Ableben kurz vor dem Passa 2 v. Chr.
131 Siehe Vossius: Dissertatio […] de Christi anno natali, 33-34.
132 Camerons vermutlich 2018 veröffentlichten Arbeiten hierzu tragen die Titel „Herod the Great’s Regnal Years“ und „Target Fixation and the Eclipse of Josephus. Towards a Re-dating of the Death of Herod the Great“.
133 Zumindest habe ich sonst keinen weiteren Vertreter dieses Ansatzes ausfindig machen können. Kellner kommt demselben Ansatz wenigstens nahe.
134 Siehe Ideler: Handbuch II, 389ff. sowie ders.: Lehrbuch, 423. Idelers großer Nachfolger Friedrich Karl Ginzel setzte den Tod des Herodes ebenfalls kurz nach der Mondfinsternis im März 4 v. Chr. an; siehe Ginzel: Spezieller Kanon der Sonnen- und Mondfinsternisse für das Ländergebiet der klassischen Altertumswissenschaften und den Zeitraum von 900 vor Chr. bis 600 n. Chr., Berlin 1899, 195ff. (dieses Werk liegt mir leider nicht vor). In seinem chronologischen Handbuch geht Ginzel hingegen nicht mehr auf diese Diskussion ein. Dort, wo sich eine Äußerung zum Todesjahr des Herodes erwarten ließe, nämlich in Ginzel: Handbuch III, 184f., findet sich kein Wort hierzu; in Ginzel: Handbuch II, 541, Anm. 3 u. 4 heißt es wenigstens zu den Mondfinsternissen im März 4 und im Januar 1 v. Chr.: „Beide Mondfinsternisse für die Bestimmung des Todesjahrs Herodes‘ wichtig“.
135 Siehe Graetz: Geschichte III/1, 244 u. III/2, 573 (Die genannten Seitenzahlen beziehen sich allerdings nicht auf die erste Ausgabe, sondern auf die 5. Auflage von 1905/1906).
136 Vertreter dieses Ansatzes sind neben vielen anderen z. B. Henry Fynes Clinton (1830), Thomas Lewin (1865), Hermann Sevin und Gustav von Scharberg (1928). Die entsprechenden Werktitel finden sich unten im Literaturverzeichnis. August Wilhelm Zumpt, welcher 1869 in seiner Schrift „Das Geburtsjahr Christi“ durchgängig wie selbstverständlich einen Tod des Herodes im Frühjahr 4 v. Chr. voraussetzte, schrieb zur Bekräftigung derselben Voraussetzung: „Ich finde auch nicht, dass der Zeitpunkt von König Herodes‘ Tode später von irgend jemand in Zweifel gezogen worden ist, ausser von Rösch […], der freilich nichts nur irgend Erhebliches anführt“ (Zumpt: Geburtsjahr, 14, Anm. 1). Sevin: Chronologie, 69 nennt noch vier weitere Gelehrte, die das Jahr 4 v. Chr. akzeptierten: Keim, Hitzig, Holtzmann und Immer.
137 Wenige Jahre nach Wieselers und v. Gumpachs Veröffentlichungen erschien eine Arbeit extra zur Herodes-Chronologie: Van der Chijs, Jacobus Anne: Dissertatio chronologico-historica inauguralis de Herode Magno, Judaeorum rege, Leiden 1855. Mir liegt sie bedauerlicherweise nicht vor. Jedoch scheint van der Chijs damit eine tatsächlich gründliche Arbeit zur Herodes-Chronologie vorgelegt zu haben, die den Tod des Königs nicht kurzerhand, sondern nach ausgiebiger Untersuchung in das Frühjahr 4 v. Chr. datiert. Emil Schürer und Walter Otto verweisen beide im Zusammenhang mit der Frage nach dem Todeszeitpunkt bzw. nach der Herrschaftschronologie des Herodes auf Van der Chijs.
138 Siehe Schürer: Geschichte I, 415ff., Anm. 167.
139 Siehe Otto: Herodes, Sp. 32-149. Die Ernennung zum König in Rom habe im Ende des Jahres 40 v. Chr. gelegen. Die Belagerung Jerusalems habe etwa im Februar 37 v. Chr. begonnen und sei etwa im Juli 37 v. Chr. erfolgreich abgeschlossen gewesen (siehe Sp. 32-34). Die Regierungsjahre des Herodes seien wie bei Schürer vom 1. Nisan 37 v. Chr. an zu zählen (siehe Sp. 49, Anm.*). Die Mondfinsternis sei die am 13. März 4 v. Chr. gewesen (siehe Sp. 147). „Gegen Ende März oder in den allerersten Tagen des April des J. 4 v. Chr. ist H. gestorben […] Über die Todeszeit unterrichtet sehr gut Schürer“ (ebd., Sp. 149).
140 Siehe Zeitlin: Megillat Taanit, 18-28 u. 61-63 u. 100ff. mit Anm. 274.
141 Eigentlich korrespondierte der syromakedonische Monate Audynaios zu dieser Zeit noch mit dem jüdischen Kislev (ca. Dezember) – siehe dazu Band I/1, S. 13 und Band I/2, Kap. III. 7. 2. Es kann ja aber sein, dass sich der syromakedonische Kalender in jenem bestimmten Jahr aufgrund von unterschiedlicher Schaltung um einen Monat zum jüdischen Kalender verschob. Das war nichts Ungewöhnliches. Somit mag Zeitlin mit dieser Zuordnung unter Umständen Recht haben.
142 Zum Fasttag am 10. Tebeth als solchem siehe Band I/1, S. 206.
143 Siehe Corbishley, Thomas: The Chronology of the Reign of Herod the Great, in: Journal of Theological Studies (JThSt) Bd. 36, Nr. 141, Januar 1935, 22-32. Ich habe diesen wahrscheinlich lesenswerten Aufsatz allerdings nicht eingesehen.
144 Otto: Herodes, Sp. 49, Anm.* sagt, E. Schwartz habe (in „Nachr. Gött. Ges. Phil.-hist. Kl. 1907, 266, Anm. 1“) das Jahr 37/36 v. Chr. von Herbst zu Herbst als erstes Regierungsjahr des Herodes aufgefasst und die Regierungsjahre entsprechend gezählt.
145 Siehe Van Bruggen: Year, 1-15. Van Bruggen schaut sich als erstes die Herrschaftschronologie des Archelaos, des Antipas und des Philippos etwas genauer an und gelangt zu dem Ergebnis: „This means that Herod’s successors came to power in the period bounded by 1 Nisan 5 a.n. – 1 Nisan 3 a.n. A more precise date cannot be determined until other data have been considered“ (ebd., S. 6). Van Bruggen wendet sich dann der Herodes-Chronology zu: Herodes sei ziemlich zu Anfang des Jahres 40 v. Chr. in Rom zum König ernannt worden und habe Jerusalem im Sommer (Juni, Juli oder August) 37 v. Chr. erobert. Wenn man (– um nicht ein oder zwei Tage im Nisan 4 v. Chr. als ganzes Jahr rechnen zu müssen –) Schürers Ansicht von der Zählung der herodianischen Regierungsjahre von Nisan zu Nisan einmal verwerfe und stattdessen eine Zählung von Tischri zu Tischri annehme, gelange man für Herodes zur Regierungsepoche 1. Tischri 41 v. Chr. bzw. 1. Tischri 38 v. Chr. und zum Ende des 37. bzw. des 34. Regierungsjahres am 30. Elul 4 v. Chr. Der Tod des Königs sei in diesem letzten Regierungsjahr im Jahr 5/4 v. Chr. zu suchen und zwar wahrscheinlich kurz vor dem Beginn des Nisan. Das erste Regierungsjahr der Söhne des Herodes sei demnach das Jahr 4/3 v. Chr. von Tischri zu Tischri.
146 Siehe Neidhart: Zeit, 28-32. Es scheint, als habe sich Neidhart leider nicht viel Zeit für das Thema nehmen können. Dennoch hat er tiefe Einblicke in einige Details genommen.
147 Siehe Mommsen: Röm. Geschichte, Buch 8, Kap. 11, V, 506 (in der Ausg. Darmstadt 2010: Bd. II, S. 206).
148 Siehe Schalit: Herodes, 638 u. 643.
149 Ute Schalls Herodes-Biographie von 2011 ist ein gutes Beispiel für eine völlig arglose Übernahme dieses Datums (siehe ebd., 287 u. 315-317).
150 Siehe Van Bebber: Chronologie, 101.
151 Siehe Lynn: Eclipse, 253f. Lynn beruft sich auf einen weiteren Fürsprecher dieser Mondfinsternis: „Prof. Stockwell, in the Astronomical Journal, vol. X. p. 188, contends strongly for the total eclipse of September 15, B.C. 5, as the one intended by Josephus“.
152 Siehe Barnes: Date, 204-209. Barnes denkt an einen Tod im Dezember 5 v. Chr. Sein Aufsatz ist als Antwort auf den zwei Jahre zuvor erschienen Aufsatz von W. E. Filmer gedacht (zu Filmer siehe weiter unten).
153 Siehe Bernegger, P. M.: Affirmation of Herod’s Death in 4 B.C., in: The Journal of Theological Studies (JTS), Bd. 34 (Nr. 2), Oxford 1983, 526-531 (von mir nicht eingesehen).
154 Siehe Kokkinos: Dynasty, 367-373. Kokkinos geht für die Herodier und im Besonderen auch für Herodes von Tischri-Jahren als gezählte Regierungsjahre aus (siehe ebd., 237 u. 285 mit Anm. 76). Herodes sei im Herbst 40 v. Chr. in Rom zum König ernannt worden. Sein erstes Jahr als König habe mit dem 1. Tischri 40 v. Chr. begonnen. Das 37. Jahr habe somit im Herbst 4 v. Chr. geendet. Kokkinos ist geneigt, Barnes darin zuzustimmen, dass Herodes am 7. Kislev nach der Mondfinsternis im September 5 v. Chr. starb („the strongest alternative“ zur „communis opinio of Nisan 4 BCE“). Er will andererseits nicht ausschließen, dass er vor dem Passa 4 v. Chr. starb, möchte dann allerdings – wegen der sonst zu großen Ereignisdichte – die Mondfinsternis am 23. März 5 v. Chr. favorisieren. Er erwähnt darüber hinaus zweimal die These von Daniel R. Schwartz, dass die Mondfinsternis für die Datierung des Herodes-Todes letztlich belanglos ist (diese These wird von mir unten S. 115ff. ausführlicher behandelt). Auch wenn Kokkinos dieser These nicht ausdrücklich zustimmen möchte, lässt er zumindest durchschimmern, dass die Finsternis-Nachricht für seine Entscheidung der Datierung des königlichen Ablebens nicht von großer Relevanz und schon gar nicht ausschlaggebend ist. Jedenfalls ist Kokkinos der Meinung, dass der Tod des Herodes „must be placed as early as possible“. Wäre Kokkinos nicht der Überzeugung, dass das 37. Jahr des Herodes von Tischri 5 bis Elul 4 v. Chr. lief, könnte er sich sogar einen Tod im Frühjahr 5 v. Chr. vorstellen („one could have gone as far as to suggest that Herod died before the Passover of 5 BCE!“).
155 Strobels jüngste Äußerungen zum Thema siehe in Strobel/Wimmer: Kallirrhoë, 60-67. Seine Entscheidung für diese Finsternis basiert wieder ganz auf der von Konradin Ferrari d’Occhieppo modifizierten Theorie, dass sich Christi Geburt unter jener von Kepler ins Gespräch gebrachten Planetenkonstellation zugetragen habe. Das Thema wurde bereits früher von Strobel bearbeitet und zwar in Strobel, August: Neue Zugänge zum geschichtlichen Problem des Todes des Herodes im Frühjahr 4 v. Chr., in: Jahrbuch des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes 6, 1999, 109-115.
156 „Die Arbeiten des Josephus erwähnen die partielle Mondfinsternis [im März 4 v. Chr.] im einzelnen nicht näher […]“ (Strobel/Wimmer: Kallirrhoë, 66).
157 Siehe Glöckler: Evangelien, 40-44. Glöckler setzt die Eroberung Jerusalems und den Tod des Antigonos konventionell ins Jahr 37 v. Chr. Die 34 Regierungsjahre des Herodes seien vom nachfolgenden 1. Nisan, also dem des Jahres 36 v. Chr., an zu zählen. Das Ende der 34 Jahre liege im Jahr 752 a. U. c. = 2 v. Chr. (Mir unverständlich ist Glöcklers Nachsatz, worin er den Tod des Herodes „an das Ende dieses Jahres [752 a. U. c.], welches wir wiederum nach der Gewohnheit der Juden bis an das Osterfest des Jahres 753 a. u. c. rechnen dürfen“, setzt, anstatt in das Frühjahr 2 v. Chr.). Jedenfalls erlaubt ihm seine Rechnung, das Ableben des Königs „im ersten Quartal des Jahres 753 a. u. c.“ zu suchen. Für Herodes Antipas, Philippos und Archelaos nimmt Glöckler Mitregentschaften an, von deren Beginn die Regierungsjahre der drei Söhne gezählt worden seien, während ihr Vater erst ein paar Jahre später verstorben sei.
158 Siehe Seyffarth: Chronologia sacra, IV-V. 18 u. 80-85 sowie knapp ders.: Berichtigungen, 46. Schürer bezeichnet Seyffarth in seiner Ausgabe von 1901 fälschlicherweise als einen Vertreter des Jahres 1 n. Chr. (siehe Schürer: Geschichte I, 416, Anm. 167). Eine gewisse Verwirrung dürfte dadurch begünstigt worden sein, dass Seyffarth ganz unkonventionell den 1. Jan. 1 v. Chr. als Nullpunkt begreift, von da ausgehend das Jahr 2 v. Chr. „1 v. N.“ nennt (usw.) und das Jahr 1 v. Chr „1 n. N.“ nennt (usw.). „N.“ steht dabei für Nullpunkt (siehe Seyffarth: Chronologia sacra, 6). Hinzu kommt, dass Seyffarth als – wenn auch gemäßigter – Chronologie-Kritiker gelten muss, wenn er wieder ganz unkonventionell etwa die Eroberung Jerusalems durch Pompeius ins Jahr 62 v. Chr. (statt ins Jahr 63 v. Chr.) setzte, die Eroberung der Stadt durch Sossius auf den Versöhnungstag im Jahr 36 v. Chr. (statt ins Jahr 37 v. Chr.) datierte oder die Zerstörung Jerusalems durch Titus im Jahr 71 n. Chr. (statt im Jahr 70 n. Chr.) geschehen sah. Grund ist, dass Seyffarth der Ansicht ist, in den von den frühen neuzeitlichen Chronologen aus den Quellen rekonstruierten Konsularlisten seien die beiden Konsulpaare in den Jahren 47 und 79 n. Chr. fälschlicherweise eingeschoben. Hinzu kommt außerdem, dass Seyffarth für die Juden einen Sonnenkalender statt eines Mondkalenders voraussetzt (siehe zum Kalender ders.: Chronologia sacra, IXff. u. 26-80) und deshalb andere julianische Daten für Jahresanfänge, Monatsanfänge und Feste erhält, als man das gewöhnlich tut.
159 Siehe Caspari: Einleitung, 17-30.
160 Siehe Rösch: Geburtsjahr, 47f. (hier wird allerdings 1 v. mit 1 n. Chr. verwechselt) und ders.: Rezension zu Caspari (in: Theol. Studien und Kritiken, 1870), 359-367.
161 Diese länger vernachlässigte Beobachtung, dass das 22. Jahr des Tiberius möglicherweise die ursprünglichere Angabe des Iosephus ist, warf endlich David Beyer 1998 erneut in die Diskussion ein (siehe Beyer: Josephus, 85ff.), nachdem W. E. Filmer 1966 noch einmal auf Rieß‘ Beobachtung hingewiesen hatte.
162 Siehe Ios.: ant. 14, 16, 4 (487f.).
163 Siehe Filmer: Chronology, 283-298 (Ich habe lediglich eine Internetfassung des Aufsatz-Textes ohne Seitenzahlen benutzt).
164 Mitregentschaften der Söhne zu Lebzeiten des Herodes sind bei Iosephus wenigstens angedeutet: für die Hasmonäer-Abkömmlinge Alexandros und Aristobulos sowie vor allem auch für Antipatros z. B. in Ios.: bell. I 23, 5 (458 u. 461) u. ebd. I 32, 2-3.
165 Filmer: Chronology sagt: „4 B.C. Pheroras, tetrarch of Galilee, was murdered by Antipater and succeeded by Antipas, whose reign of forty-three years ended in A.D. 39/40. Later Antipater’s plot was discovered and Archelaus nominated as king in his place, his reign of ten years ending in A.D. 6/7“.
166 Diese Formulierung nutzen Steinman/Young: Evidences, 17.
167 Siehe Edwards, Ormond: Herodian Chronology, in: Palestine Exploration Quarterly (PEQ), Bd. 114, 1982, 29-42. Dieser Aufsatz, auf den in der seither erschienen Literatur relativ oft hingewiesen wird, war mir leider nicht zugänglich. Ich habe lediglich Edwards: Chronologie, 12-14 u. 27-34 eingesehen und berücksichtigt. Der zuerst genannte Aufsatz ist später verfasst und dürfte – wie ich aus den Reaktionen in der nachfolgenden Forschungsliteratur schließe – wissenschaftlicher gehalten sein als das von mir eingesehene Werk.
168 Martin: Star, chapter 7 („The Dark Decade in History“) nennt außer Filmer und Edwards noch eine Reihe weiterer Vertreter der Datierung des Todes ins Jahr 1 v. Chr.: „There are other modern historians who feel the same way, notably W. E. Filmer, Ormond Edwards and especially the important work of the classical scholar Dr. Paul Keresztes in his two volume work written in 1989 titled Imperial Rome and the Christians. This latter work provides some outstanding research throughout its pages. It shows the reasonableness of accepting the basic premises on the death of Herod in 1 B.C.E. that I am advocating in this book“, und: „In the last century the English scholars William Galloway, H. Bosanquet and C.R. Conder also affirmed that the 10 January, 1 B.C.E. eclipse was the proper one“. Außerdem hat sich offenbar Lemmer, Uwe: Neuere Betrachtungen zum Stern von Bethlehem, in: Sterne und Weltraum, Jahrgang 19, Nr. 12 (Dez. 1980), 404-406 für einen Tod des Herodes im Frühjahr 1 v. Chr. ausgesprochen.
169 Die Arbeit „The Birth of Christ Recalculated“ habe ich nicht eingesehen, dafür aber Martin: Nativity, 85-92 (1989) und das Buch „The Star of Bethlehem“ (2. Auflage 1996) in der Internetfassung (http://www.askelm.com/star/index.asp), wo leider keine Seitenzahlen angegeben sind, sodass ich im Bedarfsfall auf das jeweilige Kapitel verweisen werde. Ich werde im Laufe der Arbeit, vor allem im zweiten Teil, auf einige innovative Thesen Martins oder überhaupt auf einige Aspekte seiner Darstellung eingehen. Hier nur seien nur die Grundzüge genannt:
Die Eroberung Jerusalems sei, wie Filmer richtig erkannt habe, nicht ins Jahr 37 gefallen, sondern auf den Versöhnungstag (25. Okt.) im Jahr 36 v. Chr., auf den Tag genau 27 Jahre nach der Eroberung der Stadt durch Pompeius. Antigonos sei von Antonius erst ein paar Monate hingerichtet worden. Und wenn es bei Iosephus heiße, ab dieser Hinrichtung habe Herodes 34 Jahre lang regiert, so seien diese 34 Jahre ab dem 1. Nisan 35 v. Chr. zu zählen, da ein Akzessionsjahr angesetzt und der Beginn der Regierungsjahre auf den 1. Nisan gesetzt worden sei. Das 34. Jahr sei also 2/1 v. Chr. gelaufen. Am 7. Kislev (5. Dez.) im Jahre 2 v. Chr. hätten die beiden Jerusalemer Rabbis bzw. ihre Schüler Herodes‘ goldenen Adler vom Tempel heruntergeschlagen; und sie seien im Januar (9. Tebeth) verurteilt worden. Der König sei am 2. Schebat (28. Januar) nach der Mondfinsternis im Jahr 1 v. Chr. verstorben.
Martin erkennt aber an, dass die Herodessöhne Archelaos und Antipas ihre Regierungsjahre gemäß Iosephus vom Jahr 4 v. Chr. an gezählt haben müssen. Sie hätten ihren Regierungsbeginn vordatiert, zum einen, um auf diese Weise dem Willen des Vaters gemäß den Namen des zeitweiligen Mitregenten Antipatros vergessen zu machen, und zum anderen, um aus Legitimitätsgründen an den in jenem Jahr hingerichteten hasmonäischen Prinzen anknüpfen zu können. Siehe zu dieser Erklärung Martins ausführlicher unten S. … [in Kap. III. 3. 3.].
170 Siehe Steinmann: Abraham, 221-238. Auch Steinmann datiert den Parthereinfall und die Ernennung des Herodes zum König in Rom kurzerhand ans Ende des Jahres 39 v. Chr. (anstatt ins Jahr 40 v. Chr.). Die Eroberung Jerusalems datiert er auf den Versöhnungstag des Jahres 36 v. Chr. (anstatt 37 v. Chr.). Steinmann sieht an diesem Termin drei von Iosephus genannte Dauern enden: 126 Jahre Hasmonäer-Herrschaft (gerechnet ab dem Jahre 162 v. Chr.), 27 Jahre nach der Eroberung Jerusalems durch Pompeius (im Herbst 63 v. Chr.) und 24 Jahre der Regierung des Hyrkanos II. (die Herbst 63 v. Chr. begonnen habe). Der Herbst 36 v. Chr. werde durch die Sabbatjahrchronologie bestätigt. Die 34 Regierungsjahre zählt Steinmann ab Tischri 36 v. Chr., sodass das 34. Jahr bis Herbst 2 v. Chr. gereicht habe. Die Zählung der 37 Regierungsjahre beginne mit dem Tischri 38 v. Chr. Und von hier bis zur Zerstörung Jerusalems durch Titus erhalte man die von Iosephus geforderten 107 Jahre. Die 37 Regierungsjahre enden im Jahr 1 v. Chr. Archelaos, Antipas und Philippos haben laut Steinmann jeweils ihr erstes Regierungsjahr vordatiert in die Zeit, in welcher ihr älterer Bruder Antipatros in Ungnade gefallen war und Pheroas, der Tetrarch Galiläas, gestorben war (vgl. schon Glöckler, Filmer und Martin).
171 In ihrem Aufsatz „Elapsed Times for Herod the Great in Josephus“ (2020) stellen Steinmann und Young die Argumente für die Datierungen des Herodes-Todes 4 und 1 v. Chr. einander gegenüber. In diesem Zusammenhang kommt natürlich die Frage nach der Zählweise der Herrschaftsjahre des Herodes auf. Sie argumentieren gegen Nisan-Jahre und für Tischri-Jahre, ebenso gegen die von Schürer u. a. vertretene Inklusivzählung der Regierungsjahre. In dem Aufsatz „Consular Years and Sabbatical Years in the Life of Herod the Great“ (2020) datieren Steinmann und Young Herodes‘ Königsernennung in Rom auf den Tischri im Jahr 39 v. Chr. und die Eroberung Jerusalems auf den Versöhnungstag 36 v. Chr. Zu diesem Zweck versuchen sie darzulegen, dass die von Iosephus‘ gebotenen Konsulate (40 und 37 v. Chr.) fehlerhaft sind und dass die Datierung diverser bestimmter Sabbatjahre auch das Jahr 37/36 v. Chr. als Sabbatjahr belegt. Denn Iosephus bringt die Eroberung Jerusalems durch Herodes mit einem Sabbatjahr in Verbindung. Bereits 2019 argumentierten Young und Steinmann in dem Aufsatz „Caligula’s Statue for the Jerusalem Temple and Its Relation to the Chronology of Herod the Great“ für eine Sabbatjahrchronologie, die 36 v. Chr. als Jahr der Eroberung Jerusalems ausweisen soll.
In einer Präsentation mit dem Titel „NT Chronology and the Death of Herod the Great“, die Young im November 2019 bei einem Treffen der Near East Archaeological Society in San Diego gehalten hat, bringt Young seine wesentlichen Argumente gegen Schürers Jahr 4 v. Chr. und für Filmers Jahr 1 v. Chr. gut auf den Punkt: „Josephus’s erroneous consular dates“ (40 und 37 v. Chr.), wodurch die tatsächlichen Daten der Königsernennung in Rom (um den 1. Tischri 39 v. Chr. herum) und der Eroberung Jerusalems (Versöhnungstag 36 v. Chr.) verschleiert würden. Das korrekte Datum der Königsernennung sei vor allem über die Chronologie des Krieges des Ventidius gegen die Parther ermittelbar; das korrekte Datum der Eroberung Jerusalems sei vor allem mittels Sabbatjahrchronologie ermittelbar. Zwischen dem Tod des Herodes und dem darauf folgenden Passa seien mindestens 16 Tage vergangen, während jene, die von Inklusivzählung und Nisan-Jahren für die Herodes-Jahre ausgingen, zwischen dem 1. und 14. Nisan nur 13 Tage erhalten. Im Gegenteil sei es richtig, für die Regierungsjahre des Herodes ein Akzessionsjahr und Tischri-Jahre anzunehmen, sodass sich das Tischri-Jahr 2/1 v. Chr. als Todesjahr des Herodes erweise.
Der vierte und neueste gemeinsame Aufsatz zur Sache von Steinman und Young trägt den Titel „Evidences That Herod the Great’s Sons Antedated Their Reigns to a Time before Herod’s Death“. Für die drei Söhne und Nachfolger des Herodes werden genau wie für ihren Vater Tischri-Regierungsjahre und das Akzessionsjahrsystem angenommen. Und zwar hätten die drei Söhne ihren Regierungsbeginn auf den Beginn der Co-Regentschaft ihres in Ungnade gefallenen und von Herodes hingerichteten Halbbruders Antipatros vordatiert. Dieser Beginn habe im Tischri-Jahr 6/5 v. Chr. gelegen, welches ihnen folglich als Akzessionsjahr gegolten habe. Die Münzen der Herodes-Söhne würden zusammen mit Iosephus‘ Angaben über ihre Regierungsdauer bzw. über ihr Regierungsende zum Herbst-Jahr 5/4 v. Chr. als erstem gezählten Regierungsjahr führen. Steinmans und Youngs Hauptargument, warum Herodes noch bis ins Tischri-Jahr 2/1 v. Chr. gelebt haben soll, ist nun folgendes: „The dated coins are in many collections, public and private, around the world, and no one knows how many there are, although the number is estimated to be in the thousands“ (Steinman/Young: Evidences, 16). Und daher dränge sich die Frage auf: „Why are none of them dated from their years 1, 2, or 3?“ (ebd.). Denn für das spezielle Ereignis des Regierungsantritts sei eine entsprechende Prägung fast obligatorisch. Die Antwort liege auf der Hand: In ihren ersten drei Regierungsjahren habe der königliche Vater noch gelebt. Antipas und Philippos hätten ganz einfach noch nicht die Autorität besessen. So sei es zu erklären, weshalb die Münzprägung des Antipas erst mit „Jahr 4“, die des Philippos erst mit „Jahr 5“ einsetzt. „This is all consistent with the view that Herod’s sons antedated their reign to four years prior to the death of their father […] The consensus viewpoint that places the start of reign of the tetrarchs at the death of Herod then needs to explain why of the thousands of coins they authorized, none has a date from their first three years“ (ebd., 17). Mit ihrem Nachweis, dass die Herodessöhne ihre Regierungen nicht 4 v. Chr. nach dem Tod des Vaters antraten, sondern ihren Antritt nur nachträglich ins Jahr 5 v. Chr. vordatierten, sei die letzte Stütze der konventionellen Datierung weggeknickt: „[…] the last pillar of the consensus chronology can no longer stand“ (ebd.).
172 Die Titel von Gertoux‘ und Templemans Arbeiten siehe im Literaturverzeichnis. In der weiteren Arbeit werde ich stellenweise auf sie verweisen.
Die Veröffentlichung kleinerer Arbeiten zur Thematik im Internet reißt nicht ab. Mitte 2020 z. B. äußerte sich James Bejon in einem Paper „A Chronology of Herod’s Reign“. Das seltene an seiner Konstruktion der Regierungs-Chronologie des Herodes ist, dass er an den konventionell vertretenden Epochen der Herodes-Herrschaft (40 und 37 v. Chr.) festhält und trotzdem das Jahr 1 v. Chr. als Todesjahr annimmt. Bejon sagt: „I am personally persuaded by both the arguments for a 40 BC start-date and for a 1 BC date of death. My inclination is, therefore, to dismiss Josephus’s statements of the duration of Herod’s reign as a miscalculation caused by the establishment of a coregency in 4 BC (when Herod’s sons began to take over their father’s mantle)“ (Bejon: Chronology, 1), und: „[…] but Josephus took his data (about the length of Herod’s reign) from a document where it had been truncated to 4n/3n BC [Nisan 4 bis Nisan 3 v. Chr.] due to the backdated reigns of his successors. Herod actually died three years after he had reigned for 34 and 37 years since his ‚coronations‘ in Rome and Jerusalem respectively“ (ebd., 8).
173 Siehe Pratt: Eclipse, 8-14.
174 Siehe Eedle: Steps, 83-104 u. 183-185.
175 Außerdem soll der tschechische Priester Jan Pouč, dessen 1955 verfasste chronologische Untersuchung offenbar erst ab 2013 auf Englisch (unter dem Titel „Our Era, Jesus Christ and King Herod“) veröffentlicht wurde, Argumente für einen Tod des Herodes im Frühjahr 1 n. Chr. vorgebracht haben (anscheinend um die Ära des Dionysius Exiguus zu rechtfertigen). Auf Poučs Ergebnisse weist Vladimir Bláha in diversen, im Internet zu findenden Arbeiten hin.
176 Im Jahr 1653 wies Ricciolius: Almagestum novum I, 366-367 erstmals auf diese Finsternis hin. Im Jahr 1669 verteidigte ders.: Chronologiae reformatae I, 285-289 diese Finsternis sowie die Datierung des Herodes-Todes ins Jahr 1 n. Chr. dann energischer und ausführlicher. Ricciolius verweist sogar auf noch ältere Vertreter des Todesjahres 1 n. Chr. mit der im Dezember 1 v. Chr. vorangegangenen Mondfinsternis; und zwar nennt Ricciolius: Chronologiae reformatae I, 286: Augustinus Torniellus in Annalibus Paulus Forosemproniensis in summa parte 2. l. II. c. I. & Iacobus Grandamicus in quaest. Evang. de die supremo, & Natali Christi lib. 3. c. 3. […]. Vgl. zu Torniellus auch Magnan: Problema, 145.
177 Ricciolius: Chronologiae reformatae I, 287 ist sich bewusst, dass Iosephus die 37 Herrschaftsjahre ab dem Jahr 40 v. Chr. gezählt wissen will und dass damit bei Iosephus das Jahr 4 oder 3 v. Chr. als Todesjahr des Herodes aufgefasst wird. Aber derselbe Iosephus sage, die Schlacht bei Actium im Jahre 31 v. Chr. sei ins siebte Jahr des Herodes gefallen, was ziemlich deutlich zeige, dass die Jahre des Königs erst ab 37 v. Chr. gezählt worden sind. Und wirklich habe vor 37 v. Chr. ja gar nicht Herodes, sondern Antigonos geherrscht, weshalb die 37 Jahre erst von diesem Jahr an gerechnet werden dürften: Verum si anni 37. regni computandi fuerunt non à declaratione prima per Senatum facta, interim enim nondum re ipsa regnabat, sed regnabat adhuc Antigonus, sed ab extincto Antigono; cum id euenerit anno, vt diximus Iuliano 9. additis 37. consurgit Annus Iulianus 46. quo Christus est circumcisus, & Herodes obijt. Herodes selbst habe laut Iosephus eine Hasmonäerherrschaft von 126jähriger (bzw. 125jähriger) Dauer akzeptiert, die eben bis zum Tod des Antigonos gereicht habe. Der Tod muss nach Ricciolius von daher also im Jahr 1 n. Chr. (annus Iulianus 46) gesucht werden.
Ricciolius erkennt in der Herrschaftschronologie des Archelaos, wie sie Iosephus und Cassius Dio liefern, ganz richtig das argumentum maximum eines Keplers oder eines Petavius für einen Herrschaftswechsel und folglich auch einen Tod des Herodes im Jahre 4 v. Chr. (annus Iulianus 42). Ricciolius meint aber, über die Auskünfte des Iosephus zu den Präfekten von Judäa bzw. zu ihren Amtszeiten rekonstruieren zu können, dass Augustus den zehn Jahre lang regierenden Archelaos erst im Jahr 11 n. Chr. (annus Iulianus 56) verbannte und der Regierungsbeginn des Ethnarchen folglich ins Jahr 1 n. Chr. (annus Iulianus 46) gefallen sein muss. Überhaupt seien die chronologischen Informationen zur Regierung des Archelaos sowie zu einigem anderen bei den antiken Schriftstellern undurchsichtig und teilweise eben fehlerhaft.
Die Angaben des Iosephus zum Alter des Herodes führen für Ricciolius zu einem Tod des Königs im Jahr 7 n. Chr. (wie das Baronius schon betonte). Und falls man die 37jährige Herrschaft zusammen mit Baronius im Jahre 30 v. Chr. beginnen lassen würde, so gelange man ebenso ins Jahr 7 n. Chr., merkt Ricciolius auf S. 286 an.
Letztlich konstatiert Ricciolius auf S. 288, dass es in den Quellen sowohl Momente gibt, die fürs Jahr 4 v. Chr. sprechen, als auch Momente, die für 1 n. Chr. sprechen, und auch Momente, die für 7 n. Chr. sprechen. Ricciolius entscheidet sich, wie gesagt, für die goldene Mitte (Inter tres annos mortis Herodis nempe Iulianum 42. 46. & 52. eligimus pro verisimiliori annum 46. non tam ut medium inter extremos, quàm quia illi suffragantur plures characteres Chronologici). Die von Iosephus erwähnte Mondfinsternis sei diejenige am 29. Dezember 1 v. Chr. gewesen (Primò enim evenit Eclipsis Lunae anno 45. Iuliano die 29. Decembris hora 5.½. post meridiem Hierosolymis, ab ea autem usq; ad mortem Herodis defuncti paulo ante Pascha sunt fere 3. menses, tempus utiq; idoneum omnibus illis quae post talem Eclipsim usq; ad mortem Herodis gesta narrat Iosephus. Herodes sei kurz vor dem Passa des Jahres 1 n. Chr. verstorben: Eodemque anno Herodes paulo ante Pascha mense Aprili moritur (ebd., 289).
Magnan: Problema, 131ff. u. 185ff. hatte sich übrigens genötigt gesehen, gegen Ricciolius‘ Ansetzung des Todes des Herodes zu argumentieren.
178 Siehe Mahieu: Rome, 49-444. In der Hauptstadt des Römischen Reiches sei Herodes am 18. November 40 v. Chr. zum König ernannt worden (Wie Mahieu auf den 18. November kommt, siehe unten S. …, Anm. … [in Kap. III. 2. 5.]). Herodes sei im Winter 40/39 v. Chr. nach Palästina zurückgekehrt und die Eroberung Jerusalems sei dann am 13. Adar (Fasten Esther) = 5. März 36 v. Chr. erfolgt, die Hinrichtung des Antigonos noch im selben Monat (Was Mahieu zur Belagerungs- und Eroberungszeit annimmt, siehe unten S. …, Anm. … [in Kap. III. 2. 7.]). Mahieu setzt den Tod des Königs aus mannigfaltigen (aber wenig überzeugenden) Gründen auf den 9. März 1 n. Chr. Die partielle Mondfinsternis am 29. Dezember sei dem Tod vorausgegangen (darin folgt Mahieu ausdrücklich dem Aufsatz Pratts). Nun habe Herodes selbst seine Regierungsjahre vom 18. November 40 v. Chr. an gezählt, einige Juden aber erst vom März 36 v. Chr. an. „Thirty-nine years and about four months separate Herod’s appointment as king on 18 November 40 BC and his death on 9 March 1 AD“, und: „Thirty-six years separate Antigonus’s execution in March 36 BC and Herod’s death on 9 March 1 AD“ (Mahieu: Rome, 350). Das heißt im Klartext: Herodes befand sich nach eigener Rechnung zum Zeitpunkt seines Todes bereits im 40. Regierungsjahr. Für jene anderen Juden stand er im Ende des 36. Jahres. Das passt natürlich nicht zu der von Iosephus überlieferten Gesamtregierungsdauer von 37 bzw. von 34 Jahren. Mahieu behilft sich folgendermaßen: Mahieu: Rome, 349-356 stellt noch einmal fest, dass es in ihrer Chronologie vom Tod des Antigonos im März 36 v. Chr. bis zum Tod des Herodes im März 1 n. Chr. 36 Jahre seien und nicht 34. „The discrepancy may derive from a misinterpretation of source material on the part of Josephus“. „If the 34 years in As[sumptio] Mos[is] 6.6 are to be reckoned from Aristobulus’s death in the spring of 34 BC, then Herods reign endet 34 years later, in the spring of 1 AD, which is consistent with proposed date for Herod’s death, 9 March 1 AD“. Mahieu sieht damit (dass also gar nicht der Tod des Antigonos, sondern der Tod des jungen Aristobulos gemeint gewesen sei) auch die 103 Jahre Herodier-Herrschaft in der alten jüdischen Chronik Seder olam rabba (Kap. 30) aufgeklärt, die also von 34 v. bis 70 n. Chr. gelaufen seien (vgl. schon Rösch). Iosephus habe laut Mahieu die assumptio Mosis benutzt, die Dauer von 34 Jahren darin gefunden, aber ihren Startpunkt missinterpretiert. Iosephus habe darüber hinaus gewusst, dass Herodes bereits drei Jahre vor der Belagerung oder Eroberung Jerusalems in Rom förmlich zum König ernannt worden war, und habe so errechnet, dass die Herodes-Regierung von dieser Ernennung durch die Römer 34+3 = 37 Jahre gedauert haben müsse. Die 37jährige Regierungsdauer sei also erst von Iosephus (re)konstruiert worden.
Die Regierungsanfänge der Söhne des Herodes, wie sie aus Iosephus ungefähr ermittelt werden können, passen scheinbar nicht zu Mahieus Ansatz des Herodes-Todes 1 n. Chr. Mahieu behilft sich, indem sie auf S. 243-288 zugunsten einer von Herodes neu eingerichteten Ära argumentiert, die der König zu Ehren des mit dem pater–patriae-Titel ausgezeichneten Augustus geschaffen und die im März 2 v. Chr. ihren Anfang genommen haben soll. Die Söhne und Nachfolger des Herodes hätten ihre Jahre gar nicht mit ihrem eigenen Regierungsbeginn zu zählen begonnen, sondern hätten einfach die Jahre jener Ära weiter gezählt (Ich lege diese These unten S. … [in. Kap. III. 3. 3.] genauer dar).
179 Siehe zur Herodes-Chronologie Sharon: Judea, 149-162 u. 391-434. Sharon kommt im Zuge seiner Untersuchung zur Datierung der Eroberung Jerusalems durch Sosius und Herodes auch kurz auf das aus den Regierungsdauer-Angaben zu errechnende Ende der Regierung des Herodes zu sprechen. Er stellt neben die Datierungen des Todes durch Schürer, Bernegger, Van Bruggen und Barnes auch den Ansatz Filmers und Steinmanns, um sich „the consensus view“ anzuschließen: Herodes sei entweder nach der Mondfinsternis im März 4 v. Chr. oder der Mondfinsternis im September 5 v. Chr. und vor dem Passa 4 v. Chr. verstorben. Viel ausführlicher und wertvoller sind aber Sharons chronologischen Überlegungen zur Eroberung Jerusalems. Er datiert dieselbe schlussendlich auf den Herbst 37 v. Chr. und meint, dass es gut möglich sei, dass sie tatsächlich auf Jom Kippur gefallen ist (wie Iosephus es hergebe). Bieke Mahieus Datierung derselben Eroberung auf den 5. März 36 v. Chr. lehnt Sharon aus diversen Gründen ab. Zu diesen Angelegenheiten siehe unten S. … [in Kap. III. 2. 7.].
180 Siehe Richardson/Fisher: Herod, 19-30 u. 42. Auch Richardson verweist in Sachen Herodes-Chronologie durchaus auf Mahieus Arbeit von 2012 und berücksichtigt dieselbe auch streckenweise; dennoch möchte er, was den Tod des Königs anbelangt, weiterhin der konventionellen Chronologie folgen und den Tod des Herodes in den späten März 4 v. Chr., kurz nach die Mondfinsternis setzen.
181 Siehe Grabbe: History III, 26-31 u. 451-480. Grabbe setzt sich im dritten Band seiner „History of the Jews and Judaism in the Second Temple Period“ durchaus mit der Datierung des Herodes-Todes auseinander. Die Argumente Filmers, Steinmanns oder Mahieus kennt er, aber sie überzeugen ihn nicht. Grabbe datiert die Ernennung zum König in Rom auf Ende 40 v. Chr. und die Eroberung Jerusalems vorzugsweise in den Sommer 37 v. Chr. Er wendet für die 37 und 34 Regierungsjahre ganz herkömmlich die Inklusivzählung an und landet für den Tod des Herodes kurz vor dem Passa 4 v. Chr. Am interessantesten bei Grabbe ist, dass er, ähnlich wie Daniel R. Schwartz, die Mondfinsternis von der Verbrennung der Gelehrten und damit vom Geschehen kurz vor dem Tod des Herodes abkoppelt (siehe dazu unten S. 119f.). Er gelangt dennoch für den Tod in den Frühling 4 v. Chr. aufgrund der Herrscherchronologie der Herodessöhne sowie aufgrund einer unkritischen Übernahme der Inklusivzählung der Regierungsjahre des Herodes.
182 Siehe De Caro/La Greca/Matricciani: Beginning, 145–168. De Caro, La Greca und Matricciani legen Wert darauf, dass die Vertretung des Hohepriesters Matthias am Versöhnungstag – siehe Ios.: ant. 17, 6, 4 (165-167) und unten S. 168-172 – „should have happened not too long before the eclipse“ (De Caro/La Greca/Matricciani: Beginning, 155). Warum die Autoren das annehmen, wird leider weder aus Iosephus noch aus ihren eigenen Ausführungen klar. Das Intervall zwischen jenem Versöhnungstag und der darauffolgenden Mondfinsternis habe 3 n. Chr. nur 34 Tage betragen; in allen anderen Fällen war es erheblich länger (3 Monate aufwärts). Die drei Autoren wählen sodann den 2. Schebat (= 24. Januar 3 n. Chr.) aus der rabbinischen Tradition als Todestag des Königs, der mehr als zwei Monate vom 8./9. November 2 n. Chr. entfernt ist und so genug Zeit für all die von Iosephus berichteten Ereignisse bietet (während ihnen der 7. Kislev zu nahe an der Finsternis liegt).
Sie argumentieren darüber hinaus gegen das Jahr 4 v. Chr. als Todesjahr vorrangig mit einer schlechten Sichtbarkeit der Mondfinsternis desselben Jahres sowie mit den vielen Ereignissen, die zwischen dieser Finsternis und dem Passa im Jahr 4 v. Chr. niemals unterzubringen seien. Außerdem würden die 37 bzw. 34 Regierungsjahre bei Iosephus ins Jahr 3 oder 2 v. Chr. führen, nicht aber ins Jahr 4 oder 1 v. Chr. Die Probleme der Chronologie der Regierungsjahre des Herodes und seiner Söhne wollen die drei Autoren, Fedalto folgend, sehr innovativ lösen. Nach 37 bzw. 34 Regierungsjahren sei Herodes noch längst nicht verstorben, sondern ab diesem Zeitpunkt hätte er seine Söhne zu Mitregenten eingesetzt, die folglich ihre Regierungsjahre ab dem Jahr 3 v. Chr. begonnen hätten zu zählen. Es lohnt sich die entsprechende Stelle zu zitieren:
„(1) Herod did not die 34 years since Jerusalem’s conquest, or 37 years since he was proclaimed king;
(2) After this time, the period of coregency with his three sons started;
(3) The beginning of coregency did not coincide with Herod’s death; therefore, it must not necessarily have occurred in a year of an eclipse visible from Palestine.
Fedalto has strongly adopted the thesis of coregency for explaining the chronological issues summarized above, although the coregency is not mentioned by Josephus. Supposedly, Herod would have abdicated the throne in favor of his three sons because of health problems, therefore applying the institution of coregency, as some predecessors had done, including Herod’s father (Josephus, BJ I. 209) in his favor (Josephus, BJ I. 625; 631–632; AJ XVII. 2). Josephus would not have mentioned explicitly the period of coregency because it is not clearly stated in his historical sources as it occurred de facto not de jure. Moreover, Strabo (XVI. 2, 46), who unlike Josephus was Herod’s contemporary, explicitly writes that Herod had already assigned parts of his reign to his sons when he was still alive. This represents an important historical trace about the coregency which is missing in Josephus‘ writings“ (De Caro/La Greca/Matricciani: Beginning, 157).
Dazu passe der numismatische Befund: „[…] no coins of the reigns of Herod’s sons indicate a year of reign less than five years. In other words, after Herod’s death, his sons started to mint coins for the first time, although they indicated that their reign was five years old […] The fifth year of coregency would have finished at the end of Adar 3 AD, two and half months before Herod died, and therefore his sons started minting coins with indicating the fifth year of reign“ (De Caro/La Greca/Matricciani: Beginning, 158).
183 Die Werktitel und Stellen, aus denen sich die Angaben in der Tabelle speisen, sind in aller Regel im gerade abgeschlossenen Kapitel (I. 2. 1.) angeben worden. Lediglich in zwei Sonderfällen (W. D. Block und R. L. Conte) habe ich in der Fußnote Referenzen hinzugefügt, da sie oben nicht genannt worden sind.
Gelehrte wie z. B. Th. Mommsen oder A. Schalit haben zwar zum Todesjahr des Herodes keine eigenen Untersuchungen angestellt bzw. keine näheren Überlegungen formuliert, aber da sie als Autoritäten auf nachfolgende Historiker Einfluss hatten, sei ihr Ansatz in der Liste dennoch genannt. Richardson und Fisher habe ich vornehmlich aufgrund der Aktualität ihres Werkes mit in die Liste aufgenommen.
184 Siehe Block: Geburtsjahr, 9-21. 57 u. 61-87.
185 Siehe Conte: Dates, 217-234 u. 341-345.
186 Ich habe die Tabelle allerdings nicht angefertigt, um aus Quantitäten irgendetwas abzuleiten, ebensowenig mit der Absicht, Statistik zu betreiben. Zu solchem eignet sich die Tabelle wegen der letztlich willkürlichen Auswahl der Gelehrten ohnehin nicht. Die Tabelle soll einzig und allein dem Leser meiner Arbeit dazu dienen, zwischendrin bei Bedarf schnell und unkompliziert ersehen zu können, welcher Gelehrte den Tod des Herodes wie datiert hat. Denn die meisten der Genannten werden im Laufe meiner Arbeit mehrfach mit ihren Argumenten zu Teilaspekten oder ihren Antworten zu Teilfragen zu Worte kommen. Sie mittels eines Blickes in die Tabelle im Spektrum der verschiedenen Datierungen des Herodes-Todes einordnen zu können, dürfte manches Mal willkommen und hilfreich sein. Die Tabelle bzw. Auflistung kann also als solche nicht ausgewertet werden und hat demnach als solche auch keine Aussagekraft. Ich habe in ihr lediglich Einzelinformationen gebündelt.
187 Norisius: Epist. ad Antonium Pagium, Sp. 647.
188 Ios.: bell. I 32, 5 (640).
189 Ios.: ant. 17, 5, 7 (132).
190 Ios.: ant. 17, 6, 4 (167).
191 Ios.: ant. 17, 6, 5 (171).
192 Ios.: ant. 17, 6, 5 (174).
193 Ios.: bell. I 33, 6 (659).
194 Ios.: ant. 17, 8, 1 (191).
195 Ios.: ant. 17, 9, 2 (212).
196 Ios.: ant. 17, 9, 5 (228-229).
197 Ios.: ant. 17, 10, 9 (286).
198 Ios.: ant. 17, 11, 1 (300).
199 Ios.: ant. 17, 11, 2 (314).
200 Das Jahr ergibt sich aus Cass. Dio: hist. 54, 25, 1 u. 54, 28, 1. Dio setzt hier die Rückkehr des Agrippa aus Syrien nach Rom ins Konsulatsjahr des Tiberius und des Quinctilius Varus (13 v. Chr.). Augustus selbst war erst im Laufe des Jahres 13 v. Chr. aus Gallien nach Rom zurückgekehrt (laut Kokkinos: Dynasty, 371: „in July“) und verlieh hier dem heimkehrenden Agrippa für weitere fünf Jahre die tribunizische Gewalt. Laut dem weiteren Text des Dio reiste Agrippa bereits zu Anfang des Jahres 12 v. Chr. wieder nach Pannonien ab. Laut dem vorhergehenden Text des Dio hatte sich Agrippa aber im Jahr 14 v. Chr. noch am Schwarzen Meer befunden. Das alles legt eine Datierung der Abreise des Agrippa aus dem Orient im Frühjahr 13 v. Chr. nahe. Kokkinos: Dynasty, 371 meint: „Agrippa returned to Italy in the early summer of that year“ (siehe auch ebd., 372).
201 Siehe Ios.: ant. 16, 3, 3 (86); vgl. ferner Ios.: bell. I 23, 2 (451).
202 Das ist zumindest mein ganz subjektiver Eindruck nach einer Lektüre von Ios.: ant. 16, 3, 3 (86)-17, 8, 1 (191).
203 Syme: Anatolica, 321f. und öfter.
204 Kokkinos: Strabo (Paper by Syme), 28: „Up to now voluminous, his narrative shrinks abruptly after 4 B.C. [bzw.: nach Herodes‘ Tod; denn Syme hält das Jahr 4 v. Chr. für das Todesjahr] Hence the plausible supposition that his principal source, direct or indirect, namely Nicolaus of Damascus, dried up with that year. Whatever the cause, the fact is patent. The Bellum disposes of the dreads of Archelaus’ reign from accession to deportation in a single sentence; and the Antiquities are not so very much more generous“. Vgl. auch Zumpt: Geburtsjahr, 25-27.
205 Möglicherweise ist der von Iosephus genannte Sabinus identisch mit dem Titius Sabinus ritterlichen Standes, welchen Tac.: ann. 4, 68 nennt. Doch selbst unter solcher Annahme bringt uns die Person Sabinus in der Datierungsfrage nicht weiter. W. Weber und John H. Rhoads vermuten hinter jenem Sabinus bei Iosephus niemand anderen als P. Sulpicius Quirinius (siehe Rhoads: Josephus, 82-84). Das ist jedoch verbunden mit einer Reihe von Hypothesen und Spekulationen, wie diverse Quellenvorlagen des Iosephus ausgesehen haben mögen und wie Iosephus dieselben für sein Werk verwertet und dabei mehrere Fehler gemacht hat. Ich spare mir deshalb ein näheres Eingehen auf die These „Sabinus = Quirinius“.
206 Ios.: ant. 17, 9, 5 (229).
207 Siehe Ios.: bell. II 2, 4 (25).
208 Siehe zu diesem kaiserlichen Gerichtshof, vor welchem ja übrigens auch der Apostel Paulus als Mann mit römischem Bürgerrecht seinen Fall verhandelt wissen wollte (siehe Apg. 22, 25-29 u. 25, 10-12), Mommsen: Staatsrecht II/2, 959ff.; siehe zum damit in Zusammenhang stehenden consilium Augusti bzw. consilium principis ebd., 988-992.
209 Siehe Suet.: Aug. 33 und Cass. Dio: hist. 52, 33, 3f.
210 Denn der kaiserliche Gerichtshof hat ja durchaus auch verwaltungsjurisduktionale Angelegenheiten bearbeitet, was es begreiflich machen würde, dass auch der herodianische Nachfolgestreit hier seine angemessene Bühne fand.
211 Siehe Kienast: Kaisertabelle, 73.
212 Siehe Cass. Dio.: hist. 55, 6, 4.
213 Siehe Cass. Dio: hist. 55, 9, 2ff.
214 Aug.: res ges. 14: „Meine Söhne […] Gaius und Lucius Caesar, designierte der Senat und das römische Volk mir zu Ehren in ihrem fünfzehnten Lebensjahr zu Konsuln, mit der Bestimmung, daß sie dieses Amt nach Ablauf von fünf Jahren antreten sollten. Ferner beschloss der Senat, sie sollten von dem Tag an, da sie als Großjährige auf das Forum geleitet würden, den Staatssitzungen (consiliis publicis) beiwohnen können“. Vgl. Cass. Dio: hist. 55, 9, 4 u. 9.
215 Siehe Aug.: res ges. 14 und Cass. Dio: hist. 55, 9, 9 (laut Zonaras). Kienast: Augustus, 131 schreibt dazu: „Den Ehrentitel der principes iuventutis hat Augustus offenbar eigens für seine Adoptivsöhne geschaffen. Da sich für Augustus längst die Bezeichnung princeps eingebürgert hatte, mußten die principes iuventutis als seine designierten Nachfolger gelten“.
216 Siehe Cass. Dio: hist. 55, 10, 6; vgl. Kienast: Kaisertabelle, 74.
217 Gaius und Lucius wurden in gleichem Maße von Augustus zu seinen Nachfolgern stilisiert, in welchem die römische/italische Öffentlichkeit sowie auch die reichsweite Öffentlichkeit, also die Provinzen, die beiden als solche gern forcierten; siehe z. B. CIL Bd. XI/1, Nr. 1420 u. Nr. 1421 (S. 276-279). Dass diese Nachfolgepropaganda sich nicht nur in entsprechenden Gesten bei Staatsakten äußerte, sondern auch auf Münzen zu finden und in der Kunst sowie ansatzweise an der Architektur abzulesen war, arbeitet z. B. Mlasowsky: Sukkzessionspropaganda, 282-308 heraus.
218 Siehe Suet.: Aug. 26 (und ferner Vell.: hist. II 99, 2).
219 So sagt es Aug.: res ges. 14. Aus dem später schreibenden Cass. Dio: hist. 55, 9, 4 könnte man freilich zu der Meinung gelangen, dass Gaius das Recht, den Senatsberatungen in der Kurie beizuwohnen, bereits ein Jahr früher, 6 v. Chr., besaß. Man wird die Stelle aber wie Bringmann: Augustus, 130 verstehen müssen: „Im Jahre 6 wählte das Volk dann den C. Caesar, der noch nicht einmal sein 14. Lebensjahr vollendet hatte, zum Consul. Augustus wies diese Ehre [vor dem 20. Lebensjahr des Gaius] zwar zurück, gestattete aber immerhin, daß man den C. Caesar zum pontifex machte und ihm das Recht verlieh, nach dem Empfang der toga virilis den Senatsverhandlungen beizuwohnen“.
220 Gut begründet z. B. Norisius: Cenotaphia Pisana, 112ff. diese Meinung (Vgl. ders.: Epist. Ad Antonium Pagium, Sp. 648). Auch Kokkinos: Dynasty, 373 hegt die Ansicht, dass die Volljährigkeitsfeier des Gaius schon zu Anfang des Jahres 5 v. Chr. oder wenigstens sehr früh in diesem Jahr stattgefunden haben muss.
221 Siehe CIL I/1 S. 29. Vgl. Mommsen: Staatsrecht II/1, 84, Anm,. 4, wo als Quelle noch „Ephem. Epigraph. 3, p. 11“ genannt wird.
222 Vgl. den ähnlichen Fall im Jahre 23 v. Chr. bei Cass. Dio: hist. 53, 32, 3f.
223 Denn für die Zeit des 2. Triumvirats, genauer für die Jahre 38-32 v. Chr., sind neben dem 1. Juli durchaus auch andere Daten der Ablösung der eponymen Konsuln durch die Suffektkonsuln bekannt. Laut Suet.: Aug. 26 behielt Augustus sein Konsulamt mal neun, mal sechs und auch mal nur vier oder drei Monate lang.
224 Siehe Aug.: res ges. 15; vgl. Cass. Dio: hist. 55, 10 , 1 (nach Xiphilinos).
225 Den Zusammenhang von jenen beiden Geldspenden und den Volljährigkeitsfeiern seiner beiden Adoptivsöhne sehen z. B. Norisius: Cenotaphia Pisana, 154; Kienast: Augustus, 131; Bringmann: Augustus, 225 oder Bleicken: Augustus, 638 ebenso.
226 Siehe zur Zählung der Jahre nach der tribunizischen Gewalt in Band I/2, … [Kap. III. 11. 1.] und Kienast: Kaisertabelle, 30ff. u. 66.
227 Siehe Aug.: Schriften, 88f.
228 Aug.: Schriften, 89 (Kommentar der Hrsg.). Vgl. Kienast: Augustus, 130, Anm. 170.
229 Als Beispiel sei nur Petavius: De doctrina temporum II (Ausgabe: Antwerpen 1703), 370 (lib. 13) genannt.
230 Als Beispiele seien nur genannt: Zumpt: Geburtsjahr, 32; Schürer: History I, 259 oder Gardthausen im Artikel „Iulius“ (Nr. 134) in Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaften („in der ersten Hälfte des J. 753“).
231 Als Beispiel sei nur Mahieu: Rome, 310-317 genannt.
232 Velleius begleitete den Gaius in Syrien (siehe Vell.: hist. II 101, 2). Über die Entwicklung bei den Parthern und Armeniern dürfte er bestens informiert gewesen sein. Er schrieb sein Geschichtswerk um 30 n. Chr. nieder, was aus Vell.: hist. II 100, 2 u. 103, 3 hervorgeht.
233 Vell.: hist. II 100, 1.
234 Die Quellen zum römisch-parthischen Krieg 40-38 v. Chr. sind in Band I/2, Kap. I. 3. 8. angegeben; vgl. unten S. … [in Kap. III. 2. 4.].
235 Die Quellen zum Partherfeldzug des Antonius im Jahre 36 v. Chr. sind wieder in Band I/2, Kap. I. 3. 8. „Die Datierung des Todes des Antigonos“ angegeben; vgl. unten S. … [in Kap. III. 2. 8.].
236 Siehe zum Wirken des Tiberius in Armenien Vell.: hist. II 94, 4; Aug.: res ges. 27; Cass. Dio: hist. 54, 9, 4f.; Suet.: Tib. 9; vgl. Suet.: Aug. 21.
237 Es mag auch sein, dass 2 v. Chr. die Bedrohung durch die Parther weniger akut und der parthische Übermut weniger real waren, als es die augusteische Propaganda darstellte. Ovidius: ars amatoria I 174ff. spricht als Zeitzeuge von der Sendung des jungen Gaius; und er spricht gewissermaßen von dem Vorhaben eines Eroberungskrieges im Osten (Ecce, parat Caesar domito quod defuit orbi addere: nunc, oriens ultime, noster eris). Mag also sein, dass die Gefahr durch die Parther an die Wand gemalt wurde, um eine Rechtfertigung für einen Krieg und eine Verschiebung der Ostgrenze des Römischen Reiches zu erhalten (Gaius hätte in solchem Fall das Vorhaben in den folgenden Jahren freilich nicht in die Tat umgesetzt, sondern lediglich einen Friedensvertrag mit den Parthern ausgehandelt). Falls diese Deutung den historischen Tatsachen entspräche, würde es sich zumindest besser erklären, dass sich Gaius vor seiner Ankunft an der Ostgrenze die Zeit nehmen konnte, andere Provinzen wie Ägypten oder das nabatäische Arabien zu bereisen (siehe dazu weiter unten).
238 Vgl. Cass. Dio: hist. 55, 10, 18.
239 Cass. Dio: hist. 55, 10, 17 (nach dem Excerptum Valesianum).
240 Siehe zum feststehenden Jahr Vell.: hist. II 100, 2 (vgl. Aug.: res ges. 22 und Cass. Dio: hist. 55, 10, 2-6). Das Tagesdatum ist freilich umstritten: Den 12. Mai nennen Ovidius: fasti V 545ff., der Festkalender von Cumae (feriale Cumanum) sowie die fasti Maffeiani und einige andere Kalenderfasten (siehe Ehrenberg/Jones: Documents, 48; Simpson: Date, 91, Anm. 4 und Riedl: Mars Ultor, 76ff.); den 1. August nennt nurCass. Dio: hist. 60, 5, 3. Literatur zur Diskussion über das historisch zutreffende Datum findet man in Simpson: Shrine, 116, Anm. 1, in Kienast: Augustus, 133, Anm. 178 und Cameron: Target Fixation, 28, Anm. 138 angegeben.
241 Siehe z. B. auch Cass. Dio: hist. 51, 22, 4ff. oder 54, 26, 1.
242 Siehe zu den 2 v. Chr. begangenen ludi Martiales Cass. Dio: hist. 55, 10, 6-9; Aug.: res ges. 22f.; Suet.: Aug. 29 u. 43; Vell.: hist. II 100, 2.
243 Der dazwischen liegende Winter 2/1 v. Chr. kommt m. E. weniger infrage, zumindest nicht als alleiniger Zeitraum für den Aufenthalt. Denn im Winter, als das Heer in der Regel in seinen Winterquartieren lagerte, ließ sich das Befehligen nicht gerade umfassend erlernen, und gefährliche Unternehmen, von denen Dio spricht, wurden zu dieser Jahreszeit in der Regel wohl eher nicht planmäßig durchgeführt. Dass die Reise an die Donau wiederum spätestens im Frühling 1 v. Chr. angetreten worden sein dürfte, erhellt sich aus der Überlegung, dass Gaius die dortige Ausbildung wenigstens ein paar Wochen oder gar ein paar Monate genossen haben wird, sowie aus den Umständen, dass er der Stadt Rom zwecks Heirat wenigstens noch einen kurzen Besuch abstattete (siehe unten), bevor er sich dann spätestens irgendwann ab 1 v./1 n. Chr. in den ferneren östlichen Provinzen des Reiches aufgehalten haben muss.
244 Cass. Dio: hist. 55, 10, 18f. sagt: „In seiner Zwangslage wählte er gleichwohl den Gaius, gab ihm das imperium proconsulare und eine Ehefrau – damit er dadurch ein höheres Ansehen besitze – und stellte ihm Ratgeber an die Seite. So zog denn Gaius ins Feld und wurde als Enkel des Kaisers oder gar als dessen Sohn betrachtet, von allen Seiten ehrenvoll aufgenommen. Sogar Tiberius begab sich nach Chios, um ihm seine Aufwartung zu machen […]“; vgl. zur Heirat Tac.: ann. 4, 40.
245 Siehe Suet.: Tib. 12, 3; Vell.: hist. II 102 und Plin.: hist. nat. 9, 118.
246 Siehe Vell.: hist. II 102 und dazu Zumpt: Geburtsjahr, 63ff.
247 Siehe Tac.: ann. 3, 48. Dessau: Inschriften, 256 spricht vom Prinzen Gaius, „unter dessen Begleitern Quirinius von Anfang an eine hervorragende, zuletzt die erste Stelle einnahm“; und ebd., Anm. 1 erklärt er dazu: „Seit dem Sturze des Lollius, also seit dem Jahre 1 n. Chr. Es ist nicht nötig, anzunehmen und nicht gerade wahrscheinlich, daß Quirinius erst damals zu Gaius gestoßen ist; er muß jedenfalls nach Asien gekommen sein, als Tiberius noch in Rhodos war, also spätestens im Jahre 2 n. Chr.“. Siehe zu dieser Frage auch Groag: Art. „P. Sulpicius Quirinius“, Sp. 836f.
248 Das beurteilen ernstzunehmende Kenner der Materie durchaus anders als ich (siehe z. B. Bleicken: Augustus, 642). Dies sowie die Tatsache, dass auch Barnes: Date, 208 auf der Suche nach dem Todesjahr des Herodes explizit davon ausgeht, dass Gaius von der Donau direkt in den Orient aufbrach, veranlasst mich zu einer näheren Erklärung: Uns Heutigen begegnen in Dios Werk für die Geschichte der Jahre um die Zeitenwende leider einige Lücken, aufgrund derer uns auch einige Informationen zu den Geschehnissen der Jahre 2-1 v. Chr. verloren gegangen sind. Erhalten sind allerdings Dios Nachrichten, dass Augustus, nachdem Armenier und Parther vom Bündnis mit Rom abgefallen waren, den Gaius erwählte, diesen Völkern entgegenzutreten, und dass er Gaius hierfür mit einem imperium proconsulare und einer Ehefrau ausstattete, ehe sein Enkel endlich in den Osten aufbrach (siehe Cass. Dio: hist. 55, 10, 18f.). Aus dem weiteren Dio-Text, soweit er sich aus Xiphilinos und Zonaras rekonstruieren lässt, ergibt sich, dass die Ägäis eine der ersten Stationen des Gaius auf seinem Zug nach Syrien war (siehe Cass. Dio: hist. 55, 10, 19). Zwischen den solches berichtenden Zeilen des Dio kann die Nachricht über den Donau-Aufenthalt des Gaius m. E. nicht gestanden haben, schon gar nicht hiernach. Folglich hat Dio von der Ausbildung an der Donau hiervor berichtet. Falls nun Dios relative Chronologie der Ereignisse mit der tatsächlichen historischen Ereignisfolge übereinstimmt – wogegen nichts spricht –, so ergibt sich in meinen Augen recht eindeutig, dass die zu Rom gefeierte Hochzeit des Gaius nicht der Reise an die Donau unmittelbar vorausging, sondern der Reise in den Orient, dass also zwischen dem Donau-Aufenthalt und der Abreise in den Orient ein Rom-Aufenthalt und die Hochzeit des Gaius zu verorten sind. Vgl. die Einschätzung in Cameron: Target Fixation, 28: „It seems that Gaius was present in Rome at least until August, 2 BC and then was sent to take command of the legions on the Danube; he would have been recalled to Rome in early 1 BC and, following his wedding, sent east, making his way to Syria where he would take up his consulship on January 1, 1 AD (Dio Cassius, Roman History 55.10.17-19)“. Vgl. auch Mahieu: Rome, 313: „Yet Dio Cassius mentions the journey to the Danube region before mentioning Gaius’s departure for the East“. Templeman: Death, 54 begreift die Chronologie des Cassius Dio ebenso: „Caius Caesar returned to Rome briefly [nach seinem Aufenthalt an der Donau] and was married there (Dio, RH Iv: 10:18)“.
Dennoch könnten der Aufenthalt an der Donau und die Reise in den Orient in anderer Hinsicht eng miteinander zusammengehangen haben. Es ist nämlich denkbar, dass Gaius das Befehligen an der Donau bei eben denselben Legionen erlernte, die ihm anschließend auch in den Orient vorausgeschickt wurden, um unter seinem Oberkommando gegen Armenier und Parther einzuschreiten, sobald Gaius am Euphrat angekommen sein würde. Ronald Syme, ein ausgemachter Kenner der Verhältnisse, schreibt: „Most evident and most instructive, now [zur Zeit des Augustus] and later, is the reciprocity between the eastern and the Balkan armies“ (Syme: Anatolica, 246); und er vermutet, dass auch die Armeniergefahr kurz vor der Zeitenwende eine Verschiebung von Truppen der Balkan-Armee an die Grenzen Armeniens – „in the north, apart from the Syrian legions“ (Syme: Anatolica, 322) – veranlasst hat. Siehe Syme: Anatolica, 247 u. 321f. Syme gibt allerdings leider nicht an, aus welchen Quellen oder Zusammenhängen er die Information schöpft, dass die Balkan-Armeen zur Zeit des Augustus bei Bedarf in den Osten verschoben wurden. Er dürfte sich auf Tac.: ann. 4, 5 beziehen (vgl. Martin: Star, chapter 10: „The Roman historian Tacitus said that the strategic reserves of the Roman armed forces were located in Dalmatia. Two extra legions were stationed in that area specifically for deployment purposes in times of national emergency. These were special troops that were trained to speed to areas of need“). Dort sagt Tacitus allerdings nur, dass die beiden in Dalmatia stationierten Donau-Armeen, die nach Bedarf hin- und hergezogen werden konnten, erstens zur Zeit des Kaisers Tiberius diesen Status besaßen und zweitens für die Sicherheit des Balkans und Italiens gedacht waren. Außerdem ist zu bedenken, dass nach Vell.: hist. II 100, 1 ab 2 v. Chr. auch die Germanen sich wieder gegen die Römer empörten und dass unter diesen Umständen ein Abzug der Donau-Legionen an den Euphrat wiederum fraglich erscheinen mag. Trotzdem vermutet z. B. Martin: Star, chapter 10: „Since the Danube legions were his direct responsibility, he [Gaius] no doubt mustered some of the reserve forces located in that region and promptly hastened them toward Syria […] It is very possible that one of the reserve legions was sent at Gaius’ behest to buttress the three Syrian legions normally stationed in the area“.
249 Cameron: Target Fixation, 27f., Anm. 137 sagt dazu: „F. E. Romer, (‚A Numismatic Date for the Departure of C. Caesar?‘, Transactions of the American Philological Association 108 (1978), p. 187-202) argues that a numismatic depiction of Gaius on horseback with military standards in the background was produced in commemoration of the placing of military standings within the temple of Mars Ultor, and that the Ludi Martiales on May 12 marked both the dedication of the temple and the official departure of Gaius for the East. However, John Pollini (The Meaning and Date of the Reverse Type of Gaius Caesar on Horseback, AMSMN 30 (1985), p. 113-117), convincingly refutes Romer’s date for the coin, and therefore the scenario for its minting as well“. Ich habe den Aufsatz Romers nicht eingesehen, aber Kokkinos: Titulus Tiburtinus, 47 z. B. ist ihm gefolgt.
250 Siehe Herz, Peter: Der Aufbruch des Gaius Caesar in den Osten, in: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik, Bd. 39 (1980), 285-290. Die Inschrift (AE 1980, 214 = AE 1999, 28) wird seitdem folgendermaßen ergänzt: Feriae ex [s(enatus) c(onsulto) quod eo die] ab Imp(eratore) Caes[are Augusto pont(ifice)] / maxi[mo C(aius) Caesar princ(eps) iuvent(utis) ad provincias trans]/ marina[s ordinand(as) missus est —]; die Ergänzung steht hierbei in eckigen Klammern (Solches, was man schon in der Antike nicht ausschrieb, um abzukürzen, steht in runden Klammern).
251 Vgl. Mahieu: Rome, 312, Anm. 124: „However, the interpretation is too hypothetical: the passage mentions neither a year, nor a reference to Gaius, nor a motive for the celebration“. Eine andere Meinung zur Passage als die von Herz lautet: „La date habituelle du 29 janvier, attestée par un fragment des Fastes de Préneste, est à lier au départ de Tibère le 29 janvier -22 pour l’Orient (afin de récupérer les enseignes romaines prises par les Parthes) et non au départ de Caius César“ (Gertoux: Datation), und: „This reconstruction [diejenige von Herz] is erroneous because the inscription begins by MAR[-] not by MAXI[-]. In addition, the expression provincias transmarinas is unknown at this time. This very particular expression is always written transmarinas provincias. Thus, Spannagel conjectures the following reconstruction (assuming it meant the departure of Tiberius to the East in 22 BCE): MAR[CELLO ET ARRUNTIO CON(N)S(ULIBUS) AD TRANS]“ (Gertoux: Herod the Great, 44). Als Referenz gibt Gertoux an: Spannagel, P.: Exemplaria principis. Untersuchungen zu Entstehung und Ausstattung des Augustusforums, Heidelberg 1999, S. 26.
252 Statt den Winter könnte ich mir eigentlich besser den Frühjahrsbeginn 1 v. Chr. vorstellen. Den Winter 2/1 v. Chr. (und damit auch den 29. Januar) möchte ich zumindest nicht bevorzugen. Denn Gaius hatte keine allzu große Eile, an den Euphrat zu gelangen. Das ist ersichtlich aus mehreren Besuchen, die er auf seiner Reise dorthin in verschiedenen Ländern machte. Wenn keine Eile bestand, so setzte man einen Prinzen nicht der Gefahr der winterlichen Seefahrt aus. Nicht nur solch eine Strecke wie die nach Ägypten über das offene Mittelmeer, sondern auch die Überfahrt von Brundusium nach Makedonien oder Griechenland und die Fahrt von dort durch die Ägäis an die Küste Kleinasiens waren im Winter durchaus nicht ungefährlich. Eigentlich sollte die zu erwartende Witterung auf dem Mittelmeer dem Stab des Gaius verboten haben, eine Abfahrt nach Alexandria vor Ende Februar oder eine Ankunft in Alexandria nach Anfang November zu planen. Natürlich gab es damals immer wieder Situationen, in denen es so eilig oder sonst nötig war, dass auch hohe Persönlichkeiten im Winter in See stachen (siehe z. B. unten S. … Anm. … [in Kap. III. 2. 5. „Die Flucht des Herodes …“]); aber wie gesagt, ist eine Eile oder Not im Falle des Kaiserenkels Gaius nirgends aus den Quellen herauszulesen.
253 Siehe z. B. Cass. Dio: hist. 54, 7, 2; vgl. Plut.: regum et imperatorum apophthegmata, Caesar Aug. 13 (207E).
254 Siehe den Text der Inschrift in Ehrenberg/Jones: Documents, 68 (Nr. 64); vgl. Syme: Anatolica, 321, Anm. 29.
255 Siehe Cass. Dio: hist. 55, 10, 19 u. Suet.: Tib. 12.
256 Es ist offenbar auch ein Aufenthalt in der Landschaft Troas im nordwestlichen Kleinasien inschriftlich bezeugt. Mahieu: Rome, 313 mit Anm. 133 nennt die Inschrift „IGR IV no. 205 = IGSK 3 no. 87“.
257 Vell.: hist. II 101, 1 sagt sehr allgemein, Gaius habe, bevor er nach Syrien ging, „die anderen Provinzen bereist und inspiziert“. Insgeheim mag auch die Neugier des jungen Gaius, etwa die Pyramiden und andere Kulturdenkmäler der Ägypter zu besichtigen, mit ein Grund für seine Reise in dieses Land gewesen sein – in ähnlicher Weise wie Tac.: ann. 2, 59 sagt: „Unter dem Konsulat des M. Silanus und des L. Norbanus [19 n. Chr.] reiste Germanicus nach Ägypten, um die Altertümer des Landes kennen zu lernen; doch wurde die Sorge für die Provinz vorgegeben“.
258 Oros.: hist. adv. pagan., VII 3, 4f.: Gaium nepotem suum Caesar Augustus ad ordinandas Aegypti Syriaeque provincias misit, qui praeteriens ab Aegypto fines Palaestinae, apud Hierosolymam in templo Dei tunc sancto et celebri adorare contempsit, sicut Suetonius Tranquillus refert. Quod Augustus ubi per eum conperit, pravo usus iudicio prudenter fecisse laudavit. Die Glaubwürdigkeit des Orosius in diesem Punkte wird freilich von einigen angezweifelt (siehe dazu Mahieu: Rome 314 mit Anm. 144). Ich sehe allerdings keine Veranlassung, die explizite Aussage der Quelle, die durch keine andere Quelle zweifelhaft gemacht wird, zu verwerfen.
259 Siehe Cass. Dio: hist. 55, 10, 18 u. Tac.: ann. 2, 4; Plut.: regum et imperatorum apophthegmata, Caesar Augustus 10 (207E); vgl. Vell.: hist. II 100, 1. Vgl. auch Dąbrowa: Governors, 203: „The main idea behind this plan was to achieve a lasting and beneficial solution to the Armenian question and to settle relations with the Parthians; at the same time it was to raise Gaius Caesar’s prestige“.
260 Plin.: nat. hist. 6, 141; siehe auch Plin.: nat. hist. 12, 55 u. 32, 10 (Iuba in iis voluminibus quae scripsit ad C. Caesarem Augusti filium de Arabia […]).
261 Siehe Plin.: nat. hist. 32, 10.
262 Siehe Plin.: nat. hist. 2, 168.
263 Dieser Ansicht ist auch Kienast: Augustus, 335, der sagt, Gaius habe „1 v. Chr. eine Arabienexpedition unternommen, die ihn zumindest bis in den Golf von Akaba geführt“ habe.
264 Plin.: nat. hist. 6, 144, der ja nach eigenen Angaben aus dem Werk Iubas geschöpft hat, gibt an: „Sie [die Stadt Petra] ist von der Stadt Gaza an unserer Küste 600, vom Persischen Meerbusen 135 (Meilen) entfernt. Hier treffen zwei Straßen zusammen, eine für die welche aus Syrien nach Palmyra unterwegs gewesen, und eine für die, welche aus Gaza gekommen sind“. Negev: Nabateans, 558 sagt hierzu: „The distance from Petra to Gaza is incorrect, unless the road running down from Petra to Aila and then north-westwards to Gaza is meant. Such a detour is highly improbable, unless Plinius or his source measured the distance without knowing how the road really ran“.
265 Siehe z. B. die Meilenstein-Inschrift CIL III Supplementum 2, Nr. 14149, 21 (S. 2306) (= ILS 5834). Der Text wird auch in Hackl u. a.: Quellen, 218f. (N.014.01) geboten.
266 Was nun die Tatsache anbelangt, dass Juba offensichtlich nur über den arabischen Teil der sehr viel größer angelegten Orientreise des Augustusenkels schrieb, so lässt sich vielleicht vermuten, dass ein Expeditionskorps, dem Juba angehörte, vom Königsweg auf die berühmte Weihrauchstraße abbog, um ein Stück weit ins Innere Arabiens vorzudringen, während Gaius mit seinen Militärs dem Königsweg in den Norden folgte, um seine Aufgaben in Armenien wahrzunehmen. So konnte Juba in seinem Werk ganz von den Erlebnissen in Arabien handeln, während Gaius sich im Norden mit anderen Völkern herumzuschlagen hatte. Somit kann Plinius das ganze Unternehmen – eben Juba folgend – auch einen Araber- und nicht einen Armenierfeldzug nennen (denn die Armenier hat Plinius definitiv nicht unter die Araber gerechnet; siehe Plin.: nat. hist. 6, 24ff.). Gaius selbst scheint jedenfalls nicht tiefer nach Arabien vorgedrungen. Plinius lässt nämlich verlauten, dass Aelius Gallus (in den Jahren 26-24 v. Chr. kaiserlicher Präfekt in Ägypten – siehe dazu unten S. … [in Kap. III. 2. 12.]) der einzige gewesen sei, der römische Waffen nach Arabien getragen habe (die Arabien-Expedition des Aelius Gallus findet sich recht ausführlich beschrieben bei Strab.: geogr. 16, 4, 22ff.; siehe auch Cass. Dio: hist. 53, 29, 3ff. und Ios.: ant. 15, 9, 3), „denn“, so argumentiert Plinius, „Gaius Caesar, der Sohn des Augustus, hat Arabia nur aus der Ferne gesehen (nam Caesar Augusti filius prospexit tantum Arabiam)“ (Plin.: hist. nat. 6, 160). Das geographische Arabien – gelegen zwischen dem Roten Meer und dem Persischen Golf, wie Plinius selbst näher bestimmt (siehe Plin.: nat. hist. 6, 143; vgl. ebd. 6, 108) – hat Gaius nicht betreten, während sich Gallus immerhin bis nach Leuke Kome an der südlichsten Spitze des Nabatäerreiches und von dort aus noch ein gutes Stück ins Landesinnere vorgearbeitet hat.
Eine zweite Möglichkeit, warum Juba nur von dem Zug durch Arabien, offenbar aber nichts von Armeniern und Parthern zu berichten weiß, ist natürlich, dass er den Gaius nur in Arabien begleitet hat und wieder in die Heimat verschwand. Jedoch vermute ich, dass Juba um 2 oder 3 n. Chr. wieder zu Gaius stieß, der inzwischen gegen die Armenier gezogen war und mit den Parthern verhandelt hatte. Denn es ist doch sehr naheliegend, dass Juba im Gefolge des Gaius seine Gattin Glaphyra, die kappadokische Prinzessin, kennengelernt hat (Schürer: History I, 355, Anm. 7 gibt als Quelle Fragm. Hist. Graec. III, 465-484 an, wo genau das ausgesagt zu sein scheint. Laut Templeman: Death, 54 setzt Duane W. Roller die Heirat in ihrer Untersuchung „The World of Juba II and Kleopatra Selene“ von 2003 jedoch irgendwann in die Zeit 1 v. bis 2 n. Chr.). Außerdem, soweit wir es aus Plinius zu ermitteln vermögen, scheint Juba bestrebt gewesen zu sein, in seinem Werk das gesamte Arabien zu beschreiben. Es ist darum gut vorstellbar, dass Juba etwas mehr von Arabien gesehen und erfahren hat als Gaius.
Juba selbst müsste gemäß Iosephus spätestens etwa 5 n. Chr. gestorben sein, da nach ihm der Ethnarch Archelaos die Glaphyra heiratete, die nach Jubas Tod als Witwe bei ihrem Vater, dem König von Kappadokien, gelebt hatte. Siehe dazu Ios.: ant. 17, 13, 4 (349ff.). Nun ist es allerdings so, dass Juba wohl gemäß den Münzen mindestens noch bis ins Jahr 23 n. Chr. gelebt haben muss, so dass entgegen der Meinung des Iosephus die Ehe mit Glaphyra noch zu Lebzeiten Jubas aufgelöst worden sein muss. Siehe dazu Schürer: History I, 354f., Anm. 7 u. 8.
267 Das ergibt sich aus einem in Suet.: Aug. 93 überlieferten Lob des Augustus an Gaius, welches weiter unten noch näher zu beleuchten sein wird.
268 Die entsprechenden Quellen dazu sind Vell.: hist. II 101, 1ff.; Aug.: res. ges. 27; Tac.: ann. 2, 3f. und Cass. Dio: hist. 55, 10, 21.
269 Cass. Dio: hist. 55, 10a, 4.
270 Syme: Anatolica, 326.
271 Mahieu: Rome, 314 geht von einer Dauer von nur einem Monat für die Reise von Rom nach Syrien aus, da sie einen Besuch des Gaius in Ägypten ausschließt und das Bereisen des nördlichen Arabiens erst nach der Ankunft des Kaiserenkels in Syrien und Antiochien ansetzt. Siehe insgesamt dazu Mahieu: Rome, 310-324.
272 Siehe den Wortlaut dieses Briefes, der von Gellius überliefert ist, in Aug.: Schriften, 45f. Geburtstag und -jahr sowie Lebensalter des Augustus lassen sich genau rekonstruieren, aus Quellen wie Suet.: Aug. 5 u. 100; Cass. Dio: hist. 56, 30, 5; Vell.: hist. II 65, 2 u. II 123, 2; Plut.: Cicero 44; Tac.: ann. 1, 5. Daher ist die im Brief genannte 64. Wiederkehr seines Geburtstages bzw. die Beendigung seines 63. Lebensjahres am 23. September mit Sicherheit ins Jahr 1 n. Chr. zu setzen.
273 Siehe Mahieu: Rome, 310-317.
274 Siehe Cass. Dio: hist. 55, 10a, 4f.
275 Vage Spekulationen auf Grundlage einer Stelle bei Ioannes Malalas, dass Gaius im Mai 1 n. Chr. in Syrien eingetroffen sein könnte, stelle ich an in Band I/2, … [Kap. III. 8. 4. „aera Antiochena“ i.d. Anm.] an.
276 Vgl. Barnes: Date, 208: „Although temporal indications are completely lacking for Gaius‘ movements between his being in Rome in 2 B.C. and his presence in Syria in A.D. 1, the time needed for the operations on the Danube and in Arabia requires him to have left Rome in early spring 1 B.C. at the very lates“. In diesem Punkte liegt meine Einschätzung nicht allzu weit von der Einschätzung Barnes‘ entfernt. Allerdings hält Barnes das Frühjahr 1 v. Chr. für den spätestmöglichen Zeitpunkt, während ich es für den wahrscheinlichen halte.
277 Diejenigen, die den Tod des jüdischen Königs vor das Passa 1 v. Chr. setzen, müssen die Abreise zwangsläufig mindestens in den frühen Sommer desselben Jahres setzen (oder noch später). Templeman: Death, 54 z. B. vermutet den Aufbruch in den Osten „sometime in ca late June of 1 BCE“.
278 Ios.: bell. II 2, 4 (25). Es empfiehlt sich zur besseren Orientierung, das Zitat im Zusammenhang mit Ios.: ant. 17, 9, 3 (219)-17, 9, 7 (249) zu lesen.
279 Ich nenne als Beispiele nur Barnes: Date, 207f. und Kokkinos: Dynasty, 373, welcher übersetzt: „for the first time“ und ausführt: „It is absolutely incredible that this young man, who was virtually heaped with honours from the first day he became princeps iuventutis, was not offered this predetermined privilege [Teilnahme am consilium] by his adopted father in the whole of 5 BCE, but only in 4 BCE (or even in 3)!“.
280 Die Skepsis in Mahieu: Rome, 315 ist m. E. völlig unbegründet. Mahieu schreibt ebd.: „But it is unlikely that Gaius was offered a seat by Augustus only one year after 5 BC, the year he entered political life. Thus the translation ‚for the first time‘ does not match with the year 4 BC. And nor does the translation ‚first place‘ make sense because there is no reason why Gaius would have sat on the first place when being a mere consul designatus and princeps iuventutis“. Mahieu ist der Meinung, dass der Ehrenplatz für Gaius erst 1 n. Chr. Sinn macht, als dieser Konsul war. Ich halte dagegen: Augustus baute Gaius als seinen Nachfolger auf. Sobald der „Prinz“ Gaius als Volljähriger ins öffentliche Leben trat, kann Augustus ihn in seinem consilium etabliert haben. Dass Gaius dort den ersten Platz nach Augustus erhielt, ist gemessen an seinem dynastischen Rang beinah obligatorisch.
281 Siehe Martin: Star, Appendix 2 („The Question of Gaius Caesar“).
282 Barnes: Date, 207, Anm. 6 u. 7 nennt etwas neuere Literatur, in welcher die Sache ebenso eingeschätzt wird.
283 Ios.: ant. 17, 9, 5 (229). Vgl. auch ant. 15, 2, 4 (21), wo Herodes dem Hyrkanos den ersten = vornehmsten Platz bei Versammlungen zugestand: auvto.n e;n toi/j sullo,goij to.n prw/ton e;neme to,pon. Vgl. ferner ant. 15, 11, 6 (421): „[…] o`´ lao.j […] kai. tou/ ta,couj prw/ton me.n tw|/ääööüü Qew/| ta.j euvcaristhri,ouj evpoiou/nto“§( meta. de. kai. th/j proqumi,aj tou/ basile,wj […]“; „and presently they returned thanks, in the first place (prw/ton), to God; and in the next place, for the readiness the king had showed“ (Übersetzung Whistons).
284 Schuol: Augustus, 153.
285 Das sei auch betont gegen das auf den ersten Blick brillante und überzeugend vorgetragene Argument in Norisius: Cenotaphia Pisana, 161f., dass 2 v. Chr. nicht Gaius, sondern dessen in demselben Jahr zur Volljährigkeit gelangender Bruder Lucius den Ehrensitz im kaiserlichen consilium erhalten hätte.
286 Es brauchen hier nicht alle Stellen angeführt werden, in denen der syrische Statthalter Varus genannt wird, aber siehe z. B. für die Zeit des Gerichtsprozesses gegen Antipatros Ios.: bell. I 31, 5 (617) und für die Zeit der jüdischen Aufstände, die nach dem Tod des Herodes ausbrachen und niedergeschlagen wurden, Ios.: bell. II 5, 3 (79). Dass es der syrische Statthalter Varus war, der die Aufstände nach dem Tod des Herodes gewaltsam in den Griff bekam, bestätigt unabhängig von Iosephus auch Tac.: hist. V 9, 2.
287 Siehe Ios.: ant. 17, 5, 2 (89). Die Wichtigkeit dieser Mitteilung des Iosephus für die Rekonstruktion der Statthalterliste betont Kellner: Jesus, 124f.
288 Zur Datierung der Amtszeit des M. Titius in Syrien siehe unten S. …[in Kap. III. 1. 1. „Das 34. Jahr …“]. Dass Titius der unmittelbare Vorgänger des Saturninus in Syrien war, legt die Schilderung des Iosephus zumindest nahe (vgl. Bleckmann: Statthalterschaft, 107 und Kellner: Jesus, 122).
289 Siehe zur Datierung der Amtszeit des Saturninus zwischen die Statthalterschaften des Titius und des Varus Groag: Art. „C. Sentius Saturninus“, Sp. 1519f. oder Schürer: History I, 257. Kellner: Jesus, 122 sagt: Saturninus „war, da wir die Antrittszeit seines Nachfolgers genau kennen, im Amte bis Frühjahr 748 u. c.“. Saturninus‘ Amtszeit in Syrien wird zumeist auf ca. 9-6 v. Chr. datiert. Kokkinos: Dynasty, 374f. datiert sie auf den Zeitraum von Mitte 12 bis 8/7 v. Chr.
290 Siehe Ios.: ant. 16, 9, 1-16, 10, 9 (271-355).
291 Siehe Ios.: ant. 16, 11, 1 (356)-17, 1, 1 (6). Siehe auch unten S. 107, Anm. 359.
292 Dąbrowa: Governors, 209f., Anm. 5 nennt Literatur zu diesen Münzen. Ich habe diese Angelegenheit nicht überprüft und muss Dąbrowas Behauptung vorläufig als eine solche stehen lassen. Mahieu: Rome, 40, Anm. 126 nennt die maßgebliche Forschungsliteratur, mit welcher Dąbrowa den Regierungswechsel übereinstimmend ins Jahr 9 v. Chr. setzt.
293 „From the account by Josephus it appears that most of the events of the conflict between the king of Judaea and the Arabian nobleman fell before Obodas III’s death. In the same period Herod sent his envoys to the governor of Syria at least twice, to report Syllaeus treacherous activities. Considering that there must have been a lapse of time between these two legations, and that C. Sentius Saturninus made efforts to bring the conflict to an end through an agreement by both parties, which also required some time, it may be concluded that there must have been an interval of several month between the first mission that Herod sent to the legate of Syria and his consent to let the king of Judaea launch an attack on Nabataean territory (which was when Obodas III was still alive). It is unlikely that all these events, in which C. Sentius Saturninus was involved, took place in 9 B.C. alone, largely because Herod’s campaign against the Nabataeans must have taken place a long time before Aretas IV took power. So the hypothesis that C. Sentius Saturninus must have come to Syria in the second half of 10 B.C. at the earliest seems well supported“ (Dąbrowa: Governors, 209-210).
294 Siehe Mahieu: Rome, 37ff. u. 546.
295 Kokkinos: Dynasty, 375.
296 Dąbrowa: Governors, 210 sagt: „He [Saturninus] left the province c. mid-7 B.C., replaced by P. Quinctilius Varus, who took office in the second half of that year“. Und auch Kokkinos: Dynasty, 375 sagt: „His [des Saturninus] successor P. Quninctilius Varus (cos. 13 BCE) would have held this position from c. mid-7 […] BCE“.
297 Diese Diskussion reiße ich unten S. 90ff. mit Anm. 315 an.
298 Die auf den Münzen für die Jahreszahlen verwendete griechische Zahlschrift ist wie folgt aufzuschlüsseln:
A = 1; B = 2; G = 3; D = 4; E = 5; ϛ/ϝ = 6; Z = 7; H = 8; Q = 9; I = 10; K = 20; L = 30; M = 40; N = 50; X = 60; O = 70; P = 80; „§Ϙ = 90; R = 100; S = 200; T = 300.
Siehe zu den Münzen mit dem Namen Varus RPC I, S. 624f. (Nr. 4242, Nr. 4245, Nr. 4252); Butcher: Coinage, 325ff. (Nr. 48c, Nr. 49c, Nr. 50c) oder den älteren Eckhel: Doctr. num. vet. III, 275. Anders als diese antiochenischen Münzen trägt die Münze aus Berytus in RPC I, S. 650 (Nr. 4535), auf der ebenfalls der Name Varus zu lesen ist, keine Jahreszahl.
Es empfiehlt sich um einer besseren Einordnung willen, die Varus-Münzen kurz im Kontext der sonstigen antiochenischen Münzprägung jener Zeit zu betrachten. Das geschieht hier auf der Grundlage von RPC I, S. 606-626: Die Römer übernahmen von den Seleukiden die im syrischen Raum wichtigste Münzprägestätte in Antiochia und prägten ab der Eroberung Syriens durch Pompeius Magnus im Jahr 64 v. Chr. ebenda Bronzemünzen und ein paar Jahre später auch Silbermünzen. Die Bronzemünzen von 64/63-48/47 v. Chr. tragen Jahreszahlen nach einer Pompeianischen Ära (siehe RPC I, Nr. 4201-4217). Die antiochenischen Bronzemünzen von 47/46-19/18 v. Chr. tragen Jahreszahlen nach der caäsarischen bzw. antiochenischen Ära mit der Epoche 49 v. Chr. (siehe RPC I, Nr. 4218-4241; Ausnahme ist Nr. 4223 mit einer Jahreszahl nach der Seleukidenära). Die Prägung von Silbermünzen nahm in Antiochia unter dem Statthalter Aulus Gabinius (57-55 v. Chr.) seinen Anfang. Außer dem Namen des Gabinius tauchen sodann die Namen der Statthalter Crassus (54-53 v. Chr.) und C. Cassius (53-51 v. Chr.) auf den Silberprägungen auf (siehe RPC I, Nr. 4124-4126, ohne Jahreszahlen). Die cäsarische Ära fand in den Jahren 47-17/16 v. Chr. auf den antiochenischen Silbermünzen Verwendung (siehe RPC I, Nr. 4127-4149). Ab 17/16 v. Chr. (Silbermünzen) bzw. ab 19/18 v. Chr. (Bronzemünzen) stoppte die Münzproduktion in der syrischen Hauptstadt scheinbar für mehr als zehn Jahre (Die Autoren des RPC I halten es jedoch für gut denkbar, dass in diese „Lücke“ einige der undatierten Münzen Nr. 4100-4107 gefallen sind). „In 5 BC Quinctilius Varus, the legate of Syria, reformed the coinage of Antioch as part of his financial reorganisation of Syria“ (RPC I, S. 606). Die Silbermünzen von 5 v.-1 v./1 n. Chr. tragen ganz ausdrücklich Jahreszahlen nach der Ära des Siegs bzw. der aktischen Ära (Jahre 27-31) und nennen das zwölfte und das 13. Konsulat des Augustus (siehe RPC I, Nr. 4151-4157). Als nächstes erschienen dann in den Jahren 5/6 n. Chr. und 11/12 n. Chr. zwei Silbermünzen, beide mit einer Doppeldatierung. Diese beiden Münzen in RPC I, Nr. 4158 und Nr. 4159 datieren nämlich sowohl nach der aktischen Ära (Jahreszahlen ohne den Zusatz ETOUS NIKHS) als auch nach der cäsarischen Ära. Wie steht es mit den Bronzemünzen? Die datierten Bronzemünzen jener Tage bis zum Regierungswechsel von Augustus zu Tiberius tragen ebenso Jahreszahlen nach der aktischen Ära, zumindest muss man davon ausgehen, wenngleich auf ihnen nur die Zahlen dastehen ohne den Zusatz ETOUS NIKHS. Auf ihnen begegnen die Jahreszahlen 25-30 (siehe RPC I, Nr. 4242-4259, darunter eben die Varus-Münzen), also 7/6-2/1 v. Chr., dann erst wieder die Jahreszahl 35 (siehe RPC I, Nr. 4260-4263), also 4/5 n. Chr., später noch die Jahreszahlen 42-45 (siehe RPC I, Nr. 4266-4271), also 11/12-14/15 n. Chr.
Ich führe nun für jedes numismatisch bezeugte Jahr der aera Actiaca aus den letzten 20 Jahren des Augustus jene Münze(n) Antiochias an, die helfen, den Zeitpunkt ihrer Planung/Prägung/Herausgabe (am besten mittels Doppeldatierung oder wenigstens mittels Nennung des syrischen Statthalters) am ehesten zu bestimmen, und erhalte in der Übersicht Folgendes:
Silbermünzen:
RPC I-Nr. Jahr der aktischen Ära auf Münze sonstige Datierung auf Münze Datierung
Nr. 4151 ETOUS ϛK NIKHS = Jahr 26 des Siegs (6/5 v. Chr.) UPA IB = cos. 12 (5-3 v. Chr.) 5 v. Chr.
Nr. 4152 ETOUS ZK NIKHS = Jahr 27 des Siegs (5/4 v. Chr.) UPA IB = cos. 12 (5-3 v. Chr.) 5/4 v. Chr.
Nr. 4153 ETOUS HK NIKHS = Jahr 28 des Siegs (4/3 v. Chr.) UPA IB = cos. 12 (5-3 v. Chr.) 4/3 v. Chr.
Nr. 4154 ETOUS QK NIKHS = Jahr 29 des Siegs (3/2 v. Chr.) UPA IB = cos. 12 (5-3 v. Chr.) 3 v. Chr.
Nr. 4155 ETOUS QK NIKHS = Jahr 29 des Siegs (3/2 v. Chr.) UPA IG = cos. 13 (ab 2 v. Chr.) 2 v. Chr.
Nr. 4156 ETOUS L NIKHS = Jahr 30 des Siegs (2/1 v. Chr.) UPA IG = cos. 13 (ab 2 v. Chr.) 2/1 v. Chr.
Nr. 4157 ETOUS AL NIKHS = J, 31 d. Siegs (1 v./1 n. Chr.) UPA IG = cos. 13 (ab 2 v. Chr.) 1 v./1 n. Chr.
Nr. 4158 ϛL = [Jahr] 36 (5/6 n. Chr.) DN = [Jahr] 54 (5/6 n. Chr.) 5/6 n. Chr.
Nr. 4159 BM = [Jahr] 42 (11/12 n. Chr.) X = [Jahr] 60 (11/12 n. Chr.) 11/12 n. Chr.
Nr. 4160 DM = [Jahr] 44 (13/14 n. Chr.) GX = [Jahr] 63 (14/15 n. Chr.) 14 n. Chr.
Bronzemünzen:
RPC I-Nr. Jahr der aktischen Ära auf Münze sonstiger Hinweis auf Münze Datierung
Nr. 4242 EK = [Jahr] 25 (7/6 v. Chr.) EPI OUAROU = unter Varus 7/6 v. Chr.
Nr. 4245 ϛK = [Jahr] 26 (6/5 v. Chr.) EPI OUAROU = unter Varus 6/5 v. Chr.
Nr. 4252 ZK = [Jahr] 27 (5/4 v. Chr.) EPI OUAROU = unter Varus 5/4 v. Chr.
Nr. 4255-4256 HK = [Jahr] 28 (4/3 v. Chr.) – 4/3 v. Chr.
Nr. 4257-4258 QK = [Jahr] 29 (3/2 v. Chr.) – 3/2 v. Chr.
Nr. 4259 L = [Jahr] 30 (2/1 v. Chr.) – 2/1 v. Chr.
Nr. 4262 EL = [Jahr] 35 (4/5 n. Chr.) EPI SATORNINOU OUOLO = unter Vol. Saturninus 4/5 n. Chr.
Nr. 4268 GM = [Jahr] 43 (12/13 n. Chr.) EPI SILANOU = unter Silanus 12/13 n. Chr.
Nr. 4269 DM = [Jahr] 44 (13/14 n. Chr.) EPI SILANOU = unter Silanus 13/14 n. Chr.
Nr. 4270 EM = [Jahr] 45 (14/15 n. Chr.) EPI SILANOU = unter Silanus 14/15 n. Chr.
299 Siehe zur aera Actiaca und ihrer Epoche … [Bd. I/2, Kap. III. 8. 4.].
300 Die Jahreszahlen auf den antiochenischen Münzen des Varus begriffen bereits Johannes Vaillant, Enrico Noris (Annus et epochae, 245-255) und Joseph Eckhel (Doctrina numorum veterum III, 272ff.) als aktische Jahre; und diesen schlossen sich die späteren Numismatiker, Althistoriker und Chronologen beinah ausnahmslos an. Ich konnte nur ganz wenige Gegenstimmen ausfindig machen:
Faure: Dissertatio, XXVf. und Rieß: Geburtsjahr, 75ff. nehmen an, dass die in Antiochia geprägten Silbermünzen mit den gleichen Jahreszahlen (siehe RPC I, Nr. 4151-4152 oder Eckhel: Doctr. num. vet. III, 272-274) zwar unzweifelhaft Jahresangaben nach der aktischen Ära bieten, die Münzen mit der Aufschrift „Antiochia unter Varus“ aber die Jahre nach den anni Augustorum bezeichnen (Magnan: Problema, 120-130 wehrt sich ausdrücklich gegen diese Annahme Faures). Letztere Ära nahm ihren Anfang im Januar 27 v. Chr., im Orient womöglich im Herbst 27 v. Chr. (siehe zu den anni Augustorum … [Bd. I/2, Kap. …]); und die Münzen gäben der Statthalterschaft des Varus somit ungefähr die Jahre 3-1 v. Chr. Dagegen steht nicht so sehr, dass es an sich unwahrscheinlich erscheinen könnte, dass die Ära auf den Münzen der syrischen Hauptstadt gewechselt hat (denn das hat sie ja beispielsweise auch unter Augustus von der caesarianischen zur aktischen Ära und später unter Tiberius wieder von der letzteren zurück zur caesarianischen getan); sondern dagegen steht vor allem, dass für die Orientalen die Weltherrschaft des Augustus sehr viel eher mit der Vertreibung des Antonius aus Kleinasien 31 v. Chr. als mit der Neukonstituierung des römischen Staates im Jahre 27 v. Chr. begonnen haben wird. Denn nicht lange nach der Schlacht bei Aktium zog Augustus zum ersten Male durch Syrien und wird wohl auch durch Antiochien gekommen sein; siehe Suet.: Aug. 17; Plut.: Ant. 74, 1; Ios.: bell. I 20, 3 (394) u. ant. 15, 6, 7 (198f.). Nach der Eroberung Alexandrias reiste Augustus erneut nach Antiochia; siehe Ios.: ant. 15, 7, 4 (218). Die innerrömischen Regelungen im Januar 27 v. Chr. hingegen dürften die Syrer sehr viel weniger tangiert haben (Andererseits fände es z. B. Kokkinos: Dynasty, 370 überhaupt nicht merkwürdig, wenn 7 v. Chr. die „Era of ‚Sebastos‘ (27 BCE)“ in Caesarea am Meer gebräuchlich gewesen wäre). Natürlich lässt sich vermuten, dass Bildnisse und Aufschriften der von den Provinzialen geplanten Münzen von der zuständigen römischen Autorität, also dem römischen Statthalter, abgesegnet werden mussten, ehe die Münzen hergestellt und in Umlauf gebracht werden durften (Butcher: Coinage, 240, vgl. 18f., spricht dem syrischen Statthalter die Kontrolle über die imperialen Provinzialpägungen aus Syrien zu; ebd., 241 sagt er jedoch zu den Prägungen der syrischen Städte, worunter die antiochenischen Varus-Münzen fallen: „No imperial control need be implied“). Wenn nun zu Varus‘ Zeiten die anni Augustorum in römischer Mode waren, so ist natürlich nicht auszuschließen, dass Varus es als Statthalter durchsetzte, dass ebendiese Ära auch auf den antiochenischen Münzen Anwendung fand; vgl. Rieß: Geburtsjahr, 75: „wenn Augustus selber die Ära von 727 a. U. c. [27 v. Chr.], in welchem Jahre ihm die Alleinherrschaft nicht durch das Glück des Krieges, sondern durch Senatsbeschluß übertragen wurde, der von Actium vorzog, und außerdem jene Ära für Antiochien die wichtige Änderung mit sich brachte, daß Syrien kaiserliche Provinz wurde, wie können wir uns dann wundern, daß ein Vertrauter des Augustus die genannte bevorzugte Ära auf seinen Münzen auftreten ließ?“. Florian Rieß vermag seine Ansicht wenigstens ansatzweise dadurch zu stützen, dass die antiochenischen Silbermünzen, deren Datierung nach der aktischen Ära aufgrund der Parallelisierung mit den Konsulaten des Augustus ganz außer Frage steht, die Jahre ja auch tatsächlich ausdrücklich als „Jahre des Siegs [bei Actium]“ ausweisen – siehe RPC I, S. 614 (Nr. 4151-4157) –, während die Jahreszahlen auf den Varus-Münzen und den anderen Bronzemünzen diese genauere Bezeichnung gänzlich vermissen lassen. Die antiochenischen Varus-Münzen könnten von daher theoretisch also nach den anni Augustorum datieren. Was diese Möglichkeit allerdings wieder relativiert, sind die Münzen der syrischen Statthalter L. Volusius Saturninus und Q. Caecilius Creticus Silanus (mit der Aufschrift: ANTIOCEWN EPI SATORNINOU OUOLO bzw. EPI SILANOU ANTIOCEWN); siehe RPC I, S. 626 (Nr. 4262 u. Nr. 4268-4271). Ihre Jahreszahlen stehen wie die Jahreszahlen der Varus-Münzen ohne jeden Verweis auf den Sieg bei Actium; dennoch steht die Verwendung der aktischen Ära zumindest für die Silanus-Münzen (entgegen Rieß: Geburtsjahr, 76f.) ziemlich außer Zweifel, weil auf einer dieser Münzen aus Antiochia parallel das Herrschaftsjahr des Tiberius angegeben ist; siehe RPC I, S. 626 (Nr. 4270). Auch eine Münze aus Seleukia nennt parallel das Herrschaftsjahr des Tiberius; siehe RPC I, S. 631 (Nr. 4330). Beide Münzen belegen die Zählung der Jahre ab 31/30 v. Chr. Folglich werden sehr wahrscheinlich auch die Varus-Münzen die Jahre nach der aktischen Ära zählen. Aber selbst die von mir nicht geteilte Ansicht, die Münzen würden eine syrische Statthalterschaft des Varus in den Jahren 3-1 v. Chr. bezeugen, widerspricht meinem Ergebnis von der längstmöglichen Amtsdauer des Varus in Syrien nicht.
Eine wieder andere Deutung der Jahreszahlen auf den Varus-Münzen bietet Greswell: Dissertations I, 511-529. Greswell leugnet überhaupt nicht, dass unter Augustus antiochenische Münzen herausgegeben wurden, die klar nach der aktischen Ära datieren. Aber alle antiochenische Münzen vor 20/19 v. Chr. hätten eben ausschließlich die antiochenische/caesarianische Ära mit der Epoche 49 v. Chr. verwendet. Greswell nimmt diese Epoche hypothetisch für die Varus-Münzen an. Dieselben wären in solchem Fall in den Jahren 25/24-23/22 v. Chr. geschlagen worden. In genau dieser Zeit war Varro Statthalter in Syrien, den auch Iosephus erwähnt. Greswell: Dissertations I, 528-529 argumentiert nun: „Hence, if the name of Varro might only be expressed in Greek by that of Varus, or the name OUARRWN be confounded by any means with the name OUAROS […] The name of Varro is found expressed, even in Latin inscriptions and in Latin writers, by Varo or Baro; as the name of Varus is found expressed in like manner by Varrus; which brings it still nearer the resemblance to Varro. Even in the Greek text of Josephus, where the name occurs, it has been confounded with Varus […] The masters of the mint at Antioch, who were most probably Greeks, and among whom as yet there had been neither a Varro nor a Varus, without any impeachment of their accuracy, might either think the names absolutely the same […]“. Greswell ist davon überzeugt, dass die Münzen nach der antiochenischen Ära datieren, also viel früher unter dem Statthalter Varro geschlagen wurden und eben nicht unter Varus im letzten vorchristlichen Jahrzehnt – wenngleich Greswell letztlich ebd. zugeben muss: „[…] the name of Varus, which appears on these coins, is not really the name of Varro“. Diese Umdatierung der Varus-Münzen jedenfalls erlauben es Greswell, die Statthalterschaft des Varus erst ab dem Jahr 4 v. Chr. laufen zu lassen. Klar ist, dass, wenn man diese Münzen dem Varro zuweist, man von numismatischer Seite her völlig ungebunden ist im Hinblick auf die Datierung der Amtszeit des Varus in Syrien.
301 Siehe RPC I, 198 (Nr. 776) u. 202 (Nr. 798). Diese Münzen, auf denen der Name P. Quin(c)tilius Varus erscheint und die aus den Städten Hadrumetum und Achulla stammen, tragen keine Jahreszahl oder sonst einen Hinweis, der helfen würde, sie auf ein bestimmtes Jahr zu datieren. Die Münze aus Achulla zeigt auf der Rückseite einen Kopf, der mit dem Namen des Varus umschrieben ist. Auf der Vorderseite zeigt sie den Kopf des Augustus, gerahmt von den Köpfen seiner Adoptivsöhnen Gaius und Lucius (beschriftet mit C. und L.). Aber jede Überlegung, ob sich solch ein Münzmotiv am besten durch die Ernennung der beiden jungen Brüder zu principes iuventutis 5 und 2 v. Chr. (siehe Cass. Dio: hist. 55, 9, 9f.) oder durch sonst ein Ereignis oder eine Entwicklung in den letzten vorchristlichen Jahren erklären lässt, wird weniger dadurch hinfällig, dass die Münzen Achullas unter der Statthalterschaft des L. Volusius Saturninus das gleiche Augustus-Gaius-Lucius-Motiv aufweisen – siehe RPC I, 202 (Nr. 800) –, als vielmehr dadurch, dass solche Provinzialprägungen, die Gaius und Lucius zeigen und auch aus Spanien und anderswo bekannt sind, den in Rom geprägten Denar des C. Marius aus dem Jahre 13 v. Chr. zum Vorbild haben dürften (dieser Denar findet sich im Werk „Roman Imperial Coinage“ – RIC I² Augustus Nr. 404 u. Nr. 405) – und auf http://numismatics.org/ocre/id/ric.1(2).aug.404?lang=de und http://numismatics.org/ocre/id/ric.1(2).aug.405?lang=de (Stand: Jan. 2020); vgl. zur angesprochenen Vorbildrolle dieses Denars Mlasowsky: Sukkzessionspropaganda, 285f. u. 289). Diese Tatsache hilft also lediglich, die Statthalterschaft des Varus in Africa nicht vor das Jahr 13 v. Chr. zu setzen, was sich freilich aufgrund seines Konsulats in demselben Jahr ohnehin von selbst versteht. Und zweitens bezeichnet die Münze aus Achulla den Augustus als pontifex maximus (AVG PONT MAX); sie kann also nicht vor dem 6. März 12 v. Chr. entstanden sein, dem Zeitpunkt, an welchem der Caesar jenes Priesteramt übernahm (Zum Jahr 12 v. Chr. siehe Aug.: res ges. 10; Cass. Dio: hist. 54, 27, 2 und vgl. Suet.: Aug. 31; zum 6. März siehe Ovidius: fasti III 419f.).
302 Eine Liste jener Senatoren, die nach ihrem prokonsularischen Amt in Asia bzw. Africa als legati Caesaris nach Syrien gingen, gibt Kokkinos: Honorand, 27.
303 Siehe Cass. Dio: hist. 53, 14, 2; Tac.: ann. 3, 29 u. ferner Suet.: Aug. 36. Cass. Dio: hist. 40, 46, 2 u. 40, 56 1-3 sagt, dass diese Frist von fünf Jahren zwischen städtischem Amt und Provinzstatthalterschaft bereits 53 v. Chr. unter dem Einfluss des Pompeius Magnus in einem Senatsbeschluss festgesetzt wurde, wenngleich diese Regel direkt nach dem Grundsatz „Ausnahmen bestätigen die Regel“ angewandt worden sei. Eine Ausnahme der Regel bzw. „eine Verletzung des Beschlusses, wonach kein Praetor oder Konsul unmittelbar oder innerhalb von fünf Jahren in die fernen Provinzen als Statthalter hinausgehen solle, damit auf diese Weise jede Rivalität um Ämter und die daraus entspringenden Streitigkeiten vermieden würden“, nennt Cass. Dio: hist. 40, 30, 1ff.
304 Siehe etwa John: Art. „P. Quinctilius Varus“, Sp. 909ff. oder ferner Kellner: Jesus, 125.
305 Vgl. Groag: Art. „C. Sentius Saturninus“, Sp. 1519: „[…] wenn Varus, wie zumeist angenommen wird […], im J. 7/6 Proconsul von Africa war, kann er erst frühestens Anfang Juni in Syrien eingetroffen sein“. Und z. B. Gerlach: Statthalter, 23f. formuliert: „Da aber Varus erst im Jahre 13 v. Chr. Consul gewesen war und nach dem Gesetz: ne quis post gestum honorem ante quinquennium in provinciam proficiscatur vor dem Jahre 7 v. Chr. kein Amt als Proconsul bekleiden konnte, so kann er f r ü h e s t e n s im Jahre 6 v. Chr. nach Syrien gekommen sein, da er inzwischen (im Jahre 7 v. Chr.) noch das Proconsulat von Africa bekleidet hatte“.
306 Dąbrowa: Governors, 23. Er gibt ebd., 133, Anm. 69 Referenz-Literatur zu jener flexiblen Handhabung an.
307 Bereits Thomasson, Bengt E.: Fasti Africani. Senatorische und ritterliche Amtsträger in den römischen Provinzen Nordafrikas von Augustus bis Diokletian, Stockholm 1996, 22f. favorisiert die Datierung von Varus‘ Prokonsulat in Africa auf 8/7 v. Chr. Und womöglich hat Thomasson das bereits in seiner 1. Aufl. von 1960 getan. Jedenfalls hat er solchermaßen laut Kokkinos: Honorand, 127, Anm. 24 dann 1969 datiert und offenbar maßgeblich dazu beigetragen, dass diese Datierung gegenüber der älteren auf 7/6 v. Chr. allmählich etabliert wurde. Auch die Autoren des RPC I folgen der Datierung des Prokonsulats auf 8/7 v. Chr.
308 Vgl. Kokkinos: Dynasty, 375: „mid-7 to about 3/2 BCE“.
309 Siehe zu dieser Regeldauer von 3-5 Jahren Band I/2, Kap. „Die römischen Statthalter in Syrien“, Abschnitt „Allgemeines zur augusteischen Verwaltung“.
310 Zum Aufenthalt des Gaius im Orient sowie zur Datierung seiner Ankunft in Syrien habe ich mich bereits geäußert. Hier sei lediglich noch etwas zur staatsrechtlichen Seite der Ablösung angemerkt:
Die Quellen sagen über den in den Osten ziehenden Gaius, er sei nach Syrien geschickt worden (siehe Vell.: hist. II 101), er sei nach Armenien geschickt (siehe Plut.: regum et imperatorum apophthegmata, Caesar Aug. 10 (207E); vgl. ders.: de Romanorum fortuna 7 (319E)) bzw. zur Beruhigung Armeniens abgesandt worden (siehe Tac.: ann. 2, 4), er sei Vorsteher des Orients (praepositus orienti) gewesen (siehe Suet.: Tib. 12), er sei mit dem imperium proconsulare ausgestattet gewesen, um die Armenier und Parther unter Kontrolle zu bekommen (siehe Cass. Dio: hist. 55, 10, 18, rekonstruiert aus Zonaras), und schließlich, er habe die Provinzen Ägypten und Syrien ordnen sollen (siehe Orosius: hist. adv. pagan. VII 3, 4f.). Dąbrowa: Governors, 203 sagt dazu: „The sources give only a general idea of the geographical scope of this imperium, but they provide enough information to say that it covered all the provinces in the East governed by imperial legates, including Egypt. This means that his position was similar to that of M. Agrippa, his natural father, in 23 B.C.“. Wie schon sein Vater M. Vipsanius Agrippa, der vertraute Kampfgefährte des Augustus, so war also auch Gaius kein syrischer Statthalter im gewöhnlichen Sinne, sondern beide waren mit der Herrschaft über den gesamten Orient betraut (bezüglich Agrippa siehe Ios.: ant. 15, 10, 2; vgl. Cass. Dio: hist. 54, 12, 2; 54, 19, 6 u. 54, 28, 1; Dąbrowa: Governors, 201-203). Augustus hat seinen Adoptivsohn Gaius zu diesem Zweck mit dem imperium proconsulare ausgestattet. Gaius war damit Mitinhaber der höchsten Gewalt des Kaisers in seinen Provinzen. Für uns ist nun von Bedeutung, inwieweit solch eine Generalstatthalterschaft über den Orient das übliche kaiserliche Provinzstatthalter-System ersetzte bzw. in seiner Gültigkeit einschränkte, genauer: Wer war zu solcher Zeit für die Verwaltung Syriens zuständig? Bekannt ist wenigstens der kaiserliche Statthalter von (Galatia-)Pamphilia, L. Calpurnius Piso, der wahrscheinlich ab 14 v. Chr. unter Agrippas Generalstatthalterschaft amtierte (siehe Cass. Dio: hist. 54, 34, 6 und Vell.: hist. II 98; dazu siehe vor allem Syme: Galatia, 127-131 u. Sherk: Galatia, 954ff. Ios.: ant. 16, 3, 3 (86) sagt, Agrippa habe den Osten zehn Jahre lang verwaltet, also bis zum Jahr 13 v. Chr.; siehe zum Jahr 13 v. Chr. außerdem oben S. 66, Anm. 200. Damit wäre Calpurnius Piso während der Generalstatthalterschaft des Agrippa kaiserlicher Provinzstatthalter gewesen). Es ist ja imgrunde auch keine Frage, dass der Orientchef nicht sämtliche Statthalter im Osten ersetzen konnte und sollte, sondern dass unter seiner Oberstatthalterschaft die Legaten weiterhin die einzelnen Provinzen verwalteten (jetzt allerdings nicht mehr mit dem Kaiser als direktem Vorgesetzten, sondern mit dem Orientchef als solchem). Aber galt das tatsächlich auch für Syrien? Syria war immerhin die strategisch wichtigste, militärisch bei weitem schlagkräftigste und für einen Statthalter die prestigeträchtigste Provinz des Ostens. War der Orientchef nicht vielmehr eine Art syrischer Statthalter, der über die Zuständigkeit für Syrien hinaus auch die Weisungsbefugnis über die benachbarten kaiserlichen Provinzen mit ihren Statthaltern übertragen bekam? Jene Stellung, die der Senat 43 v. Chr. dem Caesarmörder Cassius eingeräumt hatte, wäre in solchem Fall übrigens eine Art Vorbild: Dem Cassius als syrischem Statthalter war zusammen mit M. Brutus, dem Statthalter in Makedonien, eine sich über alle anderen Provinzstatthalter jenseits des ionischen Meeres erstreckende Obergewalt anvertraut worden (siehe App.: bell. civ. III 63f.). Sanclemente: De vulgaris aerae emendatione, 334 verneinte die Frage noch, ob Agrippa als Statthalter in Syrien für den Zeitraum 23-13 v. Chr. zu betrachten ist und suchte stattdessen nach anderen ordentlichen Statthaltern in dieser Provinz. Aber bezüglich der Generalstatthalterschaft des Agrippas geben die Quellen, wie ich meine, dennoch einige Hinweise, dass Agrippa den Statthalter der Provinz Syrien tatsächlich ersetzte:
Als Agrippa 23 v. Chr. nach Syrien geschickt wurde, reiste er selbst zwar nicht bis nach Syrien, aber – und das ist das Entscheidende – er schickte seine Unterbefehlshaber (oi`´ u`postrathgoi,) dorthin (siehe Cass. Dio: hist. 53, 32, 1; vgl. ferner Ios.: ant. 15, 10, 2 u. Suet.: Aug. 66; zu den u`postrathgoi, als nachgeordneten Beamten vgl. Cass. Dio: hist. 52, 21, 8). Daraus lässt sich schließen, dass Agrippa auf diese Weise den bisherigen syrischen Statthalter Varro ablöste (zur Statthalterschaft des letzteren siehe Ios.: ant. 15, 10, 1 u. bell. I 20, 4; Dąbrowa: Governors, 17f.), dass Agrippa also imgrunde der Nachfolger des Varro in Syrien war. Dann ab 21 v. Chr. konnte sich Agrippa sogar eine vierjährige Abwesenheit im Orient erlauben (von der Rückkehr nach Rom im Jahre 21 v. Chr. berichtet Cass. Dio: hist. 54, 6, 2. 5ff.; die erneute Aufenthaltsnahme Agrippas im Osten ab 16 v. Chr. siehe bei Cass. Dio: hist. 54, 19, 1. 6. u. Ios.: ant. 16, 2, 1ff.). Aufgrund seiner hervorragenden Stellung konnte Agrippa „seine Amtsgewalt wohl auch in absentia durch Legaten ausüben“ (Schürer: Geschichte I, 320). In diesen vier Jahren musste Syrien also zwangsläufig von einem oder mehreren Unterlegaten verwaltet werden. Und tatsächlich spiegelt sich dies in der Terminologie des Iosephus wieder (vgl. dazu Kellner: Jesus, 121). Denn als der Caesar um 20 v. Chr. während Agrippas zwischenzeitlichem Aufenthalt im Westen selbst in Syrien weilte, gab er den „Verwaltern Syriens“ die Anweisung, enger mit Herodes zusammenzuarbeiten; siehe dazu Ios.: ant. 15, 10, 3 (360) u. bell. I 20, 4 (399). Iosephus nennt diese Verwalter Syriens oi` evpi,tropoi (= procuratores). Die vollwertigen Statthalter Syriens betitelt er hingegen mit oi` h`gemo,nej. Dies deutet stark darauf hin, dass sich unter jenen Verwaltern Syriens, die Augustus um 20 v. Chr. instruierte, kein legatus Augusti pro praetore provinciae Syriae befand. Sie scheinen Beamte untergeordneten Ranges gewesen zu sein und werden demnach mit den von Dio erwähnten Unterlegaten (oi`´ u`postrathgoi,) des Agrippa – quasi duces subordinati, wie Norisius: Cenotaphia Pisana, 298 sagt – identisch sein. Diese Sicht vertritt auch Gerlach: Statthalter, 16. Auch die letztlich sicher etwas übertriebene Behauptung in Ios.: bell. I 20, 4 (399) u. ant. 15, 10, 3 (360), Herodes sei damals, also um 20 v. Chr., von Augustus zum evpi,tropoj für ganz Syrien eingesetzt worden, bzw. den evpi,tropoi in Syrien zugerechnet worden, dürfte m. E. darauf hindeuten, dass sich kein legatus Augusti pro praetore vor Ort in der Provinz aufhielt (Kokkinos und einige andere nehmen allerdings eine ordentliche Legation des M. Titius in Syrien ab 20 oder 17 v. Chr. oder kurz danach an; siehe dazu unten S. … [in Kap. III. 1. 1. „Das 34. Jahr …“]).
Agrippa war also einerseits Statthalter in Syrien, wodurch die Verwaltung der Provinz durch seine Person notwendig wurde; er war andererseits Inhaber einer höheren Gewalt im Orient, wodurch ihm seine Abwesenheit und die Verwaltung Syriens durch seine Unterlegaten erlaubt wurde. Ob die letztere Machtposition bereits in so früher Prinzipatszeit staatsrechtlich definiert war, Agrippa offiziell mit einem imperium proconsulare für den Osten ausgestattet gewesen ist, ist aus den Quellen freilich nicht eindeutig zu bestimmen. Während z. B. Syme: Revolution, 350 u. 359 felsenfest der Meinung ist, dem Agrippa sei 23 v. Chr. die prokonsularische Gewalt (selbstverständlich nicht über die senatorischen Provinzen) verliehen worden, und auch Mommsen: Staatsrecht II/2, 1151f., Anm. 5 dies für sehr wahrscheinlich hält, sagt Schürer: History I, 256: „It is not possible to give a precise account of the constitutional powers of Agrippa during this period, or of the status of his legati“. Mir wenigstens scheint es aus den Quellen deutlich hervorzugehen, dass nicht Agrippas Unterlegaten, sondern dass Agrippa selbst nominell die Verwaltung Syriens führte. Und folgerichtig reiht Schürer den Agrippa ja auch unter die Statthalter Syriens ein, für die Jahre 23-13 v. Chr.; ebenso macht es auch Dąbrowa: Governors, 201ff. Auch was Gaius betrifft, tendierte Emil Schürer selbst eindeutig dahin, diesen unter die Statthalter Syriens einzureihen. Die Herausgeber des „Neuen Schürer“ allerdings revidieren in dieser Hinsicht: Es gäbe „no definite reason to think that he replaced the normal governor of Syria during this period [1 v. bis 4 n. Chr.]“ (Schürer: History I, 259). Auch Gerlach: Statthalter, 32f. hatte bemerkt: „Zum mindesten unerwiesen ist seine [Zumpts] Annahme, daß zur Zeit als C. Caesar den Orient erhielt, Varus Syrien verlassen haben müsse […] Unter seiner Oberregierung verwalteten deshalb die gewöhnlichen Präsides ihre Provinzen ruhig weiter […] Mit der Ernennung des C. Caesar war also noch keineswegs von selbst dem Präsidium des Varus ein Ende gemacht […]“. Meiner Meinung nach muss man jedoch sehr wohl (genau wie im Fall des Agrippa) davon ausgehen, dass, als Gaius in Syrien stand, niemand anderes als er selbst offizieller Vorsteher dieser Provinz war. Diese letzte Annahme ist freilich umstritten. Während Caesar Baronius dieselbe Ansicht in seinen annales gewissermaßen begründet hatte, war Enrico Noris dagegen, Gaius unter die Statthalter Syriens einzureihen (siehe Noris: Cenotaphia Pisana, 310ff.). Ein klassischer Befürworter dieser Annahme war dann wieder Theodor Mommsen (siehe Mommsen: res gestae, 115), ein klassischer, stark argumentierender Gegner wiederum August Wilhelm Zumpt (siehe Zumpt: Geburtsjahr, 32-42 u. 44f.). Zumpt meint stattdessen, die Ratgeber (rectores), die Augustus seinem Adoptivsohn zur Seite stellte, seien gleichzeitig die Statthalter Syriens gewesen (vgl. auch Gerlach: Statthalter, 42 u. 91). Dąbrowa: Governors, 204 setzt der Annahme, Lollius und Quirinius seien unter Gaius‘ Orientherrschaft als Statthalter in Syrien zu betrachten, entgegen: „No doubt M. Lollius accompanied Gaius Caesar inseparably from 1 B.C. to A.D. 2. Most of that time the adopted son of Augustus was together with his suite, far from Syria. In that situation the chances for M. Lollius to fulfil additional duties as governor of the province were limited. It also should be remembered that it was not normal practice for Augustus to tolerate the long absence of a legate while in office, unless he had the imperium maius. However, neither M. Lollius nor P. Sulpicius Quirinius had received that“. Ich halte es in dieser Frage weitgehend mit Kellner: Jesus, 127: „Sie [Lollius und Quirinius] waren die eigentlichen Regenten und Statthalter, indem C. Cäsar ja nur den Namen hergab. Doch kann es kaum zweifelhaft sein, daß er offiziell als der wirkliche Statthalter der genannten Länder galt und die regelmäßige Verwaltung derselben unterdes aufhörte, d. h. unter seinem Namen geführt wurde. Was sonst hätte seine Ernennung für einen Sinn gehabt?“. Ich würde nur modifizieren, dass man deswegen davon ausgehen darf, dass die rectores in manchen Angelegenheiten im syrischen Raum mächtig schalteten und walteten, weil sich Gaius auf ihre Erfahrung und Sachkenntnis gestützt haben wird. Er konnte über die Delegation statthalterlicher Aufgaben an sie hinaus ihnen auch das Fällen von Entscheidungen freiwillig überlassen. In seinem schnell zu einem Standardwerk gewordenen Titel „The Governors of Roman Syria“ von 1998 fasst Edward Dąbrowa unseren Gaius nach der entsprechenden Untersuchung ebenso als den tatsächlichen Statthalter in Syrien in den Jahren 1 v.-4 n. Chr. auf (siehe Dąbrowa: Governors, 201-208). Und das ist in meinen Augen auch die sinnvollste Einschätzung in dieser Angelegenheit. Ich lege besonderen Wert darauf, dass Velleius Paterculus, der persönlich dem Stab des C. Caesars angehört hatte (siehe oben S. 72, Anm. 232) und der unsere früheste literarische Quelle zur Angelegenheit ist, in Vell.: hist. II 101 sagt, Gaius sei nach Syrien geschickt worden (in Syriam missus).
Wie ist es aber um die Ablösung des bisherigen kaiserlichen Legaten in Syrien durch Gaius bestellt? Mommsen: Staatsrecht II/1, 259f. sagt allgemein: „Das Imperium übernimmt der Statthalter der kaiserlichen Provinz mit dem Eintritt in die Provinz und giebt es mit dem Austritt ab“. Gaius reiste im Jahre 1 v. Chr., wahrscheinlich spätestens im Frühling oder Sommer des Jahres von Rom ab. Einige Historiker sind nun der Ansicht, der Vorgänger des Gaius in Syrien habe sogleich mit der Absendung des Gaius in den Osten bzw. mit dessen Verleihung des imperium proconsulare die syrische Provinz verlassen müssen, womit dann selbstverständlich auch sein statthalterliches imperium erloschen sei. Das ist möglich. Andererseits hatten die Provinzstatthalter in aller Regel auf die Ankunft der Ablösung zu warten, ehe sie die Grenzen ihrer Provinz verlassen und die Heimreise antreten durften (siehe Cass. Dio: hist. 53, 15, 6). Das galt auf jeden Fall für die Statthalter der senatorischen Provinzen (siehe Mommsen: Staatsrecht II/1, 256) und sollte für die der kaiserlichen ebenso anzunehmen sein. Gaius allerdings, der sich vorher noch in Ägypten und in manch anderer Provinz aufhielt, ehe er endlich nach Syrien kam, mag genau wie einst Agrippa Unterlegaten nach Syrien vorausgeschickt haben, die den syrischen Statthalter tatsächlich vor Gaius‘ persönlicher Ankunft ablösten. Es ist also möglich, dass „Gaius’ official appointment in 2 BC [oder evtl. auch 1 v. Chr.], meant that he would eventually replace in person the existing governor of Syria“ (Kokkinos: Titulus Tiburtinus, 47f.). Ich halte dieses Szenario, die Ablösung des Statthalters in Syrien durch vorausgeschickte Legaten des Gaius, für das wahrscheinlichste. Daneben besteht unbestritten die Möglichkeit, dass der syrische Statthalter seinen Posten erst an Gaius abtrat, als letzterer vermutlich um den Beginn des Jahres 1 n. Chr. persönlich Syrien betrat. Dąbrowa: Governors, 205 schließt seine Untersuchung der Frage mit dem Fazit ab: „To summarise our discussion, it should be stated that there is no evidence against Gaius Caesar’s central position in the Syrian provincial administration from 1 B.C. to A.D. 4, though the ways he directed that administration can only be speculated. It cannot be ruled out that he drew on his natural father’s experience and appointed legates to perform that task“.
311 Siehe zur Datierung der spätestmöglichen Ankunft des Gaius in Syrien oben S. 81f.
312 Siehe Gerlach: Statthalter, 19f. 32f. u. 91 sowie Kellner: Jesus, 124f.
313 In der Übersicht der datierten antiochenischen Münzen aus den letzten 20 Jahren des Augustus oben auf S. 86 in Anm. 298 wird ersichtlich, dass die Silbermünzen eher auf eine Kontinuität in der Verwaltung von etwa 5 v. bis 1 v./1 n. Chr. schließen lassen und dass auch die Bronzemünzen auf eine Kontinuität in der Verwaltung von etwa 7/6 bis 2/1 v. Chr. hinweisen. Es würde sich von hierher der Zeitraum von etwa 6-1 v. Chr. anbieten. Es ist zwar richtig, dass der Name des Varus nur auf Bronzemünzen bis ins Jahr 5/4 v. Chr. auftaucht, aber es gibt auch für die Jahre 7/6-5/4 v. Chr. genügend antiochenische Bronzemünzen, die den Namen des Varus nicht tragen und keinerlei Hinweis auf seine Statthalterschaft geben (siehe RPC I, Nr. 4243-4244 u. 4246-4251). Warum sollte also, wenn man von einer entsprechend längeren Statthalterschaft des Varus ausgehen will, der Varus-Name auf den Münzen von 4-1 v. Chr. unbedingt zu erwarten sein? Vgl. auch Mahieu: Rome, 310: „It is true that Varus’s name is absent from the bronze coins of Antioch after the year September 4/3 BC [richtig wäre: nach 5/4 v. Chr. …] The silver coins of Antioch may even show that Varus was in office until 1 AD. Augustus’s consulship is mentioned on them without interruption from the year 26 (September 6/5 BC) until the year 31 (September 1 BC/1 AD); thereafter no consulship appears again. The silver coins of the years 26-31 form a unit, which may imply an abiding authority. If so, then Varus issued silver coins up to September 1 BC/1 AD. Minting in Antioch paused after that year. Bronze coins reappear in the year 35 (September 4/5 AD), and silver coins in the year 36 (September 5/6 AD). The interruption could be attributed to the departure of Varus, who took an interest in matters financial“. Ich erinnere daran, dass die Bronzemünzen anders als die Silbermünzen nur bis ins Jahr 2/1 v. Chr. geprägt wurden, welches ich für das spätestmögliche Jahr der Statthalterschaft des Varus halte. Gesetzt solchen Falles mag der Plan für die Silbermünze, welche das Jahr 31 = 1 v./1 n. Chr. trägt (siehe RPC I, Nr. 4157), bereits in der Schublade gelegen haben und die Stempel und die Produktion bereits soweit vorbereitet oder gar vorangeschritten gewesen sein, dass der Nachfolger des Varus nicht mehr viel mehr zu tun hatte, als die Münze nur noch herauszugeben. Neue Münzen wurden bis 4/5 n. Chr. nicht geplant.
314 Vgl. z. B. Zumpt: Geburtsjahr, 28-30: „An sich könnte man sogar an eine noch längere [über den Sommer 4 v. Chr. hinausreichende] Dauer von Varus‘ Statthalteramt glauben“, und: „Dehnen wir mithin Quinctilius Varus‘ Statthalterschaft auch auf fünf Jahre, bis 1 v. Chr., aus, so […]“. Zumpt und andere halten diese Dauer nicht für wahrscheinlich, aber mancher gibt gleich Zumpt wenigstens ihre unbestreitbare Möglichkeit zu, wie z. B. Barnes: Date, 207: „Though it cannot be proved that Varus was not legate of Syria for several years after 4 B.C., a tenure of that important position lasting much over three years ought not to be introduced into this period without some corroborative evidence“. John: Art. „P. Quinctilius Varus“, Sp. 917 schreibt: „Bis zur Rückkehr der Herodessöhne [nach ihrer Ernennung zum Ethnarch bzw. zu Tetrarchen in Rom] ist V. sicherlich in seiner Amtsstellung als Statthalter in Syrien verblieben; wie lange er darüber hinaus aber auf diesem Posten geblieben ist, wissen wir nicht“.
315 Ich nenne – um mich im Anschluss darauf beziehen zu können – zuerst einige Literatur, welche diese Diskussion oder Teile derselben geprägt, befruchtet, sinnvoll nachvollzogen oder wenigstens kreativ belebt hat (von den älteren lateinischen Titeln vor Th. Mommsen sehe ich hier ungerechtfertigterweise einmal ab): Zumpt: Geburtsjahr, 20-89; Mommsen: Res gestae (2. Aufl.), 161-178; Gerlach: Statthalter, 16-46 u. 91; Huschke: Census, 59ff.; Wieseler: Beiträge, 35-44; Sevin: Chronologie, 20-36; Ramsay: Bearing, 275-300; ders.: Studies, 229-283 (vor allem S. 229-247 u. 271-275); Cheesman: Family, 253-266 (vornehmlich bis S. 258); Zahn: Statthalterschaft, 633-654; ders.: Lucas, 129ff. u. 750-754; ders.: Grundriß, 10-12; Schürer: Geschichte I, 322-325 u. 534-543; ders.: History I, 257-259 u. 420ff. (neu überarbeitet von Vermes, Millar u. Black); Groag: Prosopographische Beiträge, 445-478, ders.: Art. „P. Sulpicius Quirinius“, Sp. 822-843; ders.: Art. „C. Sentius Saturninus“, Sp. 1520f.; Kellner: Jesus, 120-133 u. ferner 200-210; Bleckmann: Statthalterschaft, 104-112; Dessau: Inschriften, 252-258; Taylor: M. Titius, 161-173; Syme: Galatia, 122-148; Levick: Colonies, 29-41. 81 u. 203-214; Sherk: Galatia, 967-969; Martin: Star, 156-199 u. 232-234 (vgl. ders.: Nativity, 90); Finegan: Handbook (1998), 302-305; Kokkinos: Honorand, 21-36 u. ders.: Titulus Tiburtinus, 37-69; Eilers: Saturninus, 207-226; Di Segni, Leah: A Roman Standard in Herod’s Kingdom, in: Israel Museum Studies in Archaeology, Bd. 4, 2005, 23-48 (war mir nicht zugänglich) u. Di Segni: censimento, 189-193; Dąbrowa: Governors, 24-26 u. 203-205 sowie ders.: Date, 137-142; Rhoads: Josephus, 65-87; Mahieu: Rome, 305-310. Dies ist selbstverständlich nur ein Ausschnitt aus der tatsächlichen Fülle der Werke und Meinungen.
Es empfiehlt sich, obgleich die Diskussion sehr viel breiter und vielschichtiger ist, als ich sie hier nachzuzeichnen vermag, wenigstens einige Grundzüge und Tendenzen derselben aufzuzeigen.
Die Diskussion darüber, welcher Römer die Provinz Syrien in den Jahren 4/3 v. bis 1 v./1 n. Chr. im Auftrag des Caesar Augustus verwaltete, wurde vor allem durch den Umstand angeregt, dass der Evangelist Lukas im Zusammenhang mit der Geburt Jesu Christi den Quirinius als hohen römischen Beamten in Syrien bezeichnet (siehe Lk. 2, 1ff.; die Ausdrucksweise des Evangelisten – h`gemoneu,ontoj th/j Suri,aj – kann den Quirinius zwar unwidersprochen am ehesten als proprätorischen Legaten des Augustus in Syrien bezeichnen wollen, sie muss es allerdings nicht zwangsläufig; eine außerordentliche Legation des Quirinius in Syrien kommt letztlich ebenso in Frage; aber eine weitergehende Diskussion hierüber möchte ich an dieser Stelle ersparen). Iosephus (siehe Ios.: ant. 17, 13, 5; 18, 1, 1 ; 18, 2, 1 u. 20, 5, 2; bell. II 17, 8 u. VII 8, 1) schreibt demselben Quirinius im Jahre 6/7 n. Chr. einen Verwaltungsposten in Syrien und Judäa zu (nach beinah allgemeiner Meinung das Statthalteramt; siehe aber dagegen den nicht unbeholfenen Theodor Zahn und vgl. John H. Rhoads). Und hierhin wird für gewöhnlich auch die Inschrift CIL III Supplementum 1, Nr. 6687 (S. 1222) eingeordnet, die Quirinius als legatus Caesaris Syriae betitelt und die einen unter ihm abgehaltenen Provinzialzensus wenigstens für die bedeutende syrische Stadt Apamea verbürgt. Die Zeit um 6/7 n. Chr. ist für die Geburt Christi zweifelsohne zu spät. Also sann man darüber nach, ob P. Sulpicius Quirinius nicht schon früher einmal römischer Statthalter in Syrien gewesen sein könne. Tatsächlich schien diese Überlegung gestützt durch die antiken Profanhistoriker, welche von einem Krieg des Quirinius gegen das Volk der Homonadenser im westlichen Kilikien zu berichten wissen – siehe Tac.: ann. 3, 48 sowie Strab.: geogr. 12, 6, 5 (569) u. ferner zu den Homonadensern Plin.: hist. nat. 5, 94. Kilikien gehörte nach Meinung vieler Althistoriker damals zur Provinz Syrien; außerdem verfügte der syrische Statthalter über (mindestens?) drei Legionen – siehe Ios.: ant. 17, 10, 9 u. bell. II 3, 1 –, mit denen der Homonadenserkrieg geführt worden sein mag, und obendrein wurde Syrien von einem Konsular verwaltet, was Quirinius seit 12 v. Chr. war. Der Homonadenserkrieg ist recht sicher vor die Zeitenwende zu setzen und wurde von einigen zwischen 11 und 9 oder 7 v. Chr. eingeordnet (Ramsay, Groag, Bleckmann, Cheesman und den beiden letztgenannten folgend auch Dessau; vgl. auch Di Segni: zw. 12-10 v. Chr.), von anderen in die Jahre nach dem Jahr 6 v. Chr. (Mommsen, Zumpt, Gerlach, Zahn, Levick u. a.). Eine wesentliche Rolle bei der Beurteilung, in welche Jahre dieser Krieg zu datieren ist, spielen Meilensteine der via Sebaste aus Pisidien, deren Inschriften dieselben Meilensteine auf die zweite Hälfte des Jahres 6 v. Chr. datieren (siehe CIL III Supplementum 2, Nr. 14401a-c, S. 2328 u. dazu Syme: Galatia, 135-137). Die einen interpretieren den Straßenbau als Vorbereitung auf den Krieg, die anderen den siegreich beendeten Krieg als Voraussetzung für jenen großangelegten Ausbau der via Sebaste. Syme gelangte dahin, dass ein Datum für den Krieg sowohl kurz vor als auch kurz nach 6 v. Chr. („9-8 B. C. or 4-3 B. C.“) absolut möglich ist. Jedenfalls galt dieser Krieg vielen (vor allem Zumpt, Mommsen, Gerlach, Ramsay, Bleckmann) als ein Indiz für eine erste Statthalterschaft des Quirinius in Syrien, die vor jener zweiten, von Iosephus berichteten Legation im Jahre 6/7 n. Chr. liegen musste. Am meisten Anerkennung erlangte früher Theodor Mommsens Datierung jener ersten syrischen Statthalterschaft des Quirinius in die Jahre 3/2 v. Chr. (vornehmlich allerdings in der ersten Auflage seiner Res gestae); ähnlich sprach sich Zumpt für 4-1 v. Chr. aus. Andererseits gibt es Stimmen wie z. B. Wieseler und ihm folgend Sevin, die sich für Kilikien als selbstständige Provinz aussprechen, deren Statthalter der die Homonadenser bekriegende Quirinius gewesen sei; oder aber Quirinius sei überhaupt nicht als ordentlicher Proprätor einer Provinz in jenen Krieg gezogen, sondern als außerordentlicher kaiserlicher Legat mit Sonderauftrag oder als Unterfeldherr (der Unterfeldherr verträgt sich m. E. aber schlecht mit dem konsularen Rang des Quirinius); Groag meint, Quirinius habe den Homonadenser-Krieg als Prokonsul von Asia geführt. Noch anders urteilt Ronald Syme, welcher der Meinung ist, Quirinius habe den Homonadenserkrieg als Statthalter der Provinz Galatia-Pamphylia geführt (denn das westliche Kilikien habe viel eher zu dieser Provinz als zu Syrien gehört und die erforderlichen Legionen könne der galatische Statthalter aus anderen Provinzen gestellt bekommen haben; außerdem sei Augustus in der Verwaltung seiner Provinzen noch flexibel gewesen, sodass der Konsular Quirinius durchaus über Galatien gesetzt worden sein kann, welches sonst Statthalter prätorischen Ranges beherbergte). Bereits R. Bergmann soll (laut Gerlach: Statthalter, 28 in seiner Schrift: De inscriptione latina ad P. S. Qu. referenda, Berlin 1851, S. 9) der Ansicht gewesen sein, dass Quirinius den Homonadenserkrieg als Proprätor von Galatien geführt hat. Und auch schon Norisius: Cenotaphia Pisana, 317-320 sah, ganz ähnlich wie Syme argumentierend, Quirinius seinen Homonadenserkrieg von Galatien aus bestreiten, allerdings als Militärführer cum imperio extraordinario, nicht als Provinzstatthalter. Syme jedenfalls folgten Levick und Sherk, auch Dąbrowa und viele andere.
Die Verfechter der zweimaligen syrischen Statthalterschaft des Quirinius allerdings sahen ihre Ansicht traditionell noch durch eine weitere Quelle gestützt: durch den sogenannten titulus Tiburtinus bzw. lapis Tirburtinus (siehe CIL 14, Nr. 3613, S. 397 = ILS 918. Eine Photographie des Originals siehe auf http://db.edcs.eu/epigr/bilder.php?bild=$MC_CIL_14_03613.jpg;$AE_1995_00415.jpg&nr=1). Diese leider nur fragmentarisch erhaltene Inschrift aus der Gegend bei Tibur (heute: Tivoli) ist die Grabschrift eines gewissen Römers – sein Name ist nicht erhalten –, der unter Augustus zahlreiche Ämter durchlief, der aber erst nach dem Prinzeps verstorben sein muss, da letzterer in der Grabschrift divus Augustus (vergöttlichter Augustus) genannt wird. Aufmerksamkeit wurde vor allem der Angabe geschenkt, dass dieser Römer im Auftrage des Augustus die Provinz Syrien und Phönizien verwaltete, sehr wahrscheinlich als legatus pro praetore. Dieses Amt bekleidete er laut Grabschrift iterum, das heißt „wiederholt“ bzw. „zum zweiten Male“. Da einige der sonstigen Angaben des titulus Tiburtinus sehr gut, andere zumindest möglicherweise auf die politische Laufbahn des Quirinius zutreffen, erblickten Sanclemente (De vulgaris aerae emendatione, 414-426), Mommsen und nach ihnen viele andere in dem durch die Grabschrift geehrten Konsular ebendiesen Quirinius. Andere widersprachen. Philipp E. Huschke bezog die Inschrift auf M. Vipsanius Agrippa (was freilich wenig wahrscheinlich ist), A. W. Zumpt auf C. Sentius Saturninus, worin ihm Kokkinos später folgte; und tatsächlich passt die Grabschrift zur Biographie und zur Ämterlaufbahn des Saturninus mindestens ebenso gut wie zu der des Quirinius (Dazu, dass die Heimat des Sentius Saturninus bzw. seiner Familie nahe der Stadt Tibur gelegen haben mag, siehe Kokkinos: Honorand, 29 u. 33 und ausführlicher ders.: Titulus Tiburtinus, 55-57). Lily Ross Taylor dachte daran, dass die Inschrift auf M. Titius zu beziehen sei, der demnach zweimal Statthalter in Syrien gewesen sei (das erste Mal in den Jahren 20-17 v. Chr. unter der Orientherrschaft des M. Agrippa, das zweite Mal direkt nach derselben). Edmund Groag hatte die Grabschrift zuvor auf M. Plautius Silvanus, cos. 2 v. Chr. bezogen. Groags Vorschlag der Zuordnung selbst erhielt zwar keinen Beifall, dafür aber sein deutlicher Hinweis, dass das Wort iterum sich nicht zwangsläufig auf die Provinz Syrien beziehen müsse, sondern ebenso nur eine wiederholte proprätorische Legation aussagen kann (so auch schon Wieseler). Der Geehrte kann das erste Mal also auch eine ganz andere kaiserliche Provinz verwaltet haben und muss folglich nicht zweimal Statthalter in Syrien gewesen sein. So sahen es auch R. Syme und Barbara Levick, welche die Grabschrift auf L. Calpurnius Piso, cos. 15 v. Chr., bezogen, für welchen Syme und andere schon allein aufgrund einer Inschrift aus Hierapolis Castabala in Cilicia Campestris bzw. Cilicia Pedias (also im östlichen Kilikien), die L. Calpurnius Piso presbeuth.j kai. avntistra,thgoj nennt (siehe AE 1920.71), eine syrische Statthalterschaft annahmen (Der Inschrift-Text ist auch bei Syme, Levick, Kokkinos, Eilers und Dąbrowa zu finden). Symes und Levicks Zuordnung des titulus Tiburtinus schlossen sich die Herausgeber des „Neuen Schürer“, außerdem Claude Eilers, Dąbrowa und viele andere an. Diese Zuordnung des titulus Tiburtinus zu L. Calpurnius Piso lässt sich mindestens ebenso gut verteidigen wie die Meinungen, er beziehe sich auf Quirinius oder auf Saturninus. Jedenfalls sehen Syme und jene, die ihm zustimmen, in Piso den syrischen Statthalter der Jahre 4-1 v. Chr. als Amtsnachfolger des Varus. Besonders empfehlen darf man die wissenschaftliche Diskussion in diesem Punkte zwischen Kokkinos und Eilers. Persönlich tendiere ich, was den titulus Tiburtinus anbelangt, zu Kokkinos‘ Lösungsvorschlag, sodass ich nicht viele Gründe sehe, die für eine Statthalterschaft des L. Calpurnius Piso Pontifex in Syrien sprechen. Die Gründe, die gegen die Zuordnung des titulus Tiburtinus zu Calpurnius Piso (sowie diejenigen, die gegen eine Zuordnung der Inschrift zu Quirinius) sprechen oder zum Teil wenigstens sprechen könnten, finden sich bei Mahieu aufgelistet. Man wird sich heute auch gar nicht mehr gegen die mittlerweile antiquierte Meinung, Quirinius sei um 3/2 v. Chr. Statthalter in Syrien gewesen, wehren müssen, sondern sich viel eher mit der aktuelleren These, dass L. Calpurnius Piso denselben Posten ca. 4-1 v. Chr. besetzte, auseinandersetzen müssen. Vornehmlich Nikos Kokkinos liefert Argumente gegen diese These. Es gibt imgrunde nur zwei Quellen, welche von den Befürworten einer syrischen Statthalterschaft des Piso ins Feld geführt werden und werden können: zum einen die besagte Inschrift aus Hierapolis Castabala, die ihn als proprätorischen Legaten bezeichnet, zum anderen den titulus Tiburtinus. Letzterer ist natürlich alles andere als sicher dem Piso zuzuordnen. Kokkinos hält diese Zuordnung nach eingehender Untersuchung sogar für ziemlich unwahrscheinlich: „It has to be concluded that Piso the Pontifex is not the best but the worst candidate for the position of the ignotus, and to think otherwise is to place faith on Syme’s formidable reputation rather than on the strength of the evidence“ (Kokkinos: Titulus Tiburtinus, 54). Kokkinos‘ Argumente gegen Piso (und für Saturninus) sind vom interessierten Leser selbst im einzelnen anzuschauen und zu bewerten. Hier fehlt der Platz. Kokkinos: Honorand, 125 bezweifelt außerdem, dass die besagte Inschrift aus dem kilikischen Hierapolis überhaupt auf eine Legation in Syrien hinweist, „because Cilicia Pedias was not attached to Syria under Augustus, and was certainly an independent kingdom at least up to AD 17 (Strabo 12,540, 555; cf. 535: Dio 54,9,2; OGIS 357; Tac., Ann. 2,42,5)“. Freilich gehen die Meinungen in diesem Punkte unter den Gelehrten auseinander, aber Kokkinos: Titulus Tiburtinus, 51ff. begründet seine Ansicht, dass Kilikien und auch West-Kilikien zwischen 20 v. und 17 n. Chr. nicht zu Syrien gehörte, noch einmal ausführlicher und m. E. sehr überzeugend. Für mich stellt sich auch die Frage, ob die Ehrung in Hierapolis nicht auch irgendwie im Zusammenhang mit Pisos Zeit als Statthalter in (Galatia-)Pamphylia stehen könnte (siehe Cass. Dio 54, 34, 6). Letztlich äußert Kokkinos sogar die Vermutung, dass in der Inschrift von Hierapolis Castabala nicht Piso Pontifex, sondern vielmehr L. Calpurnius Piso, der Konsul des Jahres 57 n. Chr., gemeint ist.
Eine letzte Hypothese zum titulus Tiburtinus und den syrischen Statthaltern im letzten vorchristlichen Jahrzehnt soll genannt werden, die auf den ersten Blick gewiss künstlich erscheint; hat man sich aber erst einmal hineingedacht, so hat sie durchaus etwas für sich. Ernest L. Martin bezog die Grabschrift auf unseren Varus. Das ist deshalb nicht abwegig, weil der Stein mit der Grabschrift ganz in der Nähe der mutmaßlichen Villa des Quinctilius Varus in Tibur/Tivoli gefunden wurde (siehe zu Tibur als vermutlicher Heimat des Varus den Beitrag von Mari, Zaccaria: Ausblick auf Rom. Die P. Quinctilius Varus zugeschriebene Villa in Tivoli, in: 2000 Jahre Varusschlacht. Imperium, Stuttgart 2009, 46-53). Martin nimmt also zwei syrische Legationen des Varus an, die erste gemäß den Münzen ca. 6-4 v. Chr., die zweite 2 v.-1 n. Chr. Dazwischen (4-2 v. Chr.) setzt Martin den Sentius Saturninus als syrischen Legaten. Diese Konstruktion hat folgenden Vorteil: Setzt man, wie gewöhnlich, die Statthalterschaft des Sentius Saturninus in die Jahre 9-6 v. Chr., so passt die vieldiskutierte Aussage des Tertullianus, die Einschreibung zur Zeit der Geburt Christi sei von Sentius Saturninus geleitet worden (siehe Tert.: adv. Marc. IV 19), überhaupt nicht zu Tertullians traditionell kirchlichem Statement, Christus sei im 41. bzw. nach alexandrinischer Zählweise im 28. Jahr des Augustus geboren (siehe Tert.: adv. Iud. 8), was in etwa ins Jahr 3/2 v. Chr. führen müsste. Beide Aussagen des Kirchenschriftstellers stimmen aber überein, wenn man mit Martin eine proprätorische Legation des Saturninus in Syrien in den Jahren 4-2 v. Chr. annimmt. Der Grund dafür, dass man gewöhnlich den Sentius Saturninus vor dem Jahr 6/5 v. Chr. in Syrien stehen sieht, ist Ios.: ant. 17, 5, 2 (89), wo gesagt ist, dass Varus (der ja laut den antiochenischen Münzen vor dem Herbst 6 v. Chr. sein Amt antrat) dem Saturninus unmittelbar im Amt folgte. Wenn Martin nun eine zweite Statthalterschaft des Varus 2 v.-1 n. Chr. postuliert, so behält die Iosephus-Stelle volle Gültigkeit. (Und übrigens würde auch die von mir freilich nicht geteilte Ansicht Di Segnis bestens dazu passen, dass M. Titius bis ins Jahr 7 v. Chr. Statthalter in Syrien war. Siehe zur These Di Segnis unten S. … [in Kap. III. 1. 1.]). Vor allem Jack Finegan tendiert stark zur Ansicht Martins. Ich will allerdings den Hinweis in Kellner: Jesus, 123f. nicht unerwähnt lassen, dass es sich bei jenem von Tertullianus genannten Sentius Saturninus ja gar nicht zwangsläufig um jenen aus Iosephus bekannten syrischen Statthalter handeln muss. Immerhin sind zwei Verwandte desselben bekannt, welche den gleichen Namen trugen, von denen der eine vor seinem Konsulat als Zensus-Beamter oder sonstiger Beamter an der Einschreibung in der Levante zur Zeit der Geburt Christi beteiligt gewesen sein könnte. Ähnlich wie Martin übrigens, allerdings ohne den unsicheren titulus Tiburtinus ins Feld zu führen und daher auch ohne die Annahme einer zweifachen syrischen Statthalterschaft des Varus, rekonstruierte schon Florian Rieß die syrische Statthalterliste. Er setzte die Legation des Varus in die Jahre 3 v. bis 1 n. Chr. und die des Sentius Saturninus unmittelbar hiervor, was einerseits sicher manchen Vorzug hat, andererseits aber, wie weiter oben angemerkt, nur mittels einer doch sehr unsicheren Interpretation der Jahreszahlen auf den antiochenischen Varus-Münzen gelingt. Und falls es den Tatsachen entspricht, dass die Statthalterschaft des Saturninus für das Jahr 10/9 v. Chr. durch die Zusammenschau der Nachrichten des Iosephus mit den nabatäischen Münzen verbürgt ist (siehe oben S. 83f.), so erübrigt sich die Hypothese Martins (und die ähnliche von Rieß) ohnehin von selbst.
Bereits der gerade gebotene knappe Ausschnitt aus der Diskussion um die Liste der syrischen Statthalter im letzten Jahrzehnt vor der Zeitenwende zeigt, wie zahlreich und vielfältig die Ansätze und Hypothesen sprießen. Wer nach der längstmöglichen Amtszeit des Varus fragt, darf sich weder von einer potentiellen Legation des Piso, noch von solch einer des Quirinius in bzw. zwischen den Jahren 4 und 1 v. Chr. irritieren lassen, weil sie ganz einfach zu ungewiss sind.
316 Kokkinos: Titulus Tiburtinus, 48 (vgl. schon ebd., S. 47). Ebd., 49 sagt Kokkinos: „It goes without saying that there is no mention of Piso anywhere. On the contrary there are indications that Piso will have remained in Rome, from where he bade young Gaius farewell, if this is what the two epigrams by his poet Antipater (Anth. Pal. 9.59, 297), dated to 2 BC, ought to mean“. Vgl. auch ders.: Dynasty, 375: „His [des Sentius Saturninus] successor P. Quninctilius Varus (cos. 13 BCE) would have held this position from c. mid-7 to about 3/2 BCE […]“.
317 Siehe oben S. 89 u. 93, Anm. 310.
318 Plin.: nat. hist. 6, 160.
319 Siehe Plin.: nat. hist. 6, 142.
320 Vgl. dazu, dass den Libanon unter anderem Araber bewohnten, z. B. auch Strab.: geogr. 16, 2, 18 u. 20 (755f.).
321 Siehe dazu oben S. 77ff.
322 Siehe Plin.: nat. hist. 2, 168: […] in quo res gerente C. Caesare Augusti filio […].
323 Siehe Plin.: nat. hist. 6, 141.
324 In diesem Sinne urteilt z. B. Schegg: Todesjahr, 40: Gaius „unterwarf die Nabatäer und zog durch Palästina nach Syrien, wo er am 1. Januar 754 sein Consulat antrat“.
325 Siehe Strab.: geogr. 16, 2, 34 (760).
326 Auch Syme: Anatolica, 325 erkennt in jenem Arabien, welches Gaius bereiste, das Nabatäerreich: „and if Arabia was now in the sphere of practical politics, it was surley Arabia of the Nabataeans, the lords of Petra“.
327 Siehe Ios.: ant. 16, 9, 4 (295) u. 16. 10, 9 (353).
328 Siehe Ios.: ant. 16, 10, 9 (353ff.).
329 Siehe Ios.: ant. 17, 10, 9 (287ff.).
330 Siehe Ios.: bell. II 5, 3 (76f.) u. ant. 17, 10, 10 (296).
331 Mahieu: Rome, 318.
332 Siehe Mahieu: Rome, 317-320.
333 Siehe Martin: Star, chap. 10: („The war that no one can find“).
334 Siehe Ios.: bell. II 5, 3 (76ff.).
335 Siehe Ios.: ant. 15, 7, 8 (250).
336 Martin – siehe ders.: Star, chap. 10: („The war that no one can find“) – bemüht zwei Inschriften, die den Orientfeldzug des Gaius preisen, sowie die zeitnahe jüdische Schrift „Himmelfahrt des Mose“ (assumptio Mosis), um seine Ansicht zu untermauern. Was die beiden Inschriften anbelangt, so legt Martin Gewicht darauf, dass die griechische sagt, Gaius habe um der Sicherheit der gesamten Menschheit willen die Barbaren (oi` ´ba,rbaroi) bekriegt (siehe AE 1967, 458), und die lateinische, Gaius habe seine Kriege jenseits der römischen Grenzen geführt (siehe CIL XI/1, Nr. 1421, S. 278: […] quem ultra finis extremas populi [Ro]mani bellum gerens feliciter peregerat […]). Und Martin versucht darzulegen, dass damals erstens insbesondere die sich von den Völkern absondernden Juden als Barbaren galten und dass zweitens Herodes‘ Königreich und damit eben auch Idumäa „was technically outside imperial territory“. Man kann allerdings dagegen halten, dass die Parther sowie die Armenier den Griechen ebenso gut oder gar besser als Barbaren gelten konnten als die Juden. Man beachte auch, dass der zeitgleiche Ovidius: ars amatoria I 177 im Zusammenhang mit Gaius‘ Zug gegen die Parther dieselben „barbarisch“ nennt, dass auch Tac.: ann. 2, 2 von den Parthern als barbari spricht und dass der griechisch schreibende Dio im Zusammenhang mit der Orientmission des Gaius sowohl die Parther als „Barbaren“ (ba,rbaroi) als auch die Armenier als „barbarisch“ (barbariko,j) bezeichnet (siehe Cass. Dio: hist. 55, 10, 20 u. 55, 10a, 5; vgl. schon 48, 41, 4 oder 49, 19, 1). Bereits Plut.: regum et imperatorum apophthegmata, Lucullus 2 (203b) nennt die Armenier ba,rbaroi. Den Griechen galten letztlich alle anderen, nichtgriechischen Völker als Barbaren. Selbst z. B. Ios.: contra Apion. I 22 (161) teilt die Völker der Welt vereinfachend in Griechen und Barbaren (= alle anderen) ein. Nicolaus Dam.: vita Aug. 1 (1) sagt von Augustus: „Er gab nicht nur den Stämmen sowohl der Griechen als auch der Barbaren (barba,rwn) eine feste Ordnung […]“. Erinnert man sich außerdem an die Ausmaße des Parthereinfalls im Jahre 40 v. Chr. (siehe dazu in Band I/2, Kap. I. 3. 8. „Der Einfall der Parther“), so ist es bestens begreiflich, dass jene Inschrift die Sicherheit der Ökumene ins Spiel bringt. In Bezug auf die Juden aber wäre solch eine Formulierung arg hoch gegriffen, selbst wenn es nur darum ginge, dem Kaiserenkel zu schmeicheln. Außerdem konnten die Länder jenseits des Euphrats mit größerem Recht als außerhalb der Grenzen des römischen Reichs gelegen betrachtet werden als Idumäa. Templeman: Death, 56 bezieht die beiden Inschriften auf die Expedition des Gaius ins nabatäische Arabien. Er folgt dabei Zetzel, James E. G.: New Light on Gaius Caesar’s Eastern Campaign, in: Greek, Roman and Byzantine Studies, Bd. 11, NR. 3, 1970, 259-266. Das macht in meinen Augen etwas mehr Sinn, als Martins Idumäa-Vorschlag. Martin kann imgrunde nur aufzeigen, dass diese beiden inschriftlichen Zeugnisse seine Ansicht nicht zu widerlegen vermögen; als dezidierte Belege für dieselbe taugen sie hingegen definitiv nicht.
Nur unwesentlich mehr Gewicht ist in meinen Augen der assumptio Mosis in diesem Punkte beizumessen. Was diese jüdische Prophetie-Schrift, welche Anfang des ersten Jahrhunderts n. Chr. abgefasst worden ist, über den auf die hasmonäischen Priesterkönige folgenden „frechen König“, womit ganz eindeutig Herodes I. gemeint ist, aussagt, werde ich weiter unten behandeln. Hier interessiert nur, was im Anschluss daran über die von außen über Israel hereinbrechenden Katastrophen berichtet wird. Der Text ist lediglich durch eine lateinische Handschrift aus dem 6. Jh. überliefert. Kapitel 6, 8f. lautet nach der Umarbeitung in klassisches Latein durch R. H. Charles: In partes eorum cohortes [die Handschrift hat mortis stehen] venient et occidentis rex potens, qui expugnabit eos et ducet captivos et partem aedis ipsorum igni incendet, aliquos crucifiget circa coloniam eorum; „In ihre Landesteile kommen feindliche Truppen und ein mächtiger König des Westens, der sie unterwirft; und er führt Gefangene weg und vernichtet einen Teil ihres Heiligtums mit Feuer; andere kreuzigt er in der Umgebung ihrer Stadt“. Die Rede ist unzweideutig vom Varus-Krieg nach dem Tode des Herodes, in dessen Zuge Teile der Tempelhallen brannten und an die 2000 Aufständische gekreuzigt wurden (siehe Ios.: ant. 17, 10, 10). Jenen mächtigen König des Abendlandes nun hat bereits Charles, Übersetzer und Herausgeber der assumptio Mosis, in seinen Anmerkungen zum Text mit Varus identifiziert. Darin folgt man ihm für gewöhnlich – nicht so Martin. Letzterer möchte in dem König des Westens den Gaius Caesar erkennen und somit seine These bestätigt sehen, dieser habe in Idumäa die Juden kriegerisch niedergerungen. Es muss zugegeben werden, dass der Titel rex auf den mit enorm hoher Gewalt ausgestatteten Kronprinzen um einiges besser passt als auf einen Provinzstatthalter. Jedoch erscheint es mir wichtig, diese Zuweisung nicht ohne Berücksichtigung des Kontextes zu unternehmen. Alle Aktionen, welche die Quelle jenem König zuschreibt, hat laut Iosephus Varus persönlich oder haben doch zumindest die unter seiner Befehlsgewalt stehenden Soldaten durchgeführt. Darum wird man in dem „mächtigen König des Westens“ entweder Varus selbst oder eher allgemeiner den Kaiser Augustus sehen müssen, in dessen Vertretung und Auftrag Varus handelte. Natürlich kann man andererseits nicht gänzlich ausschließen, dass der Verfasser der assumptio Mosis den mit prokonsularischer Gewalt ausgestatteten Gaius im Sinn hatte; denn immerhin mag das, was Varus in Palästina veranstaltete, bereits im Namen des für den Orient verantwortlichen Kaiserenkels geschehen sein – natürlich kann es das nur, wenn Varus es 2 oder 1 v. Chr. veranstaltete. Aber selbst in solchem Fall sehe ich nicht in Gaius, sondern in seinem offiziellen Vertreter Varus denjenigen, der die Juden siegreich bekriegte. Ein Indiz für eine Zerstreuung der letzten jüdischen Erhebung in Idumäa durch Gaius ist die Passage aus der „Himmelfahrt des Moses“ jedenfalls nicht.
Anders als Martin finde ich also in diesen drei Quellen überhaupt keinen Hinweis darauf, dass Gaius um die Zeitenwende die Idumäer bekriegt hat.
337 Ich denke hierbei in erster Linie an die Erwähnung der „römischen Waffen“ in Plin.: nat. hist. 6, 141. Denn die ebd. genannte expeditio muss man nicht zwangsläufig als kriegerischen Feldzug begreifen, sondern kann sie durchaus auch als militärische Expedition ohne kriegerische Auseinandersetzungen interpretieren; genauso wie Gaius ebd. 2, 168 nicht zwangsläufig als Kriegführender bezeichnet sein muss, sondern auch einfach als Kommando-Inhaber genannt sein kann.
338 Ios.: bell. II 5, 1 (68).
339 Siehe Ios.: ant. 17, 10, 9 (288f.).
340 Gertoux: Datation sagt: „Or il semble que le Caius qui apparaît une deuxième fois peu après la mort d’Hérode soit le même puisque Josèphe se contente de préciser que ce Caius, qui commandait les légions en Galilée, était un des amis de Varus. Tacite [Tac.: ann. 4, 66, 1] indique effectivement que Varus et Auguste, et donc Caius, avaient des liens de parentés“. Siehe auch Gertoux: Herod, 42-47. Templeman: Death, 54f. sagt: „Coming to Ptolemaeus in 1 BCE, Caius met Quinctilius Varus, then governor of Syria (JW 2: 68-69) and Josephus calls Caius ‚a friend of his [Varus]‘ (JA 17: 288)“, und: „At this time Caius Caesar met Varus near Syrian Antioch, and Caius in company with Varus‘ sons, took troops into Galilee capturing Sepphoris (JW 2: 68; JA 17: 288-289)“.
341 Siehe Crosby, Daniel J.: The Case for Another Son of P. Quinctilius Varus. A re-examination of the textual and scholarly traditions around Joseph. BJ 2.68 and AJ 17.288, in: Journal of Ancient History 4/1, 2016,113–129.
342 Suet.: Aug. 93.
343 Siehe Ios.: ant. 16, 6, 2f. (162ff.); Philo: legatio ad Gaium 21 (145)-23 (158) u. 39 (309)-40 (319).
344 Siehe Ios.: ant. 16, 6, 4-7 (167ff.) und Philo: legatio ad Gaium 36 (291) u. 37 (294ff.).
345 Siehe Graetz: Geschichte III/1, 213f. Siehe überhaupt zum allgemein guten Verhältnis des Augustus zu den Juden ebd., 213-215 u. 227-229.
346 Siehe Philo: legatio ad Gaium 23 (157) u. 40 (317). Man kann freilich nicht genau sagen, wann diese Kaiseropfer – siehe zu diesen z. B. Ios.: contra Apion. II 6 (76f.) – ihren Anfang genommen haben. Keinesfalls auszuschließen ist, dass sie schon zu Herodes‘ Herrschaftszeit dargebracht wurden. Für am wahrscheinlichsten halten die meisten Historiker jedoch jenen Zeitpunkt, zu dem Judäa zur römischen Provinz gemacht wurde, also 6/7 n. Chr.
347 Siehe Ios.: bell. V 13, 6 (562) und Philo: legatio ad Gaium 23 (157) u. 40 (319).
348 Siehe Ios.: ant. 16, 2, 1 (14).
349 Vgl. Mahieu: Rome, 324 (Mahieu nimmt allerdings an, Gaius sei im Herbst 1 n. Chr. demonstrativ an Jerusalem vorbeigezogen, als die Söhne des im Frühling desselben Jahres verstorbenen Herodes noch nicht wieder aus Rom zurückgekehrt waren. Der Palästina-Krieg des Varus sei in diesem Spätsommer oder Herbst erst beendet worden. Darin kann ich Mahieu freilich nicht folgen). Vgl. auch Templeman: Death, 55: „Augustus sent a letter to Caius commending him for this decision (Suet. Aug. 93) possibly being angry concerning Jewish uprisings“ (Templeman meint, Gaius sei von Varus‘ Truppensammelstelle in Ptolemais im Sommer 1 v. Chr. nach Sepphoris in Galiläa gezogen und etwas später, von dort demonstrativ an Jerusalem vorbei nach Süd-Judäa, von wo aus er unmittelbar nach dem Ende des Varus-Krieges seinen Feldzug gegen die arabischen Nabatäer und ihren König Aretas gestartet habe. Ich hingegen gehe davon aus, dass Gaius von Süden nach Norden an Jerusalem vorbeizog und dass Gaius nicht in den Pentekoste-Krieg des Varus involviert war).
350 Siehe zum Folgenden Ios.: ant. 17, 10, 1.
351 Ios.: ant. 17, 10, 1 (251f.).
352 Ios.: bell. II 5, 3 (76).
353 Dass in Syrien insgesamt drei Legionen stationiert waren, sagt Ios.: ant. 17, 10, 9 (286) u. bell. II 3, 1 (40) sowie bell. II 5, 1 (67).
354 Siehe oben S. 75f., Anm. 248.
355 Siehe Tac.: ann. 4, 5.
356 Gerlach: Statthalter, 18.
357 Natürlich ließe sich schon hier argumentieren: Iosephus berichtet doch, dass Herodes nicht lange vor einem Passafest, welches ungefähr im April gefeiert wird, dahinschied. Folglich kann er nicht schon Ende 7 v. Chr. das Zeitliche gesegnet haben, sondern frühestens im Frühjahr 6 v. Chr. Ich kann an dieser Stelle aber auf solche Argumente noch keine Rücksicht nehmen, weil ich der Frage, wie lange vor jenem Passa der König gestorben sein wird, erst weiter unten nachgehen werde und folglich im Moment noch der Tatsache Rechnung tragen muss, dass einige Gelehrte, wie Ussher, Norisius und Barnes, den Tod tatsächlich bis auf den 7. Kislev (also etwa in den November) hinaufrücken.
358 Vgl. Dąbrowa: Governers, 23: „It took Varus more than ten weeks to restore order in Judaea“. Emil Schürer nimmt eine Dauer von sechs Monaten an: Varus „had to suppress the revolt which broke out in Palestine after Herod’s death and was therefore in Syria for at least the following six months“ (Schürer: History I, 420; ebd., 423 werden diese sechs Monate wiederholt genannt).
Klar ist, dass Varus die Hauptlast mit den aufständischen Juden erst nach dem Wochenfest zufiel (siehe Ios.: ant. 17, 10, 2-10 und bell. II 3, 1-II 5, 3). Das Pfingstfest liegt sieben Wochen später als das Passafest. Gibt man dem Varus ein bis zwei Monate Zeit, die Lage nach dem Pfingstfest wieder unter Kontrolle bekommen zu haben (allein die Mobilisierung und Sammlung der Heeresverbände im phönizischen Ptolemais dürften zwei Wochen in Anspruch genommen haben), dann hat Varus noch mindestens drei Monate nach dem Tod des Judenkönigs in Syrien amtiert. Hinzu kommt ja außerdem noch die Dauer für die in Ios.: bell. II 5, 3 (79) u. ant. 17, 11, 1 (299) ausdrücklich erwähnte Rückreise des Varus nach Antiochia.
359 Nach den Worten des Iosephus kann Varus zum Zeitpunkt der Gerichtsverhandlung gegen Antipatros sowohl sich schon längere Zeit in Syrien aufgehalten haben als auch gerade erst frisch als Statthalter eingetroffen sein. Ersteres suggeriert Ios.: ant. 17, 5, 7 (132): „Da [nach der Gerichtsverhandlung] erhob sich Varus […] und begab sich am folgenden Tage nach Antiochia, der Hauptstadt von Syrien, wo er sich meistens aufzuhalten pflegte“ (vgl. dazu z. B. Magnan: Problema, 47: Haec namque verba clare ostendunt Quintilium Varum jam a longo sat tempore Syriae praeesse); zweiteres suggeriert Ios.: ant. 17, 5, 2 (89): „Zu dieser Zeit [der Gerichtsverhandlung] befand sich gerade Quintilius Varus, der Nachfolger des Saturninus in der Verwaltung Syriens, in Jerusalem, wohin er auf Herodes‘ Bitte zur Besprechung über die gegenwärtige Lage gekommen war“. Die Frage also, ob Iosephus den Varus das erste Mal erwähnt, als dieser in seinem ersten, zweiten, dritten oder vierten Statthalterjahr stand, lässt sich letztlich nicht beantworten. Denn Iosephus erwähnt zwar in bell. I 29, 3 und ant. 17, 3, 2, wo er vom Rom-Aufenthalt des Antipatros spricht, den Saturninus, den Vorgänger des Varus, im Zusammenhang mit der Anklage gegen den Leibwächter des Herodes namens Korinthos sowie gegen zwei „Araber“, die gemeinsam einen Anschlag auf das Leben des Herodes vorbereitet haben sollen, aber diese Episode ist merklich eine Rückblende, um den ungünstigen Stand des Nabatäers Syllaios zu der Zeit zu verdeutlichen, als dieser und Antipatros in Rom waren. Wie lange das Vorgehen gegen Korinthos und jene „Araber“, an welchem Saturninus noch beteiligt war, der Romreise des Antipatros vorausging, ist also aus Iosephus leider gar nicht zu entscheiden. In Ios.: ant. 17, 2, 1 wird Saturninus ebenfalls im Rahmen einer Rückblende genannt. Sicher ist aus Ios.: bell. I 28, 1 (554) und ant. 17, 1, 1 (6) nur, dass Saturninus noch nach der Hinrichtung der Herodessöhne Alexandros und Aristobulos syrischer Statthalter war. Da man aber nicht weiß, wie lange nach dieser Hinrichtung Saturninus noch in Syrien weilte, und man den zeitlichen Abstand zwischen der Verhandlung gegen Alexandros und Aristobulos (nach 9 v. Chr.; siehe oben S. 84) und der Verhandlung gegen Antipatros nicht kennt, so hilft der Blick auf Saturninus nicht, die Frage zu beantworten, in welcher Phase seiner Amtszeit Varus am Gericht gegen Antipatros teilnahm. Sodann erfährt man aus Iosephus zwar, dass Varus nach dem Tode des Herodes noch mindestens drei bis vier Monate in Syrien weilte (siehe wenige Fußnoten weiter oben), aber nicht, ob er darüber hinaus noch länger als Statthalter fungierte, und falls ja, wie lange noch.
360 Siehe Suslyga: Velificatio, 9-10 (pars prima, cap. 10-11). Vgl. wenig später z. B. auch die Argumentation in Petavius: de doctrina II, 163f. (lib. 11, cap. 3) u. 227 (lib. 12, cap. 6). Vossius: Dissertatio […] de Christi anno natali, 10f. argumentierte, dass man den Tod des Herodes aus diesem Grunde wenigstens nicht später als vor das Passa des Jahres 2 v. Chr. ansetzen könne: Id fuerit ante exactum annum XLIV; quia hoc [Gaius Caesar] in Syriam abiit, nec inde rediit: ut qui anno XLIX obierit; quod ex Suetonio, et Tacito, colligitur. Saltem igitur vita excesserit Herodes ante Pascha anni XLIV [= 2 v. Chr.].
361 Siehe z. B. Barnes: Date, 208-209 (diesem folgt Hoehner: Date, 109f.).
362 Diese drei Autoren sind sich des Zusammenhangs durchaus bewusst und der Meinung, Gaius müsse im Frühling 3 n. Chr. kurzfristig in Rom anwesend gewesen sein. Ihre unbefriedigende Begründung lautet: „Because of his several offices and missions conducted on behalf of Augustus in the East, Gaius Caesar was an important adviser of the emperor – as Josephus writes (AJ XVII. 228–229). Therefore, very likely, he should have attended the first council on deciding Herod’s succession in the spring of 3 AD, when he was 22 years old, not 16 as in 4 BC“ (De Caro/La Greca/Matricciani: Beginning, 158).
363 Siehe Noris: Cenotaphia Pisana, 132.
364 Aus diesem Grunde wurden die in Judäa sichtbaren Sonnen- und Mondfinsternisse in Band I/1 in die Tabellen zum rekonstruierten Kalender der Juden (63 v.-72 n. Chr.) aufgenommen. Erklärungen dazu siehe in Bans I/1, S. 220f.
365 Demandt: Verformungstendenzen, 5 (469). Berücksichtigt sind nach Anm. 1 „alle griechischen und lateinischen Zeugnisse für die Finsternisse bis 600 n. Chr.“, „mit Ausnahme der Mondfinsternis-Liste des CLAUDIUS PTOLEMAEUS“. Dass das Ergebnis günstiger ausfallen würde, so man z. B. die babylonischen Zeugnisse miteinbezöge, versteht sich von selbst. Letztendlich gehörte die gehobene jüdische Schicht, der Iosephus angehörte, aber längst zum hellenistisch-römischen Kulturkreis, weshalb Iosephus‘ Erwähnung der Mondfinsternis sehr wohl jener von Demandt untersuchten Menge an Fällen angehört.
366 Vgl. Cameron: Target Fixation, 3f.; Van Bebber: Chronologie, 100f., Anm. 2. oder Grabbe: History III, 30: „The context suggests that the lunar eclipse is mentioned as a heavenly portent, which would have been the normal reaction of people at that time when astronomical events coincided with spectacular events on the human plane (cf. Plutarch, Aemilius Paullus 17.7-10, where a lunar eclipse was interpreted by soldiers as sign of the eclipse of their king)“.
367 Ios.: ant. 14, 12, 3 (309).
368 Siehe Cass. Dio: hist. 56, 29, 2f. (laut Xiphilinos u. Zonaras). Ebd. ist vom letzten Geburtstag des Augustus (23. Sept. 13 n. Chr.) die Rede; darauf heißt es: „Denn im Jahre darauf, unter dem Konsulat des Sextus Apuleius und Sextus Pompeius [14 n. Chr.], begab sich der Kaiser nach Kampanien, richtete die Spiele in Neapel aus und starb dann zu Nola. Vorzeichen aber, die ihm sein Schicksal ankündigten, waren in nicht geringer Zahl eingetreten und unschwer zu deuten: So gab es eine vollständige Sonnenfinsternis (o[ te ga.r h[lioj a[paj evxe,lipe)“ usw. Vgl. übrigens Syncellus: chronogr. (Ausgabe Adler, S. 459): „He [Augustus] ended his life in Rome. During that time there was a solar eclipse“.
369 Zwar bietet der „Five Millenium Catalog of Solar Eclipses“ der NASA-Homepage zwei Sonnenfinsternisse im Jahre 44 v. Chr. (–43), aber beide waren in Europa und dem Orient nicht sichtbar, stattdessen die eine im nordpazifischen Raum, die andere in Südamerika. Dieselbe Homepage listet für das letzte Lebensjahr des Augustus (August 13 bis August 14 n. Chr.) drei Sonnenfinsternisse auf, die aber ebenso wenig in Europa und dem Vorderen Orient gesehen werden konnten, stattdessen zwei davon in der Antarktis und eine in Nordasien.
370 So bemüht beispielsweise Conte: Dates, 235. 240f. u. 340f. die Sonnenfinsternisse im August 49 v. Chr. und im Juni 10 n. Chr., um in dieselben Jahre die Todesfälle der beiden römischen Herrscher einzuordnen. Seyffarth: Berichtigungen, 2f. und ders.: Chronologia sacra, 10-14 hingegen erblickt in der Sonnenfinsternis des Jahres 16 n. Chr. (=„17 n. N.“) diejenige, welche die Quellen im Zusammenhang mit dem Tod des Augustus nennen.
371 Der griechische Fachterminus für die astronomische Finsternis lautet h`´e;kleifij; das entsprechende Verb ist evklei,pein. Ich verweise hier nur auf den eindeutigen Gebrauch dieser Vokabeln durch den zeitlich nahen Astronomen Geminos von Rhodos in seinen beiden Kapitel über die Sonnenfinsternis und über die Mondfinsternis (peri. evklei,fewj h`li,ou und peri. evklei,fewj selh,nhj; siehe Gemin.: elementa astron. 10 u. 11). Siehe insgesamt zu den Verben, welche bei den Griechen eine Finsternis umschreiben konnte, Baumbach: Sonnenfinsternis, 14f.
372 Verg.: georgica I 465; die Übersetzung von O. Schönberger lautet zum Vergleich: „hüllte ihr strahlendes Haupt in tiefes Dunkel“.
373 Tibull.: elegiae II 5, 75f.
374 Plut.: Caes. 69.
375 Plin.: nat. hist. 2, 98: Fiunt prodigiosi et longiores solis defectuus, qualis occiso dictatore Caesare et Antoniano bello totius paene anni pallore continuo.
376 Siehe Sigl, M. u. a.: Timing and climate forcing of volcanic eruptions for the past 2,500 years, in: Nature, Nr. 523 (30. Juli 2015), 543-549. Ich habe lediglich Einblicke in die Schaubilder („Extended Data Tables“) und Grafiken („Extended Data Figures“) auf http://www.nature.com/nature/journal/v523/n7562/full/nature14565.html#extended-data (Stand: Aug. 2026) nehmen können, woraus sich die oben genannten Informationen aber bereits ergeben.
377 Es könnte sich um die Wirkungen eines Ausbruchs des Ätna im Jahr 44 v. Chr. gehandelt haben. Weiterführend in dieser Hinsicht wäre sicherlich Forsyth, Phyllis Y.: In the Wake of Etna, 44 B.C., in: Classical Antiquity 7, 1988, 49-57. Der eben genannte Artikel von M. Sigl u. a. im Journal Nature verweist in „Table 4: Large volcanic eruptions during the past 2,500 years“ für das Jahr 44 v. Chr. allerdings nicht auf den Ätna, sondern auf Chiltepe in Nicaragua. Laut dem Global Volcanism Program wird der letzte, durchaus große Ausbruch des Vulkans Apoyeque auf Chiltepe in Nicaragua tephrochronologisch ganz grob auf die Zeit um 50 v. Chr. datiert; siehe http://volcano.si.edu/volcano.cfm?vn=344091 (Stand: 4. Jan. 2017).
378 So mutmaßte Sanclemente: De vulgaris aerae emendatione, 391: Nam in certum utrum de vera lunae Eclipsi loquatur, vel alium certe lunae pallorem […].
379 So argumentierte Uhland (Dissert. contra Magnanum, Tübingen 1775, S. 36) laut Wurm: Beiträge, 33.
380 Vossius: Dissertatio […] de Christi anno natali, 33f.: Adde quod, etiamsi deliquium luminis non mereatur Eclipseos nomen, nisi terra inter Solem, et Lunam, constituta: vulgo tamen etiam sic vocari solet, quando, citra illam caussam, pallor, et obscuritas sideris, eclipseos habet speciem.
381 Ios.: ant. 17, 6, 4 (167). Ideler: Handbuch II, 392 sagt dazu: „[…] das Wort evxe,lipe beim Iosephus ist das Vocabulum proprium von Finsternissen“.
382 Man nimmt an, dass Cassius Dio erst über Jahre hinweg ältere Geschichtswerke studierte und dann anhand seiner Aufzeichnungen und Notizen sein eigenes Werk verfasste, ohne die Originale noch einmal einzusehen; siehe Sharon: Judea, 18. Falls das den Tatsachen entsprochen hat, ließe sich die Verwechselung von Mond- und Sonnenfinsternis leicht aus ungenauen oder zu spärlichen Notizen erklären.
383 Wurm: Beiträge, 17f. schätzt die Angelegenheit ähnlich ein: „Daß Dio […] eine Sonnenfinsterniß dem Tode August’s voranstellt, möchte ich nicht sowohl mit Petav (II, 6.) durch einen ähnlichen pallor solis insolitus wie bei Julius Cäsar’s Tode, als vielmehr daraus erklären, weil man wahrscheinlich eine dem Tod August’s vorangegangene Mondfinsterniß, die totale vom 4. Apr. des J. 14 mit einer Sonnenfinsterniß in der Folge verwechselt hatte. Für jeden Fall beruht Dio’s Aussage, wie unerklärbar sie auch übrigens seyn mag, auf einem ganz grundlosen Gerüchte, und auf der Gewohnheit des Alterthums, die Prodigien zu vervielfältigen“. Demandt: Verformungstendenzen, 49 hingegen vermutet, Dio habe eventuell die Mondfinsternis nach dem Tod des Augustus, die sich am 26. Sept. 14 n. Chr. ereignete, im Sinne gehabt.
384 Als rein literarisches Element fasst z. B. Cameron: Target Fixation, 5-10 die Mondfinsternis-Nachricht bei Iosephus auf.
385 Diese Worte des Propheten werden auch im Babylon. Talmud, Trakt. Sukka 29a im Kontext des Verständnisses von Sonnen- und Mondfinsternissen zitiert.
386 Siehe Philo: de opificio mundi 19 (58): „And they [Sonne, Mond und Sterne] have been created, as Moses tells us, not only that they might send light upon the earth, but also that they might display signs of future events. For either by their risings, or their settings, or their eclipses, or again by their appearances and occultations, or by the other variations observable in their motions, men oftentimes conjecture what is about to happen, the productiveness or unproductiveness of the crops, the birth or loss of their cattle, fine weather or cloudy weather, calm and violent storms of wind, floods in the rivers or droughts, a tranquil state of the sea and heavy waves, unusual changes in the seasons of the year when either the summer is cold like winter, or the winter warm, or when the spring assumes the temperature of autumn or the autumn that of spring“.
387 Ios.: bell. VI 5, 3 (288-289).
388 Siehe vor allem Ios.: bell. VI 5, 3 (292ff.).
389 Der Frage nach Vorzeichen der Tempelzerstörung bei Iosephus und im Talmud sowie der Frage nach Vorzeichen im damaligen jüdischen Verständnis allgemein gehen Otto Michel und Otto Bauernfeind in ihrer Iosephus-bellum-Ausgabe in Band II/2 in Anm. 135-143 auf S. 179-188 recht ausführlich nach.
390 Denn während Iosephus jene Schauerereignisse für Vorzeichen hält, sagt er ja, dass die Juden in Jerusalem diesen Dingen „weder Beachtung oder Glauben“ schenkten. Tac.: hist. V 13 sagt im selben historischen Zusammenhang das Gleiche: „Es waren Wunderzeichen geschehen, die jedoch dies dem Aberglauben ergebene, heiligem Brauche abgeneigte Volk weder durch Schlachtopfer noch durch Gelübde zu sühnen für gestattet hält. Schlachtreihen sah man über den Himmel hin zusammentreffen, rot funkelnde Waffen und von plötzlichem Wolkenfeuerschein den Tempel erhellt. Mit einem Male öffneten sich die Türen des Heiligtums und man vernahm eine übermenschliche Stimme, die Götter zögen aus, und zugleich der Ausziehenden gewaltiges Getöse. Dies deutenden nur wenige zum Schrecken, die Mehrzahl hegte die Überzeugung, in den alten Schriften der Priester stehe, gerade in dieser Zeit werde das Morgenland mächtig werden, und Männer aus Judäa würden sich der Weltherrschaft bemächtigen“. Damit sagt Tacitus: Die Juden orientierten sich an ihren heiligen Schriften, statt einem Prodigien-Glauben zu frönen.
391 Martin: Star, chapter 9 („The Lunar Eclipse of Josephus“) sagt: „Scholars have wondered for years why Josephus referred only to this one eclipse out of the hundreds that occurred over the generations that he covered in his histories. Why single out this one? Indeed, during the reign of Herod there were at least 32 lunar eclipses visible in Palestine (20 partial and 12 total)“.
392 Vgl. Wurm: Beiträge, 33f.: „An der historischen Richtigkeit dieser von Josephus in die Krankheitsgeschichte des Herodes verflochtenen himmlischen Erscheinung zu zweifeln, ist gar kein Grund vorhanden […] Ohne Zweifel sahen die Zeitgenossen des Herodes die Erscheinung am Himmel, welche auch Josephus der Aufzeichnung werth fand, für eine Art von Prodigium an, wodurch entweder überhaupt der nahe Tod des Königs, oder vielleicht auch das Mißfallen der Gottheit über die unverdiente Bestrafung würdiger Eiferer für das väterliche Gesetz angedeutet werden sollte“.
393 Siehe zum Folgenden die Untersuchung „Joseph ben Illem and the Date of Herod’s Death“ in Schwartz: Studies, 157-166.
394 Schwartz: Studies, 160.
395 Siehe zum Folgenden Ios.: ant. 17, 6, 3f. (160-167).
396 Ios.: ant. 17, 6, 4 (166).
397 Ios.:ant. 17, 6, 4 (167).
398 Schwartz: Studies, 161.
399 Ich habe diese ältere Arbeit nicht eingesehen. Schwartz verweist auf Brann, Marcus: De Herodis, qui dicitur, Magnus filiis patrem in imperio secutis, I (1873), S. 3-8. Einige weitere Autoren, die dazu neigten, die Mondfinsternis mit jener Nacht des Hohepriester Matthias zu verknüpfen, finden sich angegeben in Schwartz: Studies, 161, Anm. 13.
400 Kokkinos: Dynasty, 373.
401 VanderKam: Joshua, 410, Anm. 38 z. B. folgt Schwartz.
402 Schwartz: Studies, 162f. legt vier durchnummerierte Argumente vor, von welchen ich gedenke das dritte, mir haarspalterisch erscheinende getrost unbeachtet lassen zu dürfen. Dafür scheint mir ein weiteres Argument auf S. 165f. durchaus der Rede wert zu sein.
403 Schwartz: Studies, 162.
404 Siehe Babylon. Talmud, Trakt. Sukka 29a: „Die Rabbanan lehrten: Die Sonnenfinsternis ist eine schlechte Vorbedeutung für die Völker der Welt, die Mondfinsternis ist eine schlechte Vorbedeutung für die Feinde Jisraéls [Euphemismus für Israel], denn die Jisraéliten rechnen nach dem Monde und die Völker der Welt nach der Sonne“.
405 Zum Versöhnungstag als solchem siehe Band I/1, S. 188ff.
406 Vgl. Steinmann: Abraham, 233: „First, it should be noted that the account of the high priest Matthias is a long digression into the main narrative – it is not part of the context of the main narrative, which is set contextually at the time of the rebel Matthias‘ execution“. Vgl. auch die Kritik an Schwartz‘ These in Mahieu: Rome, 237: „However, the text links the eclipse with the execution and not with the dream“.
407 Schwartz: Studies, 166 äußert eine Vermutung zu den möglichen Gründen, die Iosephus zu dieser Umstellung veranlasst haben könnten: „It seems, therefore, that it was Josephus himself who so arranged the narrative as to mention the eclipse only after the punitive steps. If one may speculate as to the reason, it would be that, imitating the Greek and Roman tradition of presenting eclipses as signs of coming deaths or catastrophes, Josephus, whose main topic here is the coming of the death of Herod, moved the eclipse down so as to juxtapose it to the continuation in § 168 […] This increased the drama of the narrative, but only at the price of causing modern readers some difficulties […]“.
408 Siehe vor allem Jerus. Talmud, Trakt Joma 1, 1 und Babylon. Talmud, Traktat Joma 12b sowie Tosefta, Trakt. Joma 1, 4. Literatur, die womöglich weitere Parallelen zu dieser Geschichte aus wieder anderen Quellen beisteuert, nennt Schwartz: Studies, 164, Anm. 21.
409 Siehe Tac.: ann. 15, 44.
410 Siehe Jeremias: Jerusalem, 173f: „Deshalb mußte er in der Woche vor dem Versöhnungstage sich der Num. 19 vorgeschriebenen siebentägigen Reinigungszeremonie unterziehen, um eine möglicherweise vorhandene Leichenunreinheit zu tilgen. Ferner mußte er für diese Woche vom 3. Tišrī an sieben Nächte über – genauer: je von Beendigung des Nachmittagsbrandopfers an – in seinem Amtszimmer im Tempel an der Südseite des Priestervorhofs Wohnung nehmen und übernachten, um jede Möglichkeit der Übertragung levitischer Unreinheit, namentlich durch seine Frau, auszuschließen“. Siehe zu alledem Mischna, Trakt. Joma 1, 1ff.
411 Siehe zur Einrichtung der Hohepriester-Stellvertretung durch einen Verwandten unten S. 169ff., Anm. 591.
412 Mischna, Trakt. Joma 1, 1. Siehe dazu die Gemara im Babylon. Talmud, Trakt. Joma 12a-12b. Jeremias: Jerusalem, 173, Anm. 2 führt im gleichen Zusammenhang noch „Philo, de somniis I 37“ an.
413 Sonst müsste ja die Mondfinsternis dieser Hinrichtung vorausgegangen sein, die Verbrennung also – je nachdem welche Finsternis man zugrundelegt – in der fortgeschrittenen oder späten Nacht inszeniert worden sein. Das wäre zwar an sich nicht unglaublich, aber Iosephus berichtet immerhin erst von der Verbrennung, dann von der Mondfinsternis. Man sollte daher diese Reihenfolge beibehalten, wenn man Iosephus‘ Schilderung so wenig wie möglich verbiegen möchte.
414 Siehe assumptio Mosis 6, 9.
415 Siehe Ios.: contra Apionem I 7 (34). Mahieu: Rome, 303f. sagt dazu richtig: „The Pentecost War [der auf den Tod des Herodes folgte] was the most serious Roman intervention in Palestine between Pompey’s capture of Jerusalem in 63 BC and the First Jewish-Roman War […]“. Beinahe das gleiche sagt schon Schürer: History I, 332, Anm. 9. Und in Ios.: bell. I praef. 7 (19f.) stellt Iosephus den Varus-Krieg in die kurze Reihe der einschneidenden Unglücksfälle in der jüdischen Geschichte der Spätzeit des Zweiten Tempels: die Bedrückung durch Antiochos Epiphanes, der Streit zwischen den Hasmonäern Hyrkanos und Aristobulos, welcher den Römer Pompeius ins Land holte, die Beendigung der Hasmonäerherrschaft durch Herodes und Sossius, der Aufruhr des Volkes nach dem Tod des Herodes, als Quintilius Varus übers Land gesetzt war, und schließlich der im 12. Jahr des Nero ausgebrochene erste Jüdische Krieg.
416 Siehe Seder olam rabba 30.
417 Siehe Protevangelium Jacobi 25, 1.
418 Das führt besonders Martin: Star, chapter 9 („The Lunar Eclipse of Josephus“) aus und gelangt zu dem Schluss, dass der Varus-Krieg „was a very serious war in Palestine. And what started it? It was the death of the rabbis associated with the eclipse of the Moon near Herod’s death. This is one of the major reasons that that eclipse was long remembered by the Jews“.
419 Siehe dazu unten S. 130 u. 176, Anm. 617 sowie Band I/1, S. 255.
420 Schwartz: Studies, 164.
421 Grabbe: History III, 30.
422 Denn es liegen bei Iosephus zu viele Ereignisse zwischen dieser Mondfinsternis und dem auf den Tod folgenden Passafest, als dass Grabbe dieselben Ereignisse in einem einzigen Monat unterbringen will. Er möchte zu dem Ergebnis gelangen: „There is no reason to assume that all of this happened between the lunar eclipse and the passover“ (Grabbe: History III, 30). Und das gelingt Grabbe eben, indem er annimmt, die Finsternis habe irgendwo ihren historischen Platz gehabt, nur halt nicht in dem von Iosephus gebotenen Zusammenhang. Natürlich lehnt sich die Formulierung „There is no reason to assume“ ziemlich weit aus dem Fenster angesichts der Tatsache, dass die einzige über all diese Ereignisse berichtende Quelle, nämlich der von Iosephus verfasste Text, genau das aussagt (dass all das zwischen der Mondfinsternis und dem Passa passiert ist).
423 Siehe Gemin.: elementa astron. 11 und Plut.: de facie in orbe lunae (moralia 64) 6 u. 19-20. Siehe außerdem Plin.: nat. hist. 2, 47ff. und Cass. Dio: hist. 60, 26, 5.
424 Der gute alte Ginzel liefert heute sicherlich nicht mehr das aktuellste astronomische Wissen, aber uns darf es genügen: „Die Dauer der Verfinsterung ist bei den Mondfinsternissen, welche bloß partielle sind, sehr verschieden, je nachdem ein kleinerer oder größerer Teil des Mondes in den Schatten kommt, kann aber 3 Stunden erreichen; bei den totalen Finsternissen dauert die Partialität maximal 3 ¾ Stunden, die Totalität 1 ¾ Stunden“ (Ginzel: Handbuch I, 42).
425 Vgl. Bickerman: Chronology, 86: „The solar eclipse, which occurs during the period of the new moon, is observable only from that part of the earth on which the moon’s shadow falls. The lunar eclipse, which can occur only at full moon, is visible everywhere“.
426 Demandt: Verformungstendenzen, 7. Vgl. Bickerman: Chronology, 86: „The eclipses recur in the same sequence within the period of 233 lunar revolutions, that is, every 18 years and 11 days […] Thus, the approximate date of the observation must be known in order to identify the phenomenon with an eclipse of the astronomers“.
427 Gegen diesen Grundsatz, die zeitlichen Grenzen der Legation des Varus und jene, die sich aus der Biographie des Gaius ergeben, nicht zu verlassen, verstoßen z. B. Pratt: Eclipse, 8ff., Eedle: Steps, 85ff. und Mahieu: Rome, 289ff. u. 357f., welche eine Mondfinsternis am 29. Dezember 1 v. Chr. für die gesuchte halten und des Herodes Tod folglich in den Anfang des Jahres 1 n. Chr. setzen. Dieser Ansatz disqualifiziert sich in erster Linie, weil der Augustusenkel Gaius, der Wochen nach dem Passafest, das auf den Tod des Herodes folgte, zu Rom an den Verhandlungen über die Judäa betreffenden Nachfolgeregelungen beteiligt war, allerspätestens im Frühling 1 n. Chr. Italien verließ und gen Osten abreiste. Man müsste im von Pratt, Eedle und Mahieu angenommenen Fall ja von einer Art Kurzurlaub des Orientchefs, einem kurzen Besuch in Rom ausgehen. Und tatsächlich argumentiert wenigstens Pratt genau in diese Richtung (während Mahieu den Gaius einfach bis in den Hochsommer 1 n. Chr. in Rom bleiben lässt. Vgl. Ricciolius: Chronologiae reformatae I, 288: […] post mensibus anno iam 46. Iuliano inito, Caium in Syriam missum esse; Ergo si mortuo Herode, Caius interfuit iudicio de Archelao Romæ, oportet Herodem mortuum esse multis mensibus ante finem anni 46. Iuliani). Pratt meint, Gaius müsse direkt nach dem Friedensschluss mit den Parthern im Jahr 1 n. Chr. kurz nach Rom zurückgekommen und anschließend wieder in den Orient gereist sein (siehe Pratt: Eclipse, 10). Die erhaltenen Quellen wissen davon freilich nichts; und mir scheint diese Konstruktion eine rein aus Erklärungsnot geborene zu sein.
De Caro, La Greca und Matricciani, die eine Mondfinsternis im November 2 n. Chr. zugrundelegen (um den Tod des Königs in den Januar 3 n. Chr. zu setzen), verlassen die Grenzen, innerhalb derer die Finsternis gesucht werden muss, noch deutlicher.
Die Beachtung der Grenzen, die sich aus der „Varus-“ und der „Gaius-Chronologie“ ergeben, ist z. B. auch von W. D. Block versäumt worden. Block: Geburtsjahr, 17f. 57 u. 61-87 berechnete eine Mondfinsternis am 16. Okt. (richtiger wäre: 17. Okt.) im Jahre 16 v. Chr. und erklärte dieselbe zu jener, die dem Tode des Herodes zuletzt vorausgegangen sei. Ronald L. Conte, ebenso ein ausgesprochener Chronologie-Exot, meint, dem Tod des Herodes sei als letzte Mondfinsternis diejenige am 28. November 9 v. Chr. vorausgegangen, der Tod selbst sei etwa im Januar oder Februar 8 v. Chr. eingetreten (siehe Conte: Dates, 227f.). Auch das passt nicht mit der Amtszeit des Varus in Syrien zusammen. Allerdings: Wenn auch Conte den Varus gar nicht erwähnt (oder ich müsste es übersehen haben), so könnte er seine syrische Statthalterschaft dennoch in sein chronologisches System problemlos einarbeiten. Denn er macht den Herbst 35 v. Chr. zur Epoche der aera Actiaca, anstatt wie herkömmlich den Herbst 31 v. Chr. (siehe ebd., 239f.) und rückt überhaupt die Regierungszeiten und Todesjahre der frühen römischen Kaiser um mehrere Jahre vor, im Falle des Augustus z. B. um vier Jahre. Wenigstens muss man es würdigen, dass Conte seine Kaiserchronologie mit verschiedenen astronomischen Erscheinungen wie Sonnen- und Mondfinsternissen sowie Kometenerscheinungen abgeglichen hat (siehe ebd., 235ff.). Wer jedenfalls die Schlacht bei Actium ins Jahr 35 v. Chr. setzt, der muss mittels der Jahreszahlen auf den antiochenischen Münzen für Varus eine syrische Amtszeit von 10-8 v. Chr. ermitteln. Conte geht bei der Erstellung seiner absoluten Chronologie insgesamt sehr kreativ vor. Dass er sich dabei wesentlich auf die von dem Schriftsteller Clemens Brentano wiedergegebenen und vermutlich auch bearbeiteten Visionen der Augustinernonne Anna Katharina Emmerich stützt, möchten ich in hiesigem Rahmen gar nicht bewerten, genauso wenig wie ich die Zuverlässigkeit der Schriften des Breatano und Contes optionale Interpretationen derselben Schriften im Hinblick auf die historische Chronologie bewerten möchte. Hier werden im Folgenden solche Vorschläge nicht weiter berücksichtigt, weil der oben ermittelte Zeitraum 5-1 v. Chr. für das Todesdatum des Herodes sie disqualifiziert.
428 Siehe Wurm: Beiträge, 34f.
429 Die Daten wurden errechnet von und übernommen aus dem Javascript Lunar Eclipse Explorer „Eclipse Predictions by Fred Espenak and Chris O’Byrne (NASA’s GSFC)“ auf http://eclipse.gsfc.nasa.gov/JLEX/JLEX-AS.html (Stand: Sept. 2025) bzw. dem „Five Millennium Catalog of Lunar Eclipses“: „Eclipse Predictions by Fred Espenak and Jean Meeus (NASA’s GSFC)“ auf https://eclipse.gsfc.nasa.gov/LEcat5/LE-0099-0000.html (Stand: Sept. 2025). In meiner Kalender-Tabelle in Band I/1, S. 220f. u. 255ff. finden sich diese Finsternisse in den Kontext des jüdischen Kalenders und Festjahrs gestellt.
430 Siehe Oppolzer: Canon, 343 und Ginzel: Handbuch II, 541. Eine Mondfinsternis gilt als total ab 12 Zoll (siehe Ginzel: Handbuch I, 42; vgl. ebd., II, 211). Ginzel: Handbuch I, 42 sagt: „Die Verfinsterungsgröße ist nicht (wie bei den Sonnenfinsternissen) für die Erdorte verschieden, sondern für die ganze Erde die gleiche, ebenso der sonstige Verlauf“. Um sich ein Bild von der Eindrücklichkeit einer Finsternis zu machen, reichen Oppolzers und Ginzels Angaben voll und ganz aus. In der neueren Literatur mögen die Zoll-Angaben zum Teil präzisiert sein, weichen aber nur ganz geringfügig ab; Strobel/Wimmer: Kallirrhoë, 63 z. B. gibt für die Finsternis im März 4 v. Chr. 4,3 Zoll an, während z. B. Ideler: Handbuch II, 392 noch von 4,7 Zoll ausging.
431 Eine gute Übersicht zum Sichtbarkeitsbereich auf der Erde sowie zum Grad der Verfinsterung der Mondscheibe aller jener Finsternisse bietet http://eclipse.gsfc.nasa.gov/5MCLE/5MCLE-Figs-05.pdf (Stand: Sept. 2025). Im Nachhinein nicht mehr zu rekonstruieren ist selbstverständlich die damalige Wetterlage. War der Mond anhaltend durch Wolken bedeckt, konnte seine Verfinsterung freilich unbemerkt vonstatten gehen.
Zwar fallen in die infrage kommende Zeitspanne noch einige Mondfinsternisse mehr, als die vier von mir oben aufgelisteten (siehe auf http://eclipse.gsfc.nasa.gov/LEcat5/LE-0099-0000.html); dieselben waren aber in der Levante ganz unabhängig von der Wetterlage nicht sichtbar. Das betrifft z. B. die sich mitten am Tage ereignende Mondfinsternis am 5. September 4 v. Chr., die bspw. Weigl: Abhandlung (1. Teil), 78 noch fälschlicherweise für die gesuchte Mondfinsternis zu halten geneigt war, oder die Mondfinsternis am 20. Jan. 2 v. Chr., die Greswell: Dissertations I, 313-314 seiner Datierung des Herodes-Todes zugrundelegte.
Was nun die oben aufgelisteten sichtbaren Finsternisse im einzelnen anbelangt: In der Vollmondphase steigt der Mond zu jener Tageszeit am Osthimmel über den Horizont empor, wenn die Sonne im Westen untergeht. Alle vier Finsternisse nahmen ihren Anfang erst nach Sonnenuntergang und konnten ihrem ganzen Verlauf nach gesehen werden (Die Quelle für die Daten der Sonnenuntergangszeiten siehe in Band I/1, S. 47f., Anm. 179 u. vgl. ebd., S. 156f., Anm. 653. Alle Uhrzeiten in der folgenden Tabelle sind in ungefährer Jerusalemer Ortszeit = GMT+2:20 Std.:Min. angegeben):
MF Sonnenuntergang Beginn Part. Beginn Total. Ende Total. Ende Part.
23. März 5 v. Chr. 18:12 Uhr 18:50 Uhr 19:50 Uhr 21:32 Uhr 22:32 Uhr
15./16. Sept. 5 v. 18:10 Uhr 20:43 Uhr 21:42 Uhr 23:21 Uhr 00:20 Uhr
13. März 4 v. Chr. 18:05 Uhr 01:52 Uhr — — 04:10 Uhr
9./10. Jan. 1 v. Chr. 17:15 Uhr 23:42 Uhr 00:40 Uhr 02:18 Uhr 03:16 Uhr
Die partielle Phase der Mondfinsternis im März 5 v. Chr. nahm ihren Beginn eine gute halbe Stunde nach Sonnenuntergang und somit bereits in der nautischen Dämmerung. Sowohl die partielle Phase als auch die totale konnten von Anfang an gut mit den Augen wahrgenommen und beobachtet werden. Die Finsternis im September desselben Jahres begann noch später und bereits in völliger Dunkelheit. Die beiden Mondfinsternisse in den Jahren 4 und 1 v. Chr. trugen sich in noch tieferer Nacht zu und Ginzel: Handbuch II, 541, Anm. 3 u. 4 betont von diesen, dass „sie dem ganzen Verlaufe nach für Jerusalem sichtbar“ waren. Vgl. Rieß: Geburtsjahr, 14f. und gesondert für die Finsternis des Jahres 1 v. Chr. ebd., 217: „Die Finsterniß, die am 9. Abends um halb 11 Uhr begann, währte 5 ½ Stunden, denn sie endete um 4 Uhr Morgens. Sie war total von halb 1 Uhr bis 2 Uhr, und wie aus der Zeit erhellt, welche die mittlere Zeit von Jerusalem ist, zu Jerusalem von Anfang bis Ende sichtbar. Sie ist eine der denkwürdigsten Finsternisse“; vgl. zu dieser Finsternis schon Cunighame: Fulness, 106f. Die astronomischen Details der Finsternisse vom Sept. 5 und März 4 v. Chr. (wie Beginn und Ende derselben) finden sich in Strobel/Wimmer: Kallirrhoë, 62f. u. 65. Siehe zur Dauer der vier Finsternisse auch Sevin: Chronologie, 68 (beruft sich auf „Hinds Berechnungen in Transactions S. 99“).
Nur zum Vergleich mit unseren vier von Anfang bis Ende sichtbaren Finsternissen: Die partielle Mondfinsternis am 29. Dez. 1 v. Chr. (welche Ricciolius, Pratt, Mahieu u. a. favorisieren) begann um 15:37 Uhr mittlerer Jerusalemer Ortszeit; die Sonne ging aber erst um 17:08 Uhr gleicher Ortszeit unter. Die partielle Phase der Finsternis endete dann um 18:08 gleicher Ortszeit. Der Mond stand also die längste Zeit der Finsternis noch gar nicht am Himmel. Nur etwa die letzte Stunde dieser partiellen Finsternis im Dez. 1 v. Chr. war ab der bürgerlichen Dämmerung überhaupt zu beobachten.
432 Man weicht in der älteren Literatur im Datum gar nicht, in der Uhrzeit höchstens 20 Minuten – für die Frage ganz unerheblich – voneinander ab; vgl. außer Wurm: Beiträge, 34; Oppolzer: Canon, 343 und Ginzel: Handbuch II, 541 (Uhrzeiten ebd. gelten für Rom!); etwa auch Petavius: De doctrina II, S. 820 (nur zur MF 4 v. Chr.); Ideler: Handbuch II, 391f. (ebenso nur zur MF 4 v. Chr.); Rieß: Geburtsjahr, 14f. 199. 217 u. 220; Münter: Stern, 75f.; Kellner: Jesus, 60 oder Caspari: Einleitung, 28; letzterer z. B. listet ebd. auf:
„Im Jahre 5 waren deren zwei totale, die eine am 23. März, die andere am 15. September.
Im Jahre 4, eine partiale von 5 Zoll, den 13. März um 3 Uhr 4 Minuten Morgens.
Im Jahre 1 v. Chr. eine totale am 10. Januar um 1 Uhr 54 Minuten Morgens.“
Viele der Älteren verwendeten die Tabellen von Alexandre-Guy Pingré. Pingré hatte zuvor bereits in „l’Art de verifier les dates des faits historiques […]“ die Finsternisse ab 1 n. Chr. behandelt. Aber das Werk „Chronologie des éclipses de soleil & de lune“ (1786) listet die Finsternisse von 1000-1 v. Chr. auf. Pingrés Daten für die uns interessierenden Mondfinsternisse finden sich in Pingré: Chronologie, 74 (Uhrzeiten gelten für Paris! Es sind also 2 Std. u. 11 Min. zu addieren, um die mittlere Jerusalemer Ortszeit zu erhalten):
5 v. Chr. (-4) totale MF am 23. März um ca. 18:45 Uhr [+ ca. 2:10 h:min = 20:55 Uhr]
totale MF am 15. Sept. um ca. 21:00 Uhr [+ ca. 2:10 h:min = 23:10 Uhr]
4 v. Chr. (-3) partielle MF am 13. März um ca. 1:00 Uhr [+ ca. 2:10 h:min = 3:10 Uhr], 4 ¼ Zoll
partielle MF am 5 Sept. um ca. 12:00 Uhr [+ ca. 2:10 h:min = 14:10 Uhr], 8 ½ Zoll [in Judäa nicht sichtbar]
2 v. Chr. (-1) partielle MF am 20. Jan. um ca. 12:15 Uhr [+ca. 2:10 h:min = 14:25 Uhr], 6 ½ Zoll [in Judäa nicht sichtbar]
partielle MF am 17. Juli um ca. 5:45 Uhr [+ ca. 2:10 h:min = 7:55 Uhr], 9 ½ Zoll [in Judäa nicht sichtbar]
1 v. Chr. (0) totale MF am 29. Jan. um ca. 23:30 Uhr [+ ca. 2:10 h:min = 1:40 Uhr]
totale MF am 5. Juli um ca. 9:15 Uhr [+ ca. 2:10 h:min = 11:25 Uhr] [in Judäa nicht sichtbar]
partielle MF am 29. Dez. um ca. 15:15 Uhr [+ ca. 2:10 h:min = 17:25 Uhr], 6 ¾ Zoll
Martin: Star, chap. 8 („Astronomy and the Death of King Herod“) gibt als Referenz an Kudlek/Mickler: Solar and Lunar Eclipses of the Ancient Near East from 3000 B.C. to 0 [= Alter Orient und Altes Testament, Sonderreihe 1], Kevelaer 1971 und nennt für die Maxima folgende gerundete, von den obigen nur unwesentlich abweichende Zeiten:
am 23. März 5 v. Chr. um 20:30 Uhr
am 15. Sept. 5 v. Chr. um 22:30 Uhr
am 13. März 4 v. Chr. um 2:20 Uhr
am 10. Jan. 1 v. Chr. um 1:00 Uhr
Finegan: Handbook (1998), 295 hat diese Daten von Martin übernommen.
Strobel, der sich die Finsternisse im Sept. 5 und März 4 v. Chr. von Dr. Johannes Koch (Rothenburg o.T.) hat liefern lassen, gibt für die Maxima der Eklipsen 22:27 und 2:56 Uhr Jerusalemer Ortszeit an (siehe Strobel/Wimmer: Kallirrhoë, 62f.).
Generell waren nie die minimalen Unterschiede in der zeitlichen Bestimmung der MF ausschlaggebend oder auch nur mitbestimmend für die unterschiedlichen Schlüsse und Ergebnisse der Forschung in Bezug auf das Todesjahr.
433 Siehe dazu, wer welche Finsternis zugrunde gelegt hat, in der obigen Auflistung auf S. 56ff.
434 Eedle: Steps, 88 macht den Unterschied des Verfinsterungsgrads zwischen der MF am 13. März 4 v. Chr. und der MF am 10. Januar 1 v. Chr. anhand von Schaubild-Diagrammen deutlich, ebenso Strobel/Wimmer: Kallirrhoë, Abb. 19 den Unterschied zwischen der MF am 15. September 5 v. Chr. und der MF am 13. März 4 v. Chr. Den vollständigsten Eindruck vom Grad der Verfinsterung aller für uns relevanten Mondfinsternisse gewinnt man aber – wie gesagt – auf http://eclipse.gsfc.nasa.gov/5MCLE/5MCLE-Figs-05.pdf (Plate 241-242; S. 41f. der PDF). Siehe zur Finsternis im März 4 v. Chr. auch De Caro/La Greca/Matricciani: Beginning, 149 (Figure 2) u. 166 (Figure A6).
435 Schwartz: Studies, 165.
436 Siehe z. B. Cuninghame: Fulness, 107: „Now, hab it been the one that fell on March 13th, B.C. 4, in which only 6 digits, that is, a half of the Lunar disk was obscured, we should find it difficult to account for the mention of so partial an eclipse, in which there certainly would not have been any thing worthy of particular notice“, oder Steinmann: Herod, 17: „Given the other total eclipses during this period, this lone partial eclipse seems highly unlikely to have been taken by anyone to be a major portent of coming events“. Gumpach: Kalender, 263 formuliert die Bedenken gegen die partielle MF im Vergleich mit der totalen im Januar 1 v. Chr. wenigstens, wenngleich er selbst versucht, dieselben Bedenken abzuschütteln. Vgl. auch Lynn: Eclipse, 253: „This was an partial eclipse, only about half the Moon being obscured, and its time in Palestine was not long before dayligth […] Not only, however, are its circumstances not very suitable […]“, und Mahieu: Rome, 238: „The eclipse was also the smallest one seen in that decade, which makes it improbable that people paid attention to it“.
437 Vgl. Neidhart: Zeit, 31, Anm. 153: „Josephus sagt nichts über die Art der Finsternis, und er erwähnt sie, um jene Nacht, in welcher, wie er schildert, der Aufrührer Matthias und seine Gesinnungsgenossen, die den von Herodes am Tempel angebrachten goldenen Adler heruntergerissen hatten, zur Strafe in Jericho lebendig verbrannt wurden, umso unheimlicher erscheinen zu lassen. In der Überlieferung denkwürdiger Ereignisse hat man damals häufig passende Himmelserscheinungen mitüberliefert. Die am Anfang solcher Überlieferungen stehenden Augenzeugen dürften sich damals wohl fast regelmäßig nach solchen umgesehen haben, und wenn es keine objektiv besonders eindrucksvollen gab, prägten sie sich sicher auch weniger eindrucksvolle ein, welche sie im Moment des Ereignisses subjektiv stark beeindruckten“. Vgl. auch Grabbe: History III, 30: „The context suggests that the lunar eclipse is mentioned as a heavenly portent, which would have been the normal reaction of people at that time when astronomical events coincided with spectacular events on the human plane […] A partial lunar eclipse could well have been remembered by the source that Josephus used for those events“.
438 Siehe z. B. Seyffarth: Berichtigungen, 46 („nur 4 Z.[oll] groß, genauer kaum wahrnehmbar“); Beyer: Josephus, 88 oder Block: Geburtsjahr, 13: „So war bei der Mondfinsterniss des 12. März nur die Verdunkelung der Mondscheibe 4½ Zoll gross, so dass mithin an einer bedeutenden Abnahme der Nachthelle nicht zu denken war “. Neuerdings leugnen vor allem De Caro/La Greca/Matricciani: Beginning, 146. 148f. u. 159-166, dass die partielle Finsternis im März 4 v. Chr. mit bloßem Auge als solche erkannt werden konnte. Sie verweisen in diesem Zusammenhang auf „Nollet, J.A. The Astronomical and Historical Evidence for Dating the Nativity in 2 BC. Perspect. Sci. Christ. Faith 2012, 62, 211–219“. De Caro/La Greca/Matricciani: Beginning, 149 halten zur Mondfinsternis am 13. März 4 v. Chr. fest: „Even in the maximum phase, the partial eclipse (central position) would have not been actually noticeable. As already observed by the astronomer Nollet, only a very small border region appears to be eroded. Very likely, to an occasional observer of 2000 years ago, in the middle of the night, the Moon would have appeared as a full Moon“.
439 Siehe Ios.: ant. 17, 9, 3 (213f.) u. bell. II 1, 3 (10).
440 Das gilt vor allem für die ältere Literatur; siehe z. B. Münter: Stern, 74f.
441 Zur Chronologie des Passafestes siehe Band I/1, S. 173ff.
442 Siehe zum jüdischen Tag und seinen Grenzen Band I/1, S. 153 mit Anm. 633.
443 Siehe zum Omer am 16. Nisan und zur Lage im Naturjahr Band I/1, S. 50ff. u. S. 183ff. sowie … [im Nachtrag].
444 In … [im Nachtrag] habe ich versucht, meine Gründe für eine Ablehnung der Annahme eines vorausberechneten Schaltzyklus‘ bei den Juden in der Spätphase des Zweiten Tempels verständlich zu machen.
445 Zum Einfluss des Sabbatjahrzyklus‘ auf die Jahres-Interkalationen siehe ausführlich Band I/1, S. 66-73 und … [im Nachtrag].
446 Zur altjüdischen Neulicht-Beobachtung und Bestimmung der Monatsersten siehe ausführlich Band I/1, S. 30ff.
447 Siehe https://web.archive.org/web/20080323103049/http://eclipse.gsfc.nasa.gov/phase/phases-0099.html (Stand: Okt. 2025). Vgl. Band I/1, S. 45 mit Anm. 171 u. S. 216.
448 Um die Zeitenwende herum fiel die Frühlingstagundnachtgleiche auf den 23. März, in den julianischen Schaltjahren 5 und 1 v. Chr. allerdings schon auf den 22. März. Siehe die Lage der Frühlingspunkte in den einzelnen Jahren in der Kalender-Tabelle in Band I/1, S. 254ff. u. dazu erklärend S. 215f.
449 Siehe Gautschys jüdischen Kalender auf https://www.gautschy.ch/~rita/archast/mond/jewcal.html bzw. https://www.gautschy.ch/~rita/archast/mond/Jerusalemerste.txt (Stand: Okt. 2025). Zur Nutzung dieser Daten siehe Band I/1, S. 44f.
450 Siehe zu solchen Naturjahr-Kriterien Band I/1, S. 53ff.
451 Siehe dazu Band I/1, S. 51 mit Anm. 189. und … [im Nachtrag]
452 Siehe dazu Band I/1, S. 73-89.
453 Zur absoluten Datierung der Sabbatjahre siehe Band I/1, S. 100-149.
454 Siehe Band I/1, S. 76ff.
455 Allerdings erwägt Wurm in einem Briefe bei Paulus: Handbuch, 257, Anm.* sowie in Wurm: Beiträge, 37, Anm. 10, dass 3 v. Chr. am 18. März vielleicht doch nicht der 1. Nisan, sondern der 1. Adar II gefeiert wurde, weil der 1. April ihm für das Passafest doch noch sehr früh vorkommt. Letztendlich kommt es darauf an, wie weit das Naturjahr im Frühjahr 3 v. Chr. vorangeschritten war, was wir nicht mehr rekonstruieren können.
456 Siehe Murphey: Refined Reconstructed Jewish Calendar, 23f. Zur Einordnung von Murpheys Kalenderrekonstruktion von 50 v. bis 75 n. Chr. siehe … [im Nachtrag].
457 Siehe zur Identifizierung des 14. Nisan im Iosephus-Text unten auf S. 151f.
458 Das Passa am 23. März 5 v. Chr. ist nur der Vollständigkeit halber aufgeführt. Dieser Passa-Termin hat sich in der Liste nicht als solcher disqualifiziert. Der Passabeginn kann, wie ich oben zugegeben habe, mit ganz geringer Wahrscheinlichkeit 5 v. Chr. wohl auf den 23. März gefallen sein; in solchem Fall aber käme dann das Frühjahr 5 v. Chr. als Todeszeitpunkt des Herodes nicht in Frage, weil diesem Passa ganz einfach keine Mondfinsternis vorangegangen wäre.
459 Caspari: Einleitung, 29.
460 Wurm: Beiträge, 32.
461 Schwartz: Studies, 158.
462 Kellner: Jesus, 59.
463 Wurm: Beiträge, 36.
464 Siehe Van Bebber: Chronologie, 100f. (setzt den Tod Ende März/Anfang April 4 v. Chr. an); Barnes: Date, 204-209 (setzt den Tod auf den 7. Kislev = 25. Nov. 5 v. Chr.); Strobel/Wimmer: Kallirrhoë, 60-67 (setzt den Tod zwischen 12. März und 11. April 4 v. Chr. an).
465 Solch andere sind z. B. Clinton, von Gumpach, Lewin, Sevin, Schegg, Zeitlin, von Scharberg.
466 Siehe Jeremias: Jerusalem, 277.
467 Siehe Benson: Chronology, 35-40. Benson wollte sich hingegen nicht festlegen, wie viele Tage mindestens zwischen der Mondfinsternis und dem Tod des Antipatros liegen müssten. Jedenfalls sieht er insgesamt zwischen der Mondfinsternis und dem Passa mehr als 28 Tage liegen (siehe ebd., 42f.). Dieses Ergebnis hat ihn mit dazu veranlasst, den Tod des Herodes nicht vor dem Passa 4 v. Chr., sondern vor dem Passa 3 v. Chr. zu suchen.
468 Lewin: Fasti, XI; siehe zu Lewins Rechnung überhaupt ebd., XI-XII u. 124-127:
13. März Mondfinsternis, Hinrichtung der Gesetzeslehrer
14. März Reise nach Kallirrhoë
15.-18. März Bäder in Kallirrhoë
19. März Ölbad in Kallirrhoë
20. März Rückreise nach Jericho
20./21.-26./27. März Herodes‘ Befehl und Gefangennahme im Hippodrom zu Jericho 27. März Briefe des Augustus kommen bei Herodes an; Antipatros wird hingerichtet
1. April Tod des Herodes (fünf Tage nach Antipatros‘ Tod); Salome lässt die Gefangenen frei; Versammlung des Militärs u. Verlesung des Testaments
2.-6./7. April Vorbereitung des Begräbnisses
7. April Beisetzung
2.-8. April Trauerwoche
8. April Bankett des Archelaos
9. April Archelaos stellt sich am Tempel dem Volk vor; abends beginnt die pharisäische Gegentrauerfeier
469 Siehe Rieß: Geburtsjahr, 16-20 (Rieß‘ Ergebnisse einfach übernommen hat Edwards: Chronologie, 32f.).
470 Siehe Schegg: Todesjahr, 34-37.
471 Siehe Martin: Star, chapter 8 („Astronomy and the Death of King Herod“).
472 Siehe Steinmann: Herod, 15f. Zwischen Tod und Passa liegen gemäß Steinmann/Young: Elapsed Times, 12-14 und Young: NT Chronology, 20 mindestens 16 Tage (mind. 3 Tage für die Präparation der Leiche und des Leichenzugs; mind. 3 Tage für die Überführung nach Herodion; 7 Tage Trauerzeit; 3 Tage für die Ereignisse bis zum 14. Nisan).
473 Siehe Gertoux: Datation. Von der Mondfinsternis bis zum Tod rechnet Gertroux 18 Tage, von dort bis zum Passa 24 Tage, insgesamt also 42 Tage.
474 Man nimmt dem Iosephus heute längst nicht mehr alle berichteten Einzelheiten als historische Tatsachen ab. Man ist sich heute stärker bewusst (als z. B. Lewin oder Rieß es sich sein konnten), dass Iosephus mit seiner Geschichtsschreibung Zwecke und Aussageabsichten verfolgt hat, denen er den historischen Stoff stellenweise dienlich gemacht bzw. angepasst haben mag. Günther: Herodes der Große, 172 z. B. schickt deshalb ihrer Darstellung der letzten Lebenszeit des Herodes voraus: „Ob die Abfolge der Ereignisse tatsächlich der Schilderung [des Iosephus] entsprach, ist daher durchaus unsicher“. Andererseits darf man dagegen halten: Iosephus‘ Schilderung jener Tage ist durchaus stringent. Die Ereignisse und Handlungen hängen sichtlich miteinander zusammen; das eine ergibt sich aus dem anderen und das Herauslösen eines Ereignisses stört künstlich den gesamten Gang der Dinge. Doch natürlich gilt es, das am Einzelfall noch zu überprüfen. Nebenbei sei bemerkt: Die kritische Herangehensweise der modernen Forschung an seine Werke dürfte dem Historiker Iosephus ganz willkommen sein, denn er verfuhr mit seinen Quellen (Manetho u. a.) manches Mal gerne in gleicher Weise, wovon sein Werk contra Apionem Zeugnis ablegt (siehe etwa Ios.: contra Apion. I 28f.).
475 Zu der Zeit als sein Sohn Antipatros sich noch nicht allzu lange in Rom aufgehalten hatte, schätzungsweise ein dreiviertel Jahr vor seinem Tode, war Herodes schon einmal derart erkrankt, dass er mit seinem Tode gerechnet hatte (siehe Ios.: bell. I 29, 4). Jedoch scheint er sich bald wieder gut erholt zu haben, da er seinen Bruder Pheroras, als dieser krank darniederlag, in dessen Tetrarchie Peräa besuchen konnte und die Öffentlichkeit in dem Prozess gegen den heimgekehrten Antipatros keinen schwerkranken Mann zu Augen bekam; zumindest deuten die Iosephus-Texte davon nicht das geringste an. Dieser Prozess fand mindestens sieben Monate nach der eben erwähnten schweren Krankheit des Königs statt, wie aus Ios.: bell. I 31, 2 (606) hervorgeht. Erst kurze Zeit nach dem Prozess, nachdem noch weitere Briefe ans Tageslicht gekommen waren, die Antipatros zusätzlich belasteten, heißt es: „Am Vorgehen gegen Antipater wurde er jedoch durch schwere Erkrankung gehindert“. Es folgt die vorletzte Testamentsänderung; weiter heißt es: „Seine Krankheit verschlimmerte sich stetig, zumal das Leiden ihn in fortgeschrittenem Alter und in einem Zustand der Niedergeschlagenheit getroffen hatte […] Die Tatsache, daß Antipater noch lebte, trug gleichfalls zur Verschlimmerung der Krankheit bei, da Herodes sich fest vorgenommen hatte, ihn nicht nebenbei, sondern nach seiner Genesung öffentlich hinrichten zu lassen“ (Ios.: bell. I 32, 7-33, 1). Letzteres sollte dem König nicht vergönnt sein. Echte Gesundung erlebte er nicht mehr. Herodes siechte in seinem Winterpalast zu Jericho dahin, die Gesetzestreuen in Jerusalem wurden mutiger und lauter, Gerüchte, der verhasste König sei seiner Krankheit erlegen, kursierten, die Adler-Affäre schloss sich nun an.
476 Günther: Herodes der Große, 250, Anm. 23 gibt einen knappen Überblick über die verschiedenen Diagnose-Vorschläge in der Literatur. Für die wesentlichsten dieser Vorschläge siehe etwas ausführlicher Schalit: Herodes, 639, Anm. 198.
477 Rieß: Geburtsjahr, 10.
478 Rieß: Geburtsjahr, 16.
479 Genauso sieht es Benson: Chronology, 42: „It would also appear from the same author [Iosephus], that before that time [Hinrichtung der beiden Gesetzeslehrer] Herod had not called in any medical advice. For he mentions it as one proof of the increase of Herod’s complaint that he then sent for physicians“.
480 Die 21 Tage sind keinesfalls willkürlich angesetzt: Wenn Herodes vor der Volksversammlung mit gesammelten Gedanken noch eine ausführliche Anklagerede halten konnte, ihm es aber zum nächst gesuchten Termin, also kurz vor seiner Reise zu den Bädern von Kallirrhoë, in etwa derart erging, wie Iosephus sagt – er spricht z. B. von extremer Atemnot, mit der man keine Rede halten kann –, dann erscheinen die drei Wochen als Zeitraum, in dem diese Entwicklung vonstatten gegangen ist, nicht lang. Da wir aber gar nicht wissen, wie zuverlässig Iosephus‘ medizinische Symptom-Beschreibungen überhaupt sind, und letztlich auch nicht sicher sein können, ob etwa die schlimme Atemnot oder die alle Glieder durchziehenden Krämpfe nicht doch vielleicht erst in Kallirrhoë oder noch danach hinzugekommen sind, ob also Iosephus in einem Abschnitte einfach nur alles vom Krankheitsbild, auch das Spätere, pragmatisch zusammengerafft hat, so muss man die Dauer dieser ersten Phase nach der Mondfinsternis geringer ansetzen als Rieß. Für Rieß‘ Annahme spricht freilich noch, dass laut Iosephus die Propheten jener Tage erklärten, dies alles sei die Strafe Gottes an dem zu Jericho Leidenden für den Mord an den Gelehrten. Jene prophetischen Männer müssen also eine Entwicklung bzw. Verschlechterung der Krankheit beobachtet haben. Dazu brauchte es ein wenig Zeit. Nun war unter Herodes‘ zeitgenössischen Feinden gewiss nichts naheliegender als solch eine Sichtweise von der Strafe Gottes (diese ist sicherlich nicht erst eine Deutung des Iosephus). Aber solche Propheten-Erklärungen können ebenso gut in den wirklich allerletzten Lebenstagen des Königs abgegeben worden sein, die Iosephus in seinem Texte eben nur an der passendsten Stelle anführt. Dies ist gewiss nicht mehr als eine Mutmaßung, aber wer wollte mit letzter Sicherheit sagen, dass Herodes Jericho nicht doch bereits wenige Tage nach der Volksversammlung verlassen hat? Der Kuraufenthalt zu Kallirrhoë kann sogar im äußersten Fall schon vor der sog. Adler-Affäre mit den Ärzten abgesprochen und geplant gewesen sein und sich lediglich durch die Affäre verzögert haben.
481 Mindestens drei Wochen nimmt auch Benson: Chronology, 42 an. Martin: Star, chapter 8 („Astronomy and the Death of King Herod“) rechnet eine Woche zwischen der Verbrennung der Rabbis und der Abreise ans Tote Meer.
482 Siehe Lewin: Fasti, 124f.
483 Zu den Winterpalästen des Herodes in Jericho siehe Netzer: Architecture, 42-72.
484 Strobel/Wimmer: Kallirrhoë, 15f.
485 Steinmann: Herod, 15 setzt als Minimum 3 Tage an und sagt ebd., Anm. 48: „This would have been at the normal rate of travel. It may have taken longer given Herod’s frail condition“. Zur Reiseroute über Land lassen sich folgende Überlegungen anstellen: Von Jericho zog man die Straße hinab in die Ebene Gilgal zum Jordan (Entfernung ca. 10 km). Bei Bethabara lag eine der Furten über den Fluss, die zu dieser Zeit wohl die Hauptfurt im unteren Jordantal darstellte. Über den Jordan gesetzt, folgte der Reisetrupp der Straße Richtung Osten. Es liegt nahe, noch im Tal die Straße auf der Höhe von Livias alias Ghassul/Tel zu verlassen und entlang des Ostufers des Toten Meeres Richtung Süden nach Kallirrhoë zu reisen. Zwar ist zu beachten: „Die modernen Straßen, die an beiden Ufern verlaufen, wurden erst in der jüngeren Vergangenheit in die Landschaft gesprengt“ (Zwickel: Einführung, 96), aber die Archäologen des Deutschen Palästina-Vereins haben einen antiken Fernweg ausmachen können, der das untere Jordantal, von Livias ausgehend, mit Kallirrhoë verband (siehe Strobel/Wimmer: Kallirrhoë, 72. 83f. und vor allem die Abbildung 21; für Genaueres wird dort verwiesen auf Strobel, August: Ancient Roads in the Roman District of South Peraea. Routes of communication in the Eastern area of the Dead Sea. In: G. Bisheh u. a.: Studies in the History and Archaeology of Jordan VI, Amman 1997, 271-280). Dieser Fernweg verlief parallel zum Ufer des Sees, einige Kilometer landeinwärts auf mittlerer Bergterasse. Insgesamt war so von Jericho bis Kallirrhoë eine Strecke von etwa 45 km zurückzulegen, die innerhalb von zwei Tagen zu bewältigen war. Da allerdings das Ostufergebiet für Reisende ein relativ unbequemes, bergiges Gelände ist – vgl. Zangenberg (Hrsg.): Tote Meer, 116 – und gerade vor Kallirrhoë einem am direkten Ufer eine unüberwindbare Felswand trotzt (sehr schön zu beurteilen, so man sich die Luftaufnahme in Grollenberg: Bildatlas, 55, Abb. 160 und die Satellitenkarte in Satelliten-Atlas II, 131 oder eben vergleichbares Material ansieht), man also, nachdem man quer durch das Wadi Zarka Main gewandert war, eine beschwerliche Wegstrecke über Bergwege und -pfade zurücklegen musste (siehe zu dieser Verbindung Strobel/Wimmer: Kallirrhoë, 82f.), so darf, wer will, bezweifeln, dass die Reisegesellschaft mit einem überaus kranken König im Gepäck diese Route nahm. Dann musste der Tross vom Jordantal aus die an die 1000 Höhenmeter überwindende Straße nach Hesbon nehmen. Von Jericho bis Hesbon (wo sich nach Ios.: ant. 15, 8, 5 ein Militärlager des Herodes befand) waren etwa 35 km geschafft. Von Hesbon folgte man dem sog. Königsweg nach Süden bis etwa Lemba (ca. 22 km). In dieser Gegend muss eine Straße von schätzungsweise 15 km zu der Herodes-Festung Machaerus und der unterhalb liegenden Stadtsiedlung geführt haben. Von hieraus waren es nur noch ca. 8 km bergab bis nach Kallirrhoë (siehe zum Verbindungsweg zwischen Machärus und der Oase Strobel/Wimmer: Kallirrhoë, 81ff.). Rieß nahm denselben Weg von Jericho nach Kallirrhoë an. Es sind im Gesamten knapp 80 km Wegstrecke, zum Teil beschwerliche. Der Krankentransport müsste demnach 4 Tage unterwegs gewesen sein. Im günstigsten Fall erreichte Herodes am Abend des dritten Tages den prächtigen Palast, den er sich in Machaerus angelegt hatte (zum herodianischen Machaerus und dem umliegenden Gebiet siehe überhaupt Ios.: bell. VII 6, 1ff.). Die mindestens vier Tage für den Krankentransport über diesen Weg bestätigen sich auch durch Folgendes: Ios.: bell. III 3, 3 (47) gibt an, Machaerus sei der südlichste Punkt Peräas; im Süden aber schließt sich das nabatäische Gebiet an (vgl. auch Ios.: ant. 18, 5, 1 u. Plin.: nat. hist. 5, 72). Tatsächlich hat Herodes die einstige hasmonäische Festung im Zuge seiner Grenzsicherungsmaßnahmen gegen die Nabatäer wieder instandgesetzt. Nun sagt Strab.: geogr. 16, 4, 21 (779f.) von der äußersten nabatäischen Reichsgrenze im Norden „gegen Judäa hin“, von dort sei „der nächste Weg bis Hierikos [Jericho] drei bis vier Tagreisen entfernt“ – also brauchte man damals von Marchaeus bis Jericho 3-4 Tage –; Strabo schließt an: „bis zum Palmenwalde aber fünf“. Letzteres ist seltsam, da er geogr. 16, 2, 41 sagt, der Palmenwald liege in Jericho. Mir scheint, er hat den Palmenwald bei der von Herodes im Andenken an seinen Bruder gegründeten Stadt Phasaelis (siehe Ios.: bell. II 9, 1 u. ant. 16, 5, 2 und ferner Plin.: nat. hist. 13, 44), die weiter flussaufwärts lag, gemeint (das passt zumindest zu einer anderen Angabe Strabos an gleicher Stelle: der Palmwald sei 18 km lang; vgl. dazu Keel/Küchler: Orte und Landschaften II, 494). Es mag, allerdings weniger wahrscheinlich, auch sein, dass Strabo die 5 Tage tatsächlich für die Strecke bis zum königlichen Palast zu Jericho (am unteren Ende des Wadi Kelt gelegen) rechnet, die 3-4 Tage aber für die Strecke bis zu einer vorgelagerten Handelsstätte im Jordantal, vielleicht Bethabara, oder sogar das Städtchen Betharamphta östlich des Jordan (später Livias bzw. dann Iulias genannt; auch hier hatte Herodes einen Palast; siehe Ios.: bell. II 4, 2). Jedenfalls ist diese Route über Hesbon für Pilger, Händler und Karawanen aus Peräa, deren Ziel Jerusalem war, sicherlich die sicherere und komfortablere gewesen als jene in der Nähe des Seeufers.
486 Suet.: Aug. 82.
487 Der Landweg nach Kallirrhoë ist mit Sicherheit der übliche gewesen, den vermutlich auch Iosephus kannte. Dem König allerdings sollte in seinem Gebiet Peräa noch die bequemere Möglichkeit offen gestanden haben, den Salzsee mit dem Boot zu überqueren. Immerhin war die Bucht Kallirrhoë vom Lande aus nur schwer zugänglich, vom Wasser her aber sehr gut. Zwar war Pompeius Trogus im 1. Jh. v. Chr. der Meinung, das Meer sei nicht mit Schiffen befahrbar (diese Meinung teilte man auch viele Jahrhunderte später wieder) und tatsächlich eignet sich die hohe Salzkonzentration im südlicheren Teil des Sees nicht besonders für die Schiffahrt, da sich am Bug bald dicke Salzkrusten bilden. Im nördlichen Teil des Sees jedoch dürfte dieses Problem viel weniger stark ins Gewicht gefallen sein, da sich hier beträchtliche Süßwasserzuflüsse befanden, natürlich der Jordan, aber auch der Wadi Zerka Main direkt bei Kallirrhoë. Tief genug für die Schifffahrt war und ist das Nordbecken des Sees allemal. Gibt es Spuren einer Befahrung des Sees in der Antike? Strab.: geogr. 16, 2, 42 (763f.) berichtet immerhin, dass die Einheimischen den von Zeit zu Zeit nach Erderschütterungen im See emporsteigenden Asphalt mittels Flößen einholten; der Geschichtsschreiber Diodorus Siculus aus der Zeit Iulius Caesars präzisiert: mittels Schilfmatten, die drei Mann trugen (siehe Diod.: bibl. hist. 19, 98-100; vgl. schon ebd. 2, 48). Ios: bell. IV 8, 4 (480) sagt, dass die an dem See beschäftigten Arbeiter den Asphalt auf ihr Schiff, oder eher Boot (to. ska,foj), luden. Außerdem aber weiß Ios.: bell. IV 7, 6 (439), dass der Römer Placidus ca. 67 n. Chr. im Krieg gegen die aufständischen Juden die Geflohenen von seinen Soldaten mittels Booten auf dem See einfangen ließ. Ich denke nicht, dass die Legionäre auf Schilfmatten in See stachen; es sind doch Holzboote anzunehmen. Vespasianus hatte für die Verfolgung der Juden auf dem See Genezareth eigens Holzflöße bauen lassen (siehe Ios.: bell. III 10, 6 u. 9). Diese Zeit blieb Placidius nicht; er muss am Toten Meer Boote vorgefunden haben. Für das Mittelalter sind dann endlich kleine Schiffen auf dem Toten Meer als Verkehrsmittel und zum Transport für Lebensmittel bezeugt (siehe Keel/Küchler: Orte und Landschaften II, 246). König Herodes nun wird sich den See allein schon aufgrund des lukrativen Salzgeschäfts – „die Könige haben größere Einkünfte daraus als aus Gold und Perlen“ (Plin.: nat. hist. 31, 77) – und aufgrund des Asphalthandels erschlossen haben. Darüber hinaus hat er vermutlich in seinen letzten Jahren schon den einen oder anderen Aufenthalt an dem Schönbrunnen genossen und wird sich entsprechende Schiffchen am Nordufer des Sees bereitgehalten und sich auch in seinen letzten Wochen dieses Verkehrsmittels bedient haben. Schließlich fand man im Zuge der Ausgrabungen am Ufer zu Kallirrhoë eine Art Anlegestelle bzw. Hafen (siehe Strobel/Wimmer: Kallirrhoë, 58ff.). Der Grabungsleiter Strobel erblickt im herodianischen Kallirrhoë einen „Hafen für die jüdische Staatsfestung Machärus“ (Strobel/Wimmer: Kallirrhoë, 15; vgl. ebd. 70).
Dass Iosephus vom Überschreiten des Jordans (diaba.j … to.n Iorda,nhn) zwecks Erreichens der Thermen spricht, ist allerdings ein Grund, um die Annahme des Weges über Land zu bevorzugen, kann mich indes von meiner Boot-These nicht abbringen, da Ios.: bell. IV 7, 6 (439) – wie oben bereits angemerkt – auch berichtet, die Bewohner der ostjordanischen Kleinstadt Iulias und der Nachbardörfer seien vor den Römern über den See geflüchtet; die Römer setzten sogleich mit Booten nach. Es mag also sein, dass Herodes den Jordan überquerte, um zu den im Ostjordanland zweifelsohne vorhandenen Anlegeplätzen am Salzmeer zu gelangen.
Was nun die Ansetzung der Reise auf mindestens einen Tag anbelangt: Ein Verbindungsweg von Jericho zum See bestand zweifelsohne. Die Entfernung von der Palmenstadt zum Salzmeer betraf etwa 12 km Luftlinie. Da sich solches aber nicht mit Iosephus verträgt, Herodes vielmehr im Ostjordanland an den See gegangen sein muss, so ist mit knapp 20 km von Jericho bis zum Ufer des Sees zu rechnen. Angenommen man brach an jenem Morgen nach der Mondfinsternis mit Sonnenaufgang auf (am 13. 3. um 6:17 Uhr, am 10. 1. um 7:07 Uhr) und brauchte (mit dem Kranken in einer Sänfte) etwa neun Stunden, so fand man sich bei den Booten Nachmittags ein. Nun lagen noch mindestens 18 km Seestrecke vor der Gesellschaft. Zwar vermag ich nicht zu sagen, mit wie viel Knoten man damals über das Tote Meer ruderte oder segelte; aber wäre man nahtlos nach dem Marsch in See gestochen, hätte man das Ziel vielleicht noch vor der Dunkelheit erreichen können (Ende der nautischen Dämmerung am 13. 3. um 18:58 Uhr, am 10. 1. um 18:14 Uhr). Besonders abhängig von der Jahreszeit war die Fahrt auf diesem, von den antiken Schriftstellern als so ruhig und unbeweglich beschriebenen See (siehe außer Pompeius Trogus auch Tac.: hist. V 6f.) wohl nicht.
488 Zum näheren medizinischen Zweck des Quellbadbesuchs sind nicht mehr als einige Vermutungen anzustellen. Erst einmal können Strobel/Wimmer: Kallirrhoë, 9f. folgendes über die Quellen mitteilen: „In dem in Frage kommenden Gebiet gibt es, wie wir festgestellt haben, ca. 30 bis 40 Quellen, die sich auf vier bis fünf Bachsysteme verteilen […] Die Bäche sind teilweise stark aufgeheizt, nämlich zwischen 42° und 54° C. Das Wasser ist stark mineralhaltig, aber doch bei alledem verträglich und trinkbar. Nur teilweise gilt es als ungenießbar, weil auch schwefelhaltig. In jedem Fall steht inzwischen fest, daß die Nutzung der Quellen für gesundheitliche Zwecke rückhaltlos empfohlen werden kann“ (siehe zu den Quellen und ihrem Wasser auch ebd. 51-54). Strobel sieht im Vergleich mit anderen schwefelhaltigen Quellen vor allem eine Heilwirkung in Bezug auf Hautkrankheiten. Mag sein, dass der den ganzen Körper des Königs plagende Juckreiz bekämpft werden sollte. Die antiken Schriftsteller lassen noch eine weitere Möglichkeit erahnen. Plin.: nat. hist. 5, 72 (vgl. 86) sagt: „An derselben Seite [wie Machaerus] ist die warme Quelle Kallirrhoe von besonderer Heilwirkung (caldis fons medicae salubritatis Callirhoe), die schon mit ihrem Namen den Ruhm des Wassers anzeigt“; aber wir erfahren hier von ihrem medizinischen Nutzen leider nichts Genaueres. An anderer Stelle, Plin.: nat. hist. 31, 59f., rühmt Plinius zwar die Heilwirkung der Bäder in den warmen Quellen allgemein, gibt aber zu ihnen nur den Hinweis: „Schwefelhaltiges Wasser ist den Sehnen zuträglich, alaunhaltiges bei Lähmung und ähnlichen Zuständen der Erschlaffung, bitumen- und natronhaltiges […] ist gut zum Trinken und zum Abführen“. Das mag er von seinem Landsmann Vitruvius haben, der in Vitruv.: de architectura VIII 3 sagt: „Alle warmen Quellen sind aqua medicamentosa, weil sie von den Materien, worin sie im Durchlaufen gekocht werden, mancherlei heilsame Eigenschaften annehmen. So helfen die schwefelhaltigen Quellen gegen Nervenkrankheiten, indem sie vermittels der Hitze die schädlichen Säfte im Körper erst in Bewegung setzen und dann vertreiben“ usw. Dieser Aspekt – „gegen Nervenkrankheiten“ – ist interessant; denn Ios.: bell. VII 6, 3 (189) spricht von warmen und kalten Heilquellen bei Baaras im Wadi Zerka Main, der unmittelbar nördlich von Kallirrhoë liegenden Talschlucht. Ebd. ist von diesen Quellbädern gesagt: „Es ist ein Heilmittel für viele Krankheiten und gilt vor allem als nervenstärkend“. Warme Quellen zu Baaras erwähnt auch Euseb.: Onomast. Beelmew,n (Ausgabe Klostermann, S. 44f.) Diese Quellen zu Baaras scheinen tatsächlich zum Teil schwefelhaltig zu sein (siehe die Beobachtung eines Reisenden bei Rieß: Geburtsjahr, 18). Sodann darf man auch wieder an Augustus erinnern, von dem Sueton erzählt, er habe wegen seiner Nerven schwefelhaltige Quellbäder nehmen müssen (siehe Suet.: Aug. 82). Wenngleich dieser Aspekt als ein bei Herodes‘ Ärzten im Vordergrund stehender einige Wahrscheinlichkeit erlangt, so ist damit leider noch nichts darüber gesagt, wie oft und über wie viele Tage hinweg solche Quellkuren damals verordnet wurden. Hier sind die Kenner der antiken Medizin gefragt. Letztendlich aber ist eine Kur unter drei Tagen überhaupt nicht ernsthaft anzunehmen.
489 Vgl. Kellner: Jesus, 62: „Wenn er [Herodes], wie Josephus sagt, einen wohltätigen Erfolg von dem Aufenthalt und Bade in Callirhoë verspürte, so muß er sich zur Kur wohl auch eine angemessene Zeit gegönnt haben. Wer wird bei einem schwer Kranken nach fünf oder auch nach vierzehn Tagen Erfolg erwarten?“
490 Zu der Hauptbeckenanlage, die wohl ursprünglich eine warme Quelle einfasste und medizinische Zwecke hatte, zudem als Herzstück der gesamten Villa-Anlage zu betrachten ist, siehe Strobel/Wimmer: Kallirrhoë, 34f. 56f.
491 Die Villa-Anlage scheint aus der Spätphase der Herodes-Herrschaft zu stammen. Das legen die Münzfunde am Ort nahe. Die ältesten Münzen sind nabatäische, die frühestens ungefähr auf 9 v. Chr. datiert werden; siehe dazu Strobel/Wimmer: Kallirrhoë, 33. 47. 49.
492 Der Kranke war in seiner Villa mit allem, was er brauchte, versorgt. Zudem konnte er sich alle wichtigen Nachrichten schnell von Jericho mittels Boten nachschicken lassen. Es ist nicht einzusehen, dass man durch eine zu frühe Überfahrt seinen Tod riskierte. Iosephus spricht außerdem davon, dass der König, um sein baldiges Ende wissend, zum Schluss in Kallirrhoë den Befehl gegeben habe, seinen Soldaten kleinere, seinen Offizieren und Vertrauten größere Geldgeschenke auszuzahlen. Zwischen der Ohnmacht und dem Treffen dieser Anordnungen muss zumindest ein wenig Zeit gelegen haben.
493 Siehe Ios.: bell. I 33, 6 (659f.) u. ant. 17, 6, 5 (174). Otto: Herodes, Sp. 148 vermutet ein anderes Motiv des Herodes: „Der todkranke König, der keine Rettung mehr vor sich sah, hat dann allem Anschein nach noch kurz vor seinem Hinscheiden einen letzten Beweis seiner großen Regierungskunst geliefert. Er sah voraus, daß bei seinem Tode das Volk versuchen würde, das verhaßte und nur aus Furcht vor ihm ertragene idumäische Regiment abzuschütteln. Damit sich nun trotzdem der Übergang der Herrschaft auf seinen Nachfolger in möglichster Ruhe vollzöge, hat er die angesehensten Männer aus allen Orten des Reiches in Jericho inhaftieren lassen, um in ihnen seinen Nachfolgern Geiseln für die Bewahrung des Friedens zu hinterlassen“.
494 Iosephus sagt in bell. I 33, 6 (659) ausdrücklich, der Befehl habe die Vornehmsten „aus allen jüdischen Ortschaften“ betroffen. Dass es bis zum Tod des Königs nicht bloß beim Plan oder beim unausgeführten Befehl zur Festnahme blieb, beweist die spätere Freilassung der bereits vor diesem Tod Eingesperrten durch Salome und durch Archelaos, welche auch in der Rede eines gewissen Antipatros zu Rom in Ios.: bell.: 17, 9, 5 (233) erwähnt ist. Zur vermutlichen Mindestdauer der Gefangennahme-Aktion durch Herodes sagt Greswell: Dissertations I, 305, Anm.*: „The language of Josephus, with respect to the order above mentioned, is very strong, and proves how general it was […] If the fact in question was real, it would not take less than a week to collect persons at Jericho from all parts of Herod’s dominions, the most remote from, as well as the nearest to, that place: Cf. 1 Sam. xi. 3. 2 Sam. xx. 4.“. Vgl. Steinmann: Herod, 16, Anm. 49 und Martin: Star, chapter 8 („Astronomy and the Death of King Herod“): „Since the northern cities of Herod’s kingdom were at least 130 miles away, a period of 3 days for the couriers to reach the elders, a day or so for them to prepare for the trip, and then 3 or 4 days for the elders to reach Jericho would occupy, at the very least, a week’s time […] The elapsed time for this assemblage of elders was at the very least one week“. Auch Ios.: vita 52 (269) sagt: „über Samaria gelangt man schon in drei Tagen von Galiläa nach der Hauptstadt [Jerusalem]“; vgl. auch ders.: vita 62 (319). Er erklärt außerdem, das sei die kürzeste Strecke, und setzt die drei Tage für Gesandte, also gesunde Männer an. Ob die Ältesten der Juden aber alle gesund und jung genug waren, um die Strecke in drei Tagen zu schaffen, ist natürlich fraglich.
495 Siehe Netzer: Paläste, 56-59 und ders.: Architecture, 72-80. Die Rennbahn mit einer Grundfläche von 320 x 80 Metern war von hohen Mauern umschlossen und verfügte nur über einen einzigen Zugang.
496 Siehe z. B. Rocca: Herod’s Judaea, 350: „The truth is probably that Herod did not jail anyone in the hippodrome […] All of these actions are topoi intended to illustrate the tyrant’s extreme and radical actions“.Vgl. Schalit: Herodes, 641; Vogel: Herodes, 270ff. oder Günther: Herodes der Große, 179. Man nimmt z. B. an, Iosephus habe jene Gefangenen, welche an der Adleraffäre beteiligt gewesen, aber nicht mit den Hauptschuldigen hingerichtet worden sind, oder aber die zur Testamentseröffnung versammelten Militärs zum Ausgangspunkt seiner – dann wohl absichtlichen – Verfälschung gewählt (Eine unbeabsichtigte Verwechslung durch Iosephus wäre m. E. abwegig, denn dann hätte Iosephus wohl kaum zu solch einem Endresultat seiner Geschichte gelangen können). Im Zusammenhang mit der Untersuchung der Ereignisdichte zwischen Königstod und Passa äußert sich übrigens auch Steinmann: Herod, 15 in ähnlichem Sinne wie die anderen Kritiker zu der Episode: „The account of Herod’s plot to ensure mourning at his death could be typical Josephan anti-Herodian rhetoric“. Laut Mahieu: Rome, 238 mit Anm. 20 soll bereits Kepler die historische Zuverlässigkeit der Schilderung von der Einpferchung im Hippodrom um einer geringeren Ereignisdichte willen angezweifelt haben.
497 Schon Otto: Herodes, Sp. 148, Anm.* wehrte sich gegen Julius Wellhausen: „[…] die völlige Erfindung der Gefangensetzung und der Entlassung der Gefangenen halte ich für ausgeschlossen, und zwar um so mehr, als gerade Salome bei der letzteren eine Rolle spielt“.
Es empfiehlt sich, meine Sicht der Dinge darzulegen: Von entscheidender Bedeutung in der ganzen Sache ist die Frage, ob dem Iosephus Quellen vorlagen, die ihm von solch einer Einpferchung in der Rennbahn und vom ihr zugrunde liegenden Plan des Herodes erzählten, oder eben nicht. Seine Hauptquelle für diese Zeit im allgemeinen war nach allgemeiner Einschätzung das Geschichtswerk des Nicolaus Damascenus (Nikolaos von Damaskos). Und es ist in der Tat schlecht denkbar, dass dieser pro-herodianische Gewährsmann des Iosephus solch eine unrühmliche Episode im Leben seines Brotgebers Herodes in dieser Form schriftlich festgehalten hat. Iosephus‘ Darstellung der Episode selbst stammt also eher nicht aus dem Werk des Nicolaus. Nun wird der Hippodrom-Angelegenheit später nur noch ein einziges Mal bei Iosephus gedacht: In Rom wird gerade vor dem Caesar über die Nachfolge des Herodes verhandelt. Die Söhne und ihre Parteileute versuchen den jeweils anderen vor dem Richter in schlechtes Licht zu rücken. In diesem Zuge nimmt Archelaos‘ Ankläger namens Antipatros, der Sohn der Salome, in seiner Rede, die sich bei Iosephus nur in indirekter Rede wiedergegeben findet, noch einmal Bezug auf jene Angelegenheit. Dieser Bezug, so möchte man auf den ersten Blick annehmen, sei von Iosephus hinzugefügt worden – ich komme gleich hierzu, stelle aber vorher fest: Weder die offizielle Abordnung der Juden, die doch allen Grund gehabt hätte, den Caesar von jenem schrecklichen Mordplan des Herodes in Kenntnis zu setzen, noch der Verteidiger des Archelaos, nämlich Nicolaus selbst, nehmen in ihren Reden vor dem Caesar Bezug auf die Hippodrom-Angelegenheit. Schauen wir uns den Vorwurf jenes Antipatros genauer an: Salomes Sohn wirft dem Archelaos nur vor, er habe „die in der Rennbahn Eingeschlossenen freigelassen“ (Ios.: ant. 17, 9, 5) bzw. er habe „Gefangene losgelassen, die von seinem Vater wegen schwerster Verbrechen festgesetzt worden waren“ (Ios.: bell. II 2, 5); er sagt nicht, wer jene Gefangenen waren und worin ihre Verbrechen bestanden. Die Gefangensetzung an sich betrachtete jener Antipatros vielmehr als rechtmäßig, wertete es stattdessen als ein Vergehen des Archelaos, die Gefangenen freigelassen zu haben. Der Verteidiger Nicolaus ging in seiner Antwortrede auf diesen Anklagepunkt nicht einmal gesondert ein, brachte nur allgemein vor, zu all solchen Entscheidungen hätten dem Archelaos ja seine Angehörigen selbst geraten. Konnte Iosephus seinen Protagonisten Antipatros solch eine Beurteilung der Hippodrom-Angelegenheit öffentlich vor dem Caesar abgeben lassen, wo Iosephus doch erst wenige Kapitel zuvor die für jeden Menschen ersichtliche Ungeheuerlichkeit des mörderischen Plans aufgezeigt hatte? Iosephus müsste die Rede des Antipatros schon sehr gedankenlos konzipiert haben, denn durch ihren Inhalt setzt Iosephus seine vorherige Schilderung vom verbrecherischen Mordplan starkem Zweifel aus. Der Widerspruch ist nicht zu leugnen: Hier der unverantwortliche, grausame Mordplan des Tyrannen, dort die gerechtfertigte Inhaftierung von Verbrechern durch den König. Ein zweiter, allerdings geringerer Widerspruch tritt hinzu: Nach Iosephus war es Salome, welche den Gefangenen ihre Freiheit wieder gab; Antipatros aber wirft die Freilassung in seiner Rede dem Archelaos vor (Salome befand sich in Rom bereits in der den Archelaos ablehnenden Partei). Auch hier scheint Iosephus uneins mit sich zu sein. Man kann selbstverständlich darauf hinweisen, dass erstens Iosephus in dieser Anklagerede dem Archelaos aus allem Vorgefallenen unterschiedslos ein Strick drehen lassen wollte, unbeschadet der Tatsachen, und dass zweitens die Freilassung unmittelbar nach dem Tod des Königs tatsächlich der gemeinsamen Beratschlagung des Archelaos und der Salome entsprungen sein kann, Salome sodann die Ausführung übernahm, der Thronfolgekandidat natürlich aber im Nachhinein die politische Verantwortung für diesen Schritt zu tragen hatte. Der erste Hinweis ist nützlich, nimmt allerdings in Kauf, dass Iosephus, wenn er seinen Leser damit auch nicht gerade in tiefe Verwirrung stürzt, so doch diesem zumindest ein konstruktives Mitdenken abverlangt. Der zweite Hinweis ist ebenfalls sinnvoll, und er geht davon aus, dass zumindest der grobe Rahmen der Hippodrom-Geschichte des Iosephus den Tatsachen entsprochen haben muss.
Der Widerspruch also, dass Iosephus hier Salome, dort scheinbar Archelaos für die Freilassung verantwortlich macht, lässt sich mit ein wenig gutem Willen plausibel aufheben. Der Widerspruch aber, dass Iosephus hier die Festsetzung der Juden als großes Verbrechen eines Wahnsinnigen darstellt, dort den Antipatros vor dem Caesar diese Festsetzung völlig unbedenklich als eine ganz unzweifelhafte und rechtmäßige Anordnung des Herodes erwähnen lässt und niemand protestiert, bleibt bestehen. Dass Iosephus solch einen Widerspruch selbst produziert hat, halte ich für unwahrscheinlich und vermute stattdessen, dass er durch die Aufnahme von zwei verschiedenen Überlieferungen entstanden ist. Und so ist die Frage erlaubt, ob die eine dieser beiden Überlieferungen, nämlich die, welche in der Rede des Antipatros zum Vorschein kommt, nicht von Nicolaus stammen kann. Sie kann es sogar sehr gut. Der Nichtjude und volksferne Nicolaus hat die Hippodrom-Angelegenheit persönlich sicher ganz anders als der Jude Iosephus beurteilt und – das ist entscheidend – er hat sie offensichtlich auch in der Öffentlichkeit ganz anders beurteilen dürfen. Folgt man bis hierher, so wird man auch der letzten Konsequenz zustimmen: Schon Nicolaus wird von der Gefangensetzung bestimmter Juden im Hippodrom durch Herodes berichtet haben; es ist nicht mehr zu rekonstruieren, wer sie waren und was ihnen genauer vorgeworfen wurde, aber es steht außer Zweifel, dass Nicolaus diese Episode nur berichtete unter dem Hinweis auf eine sinnvolle Anklage, die der König erhoben hat und die dem Nicolaus selbst, dem Antipatros und sogar dem Caesar berechtigt erscheinen musste. Außerdem muss dann auch die Angabe, dass es Archelaos war, der die Gefangenen nach Hause schickte – vgl. auch Ios.: bell. II 2, 5 (28) –, von Nicolaus stammen. Noch von einer zweiten Seite her lässt sich die Vermutung stützen, dass Antipatros‘ Rede und damit seine Version der Hippodrom-Angelegenheit im Wesentlichen von Nicolaus stammt. Es ist kein Geheimnis, dass die Reden in antiken Geschichtswerken oftmals Kompositionen des jeweiligen Autors sind (und sie dies damals auch ganz legal sein durften. Laut Iustin.: hist. 38, 3, 11 bemühte sich allein Pompeius Trogus bewusst, in solchen Fällen durch die Wahl der indirekten Rede deutlich zu machen, dass es sich nicht um wörtliche Zitate handelt, sondern um nachträgliche Kompositionen). Nun existiert m. E. ein ernstliches Indiz dafür, dass die Reden der Angehörigen des herodianischen Hauses vor dem Princeps von Nicolaus komponiert wurden: Mit der Rede, die Nicolaus vor dem Kaiser hält, wird nicht erst Iosephus dem Nicolaus, sondern schon Nicolaus sich selbst in seinem Werke ein Denkmal gesetzt haben. Denn genial bestechend ist seine Argumentation in dieser Rede zweifelsohne (vgl. Günther: Herodes, 187). Und die Rede ist Antwortrede auf das von Antipatros Vorgebrachte. Darum darf angenommen werden, dass Iosephus auch die Rede des Antipatros bei Nicolaus vorfand (ob in direkter oder indirekter Redeform ist relativ gleichgültig).
Nun gilt es noch, nach dem Grund dafür zu suchen, warum in der Rede der jüdischen Gesandtschaft in Rom das Hippodrom-Verbrechen des Herodes nicht angeführt wird, obwohl diese Gesandtschaft dem Caesar sonst sämtliche Schandtaten des Herodes aufzählte. Das Fehlen ist umso erstaunlicher, als man annehmen sollte, dass zumindest der Großteil dieser Rede nicht auf das Konto des Nicolaus, sondern vielmehr auf das des Iosephus geht (ganz einfach deshalb, weil Nicolaus eine Reihe von darin enthaltenen Anschuldigungen gegen Herodes in seinem Geschichtswerk gar nicht hätte zu Wort kommen lassen). Doch hätte Iosephus diese Rede wirklich konzipiert, hätte er das Hippodrom-Thema, welches er in seiner vorherigen Schilderung ausgeführt hatte, anschneiden müssen! Die einzige Erklärungsmöglichkeit ist in meinen Augen: Die von Iosephus wiedergegebene Rede folgt weitgehend dem tatsächlich von dieser Gesandtschaft Vorgebrachten (im Altertum wurden gute Gerichtsreden schließlich gerne aufgehoben und von Historikern verwertet), und die Männer verschwiegen die Angelegenheit, um sich und ihre Landsleute bei Augustus nicht in Misskredit zu bringen, weil der Princeps um die in seinen Augen guten Gründe wusste, die seinen Freund Herodes zu der Festsetzung jener Juden in der Rennbahn veranlasst hatten. Denn dass Augustus die Festsetzung für rechtmäßig hielt, die Eingeschlossenen nicht als Opfer, sondern als Täter wahrnahm, geht aus dem hervor, was wir von Nicolaus‘ Darstellung zu rekonstruieren vermochten. Am Ende steht also die Erkenntnis, dass Nicolaus dem Iosephus sehr wohl Informationen zu einer Festsetzung von gewissen Juden im Hippodrom lieferte; aber die Festsetzung war nicht nur in den Augen des Nicolaus, sondern in den Augen der gesamten damaligen politischen Öffentlichkeit eine rechtmäßige! Die Gefangenen waren also vom König „schwerster Verbrechen“ beschuldigt worden (wie sich Iosephus im bellum ausdrückt), vielleicht schon verurteilt worden. Das heißt im Umkehrschluss aber auch – was freilich an sich schon selbstredend ist –, dass Iosephus nicht durch Nicolaus von jenem krankhaften, ungerechten Mordplan des Herodes erfahren haben kann.
Ich habe trotzdem ernste Zweifel daran, dass erst Iosephus um der Verleumdung willen der Schöpfer dieser Mordplan-Geschichte geworden sein soll. Denn beinah die gleiche Geschichte taucht einige Jahrhunderte später im Zusammenhang mit Herodes und Alexandros Jannaios auch in dem Kommentar des Megillat Taanit in Kapitel 11 auf; dort wird sie allerdings dem Hasmonäerkönig Jannaios zugeschrieben, was als klares Anzeichen dafür gelten kann, dass sie eben nicht aus Iosephus geschöpft worden ist (weil Iosephus ja mehr als deutlich von einem Verbrechen des Herodes, nicht des Jannaios spricht). Irgendwo muss die Geschichte hergekommen sein. Verständlich ist doch, dass, wenn sich die Geschichte derart oder ähnlich, wie Iosephus sie erzählt, wirklich zugetragen hat, sie lange im Gedächtnis der Juden bleiben musste, zumal sie die hervorragendsten Familien aus allen jüdischen Landesteilen betroffen hatte. Dieser aus unglaublichem Größenwahn entsprungene, gegen das Volk Gottes geschmiedete Plan muss dann seinen Platz in der rabbinischen Überlieferung gehabt haben. Und vielleicht darf man zu der Gestalt der Geschichte im Megillat Taanit annehmen: Der böse König wurde irgendwann namenlos, der Name der in diesem Fall verständigen und ehrbaren Retterin Salome aber (denn diese wird auch dort als Freilassende genannt) blieb im Gedächtnis. Später wurde diese Salome in der Frau des tyrannischen Jannaios gleichen Namens (die sehr viel berühmter war, weil nach Jannaios‘ Tod selbst Königin und obendrein Liebling der Pharisäer; siehe Ios.: bell. I 5, 2) wieder erkannt, und der König hatte wieder einen Namen; genau so urteilte schon Graetz: Geschichte III/2, 573: „Es [das Scholion des Megillat Taanit] scheint aber durch Verkennung eines Namens zu dem Irrtum verleitet worden zu sein. Es berichtet zum Gedenktage des Monats Schebat von dem Befehle, 70 judäische Gesetzeslehrer an dem Todestage hinzurichten, und daß eine Frau Salominon diesen Befehl nach dem Tode des Tyrannen unausgeführt gelassen habe. Nach Josephus (das. 8, 2, jüd. Krieg I, 33, 6) war der Tyrann Herodes und die Befreierin seine Schwester Salome. Da der Scholiast aber nur die Königin Salominon, Jannaïs Frau, kannte, so hat er diese mit Herodes‘ Schwester verwechselt, das Faktum von dem Blutbefehl dem Könige Jannaï zugeschrieben und demgemäß auch Jannaïs Tod in den Schebat gesetzt“. In Jannaios‘ letzte Lebenszeit – das hat Caspari: Einleitung, 30 richtig erkannt – passt die Geschichte jedenfalls nicht recht. Iosephus konnte also aller Wahrscheinlichkeit nach tatsächlich auf eine jüdische, anti-herodianische Überlieferung zurückgreifen. Dass diese Überlieferung eine Durchschlagskraft besaß, die sie noch einige Jahrhunderte später in der rabbinischen Literatur auftauchen lässt, erhöht in meinen Augen ihre historische Glaubwürdigkeit.
Was nun die Glaubwürdigkeit des rachsüchtigen Mordplans im einzelnen anbelangt, so muss man sich von vornherein darüber im Klaren sein, dass sich dieser Mordplan an sich nicht zu mehr als zu einer zeitgenössischen Deutung der Ereignisse erhärten lässt. Angenommen Herodes hätte ihn gehegt, wer aus dem kleinen Kreis der Eingeweihten hätte ein Motiv gehabt, diesen Plan der Öffentlichkeit bekannt zu machen? Nur Salome könnte daran interessiert gewesen sein, damit ihre Tat der Freilassung umso edler und rettender erschiene. Iosephus berichtet zwar, sie habe die Gefangenen auf angebliches Geheiß des Königs nach Hause entlassen, dessen Tod sie zu diesem Zeitpunkt noch verschwieg; aber es ist ja gut vorstellbar, dass sie anschließend Gerüchte über den ursprünglichen Mordplan des Königs im Volk streute, damit sie selbst wegen der von ihr unternommenen Freilassung bei den Juden an Zuneigung gewönne. Dann hätten diese Gerüchte entweder der Wahrheit entsprechen oder aber falsch sein können, in beiden Fällen aber nur dem Ansehen der Salome dienen können. Otto: Herodes, Sp. 148, Anm.* sagt von Herodes Schwester: „[…] daß diese den Blutbefehl einfach erfunden haben kann, um der Freilassung noch ein besonderes Relief zu geben, ist bei deren Charakter an sich höchst wahrscheinlich“. Ich will Salome so etwas gar nicht unterstellen. Es ist auch nicht nötig, denn das Gerücht über solche ureigenen Absichten des Königs hätte wohl auch ohne Salome im Volk aufkommen können, einfach deshalb, weil die Juden solches dem Tyrannen zehnmal zutrauten und sie nun einmal um eine Deutung der Ereignisse gerungen haben müssen (vgl. Münter: Stern, 73f.). Gewinnbringend sind diese Überlegungen deshalb, weil sie uns bewusst machen, wie unmöglich es heute ist, zu entscheiden, ob Herodes jenen Racheplan wirklich jemals fasste oder ob er ihm nur angedichtet wurde. Zwar drängt sich einem unwillkürlich die Frage auf, ob es solch eines Planes als Motiv für die Gefangennahme überhaupt noch bedurfte, wenn die Eingesperrten „wegen schwerster Verbrechen festgesetzt worden waren“ (Ios.: bell. II 2, 5). Ich werde aber gleich zeigen, dass für dieses Motiv durchaus Platz bleibt. Die einzige Möglichkeit, so man in dieser Sache zu einer Meinung gelangen möchte, ist diejenige, abzuwägen, ob man persönlich dem Herodes den Plan zutraut. Das muss jeder für sich selbst entscheiden.
Im letzten Schritt gilt es nun die jüdische anti-herodianische mit der pro-herodianischen Überlieferung des Nicolaus zu verbinden, sie übereinander zu legen: Herodes ließ kurz vor seinem Tode gewisse Leute einsperren, deren Verlust die jüdische Öffentlichkeit als sehr schmerzlich empfand. Der König beschuldigte sie eines schweren Verbrechens, das sie auch begangen haben werden, das zwar in den Augen der jüdischen Öffentlichkeit gar kein Verbrechen war (vgl. Ios.: ant. 17, 6, 6), rechtlich aber stand die Anklage auf sicheren Füßen, denn den vor Augustus streitenden Politikern erschien sie keinesfalls fragwürdig, sondern vollends rechtens. Was könnte das für ein Verbrechen gewesen sein, dessen sich erstens viele Juden aus allen Landesteilen gleichzeitig schuldig machen konnten, das zweitens für Herodes und den Caesar ein schweres war und das drittens vom jüdischen Volk überhaupt nicht als Verbrechen eingesehen werden konnte? Es liegt nahe, dass es sich um eine Zuwiderhandlung gegen königliche Anordnungen handelte, welche nach Meinung vieler Juden gegen das mosaische Gesetz verstießen. Was für Anordnungen sind denkbar? Ich will meine Vermutung aussprechen: Es fällt auf, dass Herodes in seinen letzten Lebenstagen, vieles überlegte und beschloss, was das Verhältnis des Caesar zu ihm auch noch nach seinem Tode begünstigen sollte: siehe etwa bell. I 32, 7 (646) u. I 33, 8 (669). Natürlich sind all das politischem Kalkül entsprungene Entscheidungen, die nicht zuletzt die dynastische Erbfolge sichern sollten (vgl. Otto: Herodes, Sp. 148, Anm.*: Herodes „hat stets Rücksicht auf seinen Oberherrn Rom genommen, dessen Wohlwollen ihm damals für die Nachfolgeordnung besonders notwendig erschienen sein muß“). Daneben aber kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Herodes zu dieser Zeit längst nicht mehr hoffte, seinen Nachruhm im jüdischen Volk zu finden – das halte ich an der jüdischen Tradition für ganz glaubwürdig –, sondern dass er stattdessen hoffte, Nachruhm beim Caesar und über diesen überhaupt in der Öffentlichkeit des römisch-hellenistischen Weltkreises zu finden (vgl. Otto: Herodes, Sp. 159). Eine letzte Rache an jenem Volk, dem er den herrlichen Tempel geschenkt hatte und das ihm dennoch undankbar und feindlich gesinnt war, von dem er sich so ungerecht behandelt fühlte, wollte sich der ungeliebte Todkranke nicht nehmen lassen. Diese Rachegelüste sind alles andere als abwegig. Es sollte eine Rache sein, die dem Caesar zugleich zur Ehre gereichen sollte. Nun wissen wir, dass einige Zeit zuvor Herodes den Juden den Eid auf den Caesar und auf ihn selbst abgefordert hat. 6000 gesetzestreue Pharisäer (oder zumindest ein nennenswerter Teil dieser 6.000) sollen sich geweigert haben, diesen Eid abzulegen; siehe Ios.: ant. 17, 2, 4 (42). Damals hatte Herodes verhältnismäßig milde reagiert und ihnen lediglich eine Geldstrafe auferlegt. Entweder die damalige Verweigerung oder auch eine spätere (– es lässt sich nicht bestimmen, ob dieser Eid jährlich wiederholt wurde –) mag nun Herodes zum Anlass genommen haben, ein letztes Exempel zu statuieren, indem er aus jedem Clan oder jedem Ort den angesehensten Eid-Verweigerer abführen und ins Hippodrom bringen ließ. Er konnte diesen Menschen das schwere Verbrechen des Hochverrats gegen König und Kaiser zur Last legen. Was er mit den Gefangenen letztlich vorhatte, will ich freilich offen lassen (sowohl für einen rachsüchtigen Mordplan ist Platz, als auch für andere Interpretationen wie z. B. die von Walter Otto oben auf S. 140 in Anm. 493). Das Einsperren ausgerechnet im Hippodrom zu Jericho legt zweierlei nahe: 1. dass die Aktion tatsächlich etwa in jene von Iosephus angegebene Zeit fällt (in welcher sich Herodes eben in Jericho aufgehalten hat), 2. dass es sich um viele Gefangene handelte. Auf dieser Grundlage konnte sich neben der offiziellen Version der Politik auch jene volkstümliche antiherodianische Tradition bilden, wie sie bei Iosephus und in der rabbinischen Literatur begegnet.
Entscheidend ist: Ich bin der begründeten Ansicht, dass dem Iosephus zwei verschiedene Quellen zugrunde liegen, die beide unabhängig voneinander über die Festsetzung vieler Juden im Hippodrom berichten, die sich in der letzten Lebenszeit des Herodes zugetragen hat. Meiner Meinung nach hat sich solch eine Einschließung vieler Juden tatsächlich zugetragen und müsste demnach in meiner Mindestdauer-Rechnung eigentlich auch berücksichtigt werden.
498 Ios.: bell. I 33, 7 (662).
499 Ios.: ant. 17, 8, 1 (191). Eine Dauer von fünf Tagen spielt übrigens auch im Rahmen des Regierungsendes des Herodes Archelaos eine Rolle; siehe Ios.: ant. 17, 13, 3 (348). Außerdem soll König Agrippa I. gemäß Ios.: ant. 19, 8, 2 (350) fünf Tage vor seinem Tod an einer Krankheit gelitten haben. Trotz dieser Parallelen hoffe ich, die fünf Tage stehen bei Iosephus nicht nur sinngemäß für „wenige Tage“/„kurze Zeit“, sondern sollen auch wirklich fünf Tage bezeichnen.
500 Die Freilassung der im Hippodrom Gefangengehaltenen durch Salome lasse ich dabei wieder ganz unberücksichtigt.
501 Das Ende des Königs war seit längerem abzusehen. Er selbst und sein Hof können die wesentlichen Vorkehrungen für die Trauerfeierlichkeiten also schon vor seinem Tode getroffen haben. Trotzdem gilt, wenn ich hier nur einen Tag ansetze: Direkt nach dem Tode des Königs müssten Boten nach Jerusalem und vor allem nach Herodion geschickt worden sein, die nach etwa 8 Stunden eiligstem Fußmarsch darauf drangen, alles schnellstens in die Wege zu leiten. Nur so konnte die Bestattung in Herodion am übernächsten Tage einigermaßen organisiert vonstatten gehen. Wenn ich nur einen Tag für die Vorbereitung der Leichenfeierlichkeiten ansetze, nehme ich freilich in Kauf, dass im Großteil des jüdischen Landes die Trauer nicht rechtzeitig angeordnet werden konnte, was nicht wahrscheinlich, aber immerhin möglich ist. Insgesamt sollte man es für wahrscheinlich halten, dass die Vorbereitungen jener prachtvollen Feierlichkeiten mehrere Tage in Anspruch genommen haben. Steinmann/Young: Elapsed Times, 12f. setzen hierfür als Minimum drei Tage an. Kushnir-Stein: Another Look, 76f. möchte mindestens sechs Tage angesetzt wissen: „A king of Herod’s stature, whatever the feelings of his relatives and subjects about him, would have been accorded a splendid funeral and this is clear from Josephus‘ account as well. An elaborate golden bier decorated with precious stones was made, ornaments were brought, spices were collected. Even if most of the necessary things had been at hand in Jericho, there would still have been problems of organization. Thus the procession could hardly have left from Jericho before officials all the way to Herodium had been notified and reported back on their preparations.Among people of high standing who participated in the funeral procession Josephus only mentions relatives of Herod; there can be little doubt, however, that a large number of his friends and senior officials were also present. Some of these may have been outside Jericho at the time of the king’s death and would therefore have had to be notified and given sufficient time to arrive. For example, it would have taken no less than five days for a dignitary from Caesarea to receive the news of the king’s death and to make his way from there to Jerusalem, the nearest point where he could have joined the funeral procession. It is easy to see, then, that the minimum time required for the preparations for the burial and for the funeral procession must have filled up the available reserve of six days“. Meine Mindestdauer von nur einem Tag für die Vorbereitungen ist zugegebenermaßen wieder nicht die wahrscheinliche Dauer, sondern nur die kürzestmögliche.
502 Nach ihren Thesen (siehe Günther: Herodes der Große, 185f.) sei das Geschrei über den Selbstmordversuch in Wirklichkeit die Klage über den gerade dahingeschiedenen König gewesen. Gewisse Hofkreise hätten die Selbstmordversuch-Geschichte erfunden, um den immer noch im Testament bedachten Antipatros eine schändliche Reaktion vorwerfen und ihn somit schließlich ausschalten zu können. Der Tod sei fünf Tage lang geheimgehalten worden; in dieser Zeit sei das Testament gefälscht worden (Herodes selbst also hätte eine dritte Änderung der Fassung gar nicht mehr vorgenommen). Die Dauer all dieser Ereignisse bleibt weitestgehend die gleiche wie die der offiziellen Fassung, allerdings mit einer Ausnahme: Für die Vorbereitungen der Leichenfeier und des Begräbnisses bräuchte man nicht zwangsläufig eigens einen Tag anzusetzen, da theoretisch dies alles bereits in den Tagen der Verheimlichung erledigt worden sein könnte. Damit aber hätte man fahrlässig in Kauf genommen, dass der Komplott auffliegt, da zu viele Menschen in Jericho, Jerusalem und Herodion eingeweiht werden mussten (vgl. Benson: Chronology, 40). Ich halte eine fünftägige Verheimlichung allerdings ohnehin für unwahrscheinlich, denn Herodes ist im Zuge der Leichenfeier aufgebahrt worden; sein Angesicht, auf dem nach Ios.: ant. 17, 8, 3 ein prächtiges Diadem ruhte, und seine Rechte, welche das Zepter hielt, waren allen Augen zugänglich. Der Verwesungsprozess eines ägyptischen Herrschers, den man mit Erdpech vom Toten Meer mumifizierte, hätte in dieser Situation verheimlicht werden können, nicht aber der des aufgebahrten jüdischen Königs, selbst wenn man ihn noch so ausgiebig mit kostbarem Palmbalsam aus Jericho eingesalbt haben wird (Ich gestehe allerdings, dass ich keine Ahnung habe, ob man in jener Zeit in Jericho vielleicht über ein wirkungsvolles unterirdisches Kühlhaus verfügte – wenn ja, würde das die Sache wieder anders aussehen lassen). Ein im Altertum nicht ungewöhnliches, zeitweiliges Einlegen in Honig zwecks Konservierung, wie es Ios.: ant. 14, 7, 4 (124) für Aristobulos bezeugt und wie es Babylon. Talmud, Trakt. Baba batra 3b für Herodes tote Frau Mariamme (7 Jahre lang in Honig) aussagt, dürfte im Falle des Herodes selbst, der noch aufgebahrt gezeigt werden sollte, wohl ungeeignet gewesen sein.
503 Eine andere bellum-Handschrift hat allerdings „70 Stadien“ statt „200 Stadien“ stehen. 200 Stadien machen indessen Sinn: Nach Ios.: bell. IV 8, 3 (474) war Jericho 150 Stadien (ca. 27 km) von Jerusalem entfernt; für die Strecke von Jerusalem nach Herodion aber gibt Ios.: bell. I 13, 8 (265) andernorts 60 Stadien (ca. 11 km) an.
504 Es ist vielleicht das Grab des Herodes, welches der israelische Archäologe Ehud Netzer im Mai 2007 in Herodion entdeckte. Siehe Netzer, Ehud: In Search of Herod’s Tomb, in: Biblical Archaeology Review, Bd. 38 Nr. 1, Washington D.C. Jan./Febr. 2011, S. 37-48. 70. Es gibt unter Archäologen Gegner und Befürworter der Identifizierung der entdeckten Grabstätte mit dem Grab des Herodes. Nikos Kokkinos z. B. lehnte diese Zuordnung des Grabs durch Netzer von Anfang an ab; siehe Kokkinos: Strabo, 37.
505 Kushnir-Stein: Another Look, 76 setzt als Minimum für den Begräbniszug drei Tage an: „The king died in Jericho and was buried in Herodium. The road which the funeral procession must have taken runs via Jerusalem. The distance between Jerusalem and Jericho is 18 Roman miles (c. 27 km) and between Jerusalem and Herodium about 8 Roman miles (c. 12 km). The procession thus had to cover 26 Roman miles (c. 39 km), with the first stage of the journey involving an ascent of 1000 m. Josephus says that Herod’s bier was followed by a host of his relatives, a large number of servants and the whole of the king’s army. The solemn character of a funeral procession makes it slow by definition; the sheer size of the crowd was bound to slow its pace even further, especially since for most of the time it would have been moving along a mountain road. There could also have been frequent or lengthy stops but, even if this possibility is discarded, the time needed for the procession and for the final ceremony in Herodium would be no less than three days“. Steinmann/Young: Elapsed Times, 13 und Young: NT Chronology, 20 folgen Alla Kushnir-Stein in der Ansetzung von drei Tagen.
506 Sieben Trauertage sind im Judentum gängige Praxis gewesen (siehe z. B. Babylon. Talmud, Trakt. Taanit 13a-13b). Martin: Star, chapter 8 („Astronomy and the Death of King Herod“) ist hingegen der Überzeugung, dass die von Iosephus genannte siebentägige Trauerzeit lediglich eine Art private Trauerwoche der Angehörigen nach der Bestattung des Leichnams bezeichne und dass bereits davor, zwischen Tod und Begräbnis, eine öffentliche Trauerzeit von dreißig Tagen für den König eingehalten worden sein muss. Keil: Handbuch, 573 wertet das Alte Testament in Sachen Trauerzeit folgendermaßen aus: „Die tiefere Trauer mit Fasten dauerte gewöhnlich 7 Tage (1 Sam. 31, 13. 1 Chron. 10, 12. Judith 16, 23 [f.]. Sir. 22, 12), in besonderen Fällen 30 Tage (wo aber schwerlich so lange gefastet wurde) (Num. 20, 29. Deut. 34, 8 vgl. 21, 13)“. 1. Makk. 9, 20 u. 13, 26 sagen leider ziemlich unbestimmt, dass man um Judas Makkabaios und seinen Bruder Jonathan jeweils „viele Tage lang“ trauerte. Martin kann jene dreißigtätige Trauersitte Israels jedoch nicht nur anhand der alttestamentlichen Stellen (Num. 20, 29 u. 19, 14; Dtn. 34, 8) glaubhaft machen, sondern belegt sie auch durch ein Beispiel aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert: Ios.: bell. III 9, 5 (434ff.) berichtet, dass die Menschen zu Jerusalem um Verwandte sowie um den vermeintlich ums Leben gekommenen Feldherrn Iosephus dreißig Tage lang trauerten. In Ios.: ant. 4, 4, 6 (78) u. 4, 5, 1 (85) wird nicht nur gemäß der AT-Vorlage gesagt, dass das Volk 30 Tage lang um Aaron trauerte, sondern es wird auch gesagt, dass die Volkstrauer um Miriam ebenso viele Tage gedauert habe. Und Ios.: ant. 4, 8, 49 (330) sagt, das Volk habe um Mose 30 Tage lang getrauert. Man findet weiter in Ios.: ant. 4, 8, 23 (259) die Aussage, dass im Judentum 30 Tage lang um Verwandte getrauert wurde. Es ist anzunehmen, dass Iosephus im 1. Jh. n. Chr. die jüdische dreißigtägige Trauer geläufig war. Man müsste dann die Anordnung solch einer Praxis auch für einen um die Zeitenwende verstorbenen König für wahrscheinlich halten. Immerhin teilt Ios.: ant. 17, 6, 5 (177), 17, 8, 3 (196) u. bell. I 33, 9 (670) mit, Herodes habe für sich die glänzendsten Trauer- und Begräbnisfeierlichkeiten beansprucht, die je einem König zuteil geworden waren, und sein Sohn Archelaos habe es bei der Umsetzung an Prunk und Pracht nicht fehlen lassen. Dazu passend dürfte eine 30tägige Trauerzeit geplant gewesen sein. Aber Iosephus erwähnt sie im Zusammenhang mit Herodes‘ Ende nicht ausdrücklich und ich bin eben an der geringst-möglichen Dauer all jener Begebenheiten interessiert, weshalb ich Martins sinnvollen Hinweis bei meiner Rechnung unberücksichtigt lasse. Übrigens weist Johnson: Eight Stades, 99 gegen Martin darauf hin, dass erstens die jüdische Sitte eine rasche Grablegung des menschlichen Leichnams forderte (vgl. Mahieu: Rome, 294 mit Anm. 22), dass zweitens die 30tägige Trauerzeit (Sheloshim) im Judentum mit dem Begräbnis, nicht mit dem Tod anhob (vgl. Mahieu: Rome, 296, Anm. 31), und dass drittens das Passafest eine Trauer, die zeitlich noch nicht zum Ende gekommen war, aufgehoben hätte (vgl. Mahieu: Rome, 295). Mahieu: Rome, 296 bietet darüber hinaus eine m. E. sinnvolle Erklärung, warum im Fall des Herodes nicht von einer 30tägigen Trauerzeit geredet werden konnte und von Iosephus auch nicht geredet wird: „The absence of such a thirty-day period of mourning (called Šelošim) for Herod suggests that the funeral took place less than thirty inclusive days before Passover (since a festival took priority over the mourning). Had thirty (or more) inclusive days separated Herod’s burial and the subsequent Passover, a Šelošim period of mourning, rather than a mere Šiva, would likely have been held“. Im Mischna-Traktat Mo’ed katan 3, 5 wird nämlich ausdrücklich gesagt, dass die drei Wallfahrtsfeste sowohl die siebentägige als auch die dreißigtägige Trauer aufheben, anders der Wochensabbat, der die Trauer nur unterbricht: „Wenn einer seinen Toten drei Tage vor einem Wallfahrtsfest beerdigt hat, ist die [Pflicht der] siebentägige[n] Trauer für ihn aufgehoben, [waren es] acht Tage [vorher], ist die [Pflicht der] dreißigtägige[n] Trauer für ihn aufgehoben, weil sie gesagt haben: Der Sabbat [an dem die Trauer ausgesetzt wird] wird dazugerechnet, ohne [die Trauer] aufzuheben, die Wallfahrtsfeste heben sie auf, ohne dazugerechnet zu werden“.
Des weiteren geht Martin im selben Kapitel davon aus, dass der Trauerzug von Jericho nach Jerusalem und von ebenda zur Festung Herodion bald einen Monat lang gedauert habe (also in etwa die Trauerzeit über), indem der aufgebahrte König, vom Militär geleitet, von Verwandten und Würdenträgern des Hofes barfuß acht Stadien weit pro Tag getragen wurde (acht Stadien nennen die antiquitates). Auf diese Weise seien die insgesamt 200 Stadien aus dem bellum in 25 Tagen bewältigt worden. Eedle: Steps, 90f. folgt Martin darin und setzt für den Leichenzug 25-30 Tage an. Mahieu: Rome, 294f. geht genauso wie Martin von einem 25tägigen Begräbnismarsch aus. Dieses Verständnis von den beiden unterschiedlichen Entfernungsangaben in den Werken des Iosephus (200 versus 8 Stadien) ist sehr viel älter (siehe Johnson: Eight Stades, 97 mit Anm. 12 und Mahieu: Rome, 294, Anm. 20), aber wohl kaum gerechtfertigt (siehe Johnson: Eigth Stades, 96-99). Martin versucht diese These noch mit dem Beispiel des langwierigen Trauerzugs des verstorbenen Augustus zu stützen (siehe Suet.: Aug. 100). Ich berücksichtige diese These von einem 25tägigen Begräbnismarsch bei meiner Rechnung nicht. Generell bleiben Martins Überlegungen zu Trauerzeit und Trauerzug im Fall des Herodes bloße Annahmen. Aber ich gebe Martin voll und ganz darin recht, dass man sich die Vorbereitungen zum Begräbnis, den Begräbnismarsch und das Begräbnis selbst nicht als „fly-by-night affair“ vorzustellen hat. Meine knapp bemessene Mindestdauer ist ganz klar nicht die wahrscheinliche Dauer des Ganzen.
507 Mischna, Trakt. Mo’ed katan 3, 5 knüpft den Beginn der Trauerzeit ausdrücklich an den Tag der Beerdigung (Vielleicht legt dasselbe auch Judit 16, 23-24 nahe: „Sie starb in Betulia und man bestattete sie in der Grabhöhle ihres Gatten Manasse. Das Haus Israel betrauerte sie sieben Tage lang“). Ich halte die gegenteilige Meinung in Lewin: Fasti, 126, die Trauerwoche habe unabhängig vom Begräbnis-Termin mit dem ersten Tag nach dem Tode begonnen, deshalb für unbegründet. Gegen den gleichen Fehler bei Ernest L. Martin (der Großteil der Trauerzeit sei vor dem Begräbnis des Herodes verstrichen) wendet sich auch Johnson: Eight Stades, 99.
508 Das Trauergewand der Juden jener Zeit wurde die ganze Trauerwoche hindurch ungewaschen und eingerissen getragen und war, wie es Ios.: bell. IV 4, 3 (260) u. ant. 7, 7, 4 (154-158) nahelegen, vermutlich in der Regel schwarz. Zum Schwarz vgl. ferner auch Babylon. Talmud, Trakt. Joma 39b u. Trakt. Schabbat 114a (vgl. bezüglich schwarzer Trauerkleidung bei den Römern z. B. Cass. Dio: hist. 55, 8, 5 u. ferner 54, 35, 5).
509 Ios.: bell. II 1, 1 (2).
510 Dieses Verständnis wird zusätzlich unterstützt durch Ios.: bell. II 6, 2 (88) u. ant. 17, 11, 2 (311), wo die jüdische Delegation vor dem Caesar von sich bzw. von den Juden sagt: „Ja, sie hätten sogar dem Archelaus zuliebe dessen Vater öffentlich betrauert“.
511 Ios.: bell. II 1, 2 (5).
512 Ios.: ant. 17, 9, 2 (212).
513 Ios.: ant. 17, 9, 2 (211).
514 Zu Initiatoren und ersten Mitläufern bei dieser Trauerfeier muss folgendes bedacht werden: Jene beiden Lehrmeister (sofistai.), die im Adler am Tempel ein Verstoß gegen das Gesetz erblickten und von Herodes verurteilt wurden, sind sicherlich pharisäische Schriftgelehrte gewesen, vielleicht gar aus der strengen Schule des Rabbi Schammai (vgl. Graetz: Geschichte III/1, 234f.; siehe überhaupt zu den beiden unter Herodes wirkungsvollen Schulen, der des Hillel und der des Schammai, die gut lesbare Beschreibung in Graetz: Geschichte III/1, 205-212; zum Adlersymbol siehe unten S. …, Anm. … [Kap. IV, Ergebnis]). Ios.: bell. I 33, 2 (648f.) charakterisiert die beiden folgendermaßen: „Es waren zwei Gelehrte in der Stadt, die als sehr genaue Kenner der väterlichen Gesetze galten und darum beim ganzen Volk in außerordentlich hohem Ansehen standen, Judas, der Sohn des Seppheraios, und der andere Matthias, Sohn des Margalos. Zu ihrer Gesetzeserklärung strömten nicht wenige herbei, und sie sammelten Tag für Tag ein Heerlager von jungen Männern um sich“. Ihre Freunde nun werden in den Angehörigen und Sympathisanten jener Schule und überhaupt im Jerusalemer Pharisäertum zu finden sein. Wenn man sich dazu vergegenwärtigt, dass die Lehrvorträge der Jerusalemer Gesetzeslehrer mit einiger Wahrscheinlichkeit am Tempel, „in den Säulenhallen oder sonst einem Raume des äusseren Vorhofes“ (Schürer: Geschichte I, 266), stattgefunden haben, war auch die Trauerfeier an jenem Orte ganz natürlich. Da die pharisäischen Gesetzeslehrer zum Teil große Volkstümlichkeit und die Gunst der Massen erlangten (siehe z. B. Babylon. Talmud, Trakt. Joma 71b und Band I/1, S. 187 mit Anm. 860; vgl. Beckwith: Calendar, 171f. u. 186), ist der Anschluss von weiteren Bürgern an ihre Trauerfeier verständlich, zumal sich die ganze Sache schnell zum Politikum entwickelte. Auch der Nahum-Kommentar aus Qumran bezeugt – falls mit jenen, „die nach glatten Dingen suchen“, die Pharisäer gemeint sind – in 4QpNah 3, 5-8 den Einfluss der Pharisäer auf das Volk und das offizielle Judentum.
515 Siehe Ios.: ant. 17, 9, 3 (213f.) u. bell. II 1, 3 (10).
516 Denn dass zu den Aufrührern am Schluss nicht mehr nur noch Jerusalemer zählten, sondern auch Festbesucher von auswärts, geht deutlich aus Ios.: ant. 17, 9, 5 (237) hervor.
517 Siehe Band I/1, S. 175-177.
518 Man lese z. B. Wieseler: Beiträge, 166f., Anm. 1: „An demselben Tage, an welchem die siebentägige Trauerzeit um den Vater ablief, begab sich Archelaus in den Tempel und stellte sich dem Volke dar (Ant. 17, 9. 3). Noch am Abend desselben Tages, wie Bell. jud. 2, 1 am deutlichsten gesagt ist, hatte das Gemetzel des von den Anhängern Matthias aufgewiegelten Volkes Statt, und damals hatte schon die Festzeit begonnen (Ant. 17, 9. 3); evnsta,shj [Aorist] kata. to,nde to.n kairo.n e`orth/j, d. h. nicht ‚da bevorstand, cum instaret‘, sondern ‚da um diese Zeit ein Fest eingefallen war‘, also gefeiert wurde“.
519 Siehe Ios.: ant. 17, 9, 3 (214).
520 In der Anklagerede gegen Archelaos vor Augustus wird in Ios.: bell. II 2, 5 (27f.) und ant. 17, 9, 5 (232) noch einiges aufgezählt, was Archelaos in jenen Tagen zu Judäa geregelt haben soll. Zwar mag er die Entlassung einiger Militäroberer, die Beförderungen anderer usw. noch in der Trauerwoche für seinen Vater angeordnet haben können, die Entscheidung von Streitigkeiten (also vermutlich Gerichtssitzungen), ferner die Zusage, bestimmte öffentliche Forderungen des Volkes erfüllen zu wollen, und die Gewährung der Amnestie für mehrere Gefangene aber müssen in die Zeit nach seinem Eintritt in die Öffentlichkeit gefallen sein. Wir gewinnen damit also einen Anhaltspunkt, dass Archelaos in Jerusalem einige Zeit verwaltungsmäßig und politisch wirkte, ehe er zu Beginn des Festes das Blutbad anrichtete und sich nach Caesarea am Meer begab. Auch das verträgt sich gut mit einer mehrtägigen Gegentrauerfeier. Völlig richtig hat übrigens Benson: Chronology, 37-39 erkannt, dass zwischen dem Ende der Trauerfeier für Herodes und dem Passa mehrere Tage gelegen haben müssen. Kushnir-Stein: Another Look, 79f. gelangt sogar zu „no less than two weeks“ für die Zeit zwischen dem Ende der Trauerwoche und dem Passafest.
521 Siehe zu regelmäßigen, aber freiwilligen Fasttagen Band I/1, S. 201 mit Anm. 970 und Babylon. Talmud, Trakt. Taanit 12a.
522 Man könnte aus dem Erbetteln der Nahrung zweierlei schließen: Entweder war es für die Trauernden nicht ohne weiteres möglich, persönlich etwas von außen zu holen, weil sich die Soldaten des Archelaos schon in Belagerungsstellung befunden haben, oder aber die Trauernden wollten sich gar nicht vom Fleck wegbewegen; denn bei der traditionellen jüdischen Trauerfeier bewegten sich die hinterbliebenen Angehörigen üblicherweise nicht aus dem Haus, während Trauer-Besucher neben Trost auch Essen mitbrachten. Die Trauerdemonstration der Pharisäer um die beiden Rabbis hat ohne Frage noch weitere Züge der volkstümlichen Trauer an sich getragen, denn erstens werden die Pharisäer keine andere Form der Trauer gekannt bzw. für gut befunden haben, und zweitens schließlich wurde die Trauer von dem in die Heilige Stadt strömenden Volke als solche sogleich erkannt und unterstützt (Es könnte z. B. sein, dass die Trauernden auf dem Tempelberg links herum gingen, um ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen, während sonst alle rechts herum gingen; siehe dazu Mischna, Trakt. Middot 2, 2: „Alle, die den Tempelberg betraten, betraten ihn auf dem rechten Weg, gingen herum und verließen [ihn] auf dem linken Weg, außer wem etwas zugestoßen war, denn der ging links herum. ‚Warum gehst du links herum?‘ ‚Weil ich trauere!’“). Aus der Trauerfeier erwuchs schnell eine gewaltige religiöse (meinetwegen auch religiös-politische) Demonstration der Volksansicht. Dazu muss man sich folgendes vor Augen führen: Unmittelbar nach der Verbrennung der Rabbis und ihrer Schüler mögen die betroffenen Familien im Stillen und insgeheim die traditionelle Zeit der Trauer gehalten haben (oder, weil die feierliche Bestattung bisher ausgeblieben war, auch nicht). Die Mischna, Traktat Sanhedrin 6, 6, sagt zu den Verwandten von offiziell Hingerichteten: „Sie hielten keine [öffentliche] Trauer, sondern trugen nur ihr Leid, denn das Leid trägt man nur im Herzen“. Solange der grausame Henker Herodes noch lebte, konnte öffentlich keine Würdigung der Hingerichteten stattfinden. Doch bald hauchte Herodes selbst seinen Geist aus und es wurde im ganzen Lande eine Trauerwoche für den verstorbenen König angeordnet. In dieser Trauerwoche musste sich Archelaos, wie oben gesagt, nicht über Störungen ärgern. Entweder verbat es den Pharisäern Anstand und Pietät oder die Furcht, jene Woche durch eine öffentliche Konkurrenzveranstaltung erheblich zu stören; oder sie prognostizierten, eine Trauerfeier für ihre Lehrer, die, weil die herodianische Dynastie ungebrochen weiter herrschte, eben nicht im ganzen Lande öffentlich verkündet werden konnte, nach Abschluss der königlichen Trauerwoche um einiges angebrachter und würdevoller sei, weil sie dem bald zum Passafest kommenden Volk aus ganz Israel kund würde. Hätte aber der 14./15. Nisan schon unmittelbar bevorgestanden, wie Lewin und Wieseler meinen, so hätte man die Trauerwoche für den König gewiss nicht untätig dahin streichen lassen. Denn klar ist, dass spätestens das feierliche Passamahl die pharisäische Trauerfeier nicht nur wie ein Wochensabbat unterbrochen haben würde, sondern ganz aufgehoben hätte (siehe Mischna, Traktat Mo’ed katan 3, 5; vgl. Johnson: Eight Stades, 99 und Mahieu: Rome, 295) und folglich der religiöse und politische Protest womöglich schnell verhallt wäre. Das konnte nicht im Sinne der trauernden Pharisäer sein. Sondern sie werden die Trauer um die Rabbis mindestens eine Woche vor dem Anbruch des Festes organisiert haben.
523 Ios.: ant. 17, 9, 3 (216). Dass Iosephus hierbei das Schlachten der Passalämmer und nicht etwa private Opfer der Pilger im Vorfeld des Festes im Sinn gehabt hat, ergibt sich m. E. eindeutig aus Ios.: bell. II 6, 3 (89) sowie ant. 17, 9, 5 (230 u. 237) u. 17, 9, 6 (241). Das Passa wird auch sonst bei Iosephus h`´ qusi,a genannt (siehe Jeremias: Jerusalem, 90).
524 Zur genauen Tageszeit siehe Band I/1, S. 177-180.
525 Siehe Band I/1, S. 174 u. 176 mit Anm. 766.
526 Kushnir-Stein: Another Look, 75.
527 Benson: Chronology, 35-40 ist durch seine Rechnung ebenso zu mindestens 15 Tagen gelangt, die zwischen Tod und Passa verflossen sein müssen. Paulus: Kommentar I, 139f. schätzt ähnlich, allerdings ohne die Sache genauer untersucht zu haben, der Tod müsse etwa 14 Tage vor dem Passa eingetreten sein. Im seinem Handbuch I/1, 256 meint Paulus: „Herodes muß weni[g]stens zehn bis vierzehn Tage vor dem Pascha gestorben seyn“, bzw. „etwa vierzehn Tage vor dem Pascha“. Und auch Rieß: Nochmals Geburtsjahr, 39 sagt, da er sich ebd. zur Mindestanzahl der Tage äußert: „Also liegen wenigstens 2 Wochen zwischen dem Tode des Herodes und dem Passah“.
528 Siehe dazu oben S. 148f., Anm. 506.
529 Mahieu: Rome, 296.
530 Mischna, Trakt. Mo’ed katan 3, 5.
531 Kokkinos: Dynasty, 372.
532 Zu nennen sind z. B. Münter, Clinton, Wieseler, v. Gumpach, Lewin, Sevin, Schegg, Zeitlin, v. Scharberg, Hoehner, Van Bruggen, D. Johnson u. a.
533 Vor allem eben hat Florian Rieß derart argumentiert. Edwards: Chronologie, 32f. hat Rieß‘ Argumentation in diesem Punkte eins zu eins übernommen. Unabhängig von Rieß, weil früher, argumentierten derart z. B. Benson: Chronology, 31-44; Cuninghame: Fullness, 88ff.; Seyffarth: Chronologia sacra, 81f. („[…] und diess Alles wäre, wenn man die Mondfinsterniss vom 12. März festhalten wollte, binnen wenigen Tagen ausgeführt worden; was absolut unmöglich ist“) und Quandt: Zeitordnung, 9ff. („Sodann genügen die etwa 18 Tage zwischen Finsterniß und Tod und die etwa 11 zwischen Tod und Passah nicht für das aus ihnen berichtete“). Neuere Autoren, welche die Ereignisdichte zwischen MF und Passa energisch gegen das Jahr 4 v. Chr. als Todesjahr ins Feld führten, sind Filmer, vor allem aber dann Martin: Nativity, 88; ders.: Star, chapter 8 („Astronomy and the Death of King Herod“) („The truth is, however, it is completely illogical to squeeze the events mentioned by Josephus into that short period of time. By selecting the wrong eclipse, modern scholars have been forced to tighten considerably the historical events into an abnormally compressed space of only twenty-nine days.“), außerdem Kushnir-Stein: Another Look, 75ff. und Steinmann: Herod, 13ff. Vgl. z. B. auch Papke: Zeichen, 95 („Dies alles hätte demnach in weniger als vier Wochen geschehen müssen, was völlig ausgeschlossen ist“). Siehe bei den älteren aber z. B. auch noch Paulus: Kommentar, 150 oder Glöckler: Evangelien, 40f.; die beiden zuletzt Genannten haben allerdings auch gemeinsam mit Münter: Stern, 72f. das Passa 4 v. Chr. fälschlicherweise auf den 2. anstatt auf den 11. April gelegt und somit nur knapp drei anstatt vier Wochen Abstand zur Mondfinsternis am vorangegangenen 13. März erhalten. In dem 30 Jahre nach seinem Kommentar erschienenen „Exegetischen Handbuch“ wehrt sich Heinrich E. G. Paulus, der mittlerweile den 2. auf den 11./12. April korrigiert hat (allerdings nicht auf S. 267), aber immer noch ausdrücklich gegen das Zusammendrängen all jener Ereignisse in einen Monat (siehe Paulus: Handbuch I/1, 256 u. 259). Siehe auch die Meinung in Kellner: Jesus, 59-66 gegen eine so kurze Dauer. Siehe auch Mahieu: Rome, 238: „Further, the eclipse occurred 29 days before Passover (11 April), which period is too brief for all the events mentioned between the eclipse and Passover […] Since Antipater died four days before Herod […] and the mourning lasted for six days […], of the 29 days, only 19 remain for all the other events“. Natürlich gibt es auch Anhänger des Todesjahres 4 v. Chr., welche es wie Kokkinos ablehnen, die Ereignisse in einem Monate unterzubringen (und folglich die MF im Sept. 5 v. Chr. favorisieren): Van Bebber: Chronologie, 101: „Allein wie Fl. Riess und schon andere vor ihm eingewandt haben, ist es völlig unmöglich, in diesem Zeitraume alle Ereignisse unterzubringen, welche nach Josephus von jener Finsternis an bis zum folgenden Osterfeste sich zutrugen“.
534 Besonders Greswell: Dissertations I, 303ff. argumentierte sinnvoll gegen solch eine Zusammendrängung der Ereignisse. Vgl. außerdem die Einschätzung in Filmer: Chronology: „[…] and although it is conceivable that all these events could have taken place in a month, it is nevertheless much more likely that two or three months elapsed between the eclipse and the Passover“. Der erste, der ernste Bedenken aussprach gegen die Annahme, all die Ereignisse würden sich in einem Monate unterbringen lassen, war Sethus Calvisius. In einem Brief an Kepler (das entsprechende Zitat findet man bei Paulus: Handbuch I/1, 257f., Anm.*) – womit wohl Calvisius‘ Schrift De vero nativitatis anno. Epistola ad Joh. Keplerum von 1613 gemeint sein dürfte – zählt Calvisius alles auf, was Iosephus zwischen die Mondfinsternis und das Passa setzt, um den Empfänger schließlich zu fragen: Quis hic vere affirmare poterit, haec unius mensis spatio fieri potuisse? Wenngleich gemäß meines Ergebnisses die völlige Ablehnung der Möglichkeit des einen Monats nicht zu rechtfertigen ist, so ist eine solche, aufgrund der Ereignisdichte gemachte, freundliche Anfrage wie die des Calvisius dennoch vollkommen berechtigt. Und ein Zweifel, ob denn tatsächlich ein Monat genüge, um all die Ereignisse darin unterzubringen, wie ihn z. B. Ideler: Handbuch II, 392 äußert, ist vollkommen angemessen, ebenso etwa die gewisse Verlegenheit in Gumpach: Kalender, 263 („Dazu kömmt, dass […] das Intervall vom Tebeth bis zum Nisan für seine [Iosephus‘] Erzählung Alterth. 17, 6, 5 – 8, 1 […] einen freieren und angemesseneren Spielraum gewähren, als die noch nicht vollen drei Wochen vom 13ten Adar bis höchstens zum 3ten Nisan, welche jene Ereignisse allerdings etwas einzuzwängen scheinen“) oder in Münter: Stern, 72 („Es ist wahr, die Begebenheiten häufen sich in diesen Tagen“; wie allerdings oben gesagt, rechnete Münter auch nur mit drei statt vier Wochen). Schwartz: Studies, 158 war ebenso der Ansicht: „one month seems too short“ (Das dürfte der wesentliche Grund dafür gewesen sein, dass Schwartz, wie oben bereits mitgeteilt, die Mondfinsternis von der Hinrichtung der Rabbis und ihrer Schüler inhaltlich und zeitlich abkoppelte). Auch Kushnir-Stein: Another Look, 73-86 bewog vor allem die Ereignisdichte dazu, den Tod erst vor das Passa 3 v. Chr. anstatt vor das des Jahres 4 v. Chr. zu setzen. Und wenn ich das richtig verstehe, bewog den Sanclemente letztlich die hohe Ereignisdichte bei Iosephus zwischen Finsternis und Passa, zwar nicht den Tod irgendwo vors Passa 3 v. Chr. zu schieben, dafür aber die Mondfinsternis fallen zu lassen (siehe Sanclemente: De vulgaris aerae emendatione, 390-391). Vossius: Dissertatio […] de Christi anno natali, 33 schrieb: Sed non si ex siderum doctrina scitur, tum eclipsin fuisse; inde consequitur, eam visam in Iudaea; ac proinde esse eam ipsam, de qua loquitur Iosephus […] Nam quantillum spatit erat inter XIII Martii, et Pascha! At quae inter crematos Rabbinos, et Paschatis festum, contigisse à Iosepho narrantur; tam multa, variáque sunt, ut ad ea non paucularum hebdomadum, sed multorum mensium tempus requiratur. Quod cuivis Iosephum legenti apertissimum erit. Es mag sein, dass sich Vossius zu sicher dabei ist, dass die Begebenheiten „nicht wenige Wochen, sondern mehrere Monate“ in Anspruch genommen haben müssen. Aber jene Anfrage an die konventionelle Datierung entweder ganz zu ignorieren (wie etwa Wieseler oder Schürer) oder einfach als gehaltlos abzutun (wie etwa Sevin: Chronologie, 68f.), erscheint mir noch unangemessener. Zu guter Letzt darf der pragmatische Umgang mit dem Ereignisdichte-Problem bei dem älteren Gervasius Bulffer (1771), der der konventionellen Datierung folgte, zum Schmunzeln anregen: „[…] und das einzige Bad, wie auch andere Arzneymittel, die er [Herodes] gebraucht, und die Tödtung seines Sohns Antipaters haben keine so lange Zeit gebraucht, als man vorgiebt. Zu dem ist auch an der Zeit seines Tods wenig gelegen, wenn wir nur wissen, daß Christus unter ihm gebohren worden“ (Bulffer: Chronologia sacra, 214).
535 Rösch: Geburtsjahr, 48.
536 Finegan: Handbook (1998), 300.
537 Mir ist diese Ansicht lediglich ein einziges Mal begegnet: Laut Ideler: Handbuch II, 392f. und Schwartz: Studies, 160, Anm. 9 vertrat dieselbe nämlich Fréret, N.: Eclaircissement sur l’année et le temps précis de la mort d’Hérode le Grand, in: Mémoires de l’Acad. des Inscriptions, Bd. 21, 1754, S. 287f., der für 4 v. Chr. die Einschaltung eines 13. Monats annimmt, sodass sich das Passa eben bis zum 10. Mai verzögert habe.
538 Schwartz: Studies, 158. Vgl. Mahieu: Rome, 236: „The seven months between mid-September 5 BC and the subsequent Passover of 4 BC constitute too long a period for the number of events mentioned between the eclipse and Passover […]“.
539 Siehe oben S. 153.
540 Gemäß Ios.: ant. 17, 5, 8 (145) gingen „Gesandte mit Klageschriften zum Cäsar“ ab, um von diesem die Erlaubnis zur Hinrichtung des Antipatros zu bekommen und bei ihm zugleich eine gewisse Akme zu verklagen (Diese war eine in den Plan zum Mord an Herodes verwickelte jüdische Dienerin der Kaisergattin Iulia). Dann heißt es in ant. 17, 6, 1 (146): „Während die Gesandten, mit den nötigen Anweisungen versehen, zur Überbringung der Briefe nach Rom eilten, fiel der König in eine Krankheit“. Das war eben jene Krankheit, welche die beiden Gesetzeslehrer dazu bewog, den Adler am Tempel herunterschlagen zu lassen. Folglich eilten die Gesandten des Herodes erst kürzere Zeit vor der Mondfinsternis Richtung Rom.
541 Siehe Ios.: bell. I 33, 7 (661f.) u. ant. 17, 7, 1 (182f.).
542 Martin: Star, chapter 9 („The Lunar Eclipse of Josephus“) sagt: „The couriers would have taken no longer than three months to go to Rome and return“; und er fügt für den von ihm angenommenen Fall hinzu: „The messengers sent by Herod to Rome at the end of Antipater’s trial in the previous autumn would have arrived back in Palestine (to Herod in Jericho) in 2 or 2 ½ months, which is very reasonable“. Greswell: Dissertations I, 305-309 geht für den Sommer von anderthalb Monaten Mindestdauer für den Informationsaustausch zwischen Judäa und Rom und Rom und Judäa aus, für den Winter von drei Monaten Mindestdauer. Er meint allerdings, dass, realistisch gesehen, Herodes nach der Absendung seiner Boten ca. fünf Monate zu warten hatte, ehe er die Antwort des Kaisers erhielt. Greswell führt durchaus Quellen zu vergleichbaren Fällen an.
Man kann zur Geschwindigkeit von Schiffsreisen und Nachrichtenübermittlungen im Römischen Reich der frühen Kaiserzeit folgendes sagen: Im März/April 37 n. Chr. dauerte eine Eilnachricht höchster Priorität von Rom nach Jerusalem zum syrischen Statthalter Vitellius vier bis fünf Wochen (siehe Band I/1, S. 86f.). Im Winter 40/41 n. Chr. dauerte die eine kaiserliche Nachricht von Rom nach Antiochia wegen Wetter-Widrigkeiten bei der Überfahrt sogar drei Monate, während die andere kaiserliche Nachricht zur selben Zeit wegen „guter Fahrt“ nur ca. zwei Monate brauchte (siehe Band I/1, S. 87, Anm. 348 u. S. 136). Das alles lehrt uns: Für den Sommer sollte man mindestens drei Wochen für die Strecke Rom–Syrien rechnen (vgl. unten S. …, Anm. … [Kap. III. 2. 5. „Die Flucht“, Stichwort „20-25 Tage“] die Dauer der Nachrichtenübermittlung von Rom nach Alexandria). Für das Frühjahr (um den März herum) sollte man mindestens einen bis anderthalb Monate für eine Strecke rechnen, für den Winter (um Dezember/Januar herum) mindestens zwei Monate. Die Überfahrt kann zu jeder Jahreszeit, vor allem aber im Winter, auch erheblich länger gedauert haben – siehe Kolbe: Transport, 318f.
543 Vgl. auch Van Bruggen: Year, 7f.: „Schematically, the events can be arranged in three series:
a) Departure of the messengers to Rome.
b) Herod’s illness. Revolt. The death of Matthias and his followers. Lunar eclipse.
c) Return of the messengers. A week later Herod died. Still a week later, Archelaus addresses the people. Then the passover feast is near.
The journey of the messengers to Rome cannot have taken more than a number of months. The time between a) and c) can hardly have been more than half a year. Since the burning of Matthias and his followers took place he course of this period, there is less than half a year between the eclipse and the passover feast. This means that the eclipse of September 15, 5 a.n. is too far removed from the next passover feast“.
544 Siehe Gumpach: Kalender, 236-238. Ich habe das bereits oben S. 42 etwas ausführlicher angemerkt. Ganz gleicher Meinung wie Gumpach ist in diesem Punkte Van Bruggen: Year, 8.
545 Lewin: Fasti, 127.
546 Kokkinos: Dynasty, 373.
547 Mahieu: Rome, 238f. Vgl. auch wieder Van Bruggen: Year, 8: „From the fact that the people still mourn for Matthias and his follow-martyrs towards the passover feast, and press for revenge for their execution, it appears that their death is still fresh in the minds of the people“.
548 Greswell: Dissertaions I, 313.
549 Martin: Star, chapter 8 („Astronomy and the Death of Kind Herod“).
550 Das sieht Neidhart: Zeit, 31, Anm. 154 ebenso, da er das Argument, welches andere oben bereits Zitierte gegen die Zusammengehörigkeit von der Finsternis im März 4 und einem Tod im Frühling 3 v. Chr. vorbringen, auf die Finsternis im Sept. 5 v. Chr. und einen Tod im Frühling 4 v. Chr. anwendet: „Vor der partiellen Finsternis vom 12./13. März 4 v. Chr. hatte es in Jerusalem bereits in der Nacht vom 15./16. September 5 v. Chr. eine totale Mondfinsternis gegeben (am 15. September, Totalitätsphase von 21:22 Uhr bis 23:01 Uhr), welche Barnes für die Herodes-Finsternis hält, der damit […] einen Tod des Herodes im Dezember 5 v Chr. verbinden will. Aber diese kann kaum gemeint sein, weil ein gewisser Matthias, den Herodes in der Mondfinsternis-Nacht hatte hinrichten lassen […], erst nach dem Tod des Herodes kurz vor dem Passahfest 4 v. Chr. feierlich bestattet wurde (Jüd. Alt. 17.9,1). Wäre die Finsternis vom September 5 v. Chr. gemeint, müsste Matthias ein halbes Jahr unbestattet geblieben sein, was kaum glaubhaft ist“.
551 Ich habe Wurm: Beiträge, 32 oben schon einmal zitiert: „Wer unbefangen diese Nachrichten bei Josephus im Zusammenhange liest, kann wohl nicht anders urteilen, als daß die Mondfinsterniß […] nur etwa einige Monathe dem Tode des Herodes vorangegangen seyn mag“. Außerdem schätzte 1800 der in diesem Punkte ganz unabhängige und unverdächtige Paulus – unabhängig deshalb, weil er sich in seinem „Kommentar“ noch recht wenig aus der Mondfinsternis machte und ja auch das Passa 4 v. Chr. noch auf ein falsches Tagesdatum setzte – die Sache ebenso ein wie ich: Ihm wäre eine Mondfinsternis Ende Januar und ein Tod 14 Tage vor Passa (also eine Zeitspanne von mindestens zwei Monaten für die von Iosephus berichteten Ereignisse) am liebsten (siehe Paulus: Kommentar I, 140f. u.150; vgl. übrigens auch A. Bengel bei Wurm: Beiträge, 32, der ebenso wie Paulus eine Mondfinsternis im Januar 3 v. Chr. begrüßt hätte). Ähnlich, allerdings schon mit der Absicht das Jahr 1 v. Chr. als Todesjahr zu stützen, sagt Cuninghame: Fulness, 90: „It is plain as noon-day that all these things require and suppose an interval of at least two or three month“.
552 Zu der von der Jahreszeit abhängigen Reisedauer der Schiffe zwischen Italien und der Levante siehe oben die Anm. 542.
553 Siehe zu diesen, auch den folgenden durchschnittlichen Monatstemperaturen Zwickel: Einführung, 81. Vgl. auch Keel/Küchler/Uehlinger: Orte und Landschaften I, 41, wo die Durchschnittstemperaturen für Jerusalem jeweils um 1°-2° höher angegeben werden.
554 Strobel/Wimmer: Kallirrhoë, 66.
555 Für die Finsternis im Sept. 5 v. Chr. siehe Strobel/Wimmer: Kallirrhoë, 66: „Da Herodes die Mondfinsternis am Versöhnungsfest ohne Frage in Jerusalem beobachtet und reflektiert hat […]“. Trotzdem scheint sich Strobel, der die Finsternis im Sept. 5 v. Chr. als die von Iosephus erwähnte favorisiert, nicht daran zu stören, dass Herodes sich laut Ios.: ant. 17, 6, 3f. (160ff.) schon in Jericho befunden hat, als die Mondfinsternis stattfand (siehe aber zu dieser Problematik Kushnir-Stein: Another Look, 83).
556 Maier: Date, 118. Ihm pflichtet Kushnir-Stein: Another Look, 83 bei: „The area of Jericho is extremely hot in summer and in September the heat is at its peak. The palace in Jericho was built as a winter residence so that it is extremely unlikely that Herod would have stayed there in September on a permanent basis, especially if he was ill. The idea that the king might have moved there from Jerusalem just for the purpose of giving the judgement seems even less attractive. For a man so sick as to inspire rumours of his own death such a journey would have been racking at any season; it seems even less likely that it would have been undertaken in the September heat. The possibility of the judgement in Jericho as early as around September 15/6, 5 BC thus looks fairly remote“. Vgl. auch Martin: Star, chapter 9 („The Lunar Eclipse of Josephus“): „Herod was in Jericho when the eclipse near his death occurred. The city is a furnace in late summer. It is situated just over 800 feet (c. 240 meters) below sea level and its mid-September temperatures are very high. Why would Herod, who was uncomfortably ill at the time, subject himself to such oppressive conditions in the Jordan Valley when the pleasant environment of Jerusalem was, so near? It might be added, however, that if the eclipse were in the depth of winter, one could easily understand Herod’s wish to be in Jericho. This point alone renders the September 15th eclipse as improbable for consideration“. Vgl. ebenso Mahieu: Rome, 236: „The area of Jericho is extremely hot in summer, and the heat reaches its peak in September. For this reason it is improbable that Herod sojourned there in September 5 BC, at which time the relevant eclipse occurred“.
557 Ios.: bell. I 33, 5 (657); vgl. ant. 17, 6, 5 (170).
558 Siehe oben S. 139, Anm. 487.
559 Siehe z. B. Babylon. Talmud, Trakt. Taanit 5a u. 6a: „Der Frühregen im Marcheschwan [ca. November] und der Spätregen im Nisan [ca. April]“. Damit sind die regelmäßigen Grenzen der Regenzeit angegeben. Siehe insgesamt zur Regenzeit Keel/Küchler/Uehlinger: Orte und Landschaften I, 41ff.
560 Ios.: bell. IV 7, 5 (433f.). Die Herausgeber und Übersetzer O. Michel und O. Bauernfeind merken dazu an (S. 224, Anm. 115): „Im Frühjahr schwillt der Fluß so stark an, daß er in der Nähe von Jericho 50 m breit und bis zu 6 m tief sein kann und damit zu einer meist schwer und oft gar nicht zu überschreitenden Grenze wird“.
561 Siehe zu dieser jahreszeitlichen Einordnung Ios.: bell. IV 7, 3 (413).
562 Vgl. z. B. auch Keel/Küchler: Orte und Landschaften II, 490: „Im Frühjahr bei Hochwasser waren auch die Furten nicht passierbar“.
563 Brücken scheinen zwar zu Herodes‘ Zeit noch nicht bestanden zu haben, aber die berühmte Mosaik-Karte von Madaba (6. Jh. n. Chr.) z. B. zeigt augenscheinlich eine Fähre, die entlang von quer über den Fluss gespannten Seilen lief. Dieser einfachen Konstruktion könnte man sich bereits in Herodes‘ Tagen bedient haben. Zumindest das Hindernis der Wassertiefe wäre damit aus dem Weg geräumt gewesen (Ob sich solch eine Fähre jedoch gegen eine starke Strömung halten ließ, kann ich nicht beurteilen).
564 Den Text findet man in Noam: Megillat Taanit, 342ff. oder in Zeitlin: Megillat Taanit, 68ff. Auch in meinem Band I/1, S. 193f. sind alle diese Halbfest-Tage des Megillat Taanit mit den jeweiligen Informationen, die der Grundtextes bietet, aufgelistet.
565 Siehe zum Megillat Taanit Noam: Megillat Taanit, 342-362; Graetz: Geschichte III/2, 559ff. und Zeitlin: Megillat Taanit, 1-5 u. 65-118. Graetz: Geschichte III/2, 560 sagt: „Erst kurz vor der Tempelzerstörung wurden diese Gedenktage schriftlich aufgezeichnet […] und zwar aramäisch im Lapidarstil. An diesen Kern haben sich Zusätze, teils in der talmudischen, teils in der nachtalmudischen Zeit, als Erläuterungen zu dem fast rätselhaften Texte angesetzt. Diese Erläuterungen unterscheiden sich auch äußerlich durch ihre hebräische Fassung von den chaldäischen Aufschriften“. Auf das erste nachchristliche Jahrhundert datieren den aramäischen Grundstock der Fastenrolle auch Schürer: Geschichte I, 156f. u. 745, Zeitlin: Megillat Taanit, 3 sowie Hengel: Zeloten, 208 (vgl. ebd., 19) oder Finegan: Handbook (1998), 295. Ginzel: Handbuch II, 57 datiert ihn immerhin auf das zweite nachchristliche Jahrhundert. Noam: Megillat Taanit, 348-350 liefert die Gründe für eine Datierung in die Zeit von 41-70 n. Chr.
566 Siehe Graetz: Geschichte III/2, 561.
567 Siehe Ussher: Annales […] novi testamenti, 535 (zum Jahr 4 v. Chr.); Norisius: Cenotaphia Pisana, 149 u. ders.: Epist. ad Antonium Pagium, Sp. 654; Block: Geburtsjahr, 16f.; Kellner: Jesus, 71-73. Es ist gewiss schade, dass sich der alte aramäische Text so gar nicht weiter äußert; denn das Scholion ist sehr viel später hinzugefügt worden: Finegan: Handbook (1998), 295: „At the point of Chislev 7 a Jewish commentator, probably of the seventh century, has put in a concise notation: ‚on that day Herod died’“. Mahieu: Rome, 236 urteilt hart: „The scholion’s indication of 7 Kislev has no historical value“; und sie liefert zu diesem Urteil ebd., Anm. 7 Referenzen aus der Forschungsliteratur.
568 Siehe Barnes: Date, 209.
569 Siehe Kushnir-Stein: Another Look, 86: „It [die Datierung des Todes vor das Passa 3 v. Chr.] also allows us to accommodate the date of Kislev 7, given by the scholion on Megillat Ta’anit. The acceptance of this date would not necessarily imply that this was the real reason for the rejocing on that day, since the author of the commentary might have suggested the connection on his own. Still, even this could indicate the existence of a tradition which put Herod’s death on Kislev 7. One thing is certain. The current negative attitude to the date in Megillat Ta’anit has been due almost solely to the influence of Schürer’s theory. Since this theory proves untenable, the rejection of the indication no longer seems justifiable“.
570 Siehe Kokkinos: Dynasty, 368.
571 Siehe Caspari: Einleitung, 29; Graetz: Geschichte III/2, 573 und Zeitlin: Megillat Taanit, 100f.
Ich gebe – basierend auf meinem rekonstruierten jüdischen Kalender in Band I/1 – die zeitlichen Abstände an:
5 v. Chr. war der 7. Kislev gleich dem 7. oder 8. Dez. (oder dem 8. Nov.); das nächste Passa fiel auf den 12. April 4 v. Chr.
4 v. Chr. war der 7. Kislev gleich dem 27. Nov.; das nächste Passa fiel auf den 1. April 3 v. Chr.
Also sind es vom 7. Kislev 5 v. Chr. bis zum nächsten Passa-Rüsttag 124 oder 125 Tage (oder 154 Tage), vom 7. Kislev 4 v. Chr. bis zum nächsten Passa-Rüsttag 124 Tage. Das alles ist gewiss zu lang für die Zeit zwischen dem Tod des Herodes und der brutalen Aktion des Archelaos am 14. Nisan.
Der 7. Kislev in den Jahren 3 v. Chr. (den Kellner annahm) und 2 v. Chr. kommen nicht wirklich in Frage, da ihm jeweils keine Mondfinsternis vorangegangen ist; vor allem aber trugen sich zwischen ihm und dem jeweils nachfolgenden Passa nicht weniger Tage als in den anderen Jahren. Den 7. Kislev 1 v. Chr. schließe ich als Todestag des Herodes kurzerhand aus, weil er gemäß den Ergebnissen zur „Gaius-“ und „Varus-Chronologie“ ganz einfach zu spät liegt.
572 Siehe für diese Daten meinen Band I/1, S. 255ff.
573 Siehe Caspari: Einleitung, 29f. und Graetz: Geschichte III/2, 571 u. 573. Darauf, dass vor Caspari schon Graetz (nämlich 1863 in seiner 1. Auflage) von einer Verwechslung der beiden Todestage ausging, hat bereits Rösch: Rezension zu Caspari (in: Theol. Kritiken und Studien, 1870), 365 hingewiesen. Dem Caspari folgte 1872 Quandt: Zeitordnung, 5 u. 12 (allerdings nur betreffs des Schebat-Datums, nicht bezüglich des Jahrs). Auch W. E. Filmer (wenigstens tendenziell), Ernest L. Martin, Ormond Edwards, Gérard Gertoux und Arthur Eedle folgten der Datierung des Herodes-Todes auf den 2. Schebat.
574 Die folgenden Zitate aus dem Megillat Taanit 11 werden wiedergegeben nach Schalit: Herodes, 641f., Anm. 206, welcher wiederum aus der Edition Lichtensteins (Lichtenstein, Hans: Die Fastenrolle. Eine Untersuchung zur jüdisch-hellenistischen Geschichte [= HUCA 8/9], 1931/32, 343) zitiert.
575 Caspari: Einleitung, 29f. nahm freilich den 1., nicht den 2. Schebat an, denn er übersetzte obige Stelle ebd.: „Der 1. Schebet ist doppelt ein Glückstag, als Todestag des Herodes und des Jannai“. Quandt: Zeitordnung, 12 u. Kellner: Jesus, 72 folgen Caspari darin. Berichtigt hat dieses Datum schon Casparis Rezensent Gustav Rösch in Theol. Studien und Kritiken (1870), 365.
576 Graetz: Geschichte III/2, 571.
577 Siehe zu den Daten wieder Band I/1, S. 255ff.
578 5 v. Chr. war der 2. Schebat gleich dem 12. Januar (oder unwahrscheinlicher gleich dem 10./11. Februar); die Mondfinsternis (MF) aber fand erst im März statt. Damit ist der 2. Schebat im Jahr 5 v. Chr. als Todestag ausgeschlossen. 4 v. Chr. war der 2. Schebat gleich dem 30. Januar; die eine MF im September 5 v. Chr. war bereits vorangegangen, so dass der 2. Schebat im Jahr 4 v. Chr. als Todestag theoretisch möglich ist.
1 v. Chr. war der 2. Schebat gleich dem 28. Januar; die MF war bereits am 9/10. Jan. vorangegangen.
Damit kämen die beiden Mondfinsternisse im September 5 und im Januar 1 v. Chr. theoretisch in Frage bzw. als Todesjahr die Jahre 4 und 1 v. Chr. Die Verteilung der Tage zwischen MF, 2. Schebat und 14. Nisan gestaltet sich wie folgt:
5/4 v. Chr. verflossen von der Sept.-MF bis zum 2. Schebat 137 Tage, vom 2. Schebat bis zum Passabeginn 71 Tage.
1 v. Chr. verflossen von der MF bis zum 2. Schebat 19 Tage, vom 2. Schebat bis zum Passabeginn wieder 71 Tage.
579 Caspari: Einleitung, 30.
580 Filmer: Chronology hingegen hält eine so kurze Dauer zwischen Finsternis und Tod sogar für wahrscheinlich: „But 2 Shebat […] occurred fifteen days after eclipse in 1 B.C. In view of the serious deterioration of Herod’s health which Josephus says set in immediately after the eclipse, it does not seem likely that he could have lived much longer than the fortnight that this allows“. Und auch Martin: Star, chapter 9 („The Lunar Eclipse of Josephus“) sagt: „Herod’s death on this very day would have occurred 18 days after the eclipse. All the information in Josephus about Herod’s activities between the eclipse and his death fits nicely with the chronological facts“.
581 Siehe dazu oben S. 153. Rösch: Rezension zu Caspari (in: Theol. Studien und Kritiken, 1870), 366 urteilt da freilich anders: „In 19 Tagen aber können alle von Josephus zwischen die Finsternis und den Tod des Herodes eingerückten Begebenheiten sich abgewickelt haben, und von da bis zum Passa am 8. April ist die Zeit keineswegs zu lang für die dazwischen fallenden Ereignisse“.
582 Zeitlin: Megillat Taanit, 101.
583 Siehe Bernhardt: Revolution, 528 oder Vogel: Herodes, 271, Anm. 123 mit entsprechendem Literaturverweis.
584 Schürer: Geschichte I, 417, Anm. 167; vgl. ein ähnliches Urteil bei Schalit: Herodes, 641.
585 Graetz: Geschichte III/2, 573.
586 Zeitlin: Megillat Taanit, 101.
587 Siehe Ios.: ant. 17, 6, 4 (165ff.).
588 Siehe Ios.: ant. 17, 4, 2 (78).
589 Dies ergibt sich aus der relativen Chronologie, die man aus Iosephus gewinnt: Kurz nach dem Tod des Pheroras begann Herodes, nach entsprechenden Hinweisen, die Untersuchungen gegen die Frau des Pheroras, deren Mutter und deren Schwester. Nach diversen Folterungen hatte der König genug Hinweise beisammen, um Doris, die Mutter des Antipatros, und Antipatros selbst der Ränke gegen seine Person zu verdächtigen. Seine Frau Doris verstieß Herodes hierauf; mit den Frauen des Pheroras söhnte er sich hingegen wieder aus. Dann wurde dem Verwalter des Antipatros auf den Zahn gefühlt und Herodes bekam heraus, dass Antipatros ihn habe umbringen lassen wollen. Pheroras Gattin bestätigte dies. Außerdem ergriff den König nun Mißtrauen gegen seine Frau Mariamme (II.), die von allem gewusst habe. Herodes verstieß sie. In gleichem Zuge entsetzte er auch ihren Vater, den Hohepriester Simon, Sohn des Boethos, seines Amtes und führte Matthias in dasselbe Amt ein.
Hieran lassen sich nun folgende Überlegungen knüpfen: Iosephus sagt in bell. I 31, 2 (606) (vgl. ant. 17, 4, 3), dass zwischen dem Beweisverfahren gegen Antipatros und dessen Rückkehr nach Judäa sieben Monate lagen. Diese sieben Monate können entweder verstrichen sein zwischen dem ersten Verdacht gegen Antipatros und seiner Rückkehr oder zwischen dem Abschluss des Beweisverfahrens und der Rückkehr. Ersteres ist viel wahrscheinlicher, da Antipatros überhaupt erst in Tarent brieflich vom Tode des Pheroras unterrichtet worden ist, zu einem Zeitpunkt also, als er vom Caesar aus Rom schon, wenn auch gerade erst, ehrenvoll entlassen worden war, d. h., als er schon auf der Rückreise war. (Denn angenommen Antipatros erfuhr erst drei Monate nach dem Tod des Pheroras vom selbigen – was schon reichlich spät wäre! – so hätte seine Rückreise nach Jerusalem ungefähr noch 4 ½ Monate in Anspruch genommen, wenn man davon ausgeht, dass Herodes den ersten Verdacht gegen seinen Sohn etwa zwei Wochen nach Pheroras‘ Ableben schöpfen konnte und ebendieser Zeitpunkt den Beginn der 7 Monate darstellt. 4 ½ Monate sind schon eine lange Zeit für die Reise von Tarent nach Jerusalem; sie würde sich aber noch verlängern, so man annimmt, die von Iosephus genannten 7 Monate hätten ihren Anfang später genommen als zum Zeitpunkte des ersten Verdachts gegen Antipatros). Weiter ist Matthias nun nach der Schilderung des Iosephus etwa in der Mitte dieser 7 Monate zum Hohepriester eingesetzt worden. Er hat sein Amt somit etwa 3 ½ Monate bis zur Ankunft des Antipatros bekleidet. Es folgen nunmehr nur noch die eintägige Gerichtsverhandlung, die unmittelbare Absendung der Berichte an Augustus, die endgültige gesundheitliche Verschlechterung des Königs und die hieraus resultierende Adler-Affäre. Hierauf wurde Matthias, am Tage vor der Mondfinsternis, abgesetzt. Wie viele Monate soll man nun ansetzen für die Zeit von der Gerichtsverhandlung vor Varus bis zur Mondfinsternis? Diese Frage ist freilich schwer zu beantworten. Jedenfalls aber wird man, wenn man die 3 ½ Monate zu dieser gesuchten Zeitspanne hinzuaddiert, deutlich unter einem Jahr liegen. Also hat Matthias die Hohepriesterwürde deutlich unter einem Jahr innegehabt.
Ich möchte eine ergänzende Überlegung anschließen: Unmittelbar nach der Gerichtssitzung zum Antipatros-Fall sandten sowohl Varus als auch Herodes ihre Berichte nach Rom. Dem Caesar haben sie spätestens nach einem Monat vorgelegen (Matthias nun seit etwa 4,5 Monaten im Amt). Alsbald nachgeschickt wurden von Herodes die Anklagen gegen Akme. Nach zwei Monaten aber hatte der Caesar spätestens alle diese Unterlagen vorliegen (Matthias nun seit etwa 5,5 Monaten im Amt). Nun gebe ich Augustus einen Monat Zeit, um sich in dieser Sache zu beraten, eine Entscheidung zu treffen und die Antwort samt kaiserlichem Urteil abzusenden (Matthias nun seit etwa 6,5 Monaten im Amt). Höchstens ein Monat vergeht, da hat Herodes dieses Urteil auf dem Schreibtisch liegen – also spätestens vier Monate nach der Gerichtsverhandlung (Matthias nun etwa 7,5 Monate im Amt). Selbst wenn man hiervon nur die eine Woche abzieht, die Herodes mindestens in Kallirrhoë (einschließlich Hin- und Rückreise) verbracht hat, um zum Tage der Mondfinsternis zu gelangen, kommt man trotzdem für die Amtszeit des Matthias nur auf 7,25 Monate, so derselbe etwa 3 ½ Monate vor der Gerichtsverhandlung ordiniert worden ist. Selbst wenn Matthias unmittelbar nach dem Tod des Pheroras Hohepriester geworden wäre, käme man nur auf eine Amtszeit von 10,75 Monaten. Erst wenn man letztere Annahme zusammen mit der Annahme, jene Herodes-Angelegenheit habe ganze 3 Monate auf dem Schreibtisch des Kaisers gelegen, gutheißt, kommt man für Matthias auf ein Jahr Amtszeit (Dazu sei allerdings angemerkt, dass sich Augustus im Jahre 5 und 4 v. Chr. zu Rom befand. Und es ist aus den Quellen nicht etwa ersichtlich, dass er durch irgendeine andere außenpolitische große Aufgabe abgelenkt gewesen wäre. Einer raschen Bearbeitung der judäischen Angelegenheit stand vermutlich nichts im Wege). Ich möchte von solchen historischen Verrenkungen gesündesten Abstand nehmen: Des Matthias Amtszeit liegt deutlich unter einem Jahr. So urteilt übrigens auch eine Herodes-Expertin unserer Tage: „Der neue Hohepriester, Matthias, Sohn des Theophilos, verlor dann sein Amt bereits wenige Monate später […]“ (Günther: Herodes der Große, 174). Und Jeremias: Jerusalem, 184, Anm. 4 setzt die Einsetzung des Matthias in die Mitte des Jahres 5 v. Chr., während er mit einer Absetzung im März 4 v. Chr. rechnet. Damit gibt auch er dem Matthias nur etwa 7,5 Monate (vgl. Schürer: Geschichte II, 168: „5-4 v. Chr.“; VanderKam: Joshua, 409-412: „5-4 BCE“, „brief term of office“).
590 Der ganz überwiegende Teil der Forschungsliteratur ist sich darin einig, dass der in Ios.: ant. 17, 6, 4 (166) genannte „Fasttag“ (h`´ nhstei,a) den Versöhnungstag bezeichnet. Ich will aber nicht verschweigen, dass vereinzelt auch andere Zuordnungen vorgenommen worden sind: Manche nehmen an, dass das „Fasten Esther“ am 13. Adar gemeint sei, welches jedoch in Wirklichkeit damals noch kein Fasttag war (siehe Band II, eine der ersten Anm. in Kap. III. 2. 7; vgl. Ideler: Lehrbuch, 220), sondern im Gegenteil ein Halbfeiertag, der Nikanor-Tag, an dem nicht gefastet werden sollte (siehe Band 1/1, S. 200). Und G. Gertoux: Herod the Great, 12 z. B. nahm an, dass der altehrwürdige Fasttag am 10. Tebeth gemeint sei. Angesichts der rabbinischen Parallelüberlieferung (die genauen Stellen finden sich in der folgenden Anm.), die jene Vertretung des Matthias durch Joseph ben Ellem am Jom Kippur erwähnt (vgl. auch Iosephus Christianus: hypomnasticon cap. 2: th.n th/j nhstei,aj ´h`me,ran), und auch angesichts der Nachricht in der Mischna, dass speziell für den Versöhnungstag ein Stellvertreter für den Hohepriester vorbereitet wurde und bereit stand (siehe dazu die folgende Anm.), halte ich es für überflüssig, das von Gertoux vorgeschlagene Szenario hier gedanklich durchzuspielen.
591 Siehe Ios.: ant. 17, 6, 4 (166). Die gleiche Überlieferung findet sich auch in Tosefta, Trakt. Joma 1, 4, sodann in Jerus. Talmud, Trakt. Joma 1,1 und Babylon. Talmud, Trakt. Joma 12b. Graetz: Geschichte III/1, 234, Anm. 133 sowie Jeremias: Jerusalem, 178, Anm. 5 und Schwartz: Studies, 164, Anm. 21 geben einige weitere Belegstellen aus der rabbinischen Literatur an, die ebenfalls über diesen Vorfall referieren. Weiter oben ist bereits erwähnt worden, dass man auf solch einen Fall am Versöhnungstag durchaus vorbereitet war: „Sieben Tage vor dem Versöhnungstage lasse man den Hochpriester sich aus seinem Hause nach der Beamtenkammer zurückziehen. Ferner halte man für ihn noch einen anderen Priester in Bereitschaft, weil er von einer Untauglichkeit betroffen werden kann“ (Mischna, Trakt. Joma 1, 1).
Zur Hohepriester-Stellvertretung lässt sich folgendes sagen: Ismael oder Simon, jedenfalls Sohn des Kamithos, wurde (am Versöhnungstag?) von seinem Bruder Jehuda/Jesebab vertreten (Babylon. Talmud, Trakt. Joma 47a spricht vom Hohepriester Ismael, während Jerus. Talmud, Trakt. Joma 1, 1 wohl korrekt vom Hohepriester Simeon ben Kamithos spricht, der auch in Ios.: ant. 18, 2, 2 (34-35) bezeugt ist; siehe dazu auch Jeremias: Jerusalem, 174 mit Anm. 3 und ebd., 184). Ähnlich scheint der erkrankte Aristobulos I. an einem Laubhüttenfest von seinem Bruder Antigonos vertreten worden zu sein (siehe Ios.: ant. 13, 11, 1). Und wieder ähnlich bestimmte Menelaos seinen Bruder Lysimachos zum Stellvertreter im Hohepriesteramt für die Zeit seiner eigenen Abwesenheit (siehe 2. Makk. 4, 29). Aufgrund der Erblichkeit des Hohepriesteramtes nehme ich an, dass in der Regel der als Amtsnachfolger prädestinierte älteste Sohn bevorzugt zur Stellvertretung herangezogen wurde, sofern er bereits ein gewisses Alter erreicht hatte (vielleicht ein Alter von 20 Jahren; siehe Jeremias: Jerusalem, 179 mit Anm. 8). Gab es einen solchen volljährigen Sohn nicht, so betraute der Hohepriester seinen Bruder oder notfalls sonst einen nahen Verwandten mit der Stellvertretung. Zumindest dürfte das bis in die Hasmonäer-Zeit so gehandhabt worden sein. Joachim Jeremias folgt der rabbinischen Überlieferung (Quellenangaben siehe bei Jeremias) und meint, der Tempeloberst bzw. „Tempelhauptmann, wie der im Range unmittelbar nach dem Hohepriester kommende Vorsteher der Priesterschaft hieß [seghan ha-kohanim]“ (ders.: Jerusalem, 114), sei planmäßiger Stellvertreter des Hohepriesters gewesen. Jeremias: Jerusalem, 183, Anm. 1 schreibt: „Einen Widerspruch dieser Angaben mit Joma I 1, wonach 7 Tage vor dem Versöhnungstag feierlich der Stellvertreter des Hohenpriesters bestimmt wurde, kann ich nicht finden (anders Sch.[ürer] II 321); die jedesmalige feierliche Nominierung schließt keineswegs aus, daß die Stellvertretung Vorrecht des Tempeloberst war“, und: „Endlich geht die Bedeutung des [Tempeloberst-]Amtes aus einer Nachricht des palästinensischen Talmuds hervor: ‚Der Hohepriester wurde nicht zum Hohenpriester ernannt, wenn er nicht zuvor Tempeloberst gewesen war‘ [Jeremias nennt als Quelle: Jerusalemer Talmud, Trakt. Joma III 41a 5]. Nun verallgemeinert diese Behauptung zwar offensichtlich […]. Trotzdem dürfte die Nachricht in vielen Fällen zutreffen; es lag nahe, den obersten der Oberpriester zum Nachfolger eines abgesetzten Hohenpriesters zu machen“ – und ich möchte ergänzen: nicht nur eines abgesetzten, sondern auch eines verstorbenen Hohepriesters. Z. B. hatte Ananos, Sohn des Hohepriesters Ananias, laut Ios.: ant. 20, 6, 2 (131) u. bell. II 12, 6 (243) das Amt des Tempelhauptmanns/Tempeloberst inne. Auch war Eleazar, ein weiterer Sohn des Hohepriesters Ananias, laut Ios.: ant. 20, 9, 3 (208) u. bell. II 17, 2 (409) zur Zeit des Ausbruchs des ersten Jüdischen Kriegs gegen die Römer Tempeloberst (Mischna, Trakt. Schekalim 5, 1f. sagt, Eleazar sei für die Tempel-Vorhänge zuständig und zugleich Schatzmeister gewesen). Dass ein als Nachfolger gehandelter Sohn oder Bruder des Hohepriesters oftmals Tempeloberst war, ist bestens vorstellbar. Er war damit Inhaber des zweithöchsten Ranges am Tempel (siehe rabbinische Quellen dazu in Jeremias: Jerusalem, 181), mit der obersten Aufsicht über den Tempeldienst betraut, war den diensttuenden Priestern offenbar weisungsbefugt (siehe Ios.: bell. II 17, 2) und befehligte eine große Schar Tempelwächter – Ios.: bell. VI 5, 3 (294): oi`´ tou/ i`´erou/ fu,lakej – wohl eine Art Tempelpolizei aus Priestern und Leviten, weshalb der Tempeloberst nicht nur in der gerade angegebenen Iosephus-Stelle, sondern auch in Apg. 4, 1 u. 5, 24ff. sowie in der Septuaginta strathgo.j (tou/ i`´erou/) genannt wird (vgl. auch Lk. 22, 52). Die Stellvertretung im Falle von Abwesenheit oder Krankheit des Hohepriesters oblag ihm. Im Hinblick auf den Versöhnungstag aber, der wegen des Gangs ins Allerheiligste eine ganz eigene Qualität aufwies, musste sich der Stellvertreter wie der Hohepriester eine Woche lang vorbereiten, reinigen und gewissermaßen absondern, um einer potentiellen Vertretung an diesem Tage überhaupt würdig zu sein. Mischna, Trakt. Joma 3, 9 u. 4, 1 sowie 7, 1 spricht von einem „Priestervorsteher“, welcher bei den Zeremonien am Jom Kippur stets zur Rechten des Hohepriesters zu finden war; und Mischna, Trakt. Tamid 7, 3 spricht von einem „Vorsteher“ zur Rechten des Hohepriesters, der diesem bei der Darbringung des täglichen Ganzopfers assistierte. In Mischna, Trakt. Sota 7, 8 reicht der Priestervorsteher dem Hohepriester am Ende des Sabbatjahres die Tora. Sicherlich ist mit diesem Priestervorsteher der Tempeloberst gemeint. Zum Tempeloberst, der Stellvertretung des Hohepriesters usw. siehe außer Jeremias: Jerusalem, 181-185. 187. 203 u. 221ff. auch Safrai/Stern: People II, 875f. Die Kriegsrolle aus Qumran 1QM 2, 1 setzt den „Hauptpriester“ und seinen „Stellvertreter“ an die Spitze der Priesterschaft. Vermutlich ist auch hier mit dem Stellvertreter der Tempeloberst gemeint. Vom letzten friedfertigen Tempeloberst bzw. Priestervorsteher aus den letzten Jahren vor der Tempelzerstörung kennen wir den Namen: Hananja/Hanina (siehe z. B. Mischna, Trakt. Edujot 2, 1-3; Trakt. Schekalim 6, 1; Trakt. Pesachim 1, 6 u. a.). Die Mischna nennt ihn Rabbi; er wird pharisäischer Schriftgelehrter aus angesehenem priesterlichen Hause gewesen sein.
592 Infrage kommen diejenigen Versöhnungstage, die vor einer unserer Mondfinsternisse liegen. Zu den julianischen Entsprechungen des jüdischen Datums siehe meinen rekonstruierten jüdischen Kalender in Band I/1.
593 Vor allem Martin: Star, chapter 9 („The Lunar Eclipse of Josephus“) hat solcher Art gegen die Mondfinsternis im September 5 v. Chr. argumentiert.
594 Siehe zu diesem Absatz insgesamt Strobel/Wimmer: Kallirrhoë, 60-79.
595 Strobel/Wimmer: Kallirrhoë, 62.
596 Strobel/Wimmer: Kallirrhoë, 65.
597 Wir sind diesem Problem oben S. 119 im Zusammenhang mit der These von Daniel R. Schwartz schon einmal begegnet.
598 Dieser angenommene Synchronismus wird z. B. in Strobel/Wimmer: Kallirrhoë, 65 ganz deutlich. Darin, dass Strobel dies alles zusammen an einem Tage geschehen lassen will, unterscheidet er sich übrigens wesentlich von Daniel R. Schwartz, der ein zeitliches Zusammenfallen von Mondfinsternis und Verbrennung der Rabbis eben nicht gelten lassen will. In der bereits mehrfach zitierten Veröffentlichung von 2003 verweist Strobel auch mit keiner Silbe auf die These von Schwartz. Es ist möglich, dass die ältere und von mir nicht eingesehene Veröffentlichung Strobel, August: Neue Zugänge zum geschichtlichen Problem des Todes des Herodes im Frühjahr 4 v. Chr., in: Jahrbuch des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes 6, 1999, 109-115 auf Schwartz‘ These in irgendeiner Form Bezug nimmt. Möglich ist aber auch, dass Strobel völlig unabhängig von Schwartz zu seiner Ansicht gelangt ist.
599 Jener Neumond, den Strobel seinem Jom-Kippur-Datum zugrunde legen muss, geschah am 1. Sept. um 20:29 Uhr Jerusalemer Ortszeit. Das Neulicht konnte gemäß Rita Gautschy am Abend des 3. September gesehen werden. Somit müsste der 3./4. September – nach Strobel! – der 1. Tischri gewesen sein. Der 10. Tischri muss aber dann der 12./13. und nicht der 15./16. September gewesen sein.
Was nun die Quelle betrifft, so widerspricht auch sie Strobels Auffassung, wenn sie das Synedrion, den Hohepriester und Herodes mit einiger Sicherheit am Tag der Mondfinsternis oder am Tag vor der Mondfinsternis in Jericho versammelt sein lässt, sie ein Todesurteil fällen und irgendwann nach Sonnenuntergang ausführen lässt. Am Jom Kippur aber ist es für den Hohen Rat wohl Pflicht gewesen, den Feierlichkeiten in Jerusalem beizuwohnen. Der vertretene Hohepriester Matthias mag meinetwegen durch seine kultische Unreinheit entschuldigt gewesen sein, die Hinrichtung der Gesetzeslehrer jedoch am Jom Kippur ist am allermeisten zu verwerfen. Es drängt sich die Vermutung auf, dass Strobel an diesem Punkte sowohl der Datumsermittlung als auch dem Iosephus zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat.
600 Siehe dazu oben S. 129f., vgl. schon S. 119.
601 Ios.: ant. 17, 6, 4 (167).
602 Siehe Schwartz: Studies, 162f. Und dazu oben S. 116/117 u. 118 (dort jeweils unter Punkt 3).
603 Für Schwartz ist das entsprechende nächtliche Ereignis freilich nicht die Hinrichtung dieser Männer, sondern das Untauglich-Werden des Hohepriester Matthias in der Nacht vor dem Versöhnungstag.
604 Die Frage, was in der Spätzeit des Zweiten Tempels an Sabbaten oder Feiertagen in Sachen Gerichthalten und Todesurteilsvollstreckung erlaubt, üblich oder möglich war, ist in der Forschung im Zusammenhang mit der Chronologie der Passion Jesu ausgiebig untersucht worden. Gemäß Billerbeck/Strack: Kommentar II, 812-827 und Jeremias: Abendmahlsworte, 72f. ergibt sich folgendes Bild: Philo Alexandrinus sagt, es sei an Sabbaten und Feiertagen verboten, anzuklagen und zu richten. Das Richt-Verbot für den Feiertag bestätigt auch der Talmud (vgl. auch Ideler: Lehrbuch, 216). Die pharisäische Lehre, die in Mischna und Talmud begegnet, hat die Abhaltung von Kriminalprozessen darüber hinaus auch an den Rüsttagen der Sabbate und an den Rüsttagen der Fest- und Feiertage verboten, und zwar aus dem Grund, weil man im Falle eines Todesurteils, dieses dann am Sabbat oder am Feiertag vollstrecken müsste (denn die Verhandlung sollte am gleichen Tag zum Abschluss kommen und ein zum Tode Verurteilter sollte am nächsten Tag hingerichtet werden, um ihn nicht durch Aufschieben der Exekution unnötig innerlich zu martern). Eine gesetzlich angeordnete Hinrichtung aber war am Sabbat oder Feiertag verboten. Die pharisäische Lehre kennt allerdings Ausnahmen. In bestimmten Fällen (darunter auch der Fall des widerspenstigen Gelehrten) wurde gemäß Dtn. 17, 13 aus Abschreckungsgründen geradezu zur öffentlichen Hinrichtung in Jerusalem am Fest geraten. Die ausführliche Darstellung dieser Sachverhalte und die Quellen siehe bei Billerbeck/Strack und Jeremias. Ob die Ansichten der Pharisäer zu diesen Angelegenheiten auch die der Sadduzäer waren, die zur Zeit des Herodes die religiöse Elite bildeten, ist natürlich fraglich. Wenigstens mussten sich die Saddzuäer regelmäßig in gottesdienstlicher Praxis nach der Lehre der Pharisäer richten, aus Rücksichtnahme auf das Volk bzw. aus Angst vor dem Volk; siehe Ios.: ant. 18, 1, 3f. (15-17); vgl. 13, 10, 5f. (288-298) u. 13, 15, 5 (401f.). Jeremias: Jerusalem, 180 formuliert: „Die sadduzäisch gesinnten Hohenpriester mußten sich daran gewöhnen, ihre Meinung im Hohenrat zurückzustellen und im Tempelkultus die Riten nach pharisäischer Überlieferung auszuführen“. Das kann durchaus auch in juristischen Angelegenheiten gegolten haben.
Bis hierhin haben wir (mögliche) Modalitäten des Sanhedrins referiert. Ob sich aber auch der alte Herodes in seinem königlichen Gericht an solche Modalitäten des Hohen Rats hielt oder sich in solchen Fragen um pharisäische oder sadduzäische Lehren und Befindlichkeiten scherte, ist natürlich sehr fraglich. Dennoch ist es absolut unvorstellbar, dass Herodes mit der Hinrichtung der beiden Gesetzeslehrer vorsätzlich und in gravierender Weise den Sabbat entheiligt haben soll. Dass die religiöse Elite an einem der großen Feste zu Jerusalem zur Abschreckung hin und wieder eine Hinrichtung vornehmen ließ, kann durchaus der Fall gewesen sein (oder auch nicht). Herodes aber hätte die beiden im Volk beliebten Gesetzeslehrer wohl kaum an einem Fest hinrichten lassen. Er hätte wohl mit Revolten rechnen müssen. Zwar wurden die beiden vom weltlichen Machthaber zu Tempelschändern erklärt, aber im Volk dürften sie als Hüter des mosaischen Gesetzes und Märtyrer (siehe dazu unten S. … [Teil IV, Ergebnis]) betrachtet worden sein.
605 Dirk Byker gibt uns einen zusätzlichen Gedankenanstoß: „Note that the destruction of the eagle was work, and work would not be tolerated on a sabbath or a day designated as one on which regular work was forbidden“ (ca. in der Mitte von Dirk Bykers Draft „Star and Sceptre“ auf https://www.academia.edu/42949045/Not_to_spec – Stand: Juli 2026). Wer die damalige Strenge des jüdischen Arbeitsverbots an Wochen- und Festsabbaten kennt – ganz besonders Handlungen mit Werkzeuge oder ähnlichem waren untersagt; siehe dazu Band I/1, S. 158f. –, kann Byker nur voll zustimmen: Falls der Adler unmittelbar am Lichttag vor der Mondfinsternis abgeschlagen wurde, dann kann auch der Tag vor der Mondfinsternis kein Sabbat und kein Festtag gewesen sein. Problem ist allerdings, dass wir die Dauer der Zeitspanne zwischen Adler-Abschlagen und Feuer-Martyrium von Iosephus nicht mitgeteilt bekommen. Die Hinrichtung und damit die Mondfinsternis kann ja ebenso gut erst 2 oder 3 Tage nach der „Tempelschändung“ stattgefunden haben.
606 In meinem rekonstruierten jüdischen Kalender für die Jahre 63 v.-72 n. Chr. am Ende von Band I/1 findet sich eine Spalte, dank der sämtliche Wochentage schnell bestimmt sind.
607 Siehe Band I/1, S. 200f.
608 Siehe zu den Kalendertagen des Purimfestes und überhaupt zum Purimfest Esther 9, 15-19 und 10, 9 sowie den Mischna-Traktat Megilla und Babylon. Talmud, Trakt. Taanit 18b, ferner Ideler: Handbuch I, 525f. und Ginzel: Handbuch II, 55. Das Purimfest habe ich in meinem Band I/1, S. 200f. behandelt.
609 Siehe Ios.: ant. 11, 6, 12f. (282 u. 290ff.); vgl. vorher ant. 11, 6, 6 (219).
610 Deshalb halte ich es für falsch, wenn z. B. Ideler: Lehrbuch, 220 vom 15. Adar sagt: „Die Feier hat sich jedoch außer [in] Susa nie bis auf diesen Tag erstreckt“.
611 Megillat Taanit zum 14/15. Adar (Ausg. Zeitlin, 70). Noam: Megillat Taanit, 344 übersetzt: „On the fourteenth of it and the fifteenth of it [of Adar] – these are the days of Purim, and one is not to eulogize“.
612 Den Freudencharakter betonen Esther 9, 17-22 u. 10, 9 sowie Ios.: ant. 11, 6, 12 (282).
613 Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wies Greswell: Dissertations I, 311, Anm.* darauf hin: „[…] the execution of the Sophists must have coincided with the time of the feast of Purim; which is a very improbable coincidence: for Herod would scarcely select that time, above all others, for their death“. 1843 brachte auch W. D. Block diesen Einwand gegen das Jahr 4 v. Chr. innerhalb der Diskussion um das Todesjahr des Herodes vor (siehe Block: Geburtsjahr, 13ff.). In jüngerer Zeit haben Filmer und Martin dieses Argument wieder aufgegriffen und viel Wert darauf gelegt. Siehe Martin: Star, chap. 9 („The Lunar Eclipse of Josephus“). Auch Mahieu: Rome, 238 weist kurz auf dieses Argument hin.
614 Ich habe oben in Anm. 604 vom Sabbat und den jüdischen Festen gesprochen. Das Purimfest jedoch gehörte, wie gesagt, nicht zu den hohen Festen und Feiertagen, sondern zu den Halbfeiertagen. Es muss also nicht zwingend eine Unglaublichkeit an sich gewesen sein, falls Herodes an diesem Halbfeiertag eine Hinrichtung hat vornehmen lassen. Aber die Tötung der beiden rabbinischen Märtyrer hätte eben seine Sicherheit und die Ruhe im Land bedroht. Vgl. Steinmann: Herod, 17: „As upset as Herod was about the act of the two rabbis, he certainly would not have been so politically insensitive as to have two popular leaders executed during the celebration of Purim when he could have waited a day and avoided any number of political problems created by the timing of these executions“; vgl. ders.: Abraham, 231. Vgl. auch Templeman: Death, 5: „It seems most unlikely that Herod, although a tyrant, would have been so politically insensitive to do such an execution (the two rabbis were burned alive) during Purim. He rather would have waited a few days to lessen the chance of a Jewish uprising during Purim“.
615 Im Jahr 4 v. Chr. war am 25. Februar um 20:52 Uhr Jerusalemer Ortszeit astronomischer Neumond. Rita Gautschy errechnet daraus den 26./27. Februar (von Abend zu Abend) als 1. Adar. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, das Neulicht so früh zu beobachten, dass man den 1. Adar schon am Abend des 25. Februar beginnen lassen konnte – siehe https://torahcalendar.com/MOON.asp?JDN=1720018&TDAY=0 (Stand: Febr. 2026). Womöglich aber war der Himmel seit Tagen wolkenverhangen und an eine Sichtung des Neulichts ohnehin nicht zu denken, so dass man dem Gefühl bzw. irgendeiner Rechnung nach bereits den 25./26. Februar zum 1. Adar machte – so könnte man argumentieren. Probleme für eine solche These ergeben sich aber, wenn man die Vormonate mit in den Blick nimmt (siehe wieder in meinem rekonstruierten jüdischen Kalender in Band I/1):
Neumonde (Uhrzeit in Jerusalemer Ortszeit) Monatsanfänge
am 29. Nov. 5 v. Chr. um 13:52 Uhr 1. Kislev am 1.od.2.Dez. (Kislev hat 29 od. 30 Tage)
am 29. Dez. 5 v. Chr. um 0:59 Uhr 1. Tebeth am 31. Dez. (Tebeth hat 29 Tage)
am 27. Jan. 4 v. Chr. um 11:12 Uhr 1. Schebat am 29. Jan. (Schebat hat 29 Tage)
am 25. Febr. 4 v. Chr. um 20:52 Uhr 1. Adar am 27. Febr.
Der Vormonat Schebat war bereits ein Monat mit nur der Mindestanzahl an Tagen, nämlich mit 29 Tagen. Man kann aus ihm also nicht den nötigen Tag für einen früheren Adar-Anfang gewinnen. Man müsste also auch den Schebat um einen Tag korrigieren bzw. früher ansetzen. Der davor liegende Monat namens Tebeth zählte aber wiederum nur 29 Tage, so dass man auch ihn einen Tag früher beginnen lassen müsste, was endlich von daher möglich wäre, weil der Vormonat Kislev im Jahr 5 v. Chr. 30 Tage gezählt haben könnte, man ihm also einen Tag stehlen kann. Auf diese Weise könnte man die Monate Tebeth, Schebat und Adar jeweils einen Tag früher ansetzen, um das Purimfest vom Abend des 10. bis zum Abend des 12. März laufen lassen zu können und damit knapp vor die Mondfinsternis zu bekommen. Aber den Schebat hätte man dann ebenso einläuten müssen, ohne dass man das Neulicht bereits hätte sehen können – siehe https://torahcalendar.com/MOON.asp?JDN=1719989&TDAY=0 (Stand: Febr. 2026). Das ist dann alles in allem sicherlich eine zu große Verrenkung des Kalenders.
616 Siehe die in Band I/1, S. 200f. zitierten Stellen: Mischna, Trakt. Megilla 1, 4; Babylon. Talmud, Trakt. Sanhedrin 12b u. Trakt. Rosch haschana 19b.
617 Der wahre Neumond, der jenen Monat bedingte, ereignete sich am 8. März 5 v. Chr. um ca. 7 Uhr morgens. Am Abend dieses 8. März dürfte es unmöglich gewesen sein, das Neulicht schon zu erblicken; vgl. https://torahcalendar.com/MOON.asp?JDN=1719664&TDAY=0 (Stand: Febr. 2026). Am Abend des 9. März aber konnte das Neulicht gesehen werden. Also hob mit dem Abend des 23. März 5 v. Chr. der 15. Monatstag an. Jetzt lässt sich nur noch darüber streiten, ob mit dem 9./10. März der Monat Adar, der Schaltmonat Veadar oder gar der Monat Nisan anfing. Murphey: Refined Reconstructed Jewish Calendar, 23 und ich in Band I/1, 255 haben übereinstimmend den Adar II mit dieser Lunation verknüpft. Dafür, dass im Frühjahr 5 v. Chr. ein Schaltmonat eingefügt worden sein wird, habe ich mich oben S. 130 (vgl. schon S. 119) bereits ausgesprochen. Aber nicht nur derjenige, der diese März-Lunation mit dem Adar II verknüpft, gelangt dahin, dass die Mondfinsternis ins Purimfest gefallen ist, sondern genauso derjenige, der diese Lunation mit dem gewöhnlichen Adar verknüpft und einen Schaltmonat in diesem Frühjahr ablehnt. Nun besteht jedoch theoretisch noch die dritte Möglichkeit, dass man im Jahr 5 v. Chr. wegen einem günstigen Klima den Monat Nisan sehr früh ansetzen konnte und der 10. März zum 1. Nisan und der 23. März zum 14. Nisan wurde. Falls dem wirklich so war, käme das Frühjahr 5 v. Chr. selbstverständlich als Zeit für den Tod des Herodes ohnehin nicht infrage; denn die Passanacht und die Nacht der Mondfinsternis wären dann ein und dieselbe gewesen und Herodes‘ Tod ließe sich nicht, wie von Iosephus gefordert, dazwischen setzen. Das Frühjahr 5 v. Chr. disqualifiziert sich also so oder so, wenn es um die Frage nach dem Todeszeitpunkt des Herodes geht.
618 Bemerkt, dass der 9./10. Januar (von Abend zu Abend) im Jahr 1 v. Chr. ein Sabbat war, hat bereits Seyffarth: Chronologia sacra, 81. Allerdings geht Gustav Seyffarth davon aus, dass die Verbrennung der beiden Rabbis in den Lichtstunden des 9. Januars vorgenommen wurde, also noch am sechsten Wochentag, nicht am Sabbat. Genau davon geht auch Martin: Star, chapter 9 („The Lunar Eclipse of Josephus“) aus: „[…] on Friday, January 9th, the rabbis were burnt alive […]“. Herodes habe „their execution to the eve of the eclipse“ gelegt. Ebenso sieht Templeman: Death, 5 die Hinrichtung durch Feuer in den Lichtstunden des 9. Januar geschehen. Ich habe oben jedoch dargelegt, dass ich aufgrund der Formulierung des Iosephus (th/| auvth/| nukti) nicht anders kann, als die Verbrennung (genau wie die Mondfinsternis) zusammen mit Daniel R. Schwartz in die Stunden der Dunkelheit zu setzen; siehe oben S. 116f. u. 118 (jeweils unter Punkt 3).
619 Zur Hochhaltung der Heiligkeit des Sabbats im gesamten Judentum zur Zeit des Zweiten Tempels siehe Band I/1, S. 158f.
620 Siehe oben auf S. 115f. jeweils den Punkt 3.).
621 Schürer: Geschichte I, 416, Anm. 167. Vgl. Sevin: Chronologie: 69: Dass die Finsternis im März 4 v. Chr. sich in die Chronologie des Herodes-Lebens nicht ohne Widersprüche fügen will, „kann doch wohl kein Argument bilden gegen ein sonst so gesichertes Datum“.
622 Grabbe: History III, 30f.
623 Ich spreche hier bewusst von „äußerst unwahrscheinlich“ und nicht etwa von „unmöglich“. Meine Zurückhaltung, an dieser Stelle eines, mehrere oder konsequent alle der untersuchten Jahre als Todesjahr auszuschließen, resultiert aus folgenden Ahnungen: Zum einen kann dem Iosephus, so dankbar wir ihm für seine zumeist historisch zuverlässigen Werke auch sein müssen, an irgendeiner in unserem Zusammenhang relevanten Stelle ein Fehler unterlaufen sein. Das betrifft z. B. seine Angaben zum Hohepriester Matthias und dessen Amtszeit (wenngleich ich hierin nirgends eine zweifelhafte Aussage oder eine Unstimmigkeit ausmachen kann). Zum anderen können wir uns heute nie mehr ganz sicher sein, welche Sitten und Gesetze damals zu den jüdischen Festtagen gebrochen werden konnten, ohne einen Aufstand hervorzurufen, und welche nicht. Das betrifft die Angelegenheiten am Purimfest sowie am Sabbat (wenngleich ich in dieser Beziehung der Meinung bleibe, dass Herodes eine öffentliche Hinrichtung am Purimfest tunlichst vermieden haben wird, am Sabbat sowieso).
